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Sprechakte können keine Chips besorgen

Chip Foto: Xoneca Lizenz: Gemeinfrei

Die Corona-Pandemie klingt ab, im nächsten Frühling könnte sie beendet sein. Doch die erhoffte Rückkehr zur alten Normalität wird es nicht geben: Mit einer um sich greifende Energiekrise und das immer spürbarere Reißen der globalen Lieferketten steht die Gesellschaft vor realen Problemen, die zum Handeln zwingen und die identitären Nonsensmaschinen von links und rechts ins Abseits drängen könnten. So könnten Krisen zu Chancen werden.

In immer mehr Fabriken stehen die Bänder still, weil  Chips fehlen. Der von Donald Trump begonnene Handelsstreit mit China und die Lockdowns in Industriebetrieben, mit denen vor allem in Asien die Corona-Pandemie bekämpft wurde, haben zu Produktionsausfällen in der Chip-Industrie geführt. Auch wer einen Computer kaufen will, muss eventuell länger als üblich warten. Die deutsche Aluminiumindustrie hat derweil die Bundesregierung um Hilfe gebeten: China liefert wegen Energieknappheit kein Magnesium mehr, das einer der wichtigsten Grundstoffe für die Aluminiumproduktion ist. Die Lager sind bald leer, auch in dieser Branche droht Stillstand. Holz und Papier werden knapp, wer es nicht glaubt sollte sich mit einem Schreiner unterhalten. Wem in diesem Winter die Gas- oder Ölheizung kaputt geht, kann nicht mehr damit rechnen, dass sie schnell repariert werden können. Auch hier fehlen Bauteilen. Die Preise für Öl und Gas gehen durch die Decke und klügere Grüne wie Ralf Fücks, der ehemalige Vorsitzende der Heinrich-Böll-Stiftung beginnen darüber nachzudenken, ob es wirklich eine gute Idee ist, ausgerechnet jetzt die letzten verbliebenen Kernkraftwerke abzuschalten.

Nach der „neuen Normalität“ der Pandemie werden wir nun eine „neue Normalität“ der Knappheit erleben: Produkte können nicht mehr gekauft werden, weil sie nicht verfügbar sind und nicht, weil man sie sich nicht leisten kann. Kaum jemand der nicht aus der DDR stammt, wird sich an solche Verhältnisse erinnern können. Und bald wird auch der Strom nicht mehr sicher aus der Steckdose kommen. Und wenn, wird er für viele Menschen und Unternehmen nicht mehr zu bezahlen sein.

Die Politik steht damit vor realen Problemen, die sie schnell in den Griff bekommen muss, wenn sie größere gesellschaftliche Verwerfungen oder Konflikte verhindern möchte. Damit kehrt die Realpolitik auf die Bühne zurück: Sie muss dazu beitragen, dass die Versorgung der Menschen mit preiswerter Energie ebenso gesichert ist wie mit Waren. Und auch, dass nicht dauerhaft ganze Industriezweige stillstehen, was Arbeitslosigkeit und Armut zur Folge hätte. Und dann sind da natürlich noch die Digitalisierung und der Dekarbonisierung, die ebenfalls schnell angegangen werden müssen. Die Welt zitierte vor ein wenigen Tagen den Soziologe Andreas Boes vom Bayerischen Forschungsinstitut für Digitale Transformation (BIDT): „Die deutsche Wirtschaft wird maximal fünf Jahre Zeit haben, um die Weichen zu stellen mit Blick auf die Einhaltung der Pariser Klimaziele und auf die Herausforderung der Digitalisierung. Wenn uns das nicht gelingt, geraten wir in eine Abwärtsspirale, aus der wir meiner Meinung nach nicht mehr herauskommen.“

Die Herausforderungen sind groß, aber sie sind zu bewältigen, wenn Wissen und Technik konzentriert eingesetzt werden und die Politik sich auf die Lösung der drängenden Probleme konzentriert. Und hier kommt die gute Nachricht: Die Identitätspolitik von Links- und Rechts, die ganze postmoderne Nonsens-Maschine, wie der britische Philosoph Roger Scruton dieses Theoriebündel nannte, hat nicht nur keine Antworten auf die drängenden Fragen, die Protagonisten sind schlicht nicht in der Lage sie überhaupt als wichtig zu erkennen.

Man mag in diesen Kreisen davon überzeugt sein, mit einem schlichten Sprechakt, also einer mehr oder weniger überzeugend vorgetragenen Aussage, sein Geschlecht ändern zu können. Aber Chips lassen sich so wenig über Sprechakte herzaubern wie Strom oder Gas. Und wer vor leeren Regalen steht oder sich Sorgen um seinen Job macht, wird wenig Interesse daran haben, sich mit drolligen Problemen wie Fatshaming oder der neuesten, hippen Minderheit zu beschäftigen, die irgendwie darunter leidet, nicht sichtbar zu sein.

Auch die linksradikalen Aktivisten die gemeinsam mit Immobilienbesitzern gegen fast jeden Wohnungsneubau, jedes Gewerbegebiet und jede Stromleitung kämpfen, dürften bald als skurriles Phänomen aus einer Zeit erscheinen, als man keine richtigen Probleme hatte, sondern sich den Luxus erlauben konnte, irgendwie betroffen zu sein.

Auf der rechten Seite sieht es nicht anders aus. Martin Sellner träumt in der Sezession von einer Art Neuauflage  der national-befreiten Zonen im Osten, die ohne Strom und in einem armen Land auch nicht allzu attraktiv sein werden. Versorgungssicherheit und Wirtschaftsfragen kommen in der Welt die rechten Identitätspolitiker nicht vor. Fehlen, wie in Großbritannien, LKW-Fahrer, stellt sich niemand mehr die Frage, ob die lieber einen polnischen Boretsch essen statt einem Fleischkäse. In diesem Kreisen jammert man lieber darüber, dass die AfD in den vergangenen Jahren nicht genug Geld weitergeleitet hat. Dass man für Geld arbeiten kann, ist auch in den Kreisen rechter Schmarotzer weitgehend in Vergessenheit geraten.

Es mag den Identitären von rechts und links gelingen, sich dann und wann Protesten anzuschließen, aber ihre Themen und Thesen sind dabei jede Anschlussfähigkeit zu verlieren. Realpolitik ist Politik der demokratischen Mitte: Wirkliche Menschen, ihre Probleme und nicht Empfindlichkeiten stehen in ihrem Zentrum. Die Krisen könnten also einen angenehmen Nebeneffekt haben: Die Zerstörung der Nonsensmaschinen.

 

 

 

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8 Kommentare zu “Sprechakte können keine Chips besorgen

  • #1
    ccarlton

    Na und? In ein paar Jahren sollen sowieso keine alltagstauglichen Autos mehr in diesem Land gebaut werden. Oder sonst irgendwas, wenn der Strom weiterhin immer teurer und knapper wird. Ob der wirtschaftliche Absturz ein paar Jahre früher oder später kommt spielt keine Rolle.

  • #2
    Thomas Schweighäuser

    Kommt die Krise, darf nicht daran gedacht werden, dass sie auch die Verhältnisse beenden könnte, die sie hervorgebracht haben, ach was! Das "weiter so!" wird zur nationalen Aufgabe und das Hufeisen bestimmt das Denken: Es muss endlich Schluss sein mit rechtem wie linkem Identitätsdenken, die Äquidistanz zu Nazis und zu den Menschen, die von Nazis verfolgt werden, muss unbedingt gewahrt werden.
    Nicht berücksichtigt wird dabei, dass in einer Krise Antisemitismus und Rassismus als Bewältigungsstrategien propagiert werden, dass die "neuesten, hippen Minderheiten" oft genug die alten Minderheiten sind und dass es sie vielleicht schützt, in ihrer Identität sichtbar zu sein. Wer Atomkraftwerke für die einzige bedrohte Minderheit im Land hält, hat die Solidarität mit den Opfern von Antisemitismus und Rassismus bereits aufgekündigt.

  • #3
    sneaking_beauty

    Immer diese düster-apokalyptischen Bedrohungsszenarien… Das mit den Stromausfällen wird nun schon seit 10 Jahren behauptet, faktisch ist das bisher nicht eingetreten. Halte ich für unnötige Panikmache.

    Auch wenn ich mich wiederhole: die postmodernen Theoretiker haben die Welt nicht neu erfunden, sondern eine sich veränderne Welt beschrieben (Stichwort: "neue Unübersichtlichkeit"). Scruton war ein ultrakonservativer Ideologe und fühlte sich vermutlich von Lyotards "Ende der großen Erzählungen" persönlich angegriffen, weil es damit ja auch um seinen Lehrstuhl ging. Und wenn einem die Anliegen von "neuen, hippen Minderheiten" egal sind, liegt das vielmehr daran, dass man selbst zur Mehrheit gehört und daher Diskrminierung nicht persönlich erfahren hat. Den Einsatz für Minderheiten auf eine Ebene mit Leuten wie Sellner zu setzen, ist dreiste Verleumdung und verharmlost rechtsradikale Gewalt.

    "Und auch, dass nicht dauerhaft ganze Industriezweige stillstehen, was Arbeitslosigkeit und Armut zur Folge hätte. Und dann sind da natürlich noch die Digitalisierung (…) die ebenfalls schnell angegangen werden müssen"

    Erkennen Sie den Widerspruch? Die Digitalisierung wird mehr Arbeitsplätze gefährden als der Atomausstieg, den man im übrigen leicht durch Umschulungen auf Arbeitsplätze in den neu entstehenden Industrien für erneuerbare Energien auffangen kann. (Ich kenne übrigens Leute, die in Atomkraftwerken gearbeitet haben und, nun ja, arbeitsschutzmäßig ist das nicht die beste Wahl. Mit Kinder zeugen sieht es bei einer solchen Tätigkeit jedenfalls schwierig aus. Das sollten die Atom-Groupies auch mal erwähnen.)

  • #4
    thomas weigle

    Seit ich mich für Politik interessiere,verging kaum eine Woche, in der nicht irgndwer irgendwo den baldigen Untergang unseres schönen Landes aus diesen oder jenen Gründen menetekelte. Wir leben noch und das nicht schlecht. Ach ja, habe ich nicht just gelesen/gehört, dass der RWE-Chef einen früheren Kohleausstieg für möglich hält?

  • #5
    paule t.

    Und, aus beliebigem Anlass, der nächste Angriff, gegen die Lieblingswindmühlen des Don Quixote der Ruhrbarone.

    Dieser Artikel besorgt übrigens auch keine Chips. Wie – das haben Sie auch nicht behauptet? Genau.

  • #6
    Ingrid Koch

    Borretsch ist ein Raublattgewächs und wesentlicher Bestandteil der Frankfurter Grüne Soße. Es ist kein polnisches Gericht.

  • #7
    Arnold Voss

    Könnte es sein, dass keiner der Kommentatoren hier, mich eingeschlossen, im produzierenden Gerwerbe arbeitet, bzw. dort Verantwortung trägt? 🙂

  • #8

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