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Treffpunkt Trinkhalle

Der Treffpunkt für die ganze Straße: natürlich hier / Foto: Reinaldo Coddou
Der Treffpunkt für die ganze Straße: natürlich hier / Foto: Reinaldo Coddou
Der Treffpunkt für die ganze Straße: natürlich hier / Foto: Reinaldo Coddou

Der Treffpunkt für die ganze Straße: natürlich hier / Foto: Reinaldo Coddou

Der Fotograf Reinaldo Coddou und der Journalist Jan-Henrik Gruszecki haben über 200 Trinkhallen im Ruhrgebiet fotografiert. Rausgekommen ist mit „Treffpunkt Trinkhalle“ ein Ruhrgebietsatlas der besonderen Art. Im Interview spricht Jan-Henrik Gruszecki über die typischen Eigenarten: Pils auf die Faust oder ein schneller Flachmann? Oder doch noch ein Brause-Ufo dazu?

Jan-Henrik, die letzte Zeche ist geschlossen, der Strukturwandel ruckelt und Frank Goosen resümiert, dass „es woanders auch nur scheiße ist“ – sind neben den antiken Fördertürmen die Trinkhallen so etwas wie die ungekünstelten Wahrzeichen in der Ruhrgebiets-Folklore?

Das ist sicherlich eine treffende Beschreibung, sie sind teils schon ein besonderes Biotop – aber das wichtigste Wort von dir ist da vor allem das Wort: „ungekünselt“. Ich glaube, dass der versuch eine „Kult-Trinkhalle“ zu etablieren radikal scheitern würde. Trinkhallenkultur lebt davon, dass es eben genau so ist wie es ist.

Wie hast du den Fotografen Reinoldo Coddou kennengelernt? Er war ja neben Phillip Köster der Gründer vom „11 Freunde“-Magazin…

Kurioserweise in Buenos Aires in einer Kneipe, obwohl wir nur wenige Kilometer voneinander entfernt in Ostwestfalen aufgewachsen sind. Zu dem Buch kamen wir, als wir bei ihm in Berlin gesessen haben und über unser gerade abgeschlossenes Buchprojekt „Heimat“, einem Bildband über das Westfalenstadion, gesprochen haben. Ich kam gerade vom „Späti“ in Berlin und erzählte über die Unterschiede des Ruhrgebiets und Berlin anhand der Spätis und unserer Trinkhallen, klagte dabei etwas, dass diese besondere Form der Ruhrgebietskultur gerade auch verschwindet. Da kamen wir ganz schnell auf die Idee, dass man gerade jetzt den Status Quo dokumentieren muss. Die Trinkhallen existieren in vielen Jahren wahrscheinlich nicht mehr in der heutigen Form und da soll dieses Buch ein Stück Erinnerungskultur sein.

Dein Herz schlägt viel für den BVB, was schlägt da noch?

Ja, der Großteil meines Lebens dreht sich tatsächlich um den Fußball, insbesondere den BVB. Und wenn man sich damit intensiv beschäftigt, vor allem mit der Historie, dann entwickelt sich automatisch eine Leidenschaft für die Westfälische und Ruhrgebiets-Kultur mit allem was dazu gehört: Kohle, Stahl, Fußball und natürlich auch Bier – das wahrscheinlich emotionalste Lebensmittel der Welt. Dazu habe ich noch eine größere Leidenschaft für Südamerika bzw. Argentinien, die ihr Fundament aber auch sicherlich auf der großen Fußballbegeisterung in dem Kontinent/Land hat. Ich durfte verschiedene Dinge studieren, habe aber nur die Studiengänge Journalismus & Kommunikationswissenschaften, in Bielefeld, sowie Geschichte, in Buenos Aires, letztendlich abgeschlossen. Beruflich darf ich stets projektorientiert arbeiten und bin derzeit viel in Hamburg, wo ich verschiedene Unternehmen im Bereich der Kommunikation beraten und unterstützen darf.

Nach welchen Kriterien habt ihr die Büdchen ausgesucht? Wie viel Recherche war das?

Optik. Also, die Dinger mussten schön sein, also schön im Sinne von Trinkhallenschön, da ist das Schönheitsideal ja schon etwas anders. Und, so ehrlich muss man sein: Auffindbarkeit, da du nach Recherche fragst. Wir hatten leider keine Liste mit allen Trinkhallen im Ruhrgebiet und wussten also nicht was uns erwartet. Wir sind einfach in jeden, wirklich jeden Stadtteil im Ruhrgebiet gefahren, sind dort rumgefahren und haben mit den Leuten gesprochen. Da ist uns natürlich auch was durchgegangen. Darum heißt das Buch auch nicht „Die schönsten Trinkhallen des Ruhrgebiets“ – wie wir es mal angedacht haben. Aber durch die Recherche vor Ort hat man natürlich ein wahnsinns-Bild vom Ruhrgebiet bekommen. Das war für mich persönlich schon sehr, sehr lehrreich und bewusstseinserweiternd.

Hast du am Ende festgestellt, dass ihr ein wichtiges Büdchen vergessen habt?

Ja, leider. Ich kann aber auch nicht mehr normal durch die Straßen hier fahren. Immer schaut man und manchmal erkennt man etwas und denkst dir: Scheiße, Reinaldo, pack das Stativ ein und komm ran – für die nächste Auflage muss das Ding rein!

Was sind für dich die Konsumenten-Vorteile der zahlreichen Trinkhallen?

Schon die praktische Verfügbarkeit von Grundnahrungsmitteln „um die Ecke“. Aber zur Trinkhallen gehst du eben nicht nur zum einkaufen, sondern auch um die neuesten Neuigkeiten aus dem Viertel zu erfahren und um Leute zu treffen.

Dosenravioli, Lakritz-Schnecken, Frikadellen-Brötchen oder Eis am Stil – welche Produkte gehören für dich auf jeden Fall zum Grundinventar einer Trinkhalle?

Naja, eine Auswahl lokaler Biere darf nicht fehlen, die Zeitungen ebenfalls nicht. Und natürlich genug Auswahl um lange zu überlegen, was in die gemischte Tüte soll! Zum Grundinventar gehört aber vor allem natürlich der Besitzer, der drin steht!

Echt erfrischend! / Foto: Reinaldo Coddou

Echt erfrischend! / Foto: Reinaldo Coddou

Kennt der Betreiber deiner Stamm-Trinkhalle dich beim Vornamen? Und welche Bude ist deine bevorzugte?

Frei nach Matthias Sammer: Die nächste Trinkhalle ist immer die beste. Natürlich kennt man sich da – watt’ne Frage….

Gegenüber dem oftmals viel günstigeren Angebot in Discountern, Supermärkten und 24-Stunden-Tankstellen sind Buden kaum noch konkurrenzfähig, was die Bepreisung der Waren angeht. Warum haben die geschätzten 18.000 Buden des Ruhrgebiets trotzdem eine so magnetische Anziehungskraft?

Nunja, um ehrlich zu sein sinkt die Anziehungskraft ja wegen der von dir beschriebenen Fakten. Die Trinkhallen sterben aus, ihre soziale Funktion und die oft derzeit noch bessere Erreichbarkeit in den teils dicht bebauten Vierteln des Ruhrgebiets sind die einzigen „Wettbewerbsvorteile“…

Welche Anekdote ist dir bei der Beschäftigung mit den Trinkhallen des Ruhrgebiets nicht mehr aus dem Kopf gegangen?

Vor allem die Gespräche vor der Halle natürlich. Das ist teils natürlich auch schon einiges an sozialem Elend, was man da miterlebt, wenn man Montagmorgens in einigen berüchtigten Vierteln des Ruhrgebiets unterwegs ist. Manchmal verquatscht man sich aber auch total und kommt vom Fußball auf Hegel & Kant und bleibt bei dem Thema dann bei der Frikadelle mit Senf. Vor allem ist mir als zugezogenem Dortmunder nochmal bewusst geworden, wie verschieden das Ruhrgebiet ist, wie krass das Nord-Süd-Gefälle in vielen Städten ist und auch: was für geile Siedlungen es hier gibt! Da haben wir hier echt architektonische Highlights, die mir erst durch die Jahrelange Beschäftigung mit den Städten und Vierteln so bewusst wurde. Man hat das natürlich alles oft gehört und gelesen, aber wenn man das dann alles vor Ort sieht, dann ist das Gefühl natürlich ein anderes.

Seit 2016 gibt es alle zwei Jahre den Tag der Trinkhallen, der mit einem einem bunten Kulturprogramm ausgestattet wird – und welches von der Ruhr Tourismus GmbH organisiert wird. Man trifft hier Theatergruppen vor der Bude, DJs oder Poetry-Slammer. Wie gefällt dir das? Ist das eine falsche Inszenierung oder findest du das gut?

Sehr gut! Die Kultur ist noch etwas, was die Trinkhalle am Leben erhalten kann und ehrlich gesagt: die Inhaber freuen sich, wenn sie an einem speziellen Tag mal im Mittelpunkt stehen und auch mal ein paar Euros mehr in der Tasche haben. Ich glaube, kaum ein Inhaber verdient den Mindestlohn – da opfern sich schon sehr viele Stundenlang auf. Wenn verschiedene Kulturen zusammenkommen – eben wie beim Tag der Trinkhalle – kommen viele Mal raus aus ihrer Blase und dadurch können schöne Dinge entstehen!

Zum Buch:
›Treffpunkt Trinkhalle‹ ist im Edition Panorama Verlag erschienen.
224 Seiten mit ca. 200 Fotografien
24,80 Euro

Ein tolles Buch über besondere Biotope im Ruhrgebiet: etwa 18.000 gibt es davon

Ein tolles Buch über besondere Biotope im Ruhrgebiet: etwa 18.000 gibt es davon

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Ein Kommentar zu “Treffpunkt Trinkhalle

  • #1
    Andy Weber

    Dass Buch muss ich haben als gebürtiger Duisburger, der jetzt in Enger Ostwestfalen lebt. Fiel mir hier am Anfang schwer , dass Leben ohne Büdchen.

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