Ruhrgebiet, Nahverkehr und Regen

Ich liebe das Ruhrgebiet. Hier ist immer was los. Am Freitagabend muss ich mich zwischen einer Oper in Essen, einem Festival in Bochum und einem Filmmusikkonzert in Dortmund entscheiden. Die Freunde überreden mich, das Jubiläumskonzert des Studentenorchesters in Dortmund zu besuchen.

Ich liebe das Ruhrgebiet. Es dauert nur eine halbe Stunde, von Essen zur Dortmunder Uni mit der S-Bahn zu fahren. Als ich am Bahnhof die Treppe zum Gleis hochlaufe, merke ich: Etwas stimmt nicht. Auf der Anzeige steht nicht wie erwartet „S1“, sondern „S3“. Alle Leute steigen aus der Bahn aus. Der Zug fährt nicht weiter. Wegen des Unwetters gab es einen Stromausfall, die Strecke ist gesperrt, erfahre ich vom Zugbegleiter. Wann fährt die S-Bahn nach Dortmund? „Im ganzen Ruhrgebiet kommt es zu Verspätungen“, klärt die Durchsage auf.

Ich liebe das Ruhrgebiet. Ich sehe, wie eine Regionalbahn nach Minden, die über Dortmund Hauptbahnhof fährt, auf dem Nachbargleis eintrifft. Ich laufe schnell hin und erwische den Zug. Ich freue mich aufs Konzert. Ich muss jetzt nur noch einmal am Hauptbahnhof umsteigen; dann bin ich am Ziel. Doch irgendwas stimmt ncht. Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich, dass keine Züge in Gegenrichtung fahren. Sie stehen still auf den Gleisen. Was wird, wenn jetzt die S1 Richtung Universität gar nicht fährt?

Ich liebe das Ruhrgebiet. Am Dortmunder Hauptbahnhof riecht es nach Waffel und Vanille. Ich sehe auf der Anzeigetafel, dass die S1 pünktlich ankommen wird. Auf dem Gleis warten schon viele Leute. Die S1 fährt pünktlich ein. Auf der Anzeige erscheint aber die Aufschrift: „10 Minuten Verspätung“. Die S1 verwandelt sich plötzlich laut der Aufschrift auf dem Zug in S2. Die Anzeige: „Nicht einsteigen“, dann „15 Minuten Verspätung“, dann wieder „Nicht einsteigen“. Die Uhr steht. Sie zeigt schon 5 Minuten lang die Abfahrtzeit des Zuges – 20 Uhr 34 Minuten. Die S-Bahn steht. Die Menschen auf dem Gleis stehen. Steht die Zeit still?

Ich liebe das Ruhrgebiet. Trotz der Zugverspätung sehen die Menschen nicht böse aus. Sie unterhalten sich. Ich gehe durch den Gleis und fühle mich wie in Babylon. Ich höre Deutsch, Französisch, Türkisch, Russisch und noch einige mir unbekannte Sprachen. Nur zwei Frauen mit riesigen Koffern sind besorgt. Sie müssen zum Düsseldorfer Flughafen, höre ich.

Ich liebe das Ruhrgebiet. Die Waffel am Dortmunder Hauptbahnhof schmeckt lecker. Die Besitzer des Kaffeeautomats auf dem Gleis haben in den letzten 20 Minuten den Umsatz einer Woche gemacht. Die Anzeige spinnt weiter. „Nicht einsteigen“ – „30 Minuten Verspätung“ – „Nicht einsteigen“ – „25 Minuten Verspätung“. Die Frauenstimme kündigt regelmäßig an: „Aufgrund vom Unwetter kommt es zu Verspätungen und Zugausfällen. Wie werden sie weiter informieren“. Die Nachbarn auf dem Gleis sprechen mich an, sie fragen, wohin ich hin will und beschweren sich über das Chaos. Ich erinnere mich an die „wetterbedingten Seminarausfälle“ an der Uni im Winter. Ich erzähle meinen neuen Bekannten, dass Zugausfälle wegen Schnee oder Regen in Russland unvorstellbar wären.

Ich liebe das Ruhrgebiet. Auf dem Gleis gegenüber warten die Menschen tolerant auf die S2. Die kommt auch nicht bzw. der Zug steht, aber man darf nicht einsteigen. Dann lautet die Durchsage: „Die S2 fällt aus“. Die Damen mit den Koffern sind inzwischen verschwunden. Ich rechne im Kopf nach, wieviel ein Taxi von Dortmund zum Düsseldorfer Flughafen kosten könnte.

Ich liebe das Ruhrgebiet. Ganz unerwartet kommt die erfreuliche Ansage: „Die S1 steht für Sie bereit“. Die Menschen auf dem Gleis steigen erst mal nicht ein, sie schauen sich gegenseitig an, sie glauben ihrem Glück nicht. Dann stürmen sie in den Zug; jeder will jeden vor Freude umarmen.

Ich liebe das Ruhrgebiet. Ich komme nur eine Stunde später als geplant an und erwische die zweite Hälfte des Konzerts. Ein ganz normaler Freitagabend wurde zum Abenteuer. Und das Wichtigste: Man kommt trotz allem an. Im Ruhrgebiet.

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JK
JK
15 Jahre zuvor

aber auch nur du 😉 von Wanne nach Gelsenkirchen ging nix, und von Gelsenkirchen nach Bochum ging auch nix. Zum Glück konnte mich doch noch um 3.15 heute morgen jemand fahren, da die Bahn es noch nicht hin bekommen hatte…
Ich liebe das Ruhrgebiet

spagetten_johnny
spagetten_johnny
15 Jahre zuvor

Ich (und eine Menge enderer Leute) haben gestern heimkommend bemerkt, dass die EVAG kommentarlos alle Strassenbahnen nach 23 Uhr gestrichen hat.

Das war ein Spass…

Und das nicht für gestern, nein für den gesamten Fahrplanzeitraum. Weder ein Hiweisschild noch im Netz war was darüber zu finden.
Da das Nachtnetz eher ein Witz als eine Alternative darstellt, muss jetzt bei jedem Ausgang noch ein 10er für die guten Taxifahrer mit eingeplant werden.

Ich sage Danke EVAG und überlege ernsthaft, ob ich mir nicht doch ein Auto kaufen sollte…

Angelika
Angelika
15 Jahre zuvor

Dank an Olga Kapustina!
Der Artikel ist klasse!

Erdmann Linde
Erdmann Linde
15 Jahre zuvor

Alles ganz schlimm.
Aber das das durch die hier so gepriesene „RUHRSADT“ besser wird?
Da ist dann eben nur noch ein OB für Wetter, Wind und Regen verantwortlich…

Arnold Voss
15 Jahre zuvor

@ Erdmann Linde

Benutzen sie regelmäßig den ÖPNV im Ruhrgebiet? Ich kann es mir in Anbetracht ihrer satten platten Autofahrerwitzigkeit nicht wirklich vorstellen. Aber vielleicht vertue ich mich ja. Klären sie mich also bitte auf.

Erdmann Linde
Erdmann Linde
15 Jahre zuvor

Ob ich den Nahverkehr benutze oder nicht tut nix zur Sache. Und mit „Autofahrerplattwitzigkeit“ habe ich nun wirklich nix zu tun.Das Thema hier war: Gehts für den Nahverkehr nach Unwettern besser wenn wir – wie Sie immer wünschen- ENDLICH in der RUHRSTADT leben.
Und da habe ich meine Zweifel.

Arnold Voss
15 Jahre zuvor

@ Erdmann Linde

Darf ich ihnen den Zusammenhang zwischen Wetter, Nahverkehr und Ruhrstadtidee erklären. Ist ganz einfach. Schon mal im Regen gestanden und der Buss, die Bahn kommt einfach nicht.Bei stürmischen Wetter ist das besonders beschissen, weil selbst die Unterstände an Haltestellen sie dann nicht mehr schützen.

(Eine für einen permanenten Autofahrer übrigens nahezu unbekannte Situation, woraus manche von ihnen schließen, dass es sie gar nicht geben kann)

Nun gibt es grundsätzlichen keinen Grund dafür, dass der ÖPNV bei schlechtem, ja selbst bei stürmischem Wetter nicht funktioniert. Zumindest nicht wenn man nicht in einem Entwicklungsland lebt. Und das tun wir hier nicht.

Das Gegenteil sollte hier der Fall sein, denn gerade bei miesem Wetter wird ein funktionierender ÖPNV gebraucht. Und es könnte ihn hier auch geben,wenn denn der technologische Standard, die finanzielle Austattung und die Organsation auf einem hohen Stand ist.Sind sie aber im Ruhrgebiet nicht.

Das liegt keineswegs nur daran, dass wir soviele verschiedene Verkehrsgesellschaften für einen zusammenhängendes Siedlungsgebiet haben. Aber es liegt auch daran.

Natürlich gibt es eine Art von Unwetter bei dem gar nichts mehr funktioniert, und das liegt dann einzig und allein an eben dieser mehr oder weniger großen Naturkatastrophe.

Wenn ihr Joke sich darauf bezogen hat, war er allerdings einfach nur banal und auf Kosten derer, die bei solchem Wetter gezwungen sind, sich im Freien aufzuhalten.

Ich bleibe also dabei. Es war ein platter Autofahrerwitz. Deswegen wiederhole ich nochmal meine Frage: Nutzen sie regelmäßig im Ruhrgebiet den Nahverkehr?

Erdmann Linde
Erdmann Linde
15 Jahre zuvor

Ja und setze mich dafür ein das die 310 hier gebaut werden darf.
Noch mehr Fragen?
Und bei schlechten Wetter und mit schlechtem wetter sollte man keine Witze und/oder Politik machen.
Herzlich,
E.L.

Dirk Haas
Dirk Haas
15 Jahre zuvor

Offensichtlich braucht die ?Ruhrstadt? einen Humor-Beauftragten. Arnold, jede noch so dünnhäutige Stadt, auch die Ihre, wird Witzeleien über Wetter- und Verkehrschaos aushalten müssen (-:

Arnold Voß
Arnold Voß
15 Jahre zuvor

@ Erdmann Linde

Natürlich kann man bei schlechtem Wetter über schlechtes Wetter Witze machen! Machen wir hier dauernd.

Wenn ich etwas zu biestig war, verzeihen sie mir das bitte. Es klang eben sehr nach jemandem der auf seinem fahrenden Sofa mit sanfter Schallberieselung sitzt und es einfach lustig findet wenn da so paar „Öko-Idioten“ im Regen auf ne Bahn warten, die einfach mal so ausfällt.

Arnold Voss
15 Jahre zuvor

@ Dirk

Wir haben doch schon einen, Dirk, oder?

Stefan Laurin
Admin
15 Jahre zuvor

@Arnold: Für einen Dirk ist hier immer Platz!

Dirk Haas
Dirk Haas
15 Jahre zuvor

@ Arnold: Soweit ich erinnere hat die ?Ruhrstadt? doch einige Hundert Bewohner; da wird sich sicher jemand finden, der humorbetagt äh humorbegabt ist.

Arnold Voß
Arnold Voß
15 Jahre zuvor

@ Dirk Haas

Die Ruhrbarone sind nicht die Ruhrstadt. Symbolische Handlungen sind zwar notwendig aber keineswegs hinreichend. Manchmal sind sie sogar kontraproduktiv, weil sie sich zu weit von der Realität entfernen,sprich den Leuten nur etwas vormachen.

Die Ruhrbarone sind nicht mehr und nicht weniger als ein Forum, das die Vision/Idee der Ruhrstadt ausführlich und ohne Scheuklappen diskutiert. Das dies mit viel kritischem Witz passiert haben wir Leuten wie ihnen zu verdanken, Dirk.

Wie alt sind s i e eigentlich? Nur so mal nachgefragt.

Dirk Haas
Dirk Haas
15 Jahre zuvor

Arnold, ich weiss, aber es ging ja nicht um die Ruhrbarone, zumindest mir nicht.

Michael Kolb
Michael Kolb
15 Jahre zuvor

Hm, viel ärgerlicher als im Regen auf den Bus zu warten ist es, im Stau auf der B1 zu stehen und das Cabriodach klemmt oder die Targa-Haube liegt daheim in der Garage, aber das nur am Rande. Wenn sich bei Starkregen und Hagel das Oberleitungsnetz der Bahn verabschiedet, dann wird sich daran auch nix ändern, wenn wir endlich in „Ruhr“ leben. Das aus einer im Essener HBF einfahrenden S1 plötzlich eine S3 wird, lag auch nicht am Wetter, vor ein paar Tagen habe ich das selbst erlebt und da schien ziemlich fies die Sonne, aber wahrscheinlich wird der zukünftige Bürgermeister von Ruhr dereinst für eine ordentliche Beschattung der Bahnsteige sorgen (und dann bitte auch gleich für Zigarettenanzünder im Raucherquadrat, mir ging das Feuerzeugbenzin aus und die Zeit wurde mir doch arg lang) 😉 Das lag an der unermesslichen Weisheit der Fahrplanverantwortlichen und die werden sich von einem Bürgermeister Ruhr nur dann beeindrucken lassen, wenn er als Strafe für Verspätungen das Rad wieder einführt. Spaß beiseite, vor Jaaaaaahren erzählte mir der Onkel meiner damaligen Freundin (Wenn Baron Stefan sich daran erinnert, wann ich mit M. zusammen gewesen bin, dann kann er ja mal das genaue Jahr ausrechnen) am Kaffeetisch, er war damals im „mittleren Management“ des Grenzschutzes am Dortmunder HBF, wie stressig es demnächst würde, wenn der Neubau des Bahnhofes beginnen würde. Tscha, in der Zwischenzeit ist er wohl ziemlich stressfrei im Ruhestand. Dortmund speziell und das Ruhrgebiet allgemein wurde schon immer von der Bahn verhohnepiepelt.

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