Ruhr oder Berlin ? Eine Serie für Kreative und die sich dafür halten Teil1: Inspiration

Ich bin in der "Kultstadt" Wanne-Eickel mitten im tiefsten Ruhrgebiet geboren, bin dort zur Schule gegangen und habe in Dortmund studiert. Meinen ersten Job hatte ich an der Technischen Universität in West-Berlin  (damals noch „Frontstadt“) bekommen, ging aber danach wieder zurück ins Ruhrgebiet. Meinen engen persönlichen Kontakt zur Spreemetropole  habe ich jedoch weiter bewahrt. Seit fast  10 Jahren lebe ich sowohl in der Ruhr- als auch in der Hauptstadt und möchte auf beide nicht mehr verzichten, so lange ich noch mobil genug fürs regelmäßige Pendeln bin.

Ruhrgebiet bei Nacht: Schwerstintellektuelle lassen sich bei einem Dialog über Wittgenstein von Pils- und Weizenbier inspirieren.

Mag sein dass mir niemand glaubt. Aber Ruhr kann inspirierender  sein als  Berlin. Ich z.B. brauche dafür Abwechslung und Ungewohntes, neue Gesichter wie neue Gegenden.  Im direkten sinnlichen Austausch.  Sie bringen mir neue Gedanken und Ideen.  Es nützt mir nichts regelmäßig da zu sein, wo angeblich was los ist. Weder in Berlin noch in Ruhr. „Was los“- Orte gibt es in Berlin sehr viel mehr als in Ruhr. Ganze  Stadtbezirke haben sich zu dem gemausert, was man heute Szeneviertel nennt. Nach Prenzlauer Berg („Prenzelberg“), Kreuzberg und Friedrichshain ist jetzt wahrscheinlich der Wedding dran. Zumindest sind erste Anzeichen dafür vorhanden.

 Der dazugehörige Szenetourismus ist gewaltig. Immer noch mehr  schlacksige  dünne Männchen mit großen Brillen und auf wild geföhnten und gelegten Haaren mit  darauf drapierten  kleinen Hütchen. Immer noch mehr  weißhäutig Mädchen mit  ebenso  großen Brillen, dafür aber umso kleineren Hund(ch)en,  deren Frau(ch)en ihren nichtssagenden  Gesichter mit  Amy-Winehouse –Frisurvariationen  Authentizität verleihen.  Das ist im ersten Moment ganz spannend, wird  aber sehr schnell langweilig. Da siehst du in jeder S-Bahn im Ruhrgebiet  zwar nicht so gestylte, dafür aber wesentliche interessantere Menschen.  Ihre Unterhaltungen,  vertont in babylonischer Sprachverwirrrung, drehen sich nur sehr selten um die Szenenstandards  Kunst, Kultur und neue Medien, dafür jedoch umso mehr um das, was man das reale Leben nennt.

Bei den „Skinny People“  (nicht nur) in Berlin geht es  dagegen in der Hauptsache um verbale Selbstinszenierung. Ihre  Internationalität demonstrieren sie dabei  mit (schlechtem) Englisch und dieses  möglichst in der amerikanischen Fassung, denn dann könnten die Zuhörer meinen, dass man/frau aus New York wäre.  Es gibt nämlich mehr New Yorker in  Berlin als in sonst einer deutschen Stadt. Ihre Zahl ist allerdings lächerlich klein gegenüber der Menge von Leuten, die so tun als ob und deren krampfhafte Intonation  sie in jeder Sekunde dafür Lügen straft. Dann lieber Kanak-Deutsch  vermischt mit Ruhrslang.

So halte ich mich in Berlin sehr wenig in den sogenannten Vierteln der „Kreativen“ auf. Nicht nur das man die Miete für ein Loft oder auch nur ein kleineres Apartment dort nicht mehr bezahlen kann.  Es ist die besondere Art von Menschen die mich (und nicht nur mich) dort zunehmend nervt. Ihre  ständigen Versuche  anders zu sein als alle anderen, ihre angestrengten Bemühungen immer cool zu wirken, haben etwas tief Vergebliches und damit äußerst  Lächerliches an sich. Als „boringly different”  werden sie  in  New York selbst bezeichnet.  „From being cool to being a fool it´s only a little step”. Stimmt!

Ich suche in Berlin sowie in Ruhr  deswegen ganz bewusst die weniger „szenigen“  Orte auf um mich inspirieren zu lassen. Und dazu benutze ich das urbanste aller Fahrzeuge: das Fahrrad. Der 3D-Film den ich dann jedoch jeweils zu sehen bekomme, könnte unterschiedlicher nicht sein. In Berlin die fast immer währende Dichte und Höhe der kompakten großen Stadt, in Ruhr das nicht enden wollende Straßendorf mit Einsprengsel von etwas, dass man landläufig City nennt. Ja, und Stadtteilzentren gibt es auch. Hunderte. Viel mehr als in Berlin. Dafür aber kleiner und umso weniger frequentiert. Abends und nachts häufig komplett tot. Solche Gegenden gibt’s natürlich auch in Berlin. Mehr als die meisten denken. Aber der größte Teil des innerstädtischen Bereichs ist auf Grund eben dieser baulichen Hochstapelung  und der Zuwanderung vieler junger Leute auch nach 20 Uhr flächendeckend belebt.

Das vermisse ich manchmal in Ruhr. Dieses räumlich breit gestreute und durchaus juvenile urbane Leben. Da muss ich dann doch regelmäßig ins Bermudadreieck nach Bochum um mir in der Ruhrstadt genügend Kompensation für die sonstige Leere  zu holen. Wobei Leere nicht das wirklich trifft, was diesen zweifellos überwiegenden, wenn nicht dominanten Teil dieser ehemaligen Industrieagglomeration ausmacht.  Es gibt sehr wohl Fülle in dieser Leere. Man muss sie nur entdecken wollen. Sie ist nicht offensichtlich, liegt nicht auf der Straße. Sie hat etwas Melancholisches, Verlorenes. Eine Urbanität die  hinter den Kulissen stattfindet.
 Sie hat, was die kreativen Menschen  die (auch) dort leben, betrifft, etwas Dissidentenhaftes.

Ihre Protagonisten verweigern sich nämlich den dröhnenden Treffpunkten der Selbst- und Fremdinszenierung. Des ständigen Sehen und Gesehen-Werdens. Zum einen weil sie es nicht nötig haben, weil ihre Selbstvermarktung  auch ohne das gelingt. Zum anderen weil es die Inspiration des verschworenen kleinen aber feinen Kreises gibt, der vertrauten Gruppe, die sich in der urbanen Diaspora in eben ihrer Distanz zur „Szene“ heimisch fühlt.  Die nur ab und zu die Impulse großer Gruppen und einer Menge fremder Gesichter braucht. 

 Besucht man diese Leute, sofern man von ihnen überhaupt weiß, ja sie sogar kennt,  in der urbanen „Wüste“ der Ruhrstadt, so springt einem im selben Moment der Begriff der „Oase“ an. Ein gerade in seiner Abgelegenheit inspirierender Ort, der allerdings auch von seinen ständigen Besuchern lebt.  Diese wiederum müssen in der Ruhrstadt – im Gegensatz zu Berlin – jedoch, wie die urbanen Wüstenkamele, bereit sein, längere Durststrecken der augenscheinlichen Leere zu überstehen.

Aber wie die Leere  der Wüste eben selbst eine eigene sehr wohl inspirierende  ästhetische Qualität hat,  so hat diese auch das nicht endende Straßendorf namens Ruhr, die sogenannte größte Kleinstadt der Welt. Denn sie enthält  im Gegensatz zu provinziellen Ordnung üblicher ländlicher Kleinorte so viele Brüche,  Verschachtelungen und Fragmentierungen, dass auch der Weg zu den Oasen selten langweilig wird. Zumindest am Tag und in den frühen Abendstunden.  Wer Gespräche führen will, kann das während dessen alle Nase lang tun. Er muss sich nur hinsetzen. Pause machen. Oder von sich aus Jemanden ansprechen. Selbst die schlichte Frage nach dem Weg kann hier ohne Weiteres zu einem überraschend langen Gespräch werden, dem sich in kürzester Zeit weitere (auf den Fremden) Neugierige  anschließen.

Wer hoch interessante bisweilen sogar ausgesprochen schöne Gebäude bzw. Gebäudekomplexe sehen möchte kommt ebenfalls auf seine  Kosten, sofern er die sonstige Banalität der Zwischenstadt nicht als Augenbeleidigung sondern  als  Ausdruck von Normalität auffasst. Auch Berlin ist in seiner Peripherie voll davon und nicht nur da. Wie alle Vorstädte dieser Welt. Die alte europäische Stadt, für die gerade aktuell wieder so viele der „Kreativen“ Schwärmen, macht nun mal auch in Europa nur noch einen Anteil von unter einem Prozent der städtischen Flächen  aus. Das kann man bedauern und/oder sich in ihren letzten vorhandenen Enklaven ein mehr oder weniger teures Plätzchen sichern. Oder man kann sich dem stellen und auf Entdeckungsreise gehen. Im Emschertal  zum Beispiel.

Gäbe es allerdings das B3E nicht, dann würde ich mich in Ruhr als Urbanaut , der ich nun einmal bin, nicht mehr so oft aufhalten. Dann wäre für mich Berlin eindeutig die erste Wahl in Deutschland.  Egal wie viele tolle Museen, Theater, Konzerthäuser usw. usw. es in Ruhr gibt und noch geben wird. Egal wie viele kreative Oasen und Dissidenten sich im Ruhrstadtdschungel verstecken. Egal ob sich das ganze zu einer Stadt mit einer Verwaltung zusammenfindet oder weiter im Klein-Klein der Stadtfürstentümer verharrt.

Ich brauche auch die Impulse durch die dichte Menge der Unterschiede. Ich brauche auch das Schaulaufen der Vielen, die Selbstinszenierung der anderen, und sei es nur als Zuschauer.  Ich brauche klassische sinnlich-interaktive Urbanität durch Menschendichte.  Und da  ist das sogenannte   B3E im Ruhrgebiet (immer noch) nicht zu toppen. Und auch an diesem Ort –an dem es natürlich auch ein paar „Skinnys“ gibt – ist der Unterschied zu Berlin sichtbar. Nicht nur, dass es diese  wenn auch nur städtisch punktuelle Dichte an so vielen Restaurants, Kneipen, Kinos usw. auf engstem Raum selbst in Berlin (noch) nicht gibt.

Hier begegnen sich in der Regel  andere Leute. Sie sind bodenständiger und ihre Unterschiedlichkeit und Vielfalt  ist real größer als in den meisten Szenevierteln Berlins. Dort  werden sie in der Mehrzahl sowohl vom Outfit als auch vom Szene-Sprech  von der mittlerweile weltweit  recht einheitlichen Style- und Face-Book-Generation bestimmt. Und natürlich von ein paar echten und erfolgreichen „Kreativen“ die ihren Epigonen als umschwärmte Vorbilder  gelten. Vielfältigkeit aus dem Worldwide Copyshop mit anschließender (Selbst-)Bildbearbeitung zwecks individueller Note.   Nicht wirklich inspirierend eben.

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14 Kommentare

  1. #1 | Jens König sagt am 4. Juli 2009 um 16:05 Uhr

    „Ruhrgebiet bei Nacht: Schwerstintellektuelle lassen sich bei einem Dialog über Wittgenstein von einem Pils- und Weizenbier inspirieren.“

    Links im Bild, Friedrich Nietzsche. Bei dem rechten Mann soll es sich um Karl Valentin handeln, aber ich glaube, das ist in Wirklichkeit Michael Jackson nach schwerer Gesichts-OP.

  2. #2 | Michael Kolb sagt am 4. Juli 2009 um 16:38 Uhr

    DAS kann ich nicht unkommentiert sein lassen. Erstens hatte Nietzsche ja wohl einen Bart (ich hab‘ gerade extra noch mal auf dem Cover der „Geburt einer Tragödie“ nachgesehen… obwohl, die Tolle kommt fast hin), zweitens kann ich mir nicht vorstellen, daß Karl Valentin so zugenommen haben soll, eher halte ich es (und da liege ich mit meinem Vorredner schon eher auf einer Wellenlänge) für Weird Al Jancovic (pronounced american style) mit Magenband in der Abkochphase nach den Aufnahmen zu „Eat it“.
    Aber so ist das halt, so fix hat man einen Ruf weg, erst John Lennon, dann Piet Klocke, nun Nietzsche und am Ende auch noch Skinny.
    Michael

    P.S. Die Kamera ist Kernschrott 😉

  3. #3 | Mit-Leser sagt am 4. Juli 2009 um 17:15 Uhr

    @Voss: Interessante Wahrnehmung. Ich persönlich finde das Bermuda Dreieck ungefähr genauso nervig wie die Düsseldorfer Altstadt: Lauter Junggesellenabschiede, laute (und schlechte) Musik und der Boden ist übersät von Scherben, Gammelfleischresten und Kotzelachen. Stilvoll finde ich das nicht, jedenfalls bin ich da lieber in sogenannten (Berliner) Szenevierteln, in denen man nicht ständig von betrunkenen Brautjungfern gefragt wird, ob man der künftigen Braut für einen Euro ein Stück aus dem BH schneiden will.

    Grundsätzlich denke ich, dass Ihre Wahrnehmung der „skinny people“ eventuell auch damit zusammen hängen könnte, dass Sie weitaus älter sind als die von Ihnen beschriebenen Protagonisten.

    Finde Ihre Serie ist aber eine gute Idee. Bin gespannt auf den nächsten Teil.

  4. #4 | Arnold Voß sagt am 4. Juli 2009 um 18:16 Uhr

    @ Mitleser

    Ihre Wahrnehmung des Bermuda-Dreiecks ist offensichtlich sehr punktuell und dann wohlmöglich auch genau zum falschen Zeitpunkt. Aber den Ballermannteil den sie hier so ausführlich beschreiben gibt es natürlich wirklich. Wie im wirklichen Leben eben. Nur viel weniger als ihre kleine „Ekeltirade“ den Anschein erwecken will.

    Und was die nervige Seite der Berliner Szeneviertel betrifft, fragen sie mal die, die mittlerweile da wieder rauswollen bzw.von dort vertrieben werden. Aber natürlich ist es da neue-mitte-bionade-konformer, sprich eindeutig weniger Ballermann. Wie eben nicht im wirklichen Leben. Es gibt kaum etwas, was soweit von der durchaus „schmutzigen“ urbanen Wirklichkeit des beginnenden 21. Jahrhunderts weg ist wie z.B. der „Prenzelberg“.

    Oh ja, ich bin weitaus älter als die von mir zweifellos hier sehr pointiert-bösartig beschriebenen „skinny people“, deren Vorbild übrigens Karl Lagerfeld (noch älter als ich) ist, seitdem er sich zum längsten lebenden Bleistift (mit Stehkragen) der Welt gehungert bzw. umdesigned hat.

    Aber nicht im Kopf, Mitleser! Im Kopf sind die meisten dieser durchaus netten und teilweise sogar mutigen und ernsthaft kreativen jungen Menschen in der Regel so etwas von langweilig, dass es einem (wie mir) die Sprache verschlägt. Ihr Leben ist es übrigens in der Mehrzahl nicht minder.

    Ansonsten bin ich froh, mal wieder was von ihnen zu hören. Diskutiere gerne mit ihnen.

  5. #5 | Mit-Leser sagt am 4. Juli 2009 um 21:48 Uhr

    @Voss: Ich finde Sie tun den „mutigen und ernsthaft kreativen jungen Menschen“ unrecht, wenn Sie schreiben, dass die meisten von ihnen langweilig sind. Denke, dass es da solche und solche gibt? Aber: Schwamm drüber. Ihr Artikel war ja gar nicht objektiv gedacht, sondern zeigt nur (auf eine angenehm augenzwinkernde Art und Weise)Ihre Sicht auf die Welt.

    Facebook, Amy W. etc. sind mir jedoch überhaupt kein Dorn im Auge. Jede Zeit hat ihre Moden und früher gab es auch schon „skinny people“, sie sahen nur anders aus. 😉

    Dass der Prenzlberg eine Oase ist stimmt. Da gebe ich Ihnen Recht. Er ist eine Reihenhaussiedlung mitten in der Stadt. Beziehungsweise eine Siedlung ehemaliger Kinder aus Vorortsiedlungen. Richtige Mittelschicht eben. Schlimm finde ich das allerdings nicht. Die Mittelschicht ist schließlich genauso „echte Lebensrealität“ wie die Unter- oder Oberschicht. Ärmere Viertel sind (meiner Ansicht) nicht authentischer. Authentisch zu sein bedeutet doch bloß so zu sein, wie man ist. Die Prenzlberg-Leute sind so wie sie sind. Vermutlich sind sie in Ihren Augen oberflächlich. Aber so sind nun einmal die meisten Menschen. Lassen Sie die „skinny people“ doch einfach in Ruhe vor sich hinleben. Wenn Sie im Bermuda Dreieck Ihre Oase gefunden haben, kommen Sie sich auch sicher nicht mit Ihnen die Quere. 😉

    Klar: durchmischte Stadtquartiere haben definitiv ihren Reiz. Aber Weltflucht sollte weiterhin erlaubt bleiben. Auch für die Leute vom Prenzlauer Berg.

  6. #6 | Arnold Voss sagt am 5. Juli 2009 um 00:03 Uhr

    Da habe ich mich vielleicht missverständlich ausgedrückt. Ich gönne den Leuten vom Prenzelberg ihren Prenzelberg. Die wollen das so und sind damit zufrieden.

    Aber meine Thema war ja nicht „Schöner Wohnen“ sondern Inspiration. Und da reicht mir Gepflegtheit und grundrenovierte oder nagelneue Schönheit einfach nicht aus. Weder bei Stadtteilen noch bei den Menschen die darin wohnen. Da müssen Brüche und Wunden her, Widersprüche und Zeichen des Zerfalls, Spuren des realen Lebens eben.

    Das können junge Leute natürlich aus der Natur der Sache (noch) nicht bieten. Ihnen das vorzuwerfen ist sicher nicht sehr fair. Habe auch nichts gegen Amy. Ich höre ihre Songs sehr gerne.

    Das eigentliche Problem sind auch nicht die Kids selbst sondern die Kohle ihrer Eltern. Sie ermöglicht dieser Gruppe der „Kreativen“ fast jede Miete zu zahlen, obwohl sie sie aus eigener Leistung (noch) nicht oder nie erarbeiten könnten.
    Damit jedoch treiben sie das Preisniveau in den betreffenden Quartieren in kürzester Zeit so hoch, dass sie über kurz oder lang die Kreativen vertreiben, die die vorher wesentlich geringeren Mieten aus eigener Tasche latzen konnten. Und die angestammten Bewohner gleich mit.

    Nicht dass das auf jeden dieser Modefuzzis zutrifft. Viele gehören auch zu der Gruppe der „Low Finance Bohemiens“, kurz „Lofibos“ genannt, die einfach nur dabei sein möchten. Aber ihr Auftauchen ist weltweit ein sicheres Zeichen für die kommende Gentrification.

  7. #7 | Mit-Leser sagt am 5. Juli 2009 um 09:52 Uhr

    @Voss: Ich finde es gar nicht so schlimm, wenn sich Stadtquartiere permanent wandeln. Zumal die Mieten am Prenzlauer Berg ja immer noch weit unter dem Durchschnitt anderer Metropolen liegen. Ich meine: In London oder New York kriegt man für den Preis einer anständigen Prenzlberg-Altbauwohnung noch nicht einmal ein Zimmer. Ob das so bleiben muss? Weiß ich gar nicht. Ist ne schwierige Frage. Die billigen Mieten weisen ja auch auf eine der größten Schwächen Berlins hin: Es gibt viele junge Kreative, aber kaum wirklich ernstzunehmen Kreativwirtschaft.

    Aber es geht ja um Inspiration – daher will ich hier nicht abschweifen. Ich finde Gentrification zum Beispiel super inspirierend. Weil da Lebensmodelle aufeinander prallen – und es zu Konflikten kommt. Wie sagt man so schön: „conflict is story and story is conflict.“ (Hoffe, sie halten mich jetzt auch nicht für „skinny“, weil ich mich einer Hollywood-Redewendung bedient habe)

    Letztendlich stimmt es aber natürlich: Große Geschichten haben etwas mit Wunden zu tun. Aber haben wir die nicht alle? Beziehungsweise: Sind Wunden, die unter einem schicken Outfit versteckt werden, nicht auch super spannend? Oder vielleicht sogar noch spannender? Ich denke da an „Desperate Housewives“ oder auch „American Psycho“.

    Auch die inneren Konflikte der „Lofibos“ sind sehr inspirierend. Man muss sich nur mal vorstellen, wie es für einen, der auszog um das Glück zu suchen ist, wenn er nach Hause, in die Provinz, zum Klassentreffen kommt. 😉

    Oder: „superhip und arbeitslos“ – finde ich auch sehr inspirierend. Da ist ne hohe Fallhöhe drin. 😉

    Grundsätzlich halte ich es jedoch für schwierig festzulegen, welche Gegend inspirierender ist. Im Ruhrgebiet liegen auch eine Menge Stories in der Luft – oder in Koblenz, Nairobi oder sonstwo auf der Welt. Weil wir alle – egal wo – unzulänglich genug sind, um inspirierend zu sein. 😉

  8. #8 | Arnold Voß sagt am 5. Juli 2009 um 10:56 Uhr

    @ Mitleser
    Wandel ist gut. Permanenter Wandel allerdings kann für die, die nicht nur interessiert und inspiriert zuschauen, sehr belastend sein. Selbst wenn sie dabei zu den Gewinnern zählen. Erst recht aber, wenn sie am Ende zu den Loosern gehören. Aber richtig: das Leben ist kein Zuckerschlecken wenn man wirklich lebt bzw. wenn Pappi und Mammi einen durch zuviel Kohle und/oder zuviel Liebe nicht davon abhalten (können). Wenn die Sache ohne Netz und ohne doppelten Boden von statten geht. Und das macht es ja erst richtig spannend.

    Gentrifikation ist nicht per se schlecht. Und in Berlin, da gebe ich ihnen Recht, ist die Sache insgesamt noch recht harmlos bzw. wird sie erheblich aufgebauscht. Am Ende steht immerhin eine verbesserte und häufig sogar ökologisch aufgerüstete und damit zukunftsfähigere Bausubstanz.

    Wenn darin jedoch nur noch eine soziale Gruppe/Schicht residiert, dann ist das für das urbane Leben ein Verlust. Andererseits ist ja niemand gezwungen sich dort aufzuhalten bzw.entwickeln sich dann woanders vielleicht neue spannendere Orte wie man in Berlin ja auch beobachten kann.

    Insgesamt jedoch, und das gilt besonders für London und New York als metropolitane Vorreiter, werden die Innenstädte wieder zur Zitadelle der Reichen und Schönen. Da gibt es auch sehr interessante Personen und was wäre z.B. die Kunst-und Kulturszene ohne Leute mit viel Geschmack u n d viel Geld. Aber glauben sie mir, selbst (oder besser gerade) die klugen, witzigen und sozial engagierten unter den vermögenden New Yorkern finden mittlerweile, das Manhattan durch eben diese Dauergentrification erheblich an urbaner Spannung verloren hat.

  9. #9 | Mit-Leser sagt am 5. Juli 2009 um 11:59 Uhr

    @Voss: Danke für die Antwort. Ist mir immer ein echtes Vergnügen mich mit Ihnen über diese Plattform auszutauschen – auch, wenn es mich manchmal von der Arbeit abhält. 😉

    Bezüglich der teuren Innenstädte wie z.B. Manhattan kann ich nur sagen, dass die an Urbanität und Vielfalt interessierten, sogenannten „Reichen“ dort auch nicht ewig festsitzen bleiben werden. Sobald sie die einzigen sind, die noch übrig sind, beginnt der ganze Prozess ja wieder von vorne: Dann wollen alle plötzlich z.B. nach Brooklyn, weil sich dort ein spannendes, junges, neues Menschengemisch zusammen gefunden hat. Alles ist eben immmer in Bewegung. Wenn Manhattan nur noch noch reich ist, ist es auch nicht mehr interessant. Dann verschiebt sich alles. Das dauert natürlich seine Zeit – aber es ist im Leben eben wie bei dem tragischen, griechischen Helden Sisyphos. Man kann einen Zustand nicht einfrieren. Alles geht immer erst nach oben, dann wieder nach unten und wieder nach oben. Das liebe ich an lebendigen Städten. Denn „eingefroren“ ist tot. Kontinuierlich ist nur der Wandel. Nichts muss bleiben wie es war. Außer in Museen. 😉

  10. #10 | Dirk Haas sagt am 5. Juli 2009 um 13:41 Uhr

    Apropos Kreativität, abseits der Metropolen:
    https://www.afrigadget.com/2009/06/15/football-handmade-in-south-africa/

    ?The girls in our home make these balls, even though we have perfectly good actual balls. Well to be honest the real balls do get punctures easily. Could it be that these homemade balls are better??

    Und wo wir schon in Afrika sind, hier eine schöne Idee von Alfred Sirleaf aus Monrovia, für bloggende Kulturhauptstädter:
    https://www.afrigadget.com/2009/03/13/liberias-blackboard-blogger/

    Ich würd? sagen: Baut Nachrichtenhütten fürs kommende Jahr! Viele! Das dürfte die Gäste (und uns) womöglich mehr inspirieren als irgendwelche ? Zeichen.

  11. #11 | Jens König sagt am 5. Juli 2009 um 15:41 Uhr

    Manhattan. London. Urbanität. Schnickschnack
    Herne, Leute, das ist der nächste echte Knüller.

  12. #12 | Arnold Voss sagt am 5. Juli 2009 um 16:01 Uhr

    @ Mitleser

    Apropos dauerhafter Wandel. Ich war vor kurzem wieder mal in einem der Tangoschuppen in Dortmund, in dem ich zu meinen Anfängerzeiten (also vor gut 10 Jahren) verkehrte. Dort hatte sich rein gar nichts geändert und es gefiel mir sehr. Der Wirt war auch noch der gleiche und kannte sogar noch meinen Namen. Die Bude hatte auch noch immer den gleichen abgefuckten Charme. Habe mich da an dem Abend sauwohl gefühlt. Irgendwo zwischen zwei Bahndämmen an einer Sackgasse irgendwo im Ruhrgebiet in der irgendwie die Zeit mit Erfolg stehen geblieben ist. Sonst wäre der Laden schon lange dicht.

    Ansonsten ist das Kommunikationsvergnügen auch auf meiner Seite.

    @ Jens

    Das hängt aber ganz allein von Herne ab.

  13. #13 | Mit-Leser sagt am 5. Juli 2009 um 16:45 Uhr

    @Voss: Ja, so ein Abend kann schön sein. Wie ein Klassentreffen. Aber meistens hat es ja auch seine Gründe, dass man seine ehemaligen Mitschüler nur an einem Abend pro Jahrzehnt trifft? 😉

    Ich verstehe aber was Sie meinen: Ich finde es auch manchmal seltsam, dass viele, ehemals so vertraute Orte heute gar nicht mehr existieren bzw. ganz anders aussehen. Aber in der eigenen Phantasie bleiben sie ja bestehen – und werden von Jahr zu Jahr schöner. 😉

    Zu diesem Thema gibt es übrigens ein schönes Buch von Jonathan Safran Foer (übrigens ein Autor aus der „skinny generation“): Extremly loud and incredibly close“. Wenn Sie es noch nicht gelesen haben, kann ich es Ihnen nur empfehlen. So: Jetzt werde ich mal meine Bildschirm-Schicht für heute beenden. Grüße nach Bochum oder Berlin (wo immer Sie auch gerade sind).

    @Jens: Sollte man in Herne schon mal im großen Stile Immobilien einkaufen? 😉

  14. #14 | Der Kreative als solcher » ruhrbarone sagt am 26. Oktober 2009 um 09:47 Uhr

    […] Teil1, Teil 2, Teil 3 […]

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