Überraschende Bestseller-Analyse von Frank Überall: Wie Buchautoren Journalisten sehen


Ist der Ruf erst ruiniert – aber wie ist der Ruf von Journalistinnen und Journalisten wirklich? Dafür hat Frank Überall die Journalismus-Darstellung in aktuellen Bestsellern der „Spiegel“-Bestsellerliste untersucht. Ruhrbarone hat mit Frank Überall, der auch Bundesvorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbands ist, über das Bild seiner Zunft gesprochen. Lob für das Werk gibt es im Vorwort übrigens von hoher Stelle: „Mit seinen Ergebnissen liefert der Autor eine Grundlage für den Diskurs über journalistische Tätigkeit, Medienkonsum und Pressefreiheit“, schreibt Katrin Budde, Vorsitzende des Kultur- und Medienausschusses im Deutschen Bundestag.

Ruhrbarone: In den Sozialen Netzwerken gehören Journalistinnen und Journalisten zu den besonders häufig beleidigten Personen. Wie schlecht ist ihr Ruf in der Belletristik?

Frank Überall: Besser, wenn auch überwiegend nicht gut. Wohl aus dramaturgischen Gründen werden sie oft negativ dargestellt. Und an die verbalen Angriffe in den sozialen Netzwerken erinnern vor allem die Tiernamen wie „Geier“ oder „Ratte“ sowie Schimpfwörter wie „Schmierfink“, „Wicht“ oder „Schlampe“. Immer wieder gibt es Schilderungen aufrichtiger und professioneller Recherche. Aber das ist leider nicht die Mehrheit. Vielleicht ist meine Studie ja auch eine Anregung für Autorinnen und Autoren, ihre journalistischen Romanfiguren künftig noch etwas realitätsnaher und freundlicher darzustellen. Wissenschaftliche Arbeiten sind ja auch dazu da, den gesellschaftlichen Diskurs zu beflügeln.

Ruhrbarone: Und das trotz prominenter Vertreterinnen und Vertreter wie Anne Will, Wulf Schmiese, Maybrit Illner oder Melanie Amann?

Frank Überall: Die kommen im Roman eben nicht vor. Trotzdem habe ich unter anderem festgestellt, dass im Roman aktuelle Nachrichten vor allem über professionelle Medien an die fiktiv Handelnden gelangen. Dabei sind es übrigens ganz überwiegend Tageszeitungen, oft auch mit konkreten, wenn auch im Rahmen der jeweiligen Story erdachten, Zitaten. Empirische Studien über die Realität zeigen, dass Fernsehen und Radio immer noch am häufigsten für den Nachrichtenkonsum genutzt werden, in der Bestseller-Belletristik sind es eben die klassischen Tageszeitungen und zuweilen ihre Online-Angebote. Die scheinen Schriftstellerinnen und Schriftstellern offenbar präsenter zu sein.

Ruhrbarone: Sie haben für Ihre Studie Bücher der Sparte Belletristik ausgewertet, die in den Jahren 2019 bis 2021 Platz 1 der „Spiegel“-Bestsellerliste erreicht haben. Wie sind Sie vorgegangen?

Frank Überall: Ich habe alle Stellen herausgeschrieben, die in irgendeiner Form mit Journalismus zu tun haben. Das waren 1.700 Passagen in 51 Büchern. Anhand vorhandener Forschungsliteratur und aufgrund eigener Untersuchungen habe ich 26 Kategorien entworfen, mit denen ich die Stellen jeweils auf der Grundlage von (Arbeits-)Hypothesen geprüft habe. Nicht alle diese Hypothesen wurden bestätigt.

Ruhrbarone: Welche Ergebnisse haben Sie überrascht?

Frank Überall: Ich bin beispielsweise fest davon ausgegangen, dass die Rolle von Journalistinnen und Journalisten als Er- und Aufklärende im Mittelpunkt steht. Tatsächlich aber war es in den Romanen so, dass sich die dort auftretenden Medienschaffenden in erster Linie auf „Verkäufer“ sehen. Wenn man ein bisschen drüber nachdenkt, liegt das natürlich in der fiktiven Zuspitzung nahe: Es wird viel darüber debattiert, wie Journalismus noch finanziert werden soll. Aufmerksamkeit ist ein knappes Gut, und manche wollen für journalistische Produkte nichts mehr bezahlen. Dass das zu einem Rollenwandel der dort Tätigen führen kann, liegt auf der Hand. Literatur vermag es, uns den Blick auf solche Entwicklungen zu öffnen. Das finde ich so faszinierend an der Bestandsaufnahme des fiktiven Gedankenhaushalts – schließlich werden Romane von Millionen Menschen gelesen, und sie denken anschließend darüber nach, diskutieren darüber!

Ruhrbarone: Was noch?

Frank Überall: Früher wurden journalistisch Tätige meist als Männer dargestellt. Heute halten sich bei beiden Geschlechter die Waage. Diverse gibt es in unserem Berufsstand aber nicht. Und Berufsverbände wie den Deutschen Journalisten-Verband, dessen Vorsitzender ich bin, spielen in dem Romanen gar keine Rolle. Immerhin wird an manchen Stellen aber der Presseausweis erwähnt – wenn auch zuweilen zugespitzt, weil es etwa „sexy“ sein soll, ein solches Dokument zu besitzen.

Ruhrbarone: Welche Schwierigkeiten gab es bei der Auswertung?

Frank Überall: Vor allem die schiere Menge der codierten Stellen. Ich lese unheimlich gerne Belletristik, aber in der Wissenschaft muss es immer darum gehen, eine valide Grundgesamtheit zu bekommen: Das heißt, ich musste mich an objektiven Kriterien orientieren. Deshalb habe ich drei Jahre lang immer Platz eins der „Spiegel“-Bestsellerliste zugrunde gelegt. Bei manchen Büchern hat das riesigen Spaß gemacht, bei anderen aber war es eine Quälerei, sie Zeile für Zeile zu lesen. Nachdem das Projekt jetzt abgeschlossen ist, bin ich froh, endlich wieder frei aussuchen zu dürfen, was ich lese – und was nicht.

Ruhrbarone: Was können Journalistinnen und Journalisten unternehmen, damit ihr Berufsstand wieder positiver wahrgenommen wird?

Frank Überall: Wir müssen über unseren Beruf reden, ihn erklären – und auch gegen Kritik und Pöbeleien verteidigen. Das fällt uns traditionell schwer, wird aber immer wichtiger. Ich setze mich mit dem DJV für die Förderung von Medienkompetenz und für die Pressefreiheit ein. Dazu gehören aber auch ein anständiges Berufsethos und ordentliche Arbeitsbedingungen. Nur wenn wir es schaffen, diese Säulen miteinander zu vereinen und Akzeptanz wie Neugierde in der Bevölkerung zu erhalten, kann Journalismus seine wichtige Rolle in der Demokratie spielen. Wenn ich höre, dass manche Menschen gar nicht mehr über das aktuelle Tagesgeschehen informiert sein wollen, läuft etwas ganz gehörig schief. Das zu thematisieren, kann nicht alleine Aufgabe des Journalismus sein, da brauchen wir einen gesamtgesellschaftlichen Diskurs. In den Bundesländern und im Bund stelle ich aber auch in der Politik fest, dass das Thema dort angekommen ist – man braucht nur die aktuellen Koalitionsverträge auf den verschiedenen Ebenen zu lesen. Die klaren Bekenntnisse zum unabhängigen Journalismus, die da überall zu lesen sind, wären vor ein paar Jahren noch wenig denkbar gewesen.

Ruhrbarone: Hand aufs Herz, Sie als Vorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbands: Wird es eine Zeit geben, dass Journalistinnen und Journalisten wieder gesellschaftlich anerkannt werden, wenn die Verleger ihnen nicht den Respekt entgegenbringen, den sie verdienen?

Frank Überall: Ja, davon bin ich überzeugt. Denn Medienhäuser und ihre Chefetagen schneiden sich ins eigene Fleisch, wenn sie Medienschaffende nicht wertschätzen. Dann werden immer mehr eigenständige Projekte entstehen, zum Beispiel auch in Form gemeinnützig tätiger Redaktionen, und im Zweifel die etablierten Marken verdrängen. Einigen Blättern laufen ja schon die Leute weg, und etliche Lokalredaktionen finden kaum noch Volontärinnen und Volontäre. Das sollten den Verantwortlichen klare Warnsignale sein!

Frank Überall, Jahrgang 1971, führt seit 2015 den Deutschen Journalisten-Verband. Der Politik- und Medienwissenschaftler arbeitet seit vielen Jahren als freier Journalist mit dem Schwerpunkt Rundfunk. Hier ist er vor allem für den WDR tätig. Seit Oktober 2012 ist er Professor an der HMKW Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft in Köln. Dort lehrt er Journalismus, aber auch Politik und Soziologie.

Zum Buch: Frank Überall, „Wie die Presse sich aufführt…“ – Die Darstellung des Journalismus in der Bestseller-Literatur, Lit Verlag 2022, ISBN: 978-3-643-15148-3, 138 Seiten, 19,90 Euro. Näheres auch unter www.pressestudien.de

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Benedikt
Benedikt
1 Jahr zuvor

Wow, selbsterkenntnis Fehlanzeige. Vielleicht müssen sich auch heutige Journalisten ändern, statt nur der Blick der Anderen auf sie?

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