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Systemrelevant sind wir alle

Systemrelevanz (Symbolbild)
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Systemrelevant: Das sind alle Berufstätigen in einer arbeitsteiligen und auf freiwilligen Kaufentscheidungen basierenden Volkswirtschaft. (Symbolbild)

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Systemrelevant: Das sind alle Berufstätigen in einer arbeitsteiligen und auf freiwilligen Kaufentscheidungen basierenden Volkswirtschaft. Warum aber sind die Löhne im Gesundheitssektor so niedrig? Ein Gastbeitrag von Kalle Kappner.

Derzeit ist viel von „systemrelevanten Berufen“ die Rede, von LKW-FahrerInnen, KrankenpflegerInnen und SupermarktkassiererInnen, die in Krisenzeiten „den Laden am Laufen halten“. Mancherorts erhalten sie abends Applaus vom Balkon, in der Bild setzt man ihnen täglich ein Denkmal, und auf Facebook kursieren ihnen gewidmete Dankesbildchen. Ein systemrelevanter Pfleger merkte dazu kürzlich an: „Hört auf zu klatschen, bezahlt uns lieber besser!

Nicht ohne Grund: In den „systemrelevanten Berufen“ (von Ärzten einmal abgesehen) ist das Lohnniveau weit unterdurchschnittlich.

Ja, auch die verhassten Finanzmanager sind systemrelevant

Ich finde den Begriff „systemrelevant“ in diesem Zusammenhang irreführend. Relevant für unsere Volkswirtschaft sind all die in diesen Berufen Tätigen sicherlich, aber das gilt ebenso für Millionen andere Berufstätige, die derzeit entweder im Home Office weiterarbeiten oder ohnehin keinen direkten Kontakt mit dem Endverbraucher haben. Um bei der Güter-, Lebensmittel- und Gesundheitsversorgung zu bleiben: Ohne Logistik- und Verwaltungsfachkräfte, juristisches Personal, ja selbst ohne die verhassten Finanzmanager und Banker brechen diese Sektoren ebenfalls zusammen. Deren Beiträge sind im Alltag weniger offensichtlich, aber „systemrelevant“ sind sie ebenfalls. 

Was die ganz oben genannten Berufsgruppen derzeit auszeichnet, ist, dass sie in täglichem Kontakt mit „Kunden“ sind (also wahrgenommen werden) und tätigkeitsbedingt nicht im Home Office arbeiten können. Das bringt besondere Ansteckungsrisiken mit sich und rechtfertigt Anerkennung, hat aber wenig mit „Systemrelevanz“ zutun. In einer arbeitsteiligen und auf freiwilligen Kaufentscheidungen basierenden Volkswirtschaft ist (fast?) jedeR Berufstätige in irgendeinem Sinne „systemrelevant“, sonst wäre er/sie nicht in diesem Berufsfeld tätig.

Der Impuls ist nachvollziehbar

Man sollte daher vorsichtig sein, die Forderung nach höheren Löhnen mit Systemrelevanz zu begründen. Der Impuls ist nachvollziehbar: Viele Menschen wünschen sich intuitiv, dass die Lohnverteilung so etwas wie „Relevanz“ oder „Nützlichkeit“ widerspiegelt, und wann sollten diese sichtbarer sein als in Krisenzeiten? Das Problem ist, dass solche Einschätzungen sehr subjektiv sind. 

Ich halte z.B. die akademischen Studien von Seuchen- und Epidemiehistorikern für sehr relevant und nützlich (und bin bereit, viel Geld für diese Dienstleistung auszugeben), aber viele meiner Nachbarn sehen das wahrscheinlich anders. Um trotzdem auf einen gemeinsamen Nennern zu kommen, sollten wir weiterhin versuchen, die Lohnfindung durch Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt statt Diskurse über „Systemrelevanz“ zu organisieren.

Mich würde aber interessieren: Weshalb sind KrankenpflegerInnen (und ähnliche Berufe) eigentlich verhältnismäßig schlecht bezahlt? Dort herrscht doch eine große Nachfrage nach Personal, und mit der Alterung und Expansion des Gesundheitssystems wird die Nachfrage in Zukunft noch wachsen. Wieso scheinen die Löhne kaum zu steigen, so wie wir das in einem gut funktionierenden Arbeitsmarkt eigentlich erwarten sollten?

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6 Kommentare zu “Systemrelevant sind wir alle

  • #1
  • #2
    DocRock

    Spargelstecher jetzt auch systemrelevant!!! 😀

    "Die EU-Kommission hat die Mitgliedstaaten dazu aufgefordert, die Freizügigkeit von Saisonarbeitskräften während der Corona-Krise nicht einzuschränken. Die Einführung von Grenzkontrollen zur Eindämmung der Pandemie sei "verständlich", erklärte die Behörde. "Doch müssen systemrelevante Arbeitskräfte ihr Ziel trotzdem unbedingt ohne Zeitverlust erreichen können." Erntehelfer müssten in der Krise als systemrelevant eingestuft werden."
    Quelle: Liveblog zum Coronavirus der Tagesschau; Eintrag um 14:38h

  • #3
    paule t.

    Zitat: "Wieso scheinen die Löhne kaum zu steigen, so wie wir das in einem gut funktionierenden Arbeitsmarkt eigentlich erwarten sollten?"

    Vielleicht – nur so als Gedanke – weil die "Lohnfindung durch Angebot und Nachfrage" eben nicht so gut funktioniert, wie man das gerne hätte?

  • #4
    Jürgen Siegert

    Da sind wir wieder beim Grundproblem. Ohne existenzsicherndes Grundeinkommen das jeder bekommt, gibt es auch keinen richtigen Arbeitsmarkt. So mit Lohnangebot und Nachrage nach Arbeit

  • #5
    Thomas Weigle

    Es geht doch nicht nur ums Spargelstechen.Ein Großteil der gesamten Ernte wird von ausländischen Erntehelfern eingebracht, bzw sind bei der Aussaat nötig, wie bspw. im Hopfenanbau!!!! Letzteres konnte man letzt der ebenso amüsanten wie informativen Sendung "quer" des BR entnehmen.

  • #6
    Helmut Junge

    @paule t., so ist es. Viele Kliniken wurde geschlossen. Da überwiegt die Angst vor der Arbeitslosigkeit.
    In solchen Zeiten kämpfen nur wenig Beschäftigte um mehr Lohn. Aber jetzt werden diese Menschen wieder massiv gebraucht. Jetzt fällt auf, daß sie Großes für wenig Bezahlung leisten. Früher ist das kaum jemanden aufgefallen.

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