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Und irgendwie habe ich überlebt – ein Jahr im Leben

Das “touchierte” Hinterrad: Privates Foto

17.09.2019, ich laufe meine übliche Trainingsstrecke. 10,5 km, 47:47 Minuten, entspannter Puls. Ich bin topfit. Am 03.10. steht in Münster der Münsterland Giro an, das letzte Radrennen der Saison, 134 km. Vermutlich habe ich mich über die Zeit gefreut und war glücklich. Erinnern kann ich mich nicht mehr, dafür gibt es aber digitale Trainingstagebücher. Wirkliches Glück hatte ich 24 Stunden später.   

Alles zwischen Juli 2019 und September 2019 liegt unter einem grauen Schleier mit nur lückenhaften Erinnerungen.

Am 18.09. war ich arbeiten. Erinnern kann ich mich daran, dass irgendwann gegen Nachmittag eine Mail kam. Meine neuen Rennradschuhe liegen bei DHL zur Abholung bereit. Ich habe früher Feierabend gemacht, um pünktlich meine Schuhe abzuholen. Ich bin ein neugieriger Mensch, ich packe die Schuhe aus, montiere die Cleats (damit hakt man sich in den Pedalen eines Rennrads ein) und setze mich aufs Rad. Es ist angenehm warm, es regnet nicht, die Sicht ist gut. Eine kurze, schnelle Abendrunde, meine Standardtrainingsstrecke. 32,5 km, in etwas unter einer Stunde würde ich wieder zuhause sein, so wie schon hundert Male zuvor.

Etwas über 12 Stunden später setzt meine Erinnerung wieder ein. Ich liege in der Uniklinik Düsseldorf, neben mir sitzt mein bester Freund. Es piepen Geräte, ich habe am ganzen Körper großflächige Bandagen und Verbände.

D: „Was ist passiert?“
T: „Du hattest einen Unfall, du bist angefahren worden.“
D: „Du musst Y. anrufen, dass ich heute nicht arbeiten komme.“
T: „Da arbeitest du seit 4 Monaten nicht mehr.“

Die gleichen Fragen habe ich die ganze Nacht über mehrfach gestellt. Die Uniklinik versorgt mich gut, die Folgen einer ausgewachsenen Panik unterschätzen die Ärzte nachts völlig. Ich muss die Pfleger so genervt haben, dass sie sich irgendwann entschieden, mir mein Smartphone zu geben. Anhand des WhatsApp-Verlaufs kann ich rekonstruieren, dass ich gegen 1 Uhr nachts angefangen habe,  mit meinem besten Freund zu schreiben. Der Chatverlauf zieht sich über Stunden, gegen 4 Uhr in der Nacht ist er ins Krankenhaus gekommen, um mich zu beruhigen. Offenbar habe ich anhand von Social Media, Fotos und Chatverläufen versucht zu ergründen, wer ich eigentlich bin. Auch im Chat wiederholen sich meine Fragen, alle 5-10 Minuten. Das ist keine Übertreibung, manche Fragen stelle ich in der Nacht dutzende Male. Und ich beschwere mich über meinen Zimmernachbarn, zunächst freundlich, später sehr ausfallend. Er wurde gerade operiert und möchte schlafen, er braucht Ruhe. Ich gebe sie ihm nicht, frage auch ihn immer und immer wieder die selben Fragen, bis er mich anbrüllt. Ich verstehe seinen Ärger nicht, bin jedes Mal der festen Überzeugung, dass ich noch nicht mit ihm gesprochen habe, geschweige denn wüsste, wo ich eigentlich bin. Welchen Sinn es hat, einen traumatisierten, panischen, aufgekratzten und völlig desorientierten Patienten auf ein Zimmer mit jemandem zu legen, der gerade aus einer großen OP kommt und Ruhe benötigt, wird wohl für immer das Geheimnis der behandelnden Ärzte bleiben. Ich kann mich an nichts davon mehr erinnern. Auch nicht an die zahllosen MRT, CT, Blutuntersuchungen und was noch so alles durchgeführt wurde. Als ich morgens aufwache, bin ich in meinem Kopf auf Stand Mai 2019. Vier Monate, weg. Ich kenne mein Patenkind nicht mehr, weiß nicht mehr, dass ich meinen Arbeitgeber gewechselt habe, dass meine Schwester verlobt ist – alles weg.

Kurze Zeit später steht ein Arzt neben meinem Bett, „Sie hatten wahnsinniges Glück, das war die Art Unfall, die man eigentlich nicht überlebt. Sehen Sies als zweiten Geburtstag“. Ich habe ein schweres Schädel-Hirn-Trauma, eine retro- und anterograde Amnesie, großflächige Abschürfungen am ganzen Körper, am rechten Becken bis zum Knochen, Einblutungen ins Becken, in die Hüfte, schwere Prellungen und Zerrungen am ganzen Körper.

In den folgenden Tagen setzt sich ein Bild dessen zusammen, was am 18.09. passiert ist. Ein 86 Jahre alter Autofahrer hat mich auf einer Landstraße übersehen und ist mir von hinten ins Rad gefahren. Ungebremst. Das Gutachten ist nicht schlüssig, vermutlich zwischen 70 km/h und 100 km/h. Die Strecke war schnurgerade, er hätte mich wenigstens 600 Meter zuvor sehen müssen. Er trifft mich voll ins Hinterrad, ich stürze, schlage mit dem Körper gegen das Fahrzeug und lande auf dem rechten Becken. Mein Hinterkopf schlägt auf den Boden, der Helm bricht in der Mitte durch. Ich überschlage mich mehrfach, rutsche unter die Leitplanke, mein Kopf bleibt zwischen zwei Pfeilern der Leitplanke liegen – Glück im Unglück. Ich bin etwas über eine Stunde immer wieder bewusstlos. Der Fahrer gibt später bei der Polizei an, bemerkt zu haben, dass sein Seitenspiegel eingeklappt sei, daher habe er angehalten. Die Polizei arbeitet leider nicht besonders gründlich, in der Unfallaufnahme steht, dass es „wohl zu einer Berührung gekommen sei“ und der Rennradfahrer „touchiert wurde“. Die nachfolgende Fahrerin arbeitet glücklicherweise gründlicher. Sie erkennt die Situation, sichert die Unfallstelle, ruft einen Notarzt. Ich habe eine schemenhafte Erinnerung an eine Frau, die mich beruhigt, meine Hand hält und mir gut zuredet. Ihren Namen habe ich leider nicht. Falls Sie durch Zufall den Text lesen und sich darin wiederfinden: Vielen, vielen Dank.

„Berührt“, „touchiert“, „der Seitenspiegel eingeklappt“. Formulierungen, die mir in den Tagen danach Kopfzerbrechen bereiten. Es ist für mich unvorstellbar, wie die Schwere meiner Verletzungen damit zu vereinbaren sein soll. Ich überrede meinen besten Freund, am Tag meiner Entlassung das Rad bei der Polizei abzuholen. In der Dienststelle sieht mich die Beamtin an, als stünde ein Geist vor ihr.

Pol.-B.: „Sie saßen auf dem Rad, oder?“
D: „Ja.“
Pol.-B.: „Ich habe das in der Nacht gesehen. Ich war mir sicher, dass Sie nicht mehr aufstehen.“

Als ich das Rad sehe wird mir bewusst, was da eigentlich passiert ist und dass es keine „Berührung“ war. Das Hinterrad völlig zerfetzt, der Rahmen verbogen, die Schaltkomponenten abgerissen, der Lenker zerdrückt. Wieso die Polizei bei der Unfallaufnahme, angesichts der Zerstörungen am Rad und der klar zu erkennenden Einschlagmarken, auf die Idee kam, von einer „Berührung“ zu sprechen, bleibt ungeklärt. Ebenso, weshalb den Beamten nicht aufgefallen ist, dass der Seitenspiegel des Unfallfahrzeugs nicht eingeklappt war. Er war abgerissen. Ich habe die Verkleidung des Spiegels, Tage nach dem Unfall, an der Unfallstelle aus dem Graben geholt. Zusammen mit abgerissenen Teilen meines Rades, die die Polizei vermutlich übersehen hat.

In den folgenden Monaten kommt es, wegen ebendieser Formulierungen, zu ewigen Diskussionen mit der gegnerischen Versicherung. Diese zweifelt zwischendurch sogar an, dass das Rad überhaupt fahruntüchtig sei und lässt ein Gutachten erstellen. Am Ende zahlt die Versicherung. Die medizinischen Berichte, das Gutachten, die Fotos, der abgerissene Spiegel, die Unfallstelle. Die Lage ist zu eindeutig.

Die für mich entscheidende Frage wird ebenfalls ungeklärt bleiben: Wie genau konnte man mich übersehen? Klar, die Dämmerung setzte gerade ein, aber es war noch lange nicht dunkel. Zusätzlich war das Rad beleuchtet, der Frontscheinwerfer gibt einen über 2 km sichtbaren Lichtkegel ab, Vorder- und Rücklicht, StVO-zugelassene Hochleistungsbeleuchtung. So leistungsstark, dass sie für Krafträder ausreichend wäre. Einen Tag nach dem Unfall ruft mich der Unfallverursacher an. Er entschuldigt sich, ich glaube es ihm. Auf die Frage, wie er mich, auf der Strecke, bei der Witterung und mit der Beleuchtung übersehen konnte, hat er keine Antwort. Am Ende war es einfach Pech. Falscher Ort, falsche Zeit. In den kommenden Wochen kommen meine Erinnerungen zurück, zumindest teilweise. Die Wichtigen, hoffe ich. „Kannst du dich wieder an alles erinnern?“ wird meine absolute Lieblingsfrage.

Nach etwa 4 Wochen fange ich an zu trainieren – auf Anraten meiner Ärztin. Prellungen schmerzen über einen sehr langen Zeitraum, Bewegung kann diesen jedoch verkürzen. Und: Wer vom Pferd fällt, soll auch schnell wieder aufsteigen. Nach 6 Wochen kann ich wieder halbwegs schmerzfrei laufen und Rennrad fahren. Es sollte knapp 8 Wochen dauern, bis ich wieder längere Zeit auf einen Bildschirm schauen und konzentriert arbeiten kann. Latente Rücken- und Beckenschmerzen sowie wiederkehrende Kopfschmerzen begleiten mich bis ins Jahr 2020, die Abschürfungen am Becken sind bis heute, ein Jahr danach, nicht vollständig verheilt.

Es war der Auftakt zu einem merkwürdigen Jahr. Mittlerweile, Corona sei Dank, habe ich wieder über 3.000 km auf meinem neuen Rad und 1.000 Lauf-KM absolviert. Das ungute Gefühl, wenn ich ein Auto hinter mir höre, ist geblieben. Zugenommen hat das völlige Unverständnis darüber, wenn Autofahrer meinen, Radfahrer, egal ob diese Fehlverhalten zeigen oder nicht, für ihre Anwesenheit im Straßenverkehr bestrafen zu wollen. Ich würde die Autofahrerinnen und Autofahrer dann immer gerne Fragen, ob es ihr Gewissen im Zweifelsfall erlaubt, den Ärger mit dem Leben eines anderen Menschen bezahlt zu haben.

Für einige Wochen fühlte es sich wie ein geschenktes Leben an. Treffen mit Freunden, der Familie, Geburtstage, Arbeit, alles ist überhaupt nicht mehr selbstverständlich. Die Überlegung, dass die Wahrscheinlichkeit nicht zu überleben viel größer war, als der tatsächliche Ausgang, ist nicht wirklich greifbar und beschäftigt mich über Monate. Meine Freunde und Familie kümmern sich großartig um mich. Und gerade, als es sich wieder selbstverständlich angefühlt hat, beginnt eine weltweite Pandemie. Ein merkwürdiges Jahr, in dem sich merkwürdige Erfahrungen und Erinnerungen gegenseitig überlagern.

Ich glaube, dass ich heute ruhiger bin. Entspannter, wenn Dinge nicht so gelingen, wie ich es mir vorstelle und bestrebter darin, situativ mehr zu genießen. Und sehr glücklich darüber, dass ich noch hier bin.

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3 Kommentare zu “Und irgendwie habe ich überlebt – ein Jahr im Leben

  • #1
    junior

    Hey Echt krass. Ich hatte vor kurzem auch einen Unfall. Nicht zu vergleichen mit deinem aber auch so, dass ich mich nicht mehr erinnern kann was passiert ist.

    Unglaublich die Polizei. Man hat manchmal das Gefühl, dass es die ein Scheissdreck interessiert.

    Weiterhin gute Besserung

  • #2
    Lee O

    Puh, Glpck gehabt, freut mich! Vielleicht ist das Garmin Varia was für Dich?
    Rücklicht mit Radarfunktion.
    Warnt ab 140 m.

    LG

  • #3
    Baldow-Lufen , Andreas

    Meinen höchsten Respekt wie Sie mit dem Unfall umgehen und ja ich bin am 01.06. gestürzt die Verletzungen waren viel viel leichter und auch die Brücke viel viel leichter zu reparieren. Beeindruckend bin ehrlich habe mit Tränen gerungen , weil es so authentisch und für mich nachvollziehbar ist….
    wünsche weiterhin beste Genesung die seelenverletzjbgen werden etwas länger dauern .
    Danke für die tolle Einstellung Woe man mit so einem Schicksal umgehen kann. Danke für die tolle und positive Einstellung wie man mit Schicksal umgehen kann.🍀🙏🙏🙏🍀A.B.-L.

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