Sexworker Day: „Die „Aura“ des Verbotenen halte ich eher für einen Mythos.“

Foto: Barbara Underberg
Sexarbeiterinnen Demo in Dortmund  Foto: Barbara Underberg (Archiv)

 

Der 2. Juni ist Internationaler Sexworker Tag – und das Thema Prostitution ist unabhängig davon wieder stark präsent. Zwei Sexarbeiterinnen berichten über ihre Arbeit, Vorurteile, Zwangsprostitution und den neu aufgekommenen Puritanismus. Das Interview wurde via Mail geführt. 

Ruhrbarone: Heute ist Internationaler Sexworker Tag- wieso brauchen Sexarbeiter einen eigenen Tag und machen nicht einfach beim ersten Mai mit? 

Nina: Der erste Mai ist traditionell ein Tag für vornehmlich werktätige Arbeiter und Angestellte. Escorts, Prostituierte, Erotik-Arbeiter, Stricher etc. können sich damit nicht immer identifizieren, da ihr Bereich eine persönliche sexuelle Dienstleistung darstellt. Zudem erfahren sie leider noch oft Ausgrenzung, ihre Arbeit ist mit vielen Klischees behaftet. Immer noch hat kaum einer eine realistische Vorstellung davon, wie viele unterschiedliche Möglichkeiten die Sexarbeit bietet. Dafür wird auch in den Medien immer wieder ein bestimmtes „Milieu“ geschaffen wie in dem aktuellen Spiegel-Beitrag. Die Ausgrenzung schafft meines Erachtens nach ein Bedürfnis bei den Sexworkern, sich selbst zu organisieren. 

Ellen: Die Proteste im Rahmen des ersten Mai beziehen sich inhaltlich in großen Teilen auf die Verbesserung von Arbeitsbedingungen. Ich als Sexworkerin finde mich in diesen Protesten nicht wieder – leider. Ich erhoffe mir von den Aktionen im Rahmen des 2. Juni, dass Sexarbeit überhaupt als Arbeit akzeptiert wird. Und damit meine ich nicht nur die Akzeptanz durch die Behörden sondern vor allem die Akzeptanz von Menschen wie du und ich.

Meine Erfahrung ist, dass politisch aktive Frauen und Männer Sexarbeit vor allem mit Menschenhandel, Zwangsprostitution oder Sexismus in einen Topf werfen und somit per se als etwas Schlechtes ansehen. Ich halte eine Solidarisierung zum jetzigen Zeitpunkt im Sinne des ersten Mai für kaum möglich.

Ruhrbarone: Probleme wie Menschenhandel oder Zwangsprostitution existieren ja auch. Ist die Wahrnehmung dieser Probleme in der Öffentlichkeit größer als in der Wirklichkeit? Neben der Eigenorganisation gibt es ja auch ein Angebot von ver.di für Sexarbeiter. Macht die Mitgliedschaft in einer konventionellen Gewerkschaft für Sexarbeiterinnen im Moment Sinn? 

Ellen: Sicherlich ist die Wahrnehmung der Probleme in der Öffentlichkeit nicht annähernd angemessen zu dem realen Elend. Wenn ich die allabendlichen Talkshows beobachte, taucht das Thema eigentlich nur dann auf, wenn es darum geht zu begründen, warum Sexarbeit eher verboten als akzeptiert gehört.
Die Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution haben im öffentlichen Diskurs überhaupt keine eigene Stimme, meiner Meinung bedient man sich gerne Ihrer. Aber das ist eine Seite von Sexarbeit, eine sehr hässliche.
Allerdings bin ich fest davon überzeugt, dass wenn Sexarbeit und vor allem auch die Inanspruchnahme sexueller Dienstleistungen als ganz normal angesehen würde, dann gäbe es auch viel mehr Möglichkeiten diesen Verbrechen entgegen zu wirken. Für fast jedes Gut kann ich mittlerweile als Kunde entscheiden, ob ich fairen Handel unterstützen möchte oder nicht. Wenn in Bangladesh die Mitarbeiter einer Textilfabrik ums Leben kommen, macht Herr Jauch eine Sendung zu dem Thema.  Da werden sämtliche Firmen genannt die menschenunwürdig und billig produzieren lassen und dem Kunden deutlich gemacht, dass er mit seinem Kaufverhalten genau das unterstützt. Ich würde mir wünschen, dass unsere Kundschaft auch die Möglichkeit hätte durch mehr Offenheit und Transparenz „fairen Handel“ beziehungsweise „faire Dienstleistung“ zu wählen.

Nina: Das ist eine schöne Note von ver.di, doch ich kenne keinen Sexworker, der mit ver.di in diesem Bereich zusammenarbeitet. Das hat auch Gründe. Gewerkschaften, Verbände betreiben oft Stellvertreter-Politik oder haben eine paternalistische Haltung. 
Sie kennen die Bedürfnisse und Probleme in der Sexarbeit nicht von der Basis her.
Fachleute sind die Sexworker selbst sowie ihre Beratungsstellen, die Clubs und Kunden. Die Selbstorganisierung gewinnt aktuell an großer Bedeutung als auch die Vernetzung aller Beteiligten in dem Bereich. Im April hat sich in Frankfurt der Interessenverband Sexwork Deutschland erstmalig getroffen. Im Oktober treffen wir uns erneut in Köln. Ziel ist unter anderem die Gründung eines Berufsverbandes.

Ruhrbarone: Lebt der Beruf nicht auch von der Aura des Verbotenen? Ihr tretet hier ja auch nicht mit Klarnamen auf und kaum einer Eurer Kunden wird sich dazu bekennen, Eure Dienstleitungen in Anspruch zu nehmen – was häufig ja zu Problemen mit dem Partner führen könnte.  Ist diese Forderung nicht unrealistisch und wie wollt ihr sie erreichen?

Ellen: Die „Aura“ des Verbotenen halte ich eher für einen Mythos. Ich bin verheiratet und mein Ehemann sowie ein Großteil meines Umfeldes wissen von meiner nebenberuflichen Tätigkeit als Sexdienstleisterin. Viele Wege sind ganz herkömmlich wie bei jedem anderen Beruf auch … der Gang zum Finanzamt, Gesundheitsamt und so weiter. Ich verschweige meinen Job lediglich da, wo ich genau weiß, dass es kein Verständnis gibt. Da ich nicht nur für mich sondern auch für meine Familie Verantwortung trage, bin ich mit einem öffentlichen Outing vorsichtig. Ich habe auch schon erlebt, dass mein Mann in ein komisches Licht gerückt wurde. Ich möchte nicht, dass Unwissende denken er sei mein „Zuhälter“ oder andernfalls ein „Weichei“, weil er das toleriert.
Meine Gäste besuchen mich aus ganz unterschiedlichen Gründen – in der Regel wollen sie einfach eine angenehme, entspannende Zeit verbringen ohne Verbindlichkeit. Der Reiz des Verbotenen spielt da glaube ich keine große Rolle.

Nina: Das ist ein wichtiger Punkt. Ich wünsche mir, dass wir mittel- und langfristig von dem Klischee des „Milieus“ wegkommen und sagen können „Ein Beruf wie jeder andere auch!“. Es gibt in der Sexarbeit keine „Aura“. Es ist nur so, dass viele Menschen nichts von unserem vielfältigen Beruf mitbekommen, sondern nur das erfahren, was in Medien wie Bild und Spiegel abgedruckt wird.
Die Kunden sind häufig auf Diskretion angewiesen, genau wie Patienten beim Arzt oder Klienten beim Anwalt. Aber das Bewusstsein steigt auch bei den Kunden, denn auch sie werden kriminalisiert, sollte es zu Verboten in Deutschland kommen. Wir sitzen da in einem Boot!
Dass ich mich hier „Nina“ nenne, hängt damit zusammen, dass ich meine Privatsphäre wahren möchte. Ich habe nichts zu verheimlichen, mein Steuerberater weiß Bescheid, das Finanzamt etc. Auch mein Umfeld kennt meinen Beruf. Dennoch weiß ich nicht, was mit meinem  Klarnamen geschieht, wo er gespeichert wird oder ob nicht etwa ein Kunde ihn in Freier-Foren veröffentlicht.

Die Kunden selbst kennen meinen „richtigen“ Namen meist  auch nicht, aus gutem Grund. Als Sexdienstleisterin wird man dadurch „verletzbar“ und gibt etwas preis, das nicht für den Kunden bestimmt ist. Daher treten auch viele in der Öffentlichkeit mit einem Arbeitsnamen auf oder , wie ich sagen würde, Künstlernamen!

Viele Sexdienstleister gehen aber mittlerweile dazu über, ihrer Arbeit ein Gesicht zu verleihen, zum Beispiel bei Sexwork Deutschland.

Ruhrbarone: Im Moment scheint die Entwicklung ja in eine andere Richtung zu gehen. Gerade in Skandinavien gibt es wieder Einschränkungen für Prostitution. Auch in vielen deutschen Städten wird Straßenprostitution, aber auch Prostitution in Clubs zunehmend kritischer gesehen und der aktuelle Spiegel-Titel zeigt ja, dass das Thema in der Politik angekommen ist. Der Artikel könnte auch der Auftakt für eine Debatte sein, an deren Ende Einschränkungen und Verbote stehen.

Nina: Ich frage mich schon seit langem, warum Stimmung gegen die sexuellen Dienstleister gemacht wird. Immer wieder schiebt man den Grund vor, es ginge beim Straßenstrich konkret um den Schutz des jeweiligen Umfeldes, um die Jugendlichen etc. Vor was aber sollen die Leute geschützt werden? Was ist so bedrohlich? In anderen Städten gehört sexuelle Dienstleistung viel selbstverständlicher zum Stadtbild dazu wie in Hamburg oder Amsterdam. 
Die Sperrbezirke in den Ruhrgebietsstädten haben zu Umsatzeinbußen bei den Dienstleistern sowie zu unsicheren Arbeitsbedingungen und auch zu Frust bei den Kunden geführt. 
Im April diesen Jahres hat die Dienstleisterin Dany K. vor Gericht gegen die Stadt Dortmund erwirkt, welchesdass dasVerbot der Straßenprostitution aufgehoben wird. Es müssen neue Standorte geprüft werden. Dass das nicht mehr in der Nordstadt sein wird, ist definitiv. 
Warum diese „Stimmung“ gegen Prostitution? Hat es mit einem neu aufkommenden Puritanismus zu tun? Hat es mit unterdrückter Sexualität zu tun? Hat es damit zu tun, dass die Kommunen noch stärker lenken und kontrollieren wollen, um die durch mögliche Schwarzarbeit auf dem Strich entgangenen Steuereinnahmen wieder reinzuholen? Sind es rassistische Ressentiments gegenüber osteuropäischen Anbietern?

Ellen: Der Artikel im Spiegel hat mich richtig wütend gemacht. Ich kann nicht verstehen, dass es als Fortschritt gefeiert wird, dass schwedische Männer sich (angeblich) wieder schämen Sexdienstleistung in Anspruch zu nehmen. Darüber hinaus haben die Autoren sicherlich Recht: So will keine arbeiten … unter Gewalt, Zwang und mit einem minimalen Verdienst. In meinen Augen ist hier jedoch nicht die Prostitution die Ursache. Ich möchte die Situation nicht relativieren, aber ist hier nicht grundsätzlich die Ausbeutung das Problem? Wer möchte schon wie die polnischen Saisonarbeiter, die den Deutschen den Spargel stechen, arbeiten? Offensichtlich niemand, deshalb werden sie ja jedes Jahr „bestellt“. Es ist ja kein Zufall, dass ich als deutsche, gebildete, berufstätige Frau mich ganz anders auf dem Markt der Sexdienstleistung positionieren kann als eine rumänische Kollegin, die aus der Not heraus handelt. Dieses Phänomen betrifft allerdings nicht nur die Sexdienstleistung, sondern den gesamten Arbeitsmarkt.
Mit der Legalisierung von Sexarbeit wurde ein wichtiger Schritt getan, eine Tür geöffnet mit den Hinweis: Hier kann es langgehen. Viel mehr ist leider nicht passiert. Die Schlussfolgerung, dass deshalb dieser erste Schritt falsch war, geht in eine ganz falsche Richtung. Beiträge wie der aktuelle Spiegel-Artikel sollten lieber als Korrektiv angesehen werden: Es wurde zu wenig an der Umsetzung gearbeitet – weitermachen! Und das kann nur über eine Enttabuisierung erfolgen … und nicht über Scham.
Ich glaube nicht, dass es zu einem erneuten Verbot der Sexarbeit kommen würde. Die Gewerbesteuern sind für die Kommunen eine zu wichtige Einnahmequelle.

Ruhrbarone: Was wird heute am 2. Juni passieren? Finden irgendwo Demonstrationen oder Kundgebungen statt? Was werden die Forderungen der Sexarbeiter sein? 

Ellen: In Berlin wird der Verein Hydra beispielsweise Lilien an Sexarbeiterinnen verteilen. In einer großen Online-Community für Sexdienstleisterinnen und Kunden gibt es wie im vergangenen Jahr eine Online-Demonstration. Der rote Regenschirm ist seit einigen Jahren das Symbol für die Bewegung der Sexarbeiter. Wer sein Profil mit dem roten Schirm versieht, macht Kollegen und Kundschaft auf den 2. Juni als Welthurentag aufmerksam.

Nina: Neben gesellschaftlicher Akzeptanz und Gleichstellung geht es u.a. um konkrete Forderungen wie nach Dienstverträgen bei arbeitnehmerähnlicher Beschäftigung in großen Bordellen und ein Ende der Diskriminierung durch Sperrgebiete, so dass Wohnungprostitution auch in diesen Gebieten wieder möglich wird. Es geht auch um das Recht auf Innenstadt und Straße anstelle Verdrängung in abgelegene Industriegebiete. Das Recht auf Arbeit für migrantische Sexarbeiterinnen anstelle von Illegalität und Abschiebung.

In NRW sind mir keine Aktionen dieses Jahr bekannt. Es wird jedoch in Essen das Theaterstück „Pornoladen“ aufgeführt und im Anschluss findet ein Publikumsgespräch im Casa-Foyer statt. Ich war diese Woche in einer ausverkauften Aufführung und auch im Anschluss im Foyer. Das war sehr interessant und facettenreich! Viele aus dem Bereich waren anwesend und in den Foren liest man, dass am Internationalen Sexworker Tag Leute teilweise von weit her aus Frankfurt, Berlin, Münster etc. nach Essen fahren, weil sie das Stück unbedingt sehen möchten und danach miteinander sprechen wollen.

Ellen, 35 Jahre alt – Angestellte, Heilpraktikerin und Mutter – Nebenberuf: unabhängige Sexdienstleisterin in Köln.

Nina, 32 Jahre alt- Sexdienstleisterin in Duisburg, Camsex, Telefonsex, Fetisch-Erotik, Escort

 

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3 Kommentare

  1. #1 | LabourNet Germany: Treffpunkt für Ungehorsame, mit und ohne Job, basisnah, gesellschaftskritisch » Sexworker Day: “Die “Aura” des Verbotenen halte ich eher für einen Mythos.” sagt am 4. Juni 2013 um 09:56 Uhr

    […] Der 2. Juni ist Internationaler Sexworker Tag – und das Thema Prostitution ist unabhängig davon wieder stark präsent. Zwei Sexarbeiterinnen berichten über ihre Arbeit, Vorurteile, Zwangsprostitution und den neu aufgekommenen Puritanismus. Das Interview wurde via Mail von Stefan Laurin auf Ruhrbarone vom 02.06.2013geführt […]

  2. #2 | Hinweis sagt am 4. Juni 2013 um 18:26 Uhr

    Ein Artikel der Bochumer Stadt- und Studierendenzeitung (:bsz) über die Titelgeschichte des Spiegels vom 27. Mai und die Stellungnahme der Prostituiertenorganisation Doña Carmen e.V. zu diesem:
    Der Spiegel macht Stimmung gegen Prostitution. „Bordell Deutschland“
    https://www.bszonline.de/artikel/%E2%80%9Ebordell-deutschland%E2%80%9C

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