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Steag: Aus der Traum vom volkseigenen Energieriesen

Steag Foto: Steag

Vor zehn Jahren kauften Städte aus dem Ruhrgebiet den Energieversorger Steag. Die meisten würden es gerne wieder loswerden, aber im Moment gilt das Unternehmen als unverkäuflich. Nun soll es saniert und vielleicht zerschlagen werden. Auch Insolvenz wird nicht ausgeschlossen.

Immer wieder hohe Verluste, Abschreibungen und Personalabbau: Das Essener Energieunternehmen Steag gehört zu den Opfern der Energiewende. Nun suchen die Städte, die das Unternehmen 2010 von Evonik kauften, den Ausstieg aus der Misere. Die damalige Nummer fünf der Versorger hatte den größten Anteil an Kohlestrom aller Stromhersteller. Als die Städte Bochum, Dinslaken, Dortmund, Duisburg, Essen und Oberhausen beschlossen, das Unternehmen für 1,2 Milliarden Euro von Evonik zu kaufen, war die Euphorie noch groß. Zwar sahen die Beteiligten schon damals, dass die Energiemärkte im Umbruch waren, aber, sagte der Chef eines Ruhrgebietsstadtwerks im Dezember seinerzeit der Welt am Sonntag, die Entwicklung der kommenden 20 Jahre könne er überschauen. Eine etwas zu optimistische Einschätzung. 2011 beschloss die Bundesregierung neben dem Ausstieg aus der Kernenergie auch den beschleunigten Ausbau der erneuerbaren Energien. Damit kündigte sich das Ende der Kohleverstromung an, dessen endgültiges Aus bis spätestens 2038 dann im Sommer 2020 von Bundestag und Bundesrat beschlossen wurde. Da war die Begeisterung der Städte jedoch schon lange verflogen. Der Plan, die Steag über Schulden zu kaufen, die das Unternehmen dann abbezahlen muss, um sich später dann an den Gewinnen zu erfreuen, war nicht aufgegangen. Zwischen 2017 und 2019 mussten die Stadtwerke auf die Steag-Dividende verzichten. Der Umsatz des Unternehmens sank zwischen 2006 und 2019 von fünf auf 2,1 Milliarden Euro. 2019 begannen die ersten Städte nach einem Käufer für ihre Anteile zu suchen. Vergeblich. Da die Dortmunder Stadtwerke nicht verkaufen wollten und sie aufgrund der Verträge nach Informationen dieser Zeitung ein überproportional großes Mitspracherecht behalten hätten, fand sich kein Investor.

Nun soll die 2007 gegründete RAG-Stiftung helfen. Die Stiftung hat die Aufgabe, die Ewigkeitskosten des Bergbaus zu finanzieren. Dazu gehören die Pumpen, die dafür sorgen, dass Städte wie Gelsenkirchen nicht im Wasser versinken. Große Teile des Ruhrgebiets sind durch den Bergbau so tief abgesackt, dass sie unterhalb der Grundwasserspiegels liegen.

Um das Geld für die Ewigkeitskosten zu finanzieren, ist die Stiftung an zahlreichen Unternehmen beteiligt. Evonik, die alte RAG, gehört zu fast 60 Prozent der Stiftung, aber auch am Immobilienunternehmen VIVAWEST und mehreren Mittelständlern besitzt sie Anteile.

An der Steag beteiligen wird sich die RAG-Stiftung nicht. Sie braucht für die Erfüllung ihrer Aufgaben sichere Einnahmen und kann ihr Kapital nicht für die Sanierung angeschlagener Unternehmen wie der Steag riskieren. „Wir stehen in Gesprächen mit der Steag“, sagt Stiftungssprecherin Sabine Manz. Die RAG-Stiftung habe eine lange Erfahrung mit Beteiligungsgesellschaften, eine Treuhandlösung sei denkbar.

Auf dieses Modell haben sich nach Informationen dieser Zeitung alle Städte eingelassen. Dabei käme der Stiftung die Aufgabe zu, sich die Steag genau anzuschauen: Welche Bereiche lassen sich verkaufen, welche haben keine Chance zu überleben und gibt es Unternehmensteile, die Kern einer Rest-Steag sein könnten? Neben Kohlekraftwerken in Deutschland, die das Unternehmen wegen seiner Bedeutung für die Versorgungssicherheit zum Teil auf Geheiß der Bundesnetzagentur gegen seinen Willen im Stand-by-Modus weiterbetreiben muss, verfügt das Unternehmen über durchaus attraktive Besitz: Kohlekraftwerke in der Türkei, Kolumbien und auf den Philippinen, die Ingenieurdienstleistungstochter Steag Energy Services, oder Steag New Energies, wo man sich um Wind, Sonne und Fernwärme kümmert.

Schon in der kommenden Woche könnte die Entscheidung fallen, ob die RAG-Stiftung als Treuhänder bei der RAG-Stiftung aktiv wird. Aber egal, was sie in diesem Fall am Ende vorschlägt, alle an der Steag beteiligten Städte müssen zustimmen. Der Druck, das zu tun, ist allerdings hoch. Aber nicht alle Kommunen bereit, im Falle einer wirtschaftlichen Notlage das Unternehmen zu stützen. Kommt man inhaltlich nicht zusammen und findet keine Lösung für das Krisenunternehmen, wird eine Insolvenz im schlimmsten Fall nicht kategorisch ausgeschlossen. Aus dem Traum vom großen, volkseigenen Energieriesen sind die Ruhrgebietsstädte längst aufgewacht.

Der Artikel erschien in einer ähnlichen Version bereits in der Welt am Sonntag

 

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4 Kommentare zu “Steag: Aus der Traum vom volkseigenen Energieriesen

  • #1
    Otto Maier

    Kleine Korrekturen:
    "Um das Geld für die Ewigkeitskosten zu finanzieren, ist die Stiftung an zahlreichen Unternehmen beteiligt. Evonik, die alte RAG, gehört zu fast 75 Prozent der Stiftung, aber auch am Immobilienunternehmen VIVAWEST und mehreren Mittelständlern besitzt sie Anteile."

    Laut eigener Information von Evonik sind es nur noch 58,9%.
    https://corporate.evonik.de/de/investor-relations/aktie/aktionaersstruktur

    Und die Steag ist nicht von der RAG verkauft worden, sondern von der Evonik Industries AG ( als Evonik Steag GmbH) siehe auch den Wikipedia Eintrag zur Evonik.

  • #2
  • #3
    Otto Maier

    @Stefan Laurin: Meine zweite kleine Anmerkung hast du (noch) nicht geaendert, da im Text immer noch " , das Unternehmen für 1,2 Milliarden Euro von der RAG zu kaufen" steht, was so nicht ganz richtig ist.

    Evonik hat damals auch die Steag von der RAG bekommen, um mit ihren Gewinnen die Ewigkeitskosten zu decken (Neben Wohnungen, ….)
    Spaeter hat sich dann Evonik nur noch auf die Spezialchemie konzentriert, weil ein Mischkonzern an der Boerse nicht so gut/hoch bewertet wird wie ein reiner Chemie-Konzern [in Ihrer Sichtweise]. Und aus diesem Grunde wurden dann (fast) alle Randaktiviaeten verkauft.

  • #4
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @Otto Maier: Jetzt aber 😀 Gründe die Steag zu verkaufen war auch der hohe Preis und die schlechten Prognosen über die Zukunft des Unternehmens. Dass es politisch in Richtung Energiewennde ging, war doch schon 2010 klar – und auch, was das für einen Kohleverstromer bedeuten wird.

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