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Ruhrgebiet-Berlin: Fünf Tage im August (3)

Am Landwehrkanal

Dritter Tag, 25.8.

Sponsered by Opel
Gegen Mittag brechen wir auf zur geplanten Spontan-Fahrradtour durch Berlin. Irre, wie B. ein Rad für mich auftreibt. Nachdem der Riesenladen, den wir zwei anlaufen, wider Erwarten keine Räder vermietet, fährt er, der sein eigenes Superbike bereits unterm Hintern hat, allein weiter zum Opel-Autohaus in der Nähe. Dieses Autohaus hat ihm einst bei Reparaturen seines alten Corsa schon öfter mal ein Not-Rad zur Verfügung gestellt. Die kennen ihn also, hofft er. Nur diesmal gibt er ja keinen Wagen in die Werkstatt, dennoch gelingt es ihm unter vollem Charmeeinsatz ein Zweirad für mich rauszuleiern ( erzählt er mir später). Ich darf’s für einen Tag benutzen, gratis, Adam Opel sei Dank. Das Rad ist etwas klapprig, nicht wirklich gängig, hat aber drei Gänge, das muss reichen. B. lacht, als er auf seinem Rad, das gesponserte Rad an einer Hand, bei mir vorfährt. Dann macht er aus der verabredeten 25-Kilometer-Tour durch Berlin mindestens 45. Am Schluss werde ich fix und alle sein, die Gallen-OP von Ende Juni wirkt noch nach, aber Männer können halt nicht einmal spazieren radeln, ohne zu konkurrenzhubern.

Radeln zu Rosa Luxemburg
Hinterm Charlottenburger Schloss kommen wir auf eine Art Leinpfad längs der Spree. Kurz vor der TU Berlin stoppen wir gleich wieder und essen zwischen Studenten der TU Berlin/Elektrotechnik erst einmal Nasi-Goreng. Viele ziehen mit ihrem Teller ans Wasser. Ein warmer, aber kein brütender Tag, überall junge Sommerfrauen. Das macht die After-Midlife-Crisis auch nicht einfacher.

Erinnerung an R.L.?

Beim Weiterradeln geht auf unserer Seite des Ufers die Spree in den Landwehrkanal über. Irgendwann cruisen wir auf einer Brücke, nah unter uns die Rosa-Luxemburg-Gedenktafel. Ich gehe die Treppe nach unten, ein paar Meter den Weg entlang, bis die Tafel in Sicht kommt. Jemand hat krakelig darüber gesprüht. Die Schrift des Textes zur Ermordung Luxemburgs so klein, dass kaum jemand lesen dürfte (sollte?), was da steht.
„Am Abend es 15. Januar 1919 wurden Dr. Rosa Luxemburg und Dr. Karl Liebknecht von Soldaten und Offizieren der Garde-Kavallerie-Schützen-Division mißhandelt und ermordet. Rosa Luxemburg, tödlich verwundet oder tot, wurde an dieser Stelle von ihren Mördern in den Landwehrkanal geworfen; Karl Liebknecht wenig später am Neuen See, einige hundert Meter nördlich von hier, erschossen. Der andere Teil dieses Mahnmals bezeichnet den Ort seiner Ermordung. Im Kampf gegen Unterdrückung, Militarismus und Krieg starb die überzeugte Sozialistin Rosa Luxemburg als Opfer eines heimtückischen politischen Mordes.
Die Mißachtung des Lebens und die Brutalität gegen den Menschen lassen die Fähigkeit der Menschen zur Unmenschlichkeit erkennen. Sie kann und darf kein Mittel irgendeiner Konfliktlösung sein und bleiben.
Berlin, 1987“

Mal angenommen
Mir fällt Michael Kleebergs fiktiv-historischer Roman „Ein Garten im Norden“ ein. Darin phantasiert er auch, was passiert wäre, wenn die progressiven politischen Kräfte Europas sich in einem wunderbaren Berliner Landschaftsgarten getroffen und darüber nachgedacht hätten, wie Hitler verhindert werden könnte. Auf dem Klappentext die Frage: „Was hätte in der deutschen Vergangenheit anders laufen müssen, was müsste in diesem Land anders sein, damit es nicht so schwer fiele, hier zu leben?“

Russen-Darsteller heute

Also, ich würde mir auch wünschen, dass Rosa Luxemburg nicht ermordet worden wäre. Hätte ein sozialistischer Humanismus eine größere Chance gehabt mit ihr? Eine historisch-literarische Fantasie dazu fehlt noch. Wir kennen nur die Realität und Kontinuität von Sozialistengesetzen, Ermordung Luxemburgs und Liebknechts, Ermordung und Vertreibung sozialistischer (jüdischer) Intelligenz durch die Nazis, antisozialistische Doktrin nach 45, KPD-Verbot, Berufsverbote. Freiheit war hier noch nie die Freiheit der Andersdenkenden, der anders Denkenden. Dass der real existierende Sozialismus in der DDR sich selbst diskreditiert hat, ist die eine Seite; dass humanistisches sozialistisches Denken und seine Utopien bis aufs Blut bekämpft wurden, die andere. Über diese dunkle Seite der Macht hierzulande zu diskutieren, scheint mehr denn je an ein Tabu zu rühren.

 

 

anti-akw-idylle

Trautes Anderssein
Als wir später am Fraenkelufer und Paul-Lincke-Ufer radeln, gibt’s Utopien haufenweise, aber nur noch als Mainstream-Außenseitertum und Folklore. Bunt bemalte Pippi-Langstrumpf-Häuser mit süßen Anti-AKW-Transparenten (noch nicht von der Jungen Union) und im Café Übersee genießt die kess-kluge TV-Moderatorin Pegah Ferydoni ebenso den schönen Sommertag wie all die gezeichneten Krisenverlierer als Gäste oder Prekariats-Kellner. Der Cappuccino ist nicht schlecht hier. Das finden vor allem unzählige Wespen. Wessi-Plage, einmal anders. Wir radeln noch an Boule-Plätzen vorbei bis zum Schlesischen Tor, um dort B.‘s Lieblingspizza Amore zu verdrücken, im Höllen-Lärm des Verkehrs und eines Sandstrahlers, mit dem die Brücke bearbeitet wird. Danach verfahren wir uns im Osten gnadenlos, finden nur mit Mühe aus Friedrichshain zurück nach Mitte. Na, wenn das nicht Symbolkraft genug hat.

café übersee

RuhrBarone-Logo

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