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Ruhrgebiet: Mittelmaß als Religion

Viele Menschen im Ruhrgebiet haben eine Menge Ideen. Und viel Mut. Sie sollten gehen. Das Ruhrgebiet kann mit ihnen nichts anfangen. Sie stören hier einfach nur.

Man kann im Ruhrgebiet hervorragend leben. Wenn man nicht allzu viele Ambitionen hat, zum Beispiel. Oder im öffentlichen Dienst beschäftig ist. Ja, hier ist es grüner als viele denken. Die Mieten sind günstig. Man findet auch in den Innenstädten einen Parkplatz. Es gibt Theater. Die Karten sind nicht teuer. Der Pferdefreund weiß die Reitwege im Ennepe-Ruhr Kreis zu schätzen. Auch ein Kleingarten ist zu haben. Das Reihenhaus in einer mittleren Lage gibt es für knapp 200.000 Euro. Die Kriminalitätsrate liegt auf dem Niveau süddeutscher Kleinstädte. Und der Himmel ist blau.

Ja, man kann hier gut leben. Man muss sich nur an ein paar Dinge gewöhnen. Daran, dass viele wegziehen zum Beispiel. Nach Köln, Hamburg oder München. Es geht hier nicht um einzelne Berufsgruppen, es geht um Menschen, die etwas machen wollen. Es wird ihnen hier nicht verboten. Aber sie werden nicht geschätzt.

Ich war in den letzten Tagen ein paar Mal in dem besetzten Haus in Essen. Gute Leute. Künstler. Nett. Intelligent. Viele Ideen. Im Umgang miteinander waren sie freundlich, rücksichtsvoll. Es waren genau die Leute, von denen es im Ruhrgebiet viel zu wenige gibt. Der DGB hat ihnen mit der Räumung gedroht. Eigentlich ein Skandal. Das Haus steht seit Jahren leer und wird noch Jahre leer stehen. Es ist nicht zu vermarkten. Von der Stadt hat sich keiner für die Besetzer interessiert. Ruhr2010? Nichts. Egal. Von denen erwarte ich es auch nicht anders.

Die Stadt Essen will mit den Künstlern nach einem neuen Raum suchen. Wird sie nicht. Städte im Ruhrgebiet interessieren sich nur für Fördergelder. Gibt es dafür nicht. Das Thema ist der Stadt Essen egal. Die Künstler stören. Wie gut, dass sie kaum einer beachtet hat. Sie werden gehen. Nach Köln, Düsseldorf, Hamburg oder Berlin. Das sollten sie auch tun. Sie haben viel zu viele Ideen. Solche Leute braucht man im Ruhrgebiet  nicht.

Und so Leute gibt es in vielen  anderen Städten im Revier auch. Es sind oft die Klügeren. Die Unbequemen. Sie sind in keiner Parteijugend und nur selten gewerkschaftlich organisiert.  Warum auch? So etwas haben die meisten von ihnen auch nicht nötig. Immer, wenn ich welche von diesen Leuten treffe, werde ich etwas wehmütig. Ich möchte mich von ihnen verabschieden, ihnen alles Gute wünschen obwohl ich sie meistens nicht kenne. Das ging mir in der Goldkante so. Oder auf den sehr feinen Veranstaltungen der Kritischen Kulturhauptstadt, die ich anfangs unterschätzt habe. Ich will mich verabschieden, weil ich weiß, die meisten von ihnen werden gehen. Weil es hier keine Perspektive für sie gibt, später auch keine Jobs und vor allem keine Wertschätzung. Die Mittelmäßigkeit ist die Religion des Ruhrgebiets. Wer sich dem Mittelmaß nicht unterordnen will, sollte gehen. Wie Christian, Arnold, Atta, Sebastian, Tina, Mark, Nicole, Andreas, Frank, Astrid, Martin, Felix, Konrad, Sabine, Christoph, Franz, Philipp…

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31 Kommentare zu “Ruhrgebiet: Mittelmaß als Religion

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  • #3
    Julian

    Vor drei Tagen bin ich aus Beijing zurückgekehrt, eine schöne Stadt, es wird viel ausprobiert, es ist aufregend. Dessen ungeachtet habe ich mich auf Essen, meine Heimat, gefreut. Ich liebe es hier! Aber hier für immer leben? Nein danke. Für mich heißt es jetzt den Uni-Abschluss machen und dann weg! Ich habe hier keine Perspektive.
    Zum Urlaub werde ich dann aber gerne wiederkommen!

  • #4
    Peter K.

    Es gehen so viele. So viele.

    Die Leute vom Freiraum. von denen werden auch viele gehen. Weil nicht hier das spannende passiert. Sondern in HH oder Berlin.

    Wenn es hier was spannendes gäbe, wie das DGB Haus würden sie bleiben und vielleicht sogar Leute von auswärts anziehen.

    So aber: sie werden gehen.

    Hier gibt es nix für sie zu tun.

  • #5
    Patrick Maaßen

    Ich engagiere mich seit meiner Jugend in Kulturzentren und Künstlerkreisen, Konzerte, Ausstellungen, die eigenen Projekte. In Dortmund. Wir haben immer und immer wieder um Hilfe gebeten. Dem örtlichen SPD-Verwaltungsklüngel im Ruhrgebiet waren wir immer nur lästig. Die Kreativwirtschafter waren wohl immer schon mehr damit beschäftigt Hochglanzprojekte in Industriehallen zu entwerfen die dann kein junger Mensch bezahlen kann. Oder damit beschäftigt die Verträge mit EDEKA für die A40-Sperrung zu verhandeln. Wann immer es geht genieße ich Berlin – in Berlin natürlich.
    Die meisten meiner Freunde und Kollegen sind schon da. Selbstständige Designer, Künstler, Musiker, Kulturschaffende von Unten. Ich ziehe nächstes Jahr hin.

  • #6
    Torti

    @Stefan
    So einfach wirste mich nicht los…obwohl ich hatte schon Angebote aus B. und HH.

  • #7
    Ursula Podeswa

    … und dann gibt es noch die vielen, vielen Menschen, die geblieben sind und die bleiben und die Tag für Tag an unserem Ruhrgebiet herumstricken…

    Vieles ist möglich und wird hier realisiert ohne großes Geraffel.

    Z.B. das Unprojekte-Festival (www.unprojekte2010.de), das am 14. August in Essen beginnt. Schaut doch mal vorbei, das sind genau die Leute, die hier in der Region sind und ihre Ideen umsetzen.

  • #8
    Frank

    @Stefan: Du hast mir noch nie so aus der Seele gesprochen wie jetzt – Danke!

    @Patrick: Ja, Berlin weiss Kreative mehr zu schaetzen als das religioes mittelmaessige Ruhrgebiet. Das gilt aber auch „nur“ fuer die etablierte Kunst.

    Allerdings: So buerokratisch und ideenlos haetten wir das A40-Stilleben nicht umgesetzt. Wo waren die neuen Medien, die Assoziationen, die Provokationen, die Inspirationen auf der A40?

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  • #10
    Martin Schmitz

    Man muss seine Probleme aber auch mal in der Öffentlichkeit erfolgreich publik machen, vor allem in Kreisen, die nicht davon wissen. Über die Besetzung des DGB-Hauses habe ich nur hier gelesen. Über die Probleme der Künstlerszene wusste ich nicht sehr viel. Man muss sich auch die passenden Kooperationspartner in der Politik suchen, die etwas beeinflussen können. Dass die Verwaltung bei ihren kleinen Kulturbudgets keine große Hilfe ist, sollte jedem klar sein.
    Es gibt so viele leer stehende Gebäude im Ruhrgebiet, vor allem auf großen Industriebrachen. Da müsste doch eine Zwischennutzung möglich sein.

  • #11
    Christian S.

    „Sie sind in keiner Parteijugend und nur selten gewerkschaftlich organisiert. Warum auch? So etwas haben die meisten von ihnen auch nicht nötig.“

    Ein logischer Widerspruch. Wären die Künstler auf die „böse Parteijugend“ zugegangen oder auf die „böse Gewerkschaftsjugend“, wäre sicherlich was gegangen hinsichtlich DGB-Haus. Es war schon immer ein Fehler, sich nicht zu organisieren. Wer glaubt, das nicht nötig zu haben, wird immer und immer wieder gegen Wände laufen, immer und immer wieder.

  • #12
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @Christian: Sie sind auf die Gewerkschaft zugegangen. Passiert ist natürlich nichts. Und sie haben sich organisiert und einen Verein gegründet.

  • #13
    Christian S.

    Jo, dass man den Apparat nicht im ersten Anlauf nimmt, das ist klar. 😉 Ich würde bei der Gewerkschaftsjugend ansetzen, oder bei den Jusos, damit die Stunk machen.

  • #14
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @Christian: Wir sind hier nicht in Baden Würtemberg. Die Jusos im Ruhrgebiet sind Teil ein kuscheligen Filzstruktur und machen keinen Stunk, wenn es die Parteileitung ihnen nicht sagt. Die sind hier eher so wie bei Euch die Junge Union. Die wollen hier nichts ändern, die wollen in den öffentlichen Dienst.

  • #15
  • #16
    Frank

    @christian: die regierungen der ruhrgebietsstaedte haben sich kreative klasse auf ihre fahnen geschrieben. Aber wenn es drauf ankommt, entpuppt sich das als eitel-dummes geschwaetz von verwaltungsbeamten.

  • #17
    Sven Halen

    selber machen ist die einzige chance, die man hier hat. und natürlich die ablehnung und fehlende wertschätzung aushalten. ich gebe dem pott noch eine chance und bleibe vorerst. aber wenn ich den kaffee über habe, werde ich keine sekunde zögern und nach berlin gehen. ehrlich gesagt rechne ich damit.
    wir haben übrigens eine internetseite gemacht, auf der wir leute vorstellen, die hiergeblieben sind:

    www.pottspotting.de

  • #18
    Martin Schmitz

    @Stefan (#14): Das möchte ich zumindest für Dortmund bestreiten. Hier haben wir sehr kritische Jusos. Das meiste bleibt nur eben hinter verschlossenen Türen. Warum sollten die Jusos ihre eigene Partei öffentlich schlecht machen. Hinter den Türen wird aber oft kontrovers diskutiert.

  • #19
  • #20
    Dirk Haas

    Mittelmäßigkeit ist wohl eher eine Weltreligion; deren ruhrgebietsspezifische Ausformung aber hat Liwa ganz schön (reflektiert) auf den Punkt gebracht: „Für die linke Spur zu langsam, für die rechte Spur zu schnell …“
    http://www.2010lab.tv/video/für-die-linke-spur-zu-langsam-tom-liwa

    Und so pendelte die Region auch in den letzten Tagen munter zwischen linker und rechter Spur: 60 km Autobahn für ein Straßenfest zu sperren – kein Problem; jungen Kreativarbeitern leerstehende Gebäude verfügbar zu machen – vollkommen überfordert.

  • #21
    Hannes

    @Martin Schmitz #18: Du machst eine sehr traurige Aussage. Es geht doch um Inhalte. Wenn Du nach außen etwas anderes vertrittst als Deine eigene Meinung, bist Du nicht mehr authentisch und tendenziell unglaubwürdig. Ich back‘ mir ein Ei darauf, was Du hinter verschlossenen Türen treibst 😉 Bist Du gespalten in den Menschen Martin und den Aparatschik Schmitz?

  • #22
    Karlheinz Stannies

    Na, wenn die in Berlin, Hamburg oder München – wie anscheinend alle behaupten – so furchtbar aufgeschlossen sind und die Besitzer dort ihre leerstehenden Gebäude kostenlos zur Verfügung stellen .. warum sind die Kreativen tatsächlich noch hier?! Da muss ich Stefan unterstützen: Tschöhöö!

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  • #24
    Patrizia

    Ich finde unser Stefan hat einen sehr hübschen Artikel geschrieben … mit einem
    nicht enden wollenden Klagelied. Aber, aber … bei allem Verständnis für die offen-
    sichtliche, gegenwärtige Ruhrgebiet-Tristesse gibt es doch auch immer Wege aus
    der Misere. Ein Anfang ist mit dem journalistischen Leuchtfeuer „Ruhrbarone“ ja
    schon gemacht 😉 … „I nostri desideri sono le nostre possibilità.“ –> Unsere
    Sehnsüchte sind unsere Möglichkeiten. Nur nicht verzagen … immer weiterbohren.

  • #25
    Wähler

    Von Köln und Düsseldoof erniedrigt, aber wir bekommen euch alle, auch wenn Rau dieses Refugium in der Welt setzte…

    Gruss

  • #26
    teekay

    Ich kann Stefan’s Kommentar gut nachvollziehen. Interessanterweise haeufen sich in den ‚Mainstream Medien‘ (SPON, SZ) gerade Berichte zur ‚Gentrifizierung‘ in Berlin und Muenchen. Und beim Volksentscheid in Hamburg haben die Blankeneser Besitzstandswahrer gut ihre politischen Muskeln spielen lassen…Natuerlich laesst sich Berlin nicht auf ‚Kreuzberg‘ reduzieren, aber wie gruener das Gras woanders ist, ist nicht so einfach fest zu machen. So schwierig es ist zu verallgemeinern, aber dem Ruhrgebiet fehlen eher ‚externe‘ Inputs. Auslaendische Studierende, Kuenstler-aber vielleicht auch Banker oder Berater deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Natuerlich ist der ‚Easyjetset‘ in Berlin nur die Spitze des Eisbergs, aber man braucht vielleicht so eine Spitze fuer den Teil der Kultur der unter Wasser liegt?

  • #27
    Mika

    Also, ich lebe seit einem dreiviertel Jahr im Ruhrgebiet und muss echt sagen, dass ich überrascht bin, wie wenig ich zum einen mitbekomme, wenn was passiert, zum anderen aber auch, wie viel bzw. besser wenig wirklich passiert. Z.B. Konzerte mit Punkbands in Essen finden ja fast ausschließlich in kirchlichen Läden oder aber in diesem komischen Rockerkomplex in der nördlichen Innenstadt statt. Klar, AZ Mülheim oder andere Locations gibt es auch noch, aber wenn man das mit Berlin vergleicht, oder nur dem provinziellen Münster … Metropole ist was anderes!
    Wenn ich nicht einen Job hier hätte und das Ruhrgebiet wenigstens einige schöne Ecken hätte, dann wäre ich ohne mit der Wimper zu zucken schon weg. Das ist sehr schade, und wenn dann noch so Besetzungen, wie in Essen, in einem solch frühen Stadium scheitern (abgesehen von der fehlenden Unterstützung von fast allen Seiten, ist’s frustrierend, wenn „BesetzerInnen“ so früh aufgeben. Ich frage mich ja immer noch, womit die gerechnet haben? Das DGB-Haus als Geschenk?), dann fühlt man sich richtig hilflos. Danke für den Artikel!

  • #28
    Siegfried Piotrowski vonbergh

    Ja, so ist das leider im Ruhrgebiet. Aber nicht nur dort, im Sauerland und Südwestfalen ist es nicht besser. Kultur wird GROSS geschrieben, aber
    KLEINgeister sind in den Kommunen zuständig. Die bekommt man nicht wirklich wach.
    Trotzdem versuchen wir alles, um Kultur als Teil der Bildung nicht untergehen zu lassen. In Hagen habe ich jetzt einen Literaturpreis des Kulturrings ausgeschrieben. hagenkultur.de
    Ruhr 2010 ist ein Event. Aber Kultur?
    Ich freue mich auf Menschen, die überregional Kulturarbeit mitgestalten wollen.
    Meldet Euch.

  • #29
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