Theater: Wenn man nichts zu sagen hat, spielt man vor einem leeren Saal.

Schauspielhaus Bochum Foto: Laurin


Die Theater öffnen und spielen wieder. Dass kaum jemand zuschauen wird, ist egal. 

Zu große Bescheidenheit gehört nicht zu den Dingen, die man den Freunden des Theaters vorwerfen kann: „Gerade in der Krise ist das Theater unverzichtbar. Wie keine andere Kunstform ist es trainiert, produktiv Routinen zu unterbrechen und einen Diskurs- und Möglichkeitsraum zu eröffnen, um Gesellschaft ästhetisch zu reflektieren und neu zu entwerfen“ schreiben Ulrich Khuon und Birgit Lengers auf den Seiten des Deutschen Kulturrats und dürften damit das Selbstbild vieler Theatermacher gut getroffen haben.

Ein solches Selbstbild ist für die Theater auch wichtig, denn Politiker müssen überzeugt werden, Geld bereitzustellen. Und so wechseln die propagierten Gründe, Geld zu geben, immer mal wieder, je nachdem, was die Politik gerade gerne hören will. Theater konnte schon revolutionär sein, den Patriotismus fördern, zur nationalsozialistischen Erziehung beitragen, die Wehrfähigkeit der Volksgemeinschaft stärken, den sozialistischen Menschen formen oder als weicher Standortfaktor Investoren anziehen. Und klar, gegen den Klimawandel wird es auch schon irgendwie helfen.

Das ist alles nicht mehr als Marketing. Und jetzt, wo die Theater während der Corona-Pandemie öffnen, wird das deutlich: Das Schauspielhaus Bochum wird zum Teil vor nur 57 Zuschauern spielen, in den Häusern in Essen und Duisburg werden es kaum mehr sein. Die Theater spielen, weil die Theater spielen wollen – Publikum brauchen sie dafür nicht, Geld und ein paar Kritiker reichen vollkommen aus. Deutlich wird, was die Hauptaufgabe des Theaters durch die Zeiten ist: Der Erhalt des Theaters. Debatten gehen von den aufgeführten Stücken seit Jahrzehnten nichts aus. Die Serie Holocaust zeigte, bis ins Detail gut recherchiert, einem Millionenpublikum 1979 die Verbrechen der Nazis an den Juden. Die Figur des Pflegers Mischa im der Schwarzwaldklinik veränderte das Image der bis dahin oftmals als Drückeberger verschrienen Zivildienstleistenden in den 80er Jahren und der erste Kuss zwischen zwei Männern im deutschen Fernsehen, damals zu sehen in der Lindenstraße, sorgte für mehr Akzeptanz von Schwulen in der Gesellschaft.

Wer Debatten anstoßen will, um „Gesellschaft ästhetisch zu reflektieren und neu zu entwerfen“, braucht ein großes, ein sehr großes Publikum. Im Bereich der darstellenden Kunst bieten das Film und Fernsehen. Theater tun es nicht. Zwar liegen die Zuschauerzahlen insgesamt m Millionenbereich, aber sie verteilen sich auf hunderte Häuser mit hunderten Produktionen. Einzelne Stücke sehen, wenn sie nicht fürs Fernsehen aufgezeichnet werden, ein nur sehr überschaubares Publikum. Bücher, Artikel und YouTube-Videos erreichen, informieren und vor allem bewegen mehr Menschen.

Das Theater ist längst ein autopoietisches System: Es bezieht sich auf sich selbst und offenbar reicht ihm das vollkommen aus. Sonst würden die Intendanten nicht die Theater öffnen, sondern sich überlegen, wie sie in der Krise ein möglichst großes Publikum erreichen könnten: Jetzt im Sommer Aufführungen auf Open-Air-Bühnen, Produktionen extra für YouTube-Videos oder kleine Auftritte in Fußgängerzonen und Biergärten. Wenn man etwas zu sagen hat, geht man dorthin, wo die Menschen sind. Wenn man nichts zu sagen hat, spielt man vor einem leeren Saal.

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thomas weigle
thomas weigle
3 Jahre zuvor

Immerhin hat der WDR 1982 "Hohn der Angst" von Fo aus dem Schauspielhaus gezeigt. Habe ich immer noch auf Video. Große Klasse!!!

EinLipper
EinLipper
3 Jahre zuvor

„Gerade in der Krise ist das Theater unverzichtbar. Wie keine andere Kunstform ist es trainiert, produktiv Routinen zu unterbrechen und einen Diskurs- und Möglichkeitsraum zu eröffnen, um Gesellschaft ästhetisch zu reflektieren und neu zu entwerfen“
Diese Hybris ist typisch für solche Leute: Sie glauben ja sicher selbst nicht, dass irgendein Theater jemals "Gesellschaft neu entworfen" hätte, geschweige denn erfolgreich, aber man berauscht sich eher am Klang der Worte als an ihrem Inhalt.
Da ist es kein Wunder, dass besonders das Sprechtheater am liebsten unter sich bleibt, nur ein paar Hardcore-Fans und Kritiker sind gern gesehen, letztere sorgen dann für das "öffentliche" Echo, das wiederum den Fortbestand des ganzen sichert. Aber OK, das können wir uns leisten.

discipulussenecae
discipulussenecae
3 Jahre zuvor

Die deutsche Filmförderung gibt jedes Jahr hunderte von Millionen Euro aus, damit sich ein paar Zeit- und SZ-Abonnenten im Programmkino als Intellektuelle fühlen dürfen. Das ist genauso schwachsinnig!

Ruhr Reisen
Ruhr Reisen
3 Jahre zuvor

Wenn Ben Becker posaunt, dass die Fernsehfuzzis für Geld spielen dürfen und er nicht, hat er wohl die subventionierten Stadtheater vergessen mitsamt ihrem Apparat. Leider nur eine Hand voll Priviligierter, die sich selbst oft genug von ihren freien Kulturschaffenden-Kollegen/innen arrogant distanziert. Warum eigentlich?? Die Zeiten, dass breit öffentlich finanzierte Kultur und Kunst sich von ihren Steuerzahler/innen abheben, ist aber vorbei. Es ist Sommer – also bringt Eure Kunst auf die Straße zu jedermann/frau, der zuschauen will.

Ney
Ney
3 Jahre zuvor

Das Fernsehen entwickelt sich gerade in dieselbe Richtung. Hunderte von Serien und einzelnen Ferneh-Events, ungleichzeitiges Angucken bei den Streamingdiensten. Was stößt da noch Debatten an?

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