Thomas Gottschalk ist ein Meister im Unterbinden von Kommunikation

Thomas Gottschalk. Quelle: Wikipedia, Foto: Thomas Schmidt (NetAction), Lizenz: CC BY-SA 3.0

Zuerst habe ich mich, ehrlich gesagt, gefragt, ob Gottschalk etwas senil geworden ist. Da waren immer so seltsame Pausen. Es wirkte alles so asynchron. Vielleicht ist man aber auch einfach keine Pausen mehr gewöhnt, vielleicht ist Fernsehen heute so durchgetaktet, dass Gottschalks Timing einfach behäbig wirkt. Was jedenfalls wieder deutlich wurde: Gottschalk ist geradezu begnadet darin, Kommunikation zu unterbinden. Und das ist auch das Geheimnis seines Erfolgs.


Eine typische, frei erfundene, Wetten-dass-Sequenz geht ungefähr so:

Gottschalk: „Du bist ja auch jemand, der schon sehr lange im Geschäft ist, genau wie ich, wie ist das bei dir, kommen da manchmal auch Gedanken auf, dass du vergleichst, früher, heute, kommen dir da manchmal solche Gedanken, weil, es ist ja so, dass die jungen Leute vieles nicht mehr kennen …“
Gast: „Well, I think …“
Wird übertönt vom Übersetzer, man versteht beide nicht.
Übersetzer, soweit verständlich: „Ja, danke, ich muss auch sagen, es ist immer wieder so eine Sache … wo jeder … auch ich war natürlich lange Zeit …“
Gottschalk: „Und da kommen natürlich auch Gefühle auf, bei uns allen, ich denke, du Helene hast ja sicher auch Momente, oder Michelle, wie ist das bei dir, da hast ja jetzt Kinder?“
Michelle: „Ja, Kinder, sind einfach das größte Geschenk …“
Gottschalk: „Und das ist ja auch das Schöne an einer Sendung wie dieser, dass wir da zusammenkommen und jeder ist mit Leidenschaft dabei und das merkt man ja auch am Publikum, gerade hier in Nürnberg, bitte noch mal Applaus ..“
Publikum: Applaus

Was Gottschalk macht, ist die Simulation eines Gesprächs, vielleicht sogar dessen aktive Zerstörung. Er hält einen Strom sprachlicher Äußerungen im Gang, die stets im Vagen bleiben. Konkrete Aussagen, klare Meinungen, Details sind unerwünscht. Und das dürfte auch der Schlüssel zu seinem Erfolg sein. Niemand guckt Wetten-Dass-?, weil er oder sie eine Talkshow erwartet. Niemand soll vor dem Fernseher sitzen und sich ärgern, weil ihm eine Aussage nicht passt. Niemand soll das Gefühl haben, etwas nicht verstanden zu haben. Es gibt nichts zu verstehen. Das, was Gottschalk selbst absondert und seinen Gästen entlockt, ist wie der Soundtrack eines Films. Es vermittelt eine Stimmung und sonst nichts. Ein leerer Hotelflur kann im Film heiter oder bedrohlich wirken, je nach Musik. Und so, wie die Musik dem Film ein Gefühl verleiht, verleiht Gottschalk der Sendung eine Atmosphäre. Das Gefühl von etwas Großem, Unterhaltsamen, Wohlwollenden, etwas irgendwie Glamouröses, das aber zugleich nie abgehoben oder arrogant ist. Die Stars sollen als Menschen erscheinen, aber ohne uns mit irgendwelchen menschlichen Problemen oder eindeutigen Eigenschaften zu irritieren. Lanz war nicht ansatzweise in der Lage, diese Klaviatur zu spielen und das zeigt, dass es nicht um ein Sendungs-Konzept geht, nicht um die Wetten, nicht um die Stars, sondern lediglich darum, beim Zuschauer ein bestimmtes Gefühl auszulösen. Und umgekehrt erklärt sich, warum viele andere Formate und Auftritte vom Gottschalk weniger erfolgreich waren.

Das gesamte Werk ist vollkommen inhaltsleer und somit auch völlig irrelevant. Es ist einfach da und es ist (oder war) so erfolgreich, weil es eben für jeden funktioniert. Es ist der kleinste gemeinsame Nenner in Mammutgröße. Diffuse Provokationen stehen dazu nicht im Widerspruch. Gottschalk hat zwar von einem Shitstorm gesprochen und etwas gesagt, das irgendwie grob assoziativ als „genderkritisch“ gedeutet werden könnte, aber eigentlich hat er keine Aussage gemacht, die greifbar wäre und eine Auseinandersetzung ermöglichen würde. Und wenn er später mit einer Klobürste Segnungen verteilt, sieht man, dass es keinerlei ideologische Richtung bei seinen Witzen gibt, es werden einfach – häufig abgesprochen, manchmal spontan – Lustigkeiten verteilt, die nur Dur-Akkorde im heiteren Soundtrack sind.
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Vielleicht ist es daher auch doch seiner altersbedingten Langsamkeit geschuldet, dass es ihm nicht gelungen ist, die Kommunikation mit Klaas Heufer-Umlauf zu unterbinden. Der ist so schnell im Kopf, dass er in Gottschalks Pausen einfach ganze Sätze gesagt hat. Den Widerspruch zwischen inhaltslosem Fernsehen und Fernsehen mit einer Botschaft thematisiert hat. Ob das eine oder das andere „besser“ ist, ob irgendetwas davon überhaupt den Aufwand rechtfertigt, ob es ein Recht auf leere Unterhaltung gibt – darum soll es in diesem Beitrag nicht gehen. Wir wollen ja niemanden mit einer konkreten Meinung irritieren. Manchmal hat man eben auch keine.

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5 Kommentare

  1. #1 | Berthold Grabe sagt am 8. November 2021 um 12:41 Uhr

    Der Autor scheint mir etwas grundsätzliches nicht verstanden zu haben, wie übrigens die meisten Medienschaffenden heute.
    Ein Spielshow ist eine Unterhaltungssendung und Unterhaltung wird geboten, das ist nicht inhaltsleer, sondern nur der Transport von etwas, das der Autor für unbedeutend und inhaltleer hält, aber tatsächlich wesentlich wichtiger als alle Talkformate ist.
    Hier wird Unterhaltung angeboten, und deshalb kein Unsinn verbreitet, wie in den meisten Talk- und Meinungsformaten, die allesamt so schlecht recherchiert und dadurch selbstgebastelt interpretiert sind, das sie im Grunde nur als Fake News gelten müssen.
    Oh es ist meistens nicht möglich, die genannten Fakten zu widerlegen, aber sie sind fast immer so einseitig selektiert, das es zu Behauptung falscher Fakten kaum einen Unterschied macht.
    Das mag nicht immer Absicht sein, aber überschätzte eigenen Überzeugungen und Unwissenheit produzieren ähnliche Ergebnisse wie beabsichtigte Fehlinformationen.
    Gottschalk kennt seinen Auftrag, weshalb er völlig zu Recht alles meidet, was ohnehin nur eine Falschaussage sein kann. Etwas was der Eitelkeit eines Großteils seiner Kollegen völlig abgeht.
    Es ist nicht immer intelligent kritisch zu sein, heutzutage ist es sogar häufiger eine Ausweis von Dummheit, als viele wahrhaben wollen. Warum?
    Weil es eine stereotype Masche geworden ist, die eigene Wichtigkeit, Sinn und Bedeutungssucht zu befördern. Und diese Masche von jedem der drei Sätze richtig aufsagen kann mit den richtigen Stereotypen bedient werden kann.
    Es gibt virtuose Künstler die das völlig ohne Hirn hinbekommen bis in die höchsten Kreise und Ansprüche.

  2. #2 | Georg Hofrichter sagt am 8. November 2021 um 14:48 Uhr

    Ich mag Gottschalk nicht, aber dank der Intervention meiner Frau, haben wir uns diese Show angetan. Kleinlaut muss ich zugeben, dass ich mich auf triviale Art und Weise an diesem Samstagabend bestenes unterhalten fühlte. Ein entschleunigtes Format, in dem noch jedes Element seine Zeit hat. Genau diesen Umstand habe ich am meisten genossen. Für 3 Stunden gab es eine schöne, heile und ziemlich entspannte Welt, in die man sich geimsam flachsend und lächelnd fallen lassen konnte. Selbt der Toilettengang verlief ohne die Angst aufgrund der schnellen Taktung einer Sendung etwas wesentliches verpassen zu können.

    Wie auch immer, die Quote gibt ihm Recht.
    Und was wohl niemand erwartet hat ist die Tatsache, dass der Zuschaueranteil gerade bei den jungen Menschen unter 30 Jahren sehr hoch lag.

    Gute Unterhaltung muss nicht bedeutungsschwanger sein.

  3. #3 | per schulz sagt am 9. November 2021 um 15:31 Uhr

    haribo-werbeclip-niveau.
    erwachsene auf der suche nach der verlorenen kinderzeit. oder der geklauten.
    die industrie hat längst übernommen.
    erst mal mental stressen, später dann heilung anbieten.
    das bizarre:
    gottschlak war ursprünglich lehrer. eigentlich ist ja deren auftrag, kinder zu bilden, damit sie später was in der birne haben um genau so einen tv-shit wegzudrücken..

  4. #4 | Wolfram Obermanns sagt am 9. November 2021 um 16:57 Uhr

    Interessant, daß die Entdeckung der Unterbindung von Kommunikation beim sattsam bekannten Trallafitti eines betagten Entertainers erfolgt.
    Bei den ähnlich geriatrisch geprägten Talkformaten hingegen, die doch angeblich einen irgendwie aufklärenden Charakter haben sollten, wird dergleichen jedoch übersehen?

  5. #5 | Berthold Grabe sagt am 10. November 2021 um 15:20 Uhr

    @ per Schulz,
    ihr Irrtum liegt darin begründet, das sie annehmen Unterhaltung müsse bilden.
    Das ist nicht die Aufgabe von Unterhaltung! Sie soll lediglich nicht verblöden und da sind ganz andere Formate wesentlich kritischer zu sehen allen voran die gängigen Polittalks, die einen Anspruch für sich reklamieren, den sie nicht mal im Ansatz erfüllen.
    Der Mensch muss sich nicht ständig mit Wichtigem , Ernstem oder Sinnvollem beschäftigen. Das ist eher kreativitätskillend.
    Die Natur hat uns so geschaffen das wir Vieles Schlechte ausblenden, nur so ist ein Weg aus der Steinzeit möglich gewesen.
    Die ewig Kritischen bewegen nichts, haben noch nie etwas bewegt. Es sind die anderen, die positivistisch und manchmal sogar verdrängend an Dinge herangehen, die die Welt voran bringen.
    Selbst das deutsche Wirtschaftswunder als Extremfall der Verdrängung ist dafür ein Beweis,
    auch das gehört zur Realität und Wahrheit.

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