Ruhrgebiet – Berlin: Fünf Tage im August (1)

Erster Tag, 23.8.11

Schon beim Losfahren in Gelsenkirchen-Buer im Autoradio eine Warnung vor Unwettern, die NRW von Nordwesten nach Südosten passieren. Hagelschlag möglich. Das will ich meinem empfindlichen Peugeot Partner-Kastenwagen nicht antun. Bloß weg hier. Nach Berlin. Ich trete aufs Gas, die Unwetter werden bis Magdeburg im Rückspiegel zu sehen sein.
Gut, dass ich mich zu Hause ausgepinkelt habe. Kann also völlig rastlos sogar noch über die ‚Zonengrenze‘ fahren. Vorbei an Helmstedt und der Gedenkstätte „Deutsche Teilung“.
Immer will ich da aussteigen und mir das ganze Elend noch einmal anschauen. Mache ich aber nie. Obwohl auch ich bei Transits oder DDR-Besuchen den Grenzübergang Helmstedt-Marienborn von seiner düsteren Seite kennengelernt habe. Meist mit dem Gefühl, einen Spionage-Film live zu sehen.
Die lächerlichen Uniformen und Operetten-Mützen der DDR-Grenzer (eigentlich sind alle Uniformen lächerlich), die Sperren, die Wachtürme. Einmal im stehenden Zug habe ich hier winters bei Dunkelheit und Scheinwerferlicht erlebt, wie die Grenzer mit Spiegeln und scharfen Hunden die Waggons zwischen den Achsen abklopften. Fanden aber keinen Republikflüchtling. Die locker umgebundenen MPs wurden nicht benutzt.

Autogrill nicht nur in Charlottenburg
Helmstedt-Marienborn: Klänge, Namen aus der Vergangenheit. Wenn der Vater seinen Bruder in Brandenburg besuchte, fuhr er über Helmstedt. Danach DDR, man war froh, den Bruder wiederzusehen und noch froher, wieder rauszukommen aus der DDR. Bei der Rückfahrt hatte der Name Helmstedt-Marienborn einen viel helleren Klang.
Ich tanke in Marienborn-Süd, kaue an meinem politisch völlig inkorrekten Schnitzel mit Pommes in der Raststätte dort: Autogrill Deutschland GmbH steht auf der Quittung. Einen Würstchengrill kenne ich, aber was soll das sein, ein Autogrill? Ich bin auf dem Weg nach Berlin Charlottenburg. Da in Berlin haben sie 2011 mittlerweile über 600 Autos abgefackelt, da wäre das Wort „Autogrill“ schon am Platze. Und Freund B. wird mir noch am Abend erzählen, dass jetzt noch mehr Graffitis mit „Tötet Schwaben“ zu sehen seien.

„Tötet Schwaben“
Der Prenzlberg wehrt sich großkotzig gegen seine Besatzer, „Hier verendet der schwäbische Sektor“ hat aber noch keiner gesprüht, müsste ich als Gastbeitrag mal machen. „Schwabe“ meint zwar tatsächlich auch die Schwaben, die mit Dialekt und Maultaschen hier eben ganz anders auffallen als ein Hannoveraner, doch steht „Schwabe“ auch stellvertretend für den ideellen Gesamtwessi, der Berlin aufkauft, Nachtruhe und Kehrwoche einführt und den Stadtteil abends so rausgeputzt anzutreffen wünscht, wie er ihn morgens busy verlassen hat.
Das mögen die Chaoten von einst gar nicht, dass ausgerechnet sie selbst jene selbsternannte Avantgarde waren, die den – auch schwäbischen – Spießer-Mittelstand eingeschleppt hat, der ihnen heute wiederum die Anarcho-Folklore des Stadtteil mit Sanierung und Ordnung endgültig vermiest. Gentrifidingsbums vom Feinsten. Mir ist das egal, ich komme aus dem hässlichen Ruhrgebiet und falle im vielerorts hässlichen Berlin kaum auf. Meinen Partner werden die schon nicht anzünden. Mit einem Gelsenkirchener Autokennzeichen ist man sowieso gestraft genug.

Inselleben
Abends gegen 18 Uhr rolle ich Nähe Kaiserdamm bei B. auf der H.-Straße ein. Ein paar Parkplätze weiter steht er und lädt Kartons aus einem Anhänger. In Usedom musste er das Ferienhäuschen seiner Berliner Ex-Lebenspartnerin räumen, die er über zwei Jahre mit einer Insulanerin „betrogen“ hatte. Selbst nach der Entdeckung, einem neuerlichen Treueversprechen an seine Ex, wurde er auf Usedom rückfällig und flog wieder auf – und eben auch raus. Nun muss er also nomadisieren, viele Dinge wieder in Berlin an seinem Erstwohnsitz, einer Genossenschaftswohnung, abstellen. Und die liegt wo genau? Direkt neben der Wohnung seiner Ex-Lebensgefährtin. Tür an Tür. Tor an Torin. So werden sich die beiden noch lange beharken können. B. ist gerne in Berlin, haut aber so oft wie möglich wieder ab nach Usedom. Wohnt jetzt bei der gut 20 Jahre jüngeren Inselschönheit und ihrem Kind. Das kam zur Welt, als die beiden schon zusammen waren, ist aber noch von ihrem Ex. B. versteht einfach nicht, warum er nicht zwei Frauen lieben darf. Er hätte genug Liebe für beide. Wenn nicht noch mehr.

Russin(?) und Ruß
Nach allerhand Begrüßung und Auspacken, gehen wir abends noch spazieren, vorbei am Lietzensee zum „Stutti“, zum Stuttgarter Platz. Ich gebe uns draußen vorm Café Bollinger einen Tomaten-Mozzarella-Salat aus, wirklich nette Kellnerin, sicher keine Einheimische.
Zwei Kneipen weiter beginnt eine Russin (?), hörbar und schön zu singen. Klingt wie Netrebko beim Open-Air. Vielleicht war’s Netrebko, ich habe nicht nachgeschaut. Nach zwei, drei Minuten ist ihr Lied zu Ende. Fast überall auf dem Stutti applaudieren die Menschen. Es ist lauwarm. Ich bin angekommen in Berlin, lehne mich zurück und bin niemandem mehr böse. Nicht einmal mir selbst. Als wir zurückkehren in die H.-Straße steht mein Peugeot noch unangezündet auf seinem Platz.
Plötzlicher Gewalt begegne ich erst, als ich noch für eine Stunde in Feridun Zaimoglus neuem Roman „Ruß“ lese, dessen Antiheld in Duisburg als Kiosk-„Büdchen“-Mann vor sich hin vegetiert, einst war er Arzt, bis ihm ein Einbrecher die Frau erschlug.
In Duisburg bin ich 1952 selbst ohne größere Schäden geboren worden. In meiner Geburtsnacht waren die Ärzte gottseidank besser drauf.

Dir gefällt vielleicht auch:

6 Kommentare

  1. #1 | Andreas sagt am 29. August 2011 um 18:59 Uhr

    Hallo Gerd,

    nachher lese ich weiter, wenn ich aus dem – Berliner – Supermarkt zurück bin …

    Hier eine kleinst-Korrektur, du schreibst:

    „Die locker umgebundenen MGs wurden nicht benutzt.“

    Du meist doch „MPs“, Maschinen-Pistolen, oder?

    https://de.wikipedia.org/wiki/Maschinenpistole

  2. #2 | Gerd Herholz sagt am 29. August 2011 um 19:23 Uhr

    danke, andreas, korrektur vorgenommen. mensch, da hätten wir doch auch einen berliner kaffee trinken können. hab noch gar nicht ‚wirklich‘ verstanden, dass ich über die ‚virtuellen‘ ruhrbarone auch ‚richtige‘ menschen kennenlerne. das nächste mal denke ich dran und maile vorher, ob kaffee möglich wäre.

  3. #3 | Andreas sagt am 29. August 2011 um 19:57 Uhr

    „»Hier verendet der schwäbische Sektor« hat aber noch keiner gesprüht, müsste ich als Gastbeitrag mal machen.“

    Meine Zustimmung hast du. Obwohl. Eine Freundin, Schwäbin, wohnt am Prenzlauerberg. Letzte infos: das 2te Kind ist unterwegs, eine Eigentumswohnung soll gekauft werden …

  4. #4 | Andreas sagt am 29. August 2011 um 20:04 Uhr

    „(…) zum „Stutti“, zum Stuttgarter Platz. Ich gebe uns draußen vorm Café Bollinger einen Tomaten-Mozzarella-Salat aus (…)“

    Remake von „Der Diskrete Charme der Bourgeoisie“?

  5. #5 | Gerd Herholz sagt am 30. August 2011 um 09:50 Uhr

    # 4: nein, andreas, jedenfalls nicht bewusst. aber mittlerweile hat man doch so viel gesehen und gelesen, dass man oft gar nicht mehr merkt, was genau einen inspiriert hat oder wo man etwas von anderen aufgreift. ist ja auch gut so. der fundus wird größer, jahresring wächst an jahresring (nicht nur an den hüften).

  6. #6 | Andreas sagt am 30. August 2011 um 10:45 Uhr

    „nein, andreas, jedenfalls nicht bewusst“

    bei mir ja auch nicht bewusst – bewusst passt auch nicht: „So findet ein großer Teil der Handlung nur als Traum einzelner Protagonisten statt.“ wikipedia über:

    https://bt.eutorrents.com/imagehost/images/charme.jpg

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.