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Schauspielhaus Dortmund: Wenzel Storchs „Komm in meinen Wigwam“

Komm in meinen Wigwam

Leon Müller, Ekkehard Freye und der Dortmunder Sprechchor, Foto: ©Birgit Hupfeld

Wenzel Storch, gefeierter Kult-Regisseur und Filmproduzent, gab letzte Woche am Schauspielhaus Dortmund sein Bühnen-Debut. Die erste Theater-Inszenierung von Storch „Komm in meinen Wigwam“ ist ein opulentes Stück wider die Verklemmtheit der katholischen Morallehre – anarchistisch, bunt und schrill. Die Bildwelten seines Filmes „Reise ins Glück“, ästhetisch irgendwo zwischen Jeff Koons, Marienbildchen und Pierre & Gilles, greift Pia Maria Mackert mit ihrem hinreissenden und umwerfend komischen Kostümen auf – das Stück wird dadurch ein echter Augenschmaus. Doch das Bemerkenswertestes an dem Theaterstück ist, dass sich das Publikum kollektiv königlich amüsierte. Es kicherte, grinste, gickelte, prustete, lachte und feixte aus den Zuschauerreihen – anregender für die Lachmuskulatur kann ein Theaterabend kaum sein.

Der Regisseur setzt sich seit vielen Jahren in seinen Filmwerken und einer Kolumne für die Zeitschrift konkret auf witzige und scharfzüngige Art mit der katholischen Kirche (Gesammlte Texte in Gottes Bulldozer), ihren zum Teil bizarr anmutenden sakralen Ritualen und der sexuellen Verklemmtheit und Doppelmoral der 50er und 60er Jahre auseinander. Er sorgte mit dem Film „Reise ins Glück“ für Furore und großer Aufmerksamkeit bei der Kritik.

Storch ist streng katholisch aufgewachsen. In einem gespräch mit der Zeit erzählte er, das er im Laufe seiner Kindheit und Jugend wohl 50.000 Kreuzzeichen gemacht habe – das prägt und will verarbeitet sein. Wer in den 70ern in Bayern aufgewachsen ist, kann sich noch gut an die Not der Schulkameradinnen erinnern, wenn sie zur Beichte gehen mussten. Da war die Freude über die  Erstkommunion schnell verflogen und die Verzweiflung angesichts der Frage, was man dem Pfarrer im Beichtstuhl nur erzählen könne, war groß. Wo es keine Sünde gibt, muss sie erfunden werden, als Sündengeschichten-Erfinderin stand man bei den Schulkameradinnen hoch im Kurs.

Leon Müller, Jana Katharina Lawrence und der Dortmunder Sprechchor, Foto: ©Birgit Hupfeld

Leon Müller, Jana Katharina Lawrence und der Dortmunder Sprechchor, Foto: ©Birgit Hupfeld

Einer der großen Sünden aus dem Register der Verfehlungen der katholischen Seele in dem „Kirchenspuk“ der 60er Jahre, sind Gedanken an vorehelichen Sex. Diese Problematik griff der „Oswald Kolle der Katholiken“, der Päpstliche Ehren-Prälat Berthold Lutz in seinen Werken zu Aufklärung und Anstand auf. Lutz Bücher tragen vielsagenden Titel, wie „Peter legt die Latte höher“ oder „Frechdachs lernt Anstand“ – eine Jungs-Zeitschrift heisst gar „Unser Guckloch“. Zielgruppengerecht bringt Lutz in blümeranter Sprache der Jugend der 50er und 60er Jahren in seinen Bestsellern das „große Geheimnis“ mal augenzwinkernd, mal schwülstig-doppeldeutig nahe.

Ekkehard Freye und Dramaturg Thorsten Bihegue (beide in wunderbare Polyacryl-Modeverfehlungen gekleidet) führen die Zuschauer jovial durch das kleine Chaos zwischen Katechismus und Klingelbeutel. Heinrich Fischer als Kaplan Buffo erklärt fast ungerührt die Welt der Blümchenbestäubung, Bubenphantasien und interpretiert christlich-korrekt die menschlichen Triebe. Dabei richtet sich sein gut gemeinter und wohlwollend vorgetragener Sexualunterricht an zwei Heranwachsende. Jana Lawrence und Leon Müller spielen mit großem Talent die diebische Freude angesichts der Aufklärungsversuche und die echte Naivität angesichts schwellender Stengel und blühender Eicheln sehr überzeugend. Das Einbinden des Schauspiel-Jugendclubs Theaterpartisanen in die Inszenierung ist eine ebenso gute Idee, wie der Auftritt des wunderbaren Dortmunder Sprechchors.

Als auf der Bühne tanzende bunte Pimmel auftauchen und sie sich zu Melodien christlicher Erbauungslieder munter drehen – spätestens da liegt das Groteske nicht mehr in den manchmal überschwänglichen Phantasie des Regisseurs, sondern in der dreisten Behauptung, dass es eine „Dikatur des Fleisches“ gebe. Verrückt ist nicht das Geschehen auf der Bühne, verrückt ist das „pädophilen Himmelreich der Jesuiten“. Gegenüber den angeblich „bösen Gedanken“ eines Knaben ist dieser Veweis in dem Stück auf die Pädophilen-Debatte in der Katholischen Kirche provokativ und hat eine enorme Fallhöhe.

Maximilian Kurth, Heinrich Fischer, Finnja Loddenkemper, Foto: ©Birgit Hupfeld

Maximilian Kurth, Heinrich Fischer, Finnja Loddenkemper, Foto: ©Birgit Hupfeld

Als Priester Buffo bei seinem Kasperltheaterstück von Hänsel und Gretel an die Jugend appelliert, „nicht innerlich zu verfaulen“ und mahnt „lasst euch nicht anstecken“ – da bleibt einem das ha-ha-ha im Halse stecken. Zudem die Zeit, in der Buben Lederhosen und rot-weiss karierte Hemden trugen, Briefmarken sammelten und chemische Experimente machten, während sich die Mädchen in gestrickten Kniestrümpfen im Faltenrock mit Häkelarbeit, Blockflöte spielen und Gebet auf ihre spätere Rolle als Hausfrau vorbereiteten, bei so manchen im Publikum noch in naher Erinnerung ist.

Wenn auf der Bühne rezitiert wird, dass „wenn wir einmal schwach geworden sind“ wir dennoch „zwischen zwei Samenergüssen wieder Kraft durch das Gebet sammeln“ und wenn eine Nonne nur von ihrer ausufernder Cornette vor den Spritzern einer pulsierenden Eichel geschützt wird, mag das nicht jeden guten Katholiken erfreuen. Das aber das Schüren von Angst vor dem Fegefeuer für die Sünderkinder und der Druck der katholischen Sexuallehre einen ein Leben lang beschäftigen kann, ist durch „Komm in meinen Wigwam“ für Gläubige genauso wie Atheisten nachvollziehbar geworden.

Die katholische (Doppel)Moral immer wieder zu hinterfragen, ist ein großer Verdienst von Wenzel Storch. Das ihm das auch noch mit einem ebenso berstend komischen wie an andereren Stellen wieder feinsinnigen Humor gelingt, ist großartig und eine echte Katharsis für jeden, der am Katholizismus in seiner Kindheit und Jugend gelitten hat. Storchs Lieblingssatz des Aufklärungs-Prälaten ist: „In der Brust der Mutter hat Gott die Muttermilch heranwachsen lassen, die so fein zusammengesetzt ist, dass sie von keiner anderen Speise ersetzt werden kann.“ Storchs Überlegungen zur katholischen Kirche sind ebenfalls unersetzbar.

Wer das Stück noch ansehen will, sollte sich mit dem Karten kaufen beeilen, die Vorstellungen sind bestimmt schnell ausverkauft. Das Stück wird wieder im Dezember im Studio aufgeführt:
Mittwoch, den 03.12.2014
Freitag, den 12.12. 2014
Sonntag, den 14.12 2014

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