
Rund 100 Menschen haben am Mittwochabend vor der Kunstakademie Düsseldorf gegen den geplanten Auftritt der in Kuwait geborenen sowie in Frankreich und den USA aufgewachsenen Künstlerin Basma al-Sharif protestiert. Zur Kundgebung aufgerufen hatte unter anderem die Jüdische Gemeinde Düsseldorf, unterstützt von weiteren Gruppen und Einzelpersonen. Der Protest richtete sich gegen das Festhalten der Akademie an einer Veranstaltung, die trotz massiver Vorwürfe der Antisemitismus- und Terrorverharmlosung stattfinden soll.
Mit Plakaten, Redebeiträgen und israelischen Fahnen kritisierten die Demonstrierenden insbesondere, dass eine staatlich finanzierte Hochschule einer derart umstrittenen Person ein Podium bietet. Mehrfach wurde an die besondere historische Verantwortung der Kunstakademie erinnert – auch gegenüber jüdischen Studierenden und Mitarbeitenden.
Abschottung als Antwort
Die Veranstaltung fand am Abend unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Zugelassen waren ausschließlich Studierende, Lehrende und Mitarbeitende; der Zugang war nur mit bestätigter Anmeldung möglich und wurde von verstärkten Sicherheitskontrollen begleitet. Die Akademie erklärte im Vorfeld, es handele sich nicht um eine institutionelle Positionierung.
Gerade diese Abschottung war ein zentraler Kritikpunkt der Kundgebung. Rednerinnen und Redner warfen der Akademie vor, sich der öffentlichen Debatte zu entziehen und konkrete Vorwürfe nicht inhaltlich zu adressieren, sondern administrativ zu umschiffen.
Politische Unterstützung für den Protest
An der Kundgebung nahmen auch NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur (Grüne), Wolfgang Rolshoven, Antisemitismusbeauftragter der Stadt Düsseldorf, sowie Vertreter des Jüdischen Forums der CDU NRW teil. Neubaur betonte in ihrem Beitrag, dass Kunstfreiheit kein Schutzschild sei, wenn antisemitische Narrative oder die Relativierung terroristischer Gewalt im Raum stünden. Mehrfach fiel der Satz, die Kunstakademie müsse ein Raum für alle sein, und Haltung gegen Antisemitismus bedeute auch, klare Grenzen zu ziehen. Grenzen, zu denen sich die Rektorin der Kunstakademie, Prof.in Donatella Fioretti, bislang nicht bereit war, zu ziehen.
Die Linke stellt sich hinter die Veranstaltung
Während draußen protestiert wurde, erhielt die Veranstaltung politische Rückendeckung von Die Linke Düsseldorf. Laut einem Bericht der Rheinischen Post erklärte ein Ratsabgeordneter, man begrüße die Entscheidung der Akademie, an der Veranstaltung festzuhalten, und solidarisiere sich mit den veranstaltenden Studierenden und der Künstlerin. Al-Sharif vermittle eine wichtige Perspektive der von „Exil und Genozid betroffenen Palästinenser*innen“, die in Deutschland zu selten gehört werde.
Diese Stellungnahme verleiht der Debatte zusätzliche Brisanz. Die Linke Düsseldorf hatte im Oktober 2025 selbst zu Protesten vor der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf mit aufgerufen, bei denen es zu antisemitischen und israelfeindlichen Äußerungen kam. Zudem wurde damals eine Lesung in den Räumen der Gemeinde durch eine Störaktion unterbrochen. Eine klare politische Aufarbeitung dieser Vorfälle blieb bislang aus.
Ein Ort mit Signalwirkung
Der Protest verlief friedlich, aber mit einer klaren Botschaft: Es gehe nicht um Zensur, sondern um die Verantwortung öffentlicher Institutionen. Die Kunstakademie Düsseldorf sende mit ihrem Vorgehen ein fatales Signal – nicht nur nach innen, sondern in die Stadtgesellschaft.
Die Vorwürfe gegen al-Sharif beziehen sich dabei nicht abstrakt auf „umstrittene Positionen“, sondern auf konkret dokumentierte öffentliche Äußerungen und Symbolverwendungen. Kritiker verweisen unter anderem auf wiederholte Bezugnahmen auf die Popular Front for the Liberation of Palestine (PFLP), eine seit 2002 von der Europäischen Union als Terrororganisation gelistete Gruppe. Die PFLP war am Massaker vom 7. Oktober 2023 in Israel beteiligt, bei dem 1.141 Menschen ermordet, mehr als 4.000 teils schwer verletzt und 251 Personen in den Gazastreifen verschleppt und misshandelt wurden. Die Teilnehmenden der Kundgebung betonten, dass diese Gewalt durch nichts zu relativieren sei – auch nicht durch künstlerische Rahmung oder politische Narrative.
Dass diese Dimension von den Veranstaltern ausgeblendet wurde, zeigte sich auch im Auftreten einiger Studierender am Rande der Kundgebung. Während draußen gegen Antisemitismus und Terrorverharmlosung protestiert wurde, standen mehrere Studierende lachend und feixend vor dem Haupteingang der Kunstakademie – ein Bild, das bei Teilnehmenden der Kundgebung für Fassungslosigkeit sorgte und als Ausdruck einer erschreckenden Entkopplung von Verantwortung wahrgenommen wurde.
Bereits im Vorfeld hatte sich diese Haltung öffentlich abgezeichnet. In einem Instagram-Posting bezeichneten die Studierenden der SPARTA-Veranstaltungsreihe es als „große Ehre“, Gastgeber der Veranstaltung zu sein. Der Beitrag würdigte den künstlerischen Werdegang al-Sharifs und ihre Auszeichnungen – die massive Kritik an ihren politischen Positionierungen blieb unerwähnt.
Am Ende bleibt ein bitterer Befund: Wer Israel delegitimiert, Terror relativiert oder antisemitische Narrative ästhetisch verkleidet, darf hier offenbar mit Verständnis rechnen – solange es als Kunst, Diskurs oder „kritische Perspektive“ etikettiert wird.
Das ist kein Fortschritt, sondern ein Einfallstor. Und es ist kein Zufall, dass man in Düsseldorf bald wieder darüber diskutieren wird, wie mit dem für Februar angekündigten Auftritt von Björn Höcke umzugehen ist. Wer heute lernt, dass Ausgrenzung akzeptabel wird, sobald sie sich gegen Israel richtet, schafft genau jene moralische Verwahrlosung, in der ein Höcke seine Ideen unverhohlen verbreiten kann.
Die Kunstakademie wollte ein Zeichen für Offenheit setzen. Herausgekommen ist ein Ort, an dem politische Blindheit als Haltung verkauft wird und an dem sich am Ende auch jene willkommen fühlen dürften, die man morgen lautstark zu bekämpfen vorgibt.
