11

Schachverbot an der Uni Hannover?

Schachspiel Foto: David Lapetina Lizenz: CC BY-SA 3.0
Schachspiel Foto: David Lapetina Lizenz: CC BY-SA 3.0

Schachspiel Foto: David Lapetina Lizenz: CC BY-SA 3.0

Schach ist nicht überall auf der Welt ein beliebter und intellektuell reizvoller Zeitvertreib. Der Großmufti von Saudi-Arabien will zum Beispiel Schach verbieten lassen. Fromme Muslime könnten durch das Spiel von ihren Gebeten abgelenkt werden, was sicher ein hohes Risiko ist. Auf der Vollversammlung der Uni Hannover tauchte vor ein paar Tagen ein Antrag auf: Zwei Studenten wollten das Schachspielen an der Uni verbieten lassen. Ein ironischer Scherz oder dumme Wirklichkeit?   

Antrag an die studentische Vollversammlung am 16.11.2016 Antragssteller*: Markus Erhardt (Pflanzenbiotechnologie) und Oliver Till (Master Lehramt Ma/Ch) Die studentische Vollversammlung möge beschließen:

Das Schachspiel ist auf dem gesamten Gelände der Leibniz Universität Hannover ausnahmslos verboten. Alle Studierenden* sind dazu aufgefordert dafür zu sorgen, dass Zuwiderhandelnde* weinend das Gelände verlassen. Begründung:

1. Cultural Appropriation (kulturelle Aneignung) Bei dem Schachspiel handelt es sich um ein Produkt kultureller Aneignung aus dem persischen Kulturraum. Das Spiel wird dadurch aus seinem sozio-kulturellen Zusammenhang gerissen und völlig verfremdet.

2. Rassismus Im Schach existieren nur zwei, jeweils in sich homogene, Gruppen von Spielfigur*innen, die sich lediglich durch ihre Färbung unterscheiden. Die Vernichtung der jeweils anderen Gruppe* als einzige Siegmöglickeit ist eine starke Parallele zu rassistischen und anderen menschenfeindlichen Ideologien.

3. Sexismus und patriarchale Strukturen Die Figur/innenkonstellation*, bzw. FigurInnenkonstellation* ist im Schach nicht quotiert. Es existiert lediglich eine weibliche* Figur, die den König beschützen muss und im Gegensatz zu diesem geschlagen werden kann. Insofern ist weder ein zahlenmäßiges noch ein rechtliches Gleichgewicht zwischen den angeblich einzigen beiden existierenden Geschlechtern gegeben.

4. Gewaltverherrlichung / Förderung der gewaltbasierten Konfliktlösung Schach ist ein gewaltbasiertes Spiel, in dem zur Eliminierung gegnerischer Figur_Innen* keine Alternative besteht und das nicht auf eine harmlose Art spielbar ist.

5. Kriegsverharmlosung Beim Schach erleben die SpielerInnen* den Krieg in einer abstrahierten und konsumierbaren Form. Dadurch entsteht ein positiv verzerrtes Bild, welches eine kritische Haltung langfristig erschwert.

6. Förderung des Klassendenkens Die Bauern werden im Schach immer zuerst vorgeschickt und geopfert. Die einzige Möglichkeit zum Aufstieg besteht im Erreichen des gegnerischen Spielfeldrandes. Hierdurch wird der Eindruck vermittelt, dass ein persönlicher und gesellschaftlicher Aufstieg nur durch bedingungslose Aufopferung für das System erreicht werden kann.

7. Stärkung monarchistisch-militaristischer Denkstrukturen Das gesamte Weltbild innerhalb des Schachspiels ist auf eine einzige Person* und deren militärische Erfolge ausgerichtet und nicht auf das höchstmögliche Gemeinwohl. Belange von Benachteiligten oder Minderheiten* sind nicht von Interesse.

8. Förderung eines beschränkten Weltbildes Das Schachspiel findet in einem leicht überschaubaren Rahmen in vorgegebenen Mustern statt. Die Fähigkeit, neue Sachverhalte in das eigene Weltbild zu integrieren und altbekannte Muster zu durchbrechen, wird durch das Schachspiel konsequent abtrainiert.

10. Bipolares Weltbild Das Schachspiel führt zu einem Verlust der Differenzierungsfähigkeit durch Schwarz-Weiß-Denken durch die konsequente Einübung und Anwendung eines bipolaren Weltbildes. Da weiß* immer anfangen darf, wird dem Spieler*in auch noch das letzte bisschen Entscheidungsfreiheit abgenommen.

11. Diskriminierung Das Schachfeld ähnelt vom Muster her dem gefliesten Boden eines Küchenbereichs. Nur in diesem Bereich ist es der Dame* gestattet, sich frei zu bewegen. Dieser Umstand stellt eine feste Positionierung der Frau* in eben diese Bereiche des gemeinsamen Zusammenlebens dar. Daher ist ein emanzipiertes Weltbild in der Welt des Schachs weitgehend eingeschränkt.

12. Pervertierung von Transsexualität Im Schachspiel kommt ein Wechsel des Geschlechts nur dann in Frage, wenn ein Bauer* das gegnerische Ende des Spielfeldes erreicht und zur Dame* wird. Die Umwandlung des Geschlechts dient ausschließlich der Erweiterung der Bewegungsmöglichkeiten der Figurx und damit der militärischen Stärkung des Spielerx. Dadurch wird assoziiert, dass sich die Wahl des Geschlechts dem Nutzen für die Gesellschaft* unterzuordnen habe. → Insgesamt erschafft das Schachspiel also einseitig denkende Mensch/innen mit geschlossenem Weltbild, starken Vorurteilen und einer völlig verzerrten Vorstellung davon, wie die Gesellschaft* funktioniert. Gerade eine Universität muss die Fähigkeiten, die für die Erhaltung und Weiterentwicklung einer liberalen und demokratischen Zivilgesellschaft so wichtig sind, wie z.B. Diskussionsbereitschaft und geistige Flexibilität aktiv fordern und fördern und verhindern, dass diese durch eine bipolare, menschenfeindlich-militaristische Weltvorstellung ersetzt werden. Schachverbot jetzt! – für eine gerechtere Welt!!!

Die Begründung ist so absurd und lächerlich, dass es einen nicht wundern würde, wenn der Antrag, der vom AStA nicht zur Abstimmung zugelassen wurde, weil der sich der Förderung des Hochschulsports verpflichtet sieht, ernst gemeint gewesen wäre: Das alles klingt wie erdacht in der trüben Atmosphäre poststrukturalistisch geprägter  Studiengänger zur Ausbildung von Betroffenheitsberatern. Nicht ganz ins Bild passt, und das macht Hoffnung, dass es sich um einen klugen Scherz handelt, der am Beispiel Schach zeigt, wie absurd heute zum Teil argumentiert wird, dass die beiden Antragsteller auf einer Liste von Naturwissenschaftlern kandidierten, denen postrukturalistisches Denken in der Regel eher  lächerlich vorkommt.

RuhrBarone-Logo

11 Kommentare zu “Schachverbot an der Uni Hannover?

  • #1
    Louis

    Ziemlich eindeutig Satire; direkt in der Einleitung erkennbar:

    Alle Studierenden* sind dazu aufgefordert dafür zu sorgen, dass Zuwiderhandelnde* weinend das Gelände verlassen.

  • #2
    Schmu

    Leute. Wer das nicht als Satire erkennt, der lässt sich auch Altpapier als Pergament verkaufen.

  • #3
    Luke

    "der Antrag, der vom AStA nicht zur Abstimmung zugelassen wurde"

    "Vorhin zur TO wurde bereits gesagt, dass der AStA diesen Antrag geprüft hat. Der AStA hat den
    Antrag nach Prüfung zugelassen. Wir werden diesen Antrag entgegen der Haltung des AStA nicht behandeln, da die Sitzungsleitung einstimmig zum Ergebnis gekommen ist, dass dieser Antrag gegen § 2 Abs. 2 Punkt g der Satzung der verfassten Studierendenschaft (SVS) verstößt. Im Punkt g ist die Förderung des freiwilligen Studierendensports verankert. Wir sehen ebenfalls einen Verstoß gegen § 2 Abs. 2 Punkt f SVS für möglich. Hier wird Unterstützung der musischen und kulturellen Interessen der Studierenden verankert. "

    Journalismus much?

  • #4
  • #5
    sol1

    "Ziemlich eindeutig Satire; direkt in der Einleitung erkennbar…"

    …und dann noch die Schriftart.

    Reddit-Leser wissen mehr:

    "Das ganze war übrigens nen Protestvote, quasi das AStA äquivalent des Filibusters. Zumindest laut dem Bachelorstudenten den ich betreue. Der ist nämlich mit dem Antragsteller befreundet."

    https://www.reddit.com/r/de/comments/5euehp/schachverbot_jetzt_f%C3%BCr_eine_gerechtere_welt/dag3yge/

  • #6
    Helmut Junge

    ab 20 Uhr verfolge ich wieder live das 11 WM-Spiel Karjakin : Carlsen in New York mit Kommentar
    (Allerdings im Spiegel, der zumindest darin sehr fit ist)
    Fängt gleich an und ich freu mich schon drauf, auch wenn es keine "Bäuerinnen" gibt bei diesem Spiel.

  • #7
    Achim

    Vor ein paar Jahrzehnten beschlossen die Jusos eine Reform der
    Fussballregeln.
    Die Schiedsrichter sollten durch das bewaffnete Spielervolk frei gewählt werden.
    (Es handelte sich um eine gegen die damals nervigen K-Gruppen gerichtete Satire.
    Ich fand den Text lange vor der Wende in einem offiziellen Band mit Beschlüssen der
    Jungsozioalisten in der SPD.

    Achim

  • #8
    Helmut Junge

    Carlsen (Schwarz) hat den 19. Zug gemacht. Die Gewinnwahrscheinlichkeit für Weiß beträgt zur Zeit 52%, was gar nichts bedeutet. Karjakin denkt mittlerweile seit fast 25 Minuten nach.

  • #9
    kE

    Klasse! Es gibt noch Hoffnung!

    Interessant wäre jetzt zu wissen, was sonst so in Hannover beschlossen wird. Irgendeinen Grund muss es ja für diesen hervorragenden Antrag geben.

  • #10
    rene

    Satire?
    Ja, aber eine als solche etikettierte Warnung!
    Heute wird gelacht, und schon morgen werden einige der satirischen Beschreibungen sich der Realität angenähert haben, und übermorgen weit mehr. Das "Overton Fenster" lässt sich überall ausmachen.
    Da gibt es einige kluge Köpfe, die erkannt haben, dass der Islamismus zum Islam gehört und fragen sich, wie man das eine vom anderen trennen kann. Einige hundert Talkshows später stellt man fest, dass es offenbar nicht möglich ist. Über die Auswüchse des Gernderismus hat man noch vor kurzer Zeit gelacht, heute begegnet man diesem Irrsinn auf Schritt und Tritt.
    Die Karikatur ist lediglich eine Überspitzung der Realität, ohne die keiner auf die Idee käme, eine solche Satire zu verfassen.

  • Pingback: Political Correctness: Was gesagt werden darf | Ruhrbarone

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.