Alles außer Pop – The Cure VI – The Top

Vielleicht ist The Top das unterschätzteste aller Cure-Alben. Ich habe es jedenfalls nie in irgendwelchen Besten-Listen gesehen. Die Leute schätzen entweder “die alten Sachen” oder die Disintegration. Oder vielleicht, wenn sie die poppigere Seite mögen, The Head On The Door.
Wenn man der Erzählung folgt, nach der The Cure mit Lovecats und Japanese Whispers poppig und tanzbar geworden sind, wenn man dann noch die Leichtigkeit von The Head On The Door im Kopf hat, dann kann man schnell glauben, The Top wäre nur ein etwas untergegangener Zwischenschritt auf diesem Weg. Ist da nicht The Caterpillar drauf und dann bestimmt noch mehr in der Richtung?

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Alles außer Pop – Cattle Decapitation

Ach du meine Güte. Ach. Du. Meine. Güte.

Ja, auch schon auf ihrem Vorgängeralbum „Anthropocene Extinction“ von 2015 thematisierten Cattle Decapitation das menschengemachte Ende der Welt technisch brillant, frei von Genregrenzen und voller musikalischer Gewalt. Allerdings scheinen sie zwischenzeitlich in einen Öltanker voller Zaubertrank gefallen zu sein und entschieden zu haben, das Experiment noch einmal unter Anwendung ihrer mittlerweile erworbenen übermenschlichen Kräfte zu wiederholen. „Death Atlas“ nennt sich das Ergebnis.

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Alles außer Pop – verwirrt vom Shining

Kennen Sie das Gefühl, wenn man ein Glas zum Mund führt und man rechnet, sagen wir, mit alkoholfreier dunkler Weiße, aber es ist Cola? Okay, ich trinke echt gerne alkoholfreie dunkle Weiße, wohingegen ich die schwedische „Black Metal“ „Band“ (ja, das muss beides in Gänsefüßchen) Shining ohnehin schon skeptisch sehe. Ich fand die Musik zu Zeiten von „Darkness Redefined“ ehrlich gesagt nicht schlecht. Ich habe durchaus ein Herz für progressiven Ambient Black Metal, auch wenn das natürlich gar nicht trve ist oder so.

Ob es trve ist, den 15-jährigen Fans Rasierklingen auszuhändigen, weil man Suizid glorifiziert, lässt sich unter dem Aspekt der Künstlerfreiheit genauso betrachten wie unter dem von Jugendschutz. Als jemand, dessen Beruf es ist, Leuten wieder Hoffnung auf das Leben zu machen, zuckt mir da jedenfalls die Faust in der Hosentasche.

Aber allzu lecker war das Shining-Bier zuletzt ohnehin nicht mehr, denn die Zielgruppe der Teenager verlangte offensichtlich nach immer mehr Zuckerzusatz. Das BM-Reinheitsgebot galt ja sowieso nie für Shining (Schweden! Bitte merken), aber die jüngsten Veröffentlichungen waren eher Malzbier als Weizen.

Bloß, als ich dann bei Spotify ein neues Shining-Album sah – zugegebenermaßen schon etwas misstrauisch ob des knallbunten Tiger-Covers, aber immerhin in der Rubrik Metal – da hatte ich plötzlich Bubble-Tea im Mund. So richtig mit Schlumpf-Aroma, Giftfarbe und Gelatine-Kügelchen. Irgendwo in dem pop-bunten Synthesizer-Gemisch gab es auch sterile Gitarren, langsam war das auch nicht und mit viel Fantasie hätte das vielleicht der Kitsch-Teil einer besonders unerträglichen Variante von Kommerz-Djent sein können, bevor wieder was Härteres kam. Sollten so jetzt also Shining klingen? Wie Bon Jovis jüngster Sohn nach einer Silikon-Implantation? Was zum Leibhaftigen war da in meinem Ohren?

Die Recherche erleichtert einem die Frage nicht sofort, kann unter Shining doch sowohl ein schwedischer Black-Metaller firmieren, als auch ein Norweger (halt das mal einer auseinander), der mal bei Emperor gespielt hat. Der schwedische und der norwegische Black-Metaller sind aber zwei verschiedene Entitäten und wenn man dann liest, das letzter auch bei den genialen Jaga Jazzist gespielt hat und außerdem „Metal‘s chief saxophone-wielding renegade“ (Selbstbeschreibung) sein soll, dann fragt man sich, ob möglicherweise psychotrope Substanzen in dem Blubbertee waren.

Also, um das zusammenzufassen: „THE Shining“ sind irgendeine irrelevante Joe-Cocker-Lookalike-Band. Shining A) ist ein groupie-killender Jüngling mit HIM-Ambitionen und Shining B) ist ein versierter Multiinstrumentalist mit dem Ziel entweder sehr viel Geld in sehr großen Stadien mit glattpolierter Plastikmusik zu machen oder einfach unschuldige Hörer zum Erbrechen zu bringen.

Jetzt weiß ich jedenfalls, wie das Mikroplastik ins menschliche Blut gelangt.

Der Autor schreibt hier alle zwei Wochen über Musik. Über Musik redet er auch im Podcast Ach & Krach – Gespräche über Lärmmusik.

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Alles außer Pop – Slave to the Grind

Der Film “Slave to the Grind” läuft zur Zeit auf einigen Festivals und hier und da im Programmkino. Es handelt sich um eine Dokumentation über Grindcore. Sie kennen keinen Grindcore? Aber Sie kennen doch bestimmt die erste Napalm Death? Auch nicht? Also … Sie haben eine Waschmaschine und die läuft doch sicher manchmal im Schleudergang. Und Sie waren mal auf einem Bauernhof und haben gehört, wie sich die Schweine dort artikulieren. Nun bringen Sie beides zusammen: Grindcore.
Für jeden, der in dieser Musik mehr als das hört, ist der Film sehr aufschlussreich. So erfährt man, wie der typische Blastbeat entstanden ist, dessen synkopische Snare-Schläge eigentlich ein Trick waren, um mit der Hälfte der Anschläge die volle Geschwindigkeit spielen zu können. Man erfährt, wie Repulsion in den USA und Napalm Death in England Anfang der 80er Jahre den bestehenden Hardcore-Punk zu neuen Geschwindigkeitsgefilden getrieben haben und so ein ganz neues Genre erfanden. Wie sich die verschiedenen Spielarten (etwa Gore-Grind) entwickelten, wo überall auf der Welt Grindcore gespielt wird (überall) und dass es auch weibliche Grindcore-Bands gibt.
Viel Raum nimmt der Tod mehrer Protagonisten ein, etwa von Mieszko Talarczyk, Sänger der Band Nasum, der 2004 beim Tsunami in Thailand ums Leben kam. Oder der von Seth Putnam von der Band Anal Cunt, einem Provokateur vor dem Herrn, von dem die eine Hälfte der Zeitzeugen sagt, er sei völlig gestört gewesen, während die andere ihn privat eigentlich als ganz normal empfunden hat.
Viele Momente sind lustig, z.B. wenn Tim Morse von Anal Cunt erzählt, wie er seiner Mutter die neue Band vorgestellt hat, samt ihrer ganzen Obszönität, und einfach nichts und wieder nichts als Argument vorbringen konnte, wieso man so eine Band gründen wollen sollte. Wie die meisten Herrschaften in dem Film ist Morse ein äußerst sympathischer, intelligenter Typ und es wäre eine nähere Betrachtung wert, warum nette und aufgeweckte Leute eigentlich so eine Freude daran haben, derartige Primitivität zu vertonen.
Wie heutzutage üblich ist alles schnell geschnitten, mit vielen kurzen Statements, vielen Bildern und wenig Ruhemomenten. Das könnte man natürlich auch als Parallele zur vorgestellten Musik interpretieren, aber so extrem ist es nun doch wieder nicht. Ich hätte mir den Mut gewünscht, einfach mal ein ganzes Stück einer Band zu spielen (so lang dauernd Grindcore-Lieder nun wirklich nicht) und darauf zu vertrauen, dass die Zuschauer auch mal mehr als 30 Sekunden bei einer Sache bleiben können.
Der Film ist trotzdem empfehlenswert, präsentiert eine bemerkenswerte Fülle an Material, an Zeitzeugen, Bildern und Skurilitäten. Für Freunde dieses Genres ein Muss, für Menschen, die sich für einen Blick in eine fremde Welt offen zeigen, ein Anlass zum Wundern.

Der Autor schreibt hier alle zwei Wochen über Musik. Über Musik redet er auch im Podcast Ach & Krach – Gespräche über Lärmmusik.

Alles außer Pop – Au, Au, Autotune

Im Neo Magazin Royale war kürzlich eine junge Frau am Mikrofon und durfte zur Musik des Rundfunktanzorchesters Ehrenfeld singen. Ihr zuliebe war der musikalische Anteil der Sendung deutlich länger als sonst. Es wäre unfair, ihr zu unterstellen, dass sie diese Ehre nur hatte, weil sie blond und gutaussehend war. Aber ob sie wegen ihrer Gesangsqualitäten auftreten durfte, lässt sich nicht sagen.

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Alles außer Pop – Rollator Rock Rebellion

Die neue SUICIDAL TENDENCIES („Get Your Fight On“) ist schon ein paar Monate alt, aber ich bin eben auch nicht mehr der Schnellste. Außerdem ist diese Platte gar kein Album, sondern laut Selbstauskunft eine 10-Song-EP. Das ist ungefähr so gaga, wie die Tatsache, dass das angekündigte nächste Album („Still Cyco Punk After All These Years“) so heißt, als wäre es ein Remake des Klassikers „Still Cyco After All These Years“, tatsächlich aber ein Remake von Mike Muirs Solo-Debut „Lost My Brain“ ist.

Normalerweise suche ich ja lieber nach neuen Bands, als mich durch die Spätwerke abgetakelter Legenden zu quälen. Aber bereits die letzte BODYCOUNT hat mich vollends überrascht und mit der neuen SUICIDAL ist es dasselbe Spiel.

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Alles außer Pop – Grüner Druide mit Bong

Im Bermudahosendreieck zwischen Stoner Rock, Sludge und Doom treiben nicht nur jede Menge Kapuzenpullis, Bundeswehrrucksäcke und aufgeweichte Longpapers, sondern auch diverse Bands mit Namen wie Bongzilla, Weedeater oder Bongripper. Und was für ein Chlorophyll-Miraculix das ist, der für Green Druid Pate steht, auch das kann man sich denken.

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Alles außer Pop – Coltrane kocht mit Wasser (aber lecker)

Es ist zwar erfreulich, aber keine umwerfende Überraschung, wenn ein neues Coltrane-Album herauskommt. Selbst bei Musikern, die eine kürzere Schaffensphase hatten, erscheinen postum immer wieder neue Platten und Coltrane hat wahrscheinlich mehr musiziert als jeder andere Mensch. Er soll ja sogar in den Pausen zwischen zwei Auftritten in der Garderobe weiter geprobt haben.

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Alles außer Pop – Sind Schallplatten Lebewesen?

Na klar. Platten sind Individuen, mit einer Geschichte, einem Charakter, Stärken und Schwächen. Das gilt ganz besonders für gebrauchte Platten. Ich habe zwei große Strömungen in meiner Sammlung: Neues Vinyl mit Gitarrenmusik und gebrauchte Jazz-Platten. Natürlich gibt es auch Ausreißer. Aber zumeist kaufe ich Musik aus dem Metal-, Hardcore- und Etcetera-Bereich frisch beim Mailorder. Ich bin sowieso kein systematischer Sammler, der unbedingt alte Lücken füllen muss und dafür bei Discogs und Ebay Archäologe spielt. Aber neben den neuen Gitarrenalben kaufe ich Jazzplatten und da am liebsten Second-Hand.

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