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Update: Stadtspiegel Mitarbeiter wütend über AfD-Werbung

Stadtspiegel Titelseite Foto: Michael Kolb

In der aktuellen Ausgabe der kostenlosen Wochenzeitung Stadtspiegel hat die AfD Anzeigen geschaltet. Mehrere Mitarbeiter kritisieren den Verlag für die Annahme des Anzeigenauftrags in den sozialen Netzwerken.

Sie erreicht fast jeden Haushalt in Bochum: Die kostenlose Wochenzeitung Stadtspiegel ist mit Abstand die auflagenstärkste Zeitung der Stadt. Verlegt wird sie von der Ostruhr-Anzeigenblattgesellschaft (ORA), einem gemeinsamen Tochter der Funke-Mediengruppe (WAZ) und dem  Verlag Lensing-Wolff (Ruhr Nachrichten). Und so erreichte auch die AfD-Anzeige auf der Titelseite bei einer Auflage von 190.000 Exemplaren fast jeden Bochumer Haushalt. Das sorgte unter den Mitarbeitern des Stadtspiegel für Unmut und den äusserten sie gestern nach Erscheinen der Zeitung in den sozialen Medien:

Eine Redakteurin schrieb:

Ich befinde mich aktuell im Krankenstand und bin gerade entsetzt über die Zeitung, für die ich als Redaktionsleiterin Verantwortung trage. Auf der Titelseite springt mich die entsetzliche AFD-Werbung an – und nein, das geht gar nicht!! Ich habe mich mit meinem Profilbild bereits deutlich positioniert und tue das hiermit auch noch einmal hochoffiziell und persönlich: Diese Partei ist definitiv keine Alternative für Deutschland! Ja, der Stadtspiegel ist eine Zeitung, die ihren Umsatz allein aus dem Beilagen- und Anzeigengeschäft generiert, aber Entschuldigung: nicht um jeden Preis! Es gibt Grenzen, die haben wir aus meiner Sicht heute definitiv überschritten und ich distanziere mich in aller Deutlichkeit davon!jeweils 50 Prozent.

Eine andere teilte mit, sie schäme sich für ihren Arbeitgeber:

Der Stadtspiegel Bochum, die Zeitung, für die ich seit weit mehr als zehn Jahren arbeite, hat heute eine Anzeige der AfD auf der Titelseite – und, so wie es heute aussieht – wird das auch am Samstag so sein. Die verkäuferische Entscheidung, mehrfach Werbung dieser Partei zu schalten, ist ohne vorherige Information oder gar Diskussion mit der Redaktion gefallen.
Ich teile heute das Entsetzen vieler unserer Leser. Wer mich persönlich kennt, der kennt auch meine Überzeugungen und meine poltische Einstellung und der weiß, dass ich faschistisches und völkisches Gedankengut, unter welchem Deckmantel es auch immer es daher kommt, in keiner Weise teile. Wer den Stadtspiegel liest, der weiß, dass diese Blatt parteipolitisch neutral ist, aber dennoch eine klare gesellschaftspolitische Haltung vertritt – und diese stimmt keinesfalls mit den Zielen der AfD überein. Ich bin meinem Arbeitgeber gegenüber zur Loyalität verpflichtet – heute aber schäme ich mich für ihn!

Für ihre Kritik am Stadtspiegel erhielten beide vor allem Zustimmung. In vielen Kommentaren wurden sie für ihren Mut, sich öffentlich gegen ihren Arbeitgeber zu stellen gelobt.

Update: Stadtspiegel-Redaktionsleiter Thomas Knackert ist nicht glücklich über die Aussagen seiner beiden Mitarbeiterinnen. „Aber sie haben sie auf ihren  Facebookaccounts getätigt und somit ihre private Meinung kundgetan und nicht für den Verlag gesprochen.“  Würde die jetzige Diskussion dazu führen, dass sich mehr Menschen mit der „AfD und ihren verqueren Inhalten“ auseinander setzen, hätte die ganze Sache sogar noch etwas gutes. Knackert wies darauf hin, das AfD-Anzeigen in Zeitungen nichts aussergewöhnliches seien: So hätte die AfD auch schon in der taz und der FAZ Anzeigen geschaltet. Er werde nun das Gespräch mit den beiden Mitarbeiterinnen suchen. Ob es irgendwelche arbeitsrechtlichen Konsequenzen gäbe, könne er noch nicht sagen. Zudem würde die auch vertraulich sein und von Seiten des Verlags nicht an die Öffentlichkeit getragen werden.

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7 Kommentare zu “Update: Stadtspiegel Mitarbeiter wütend über AfD-Werbung

  • #1
    bob hope

    Im Online-Portal lokalkompass.de, das auch zu ORA gehört, darf das Bochumer AfD-Mitglied Christian Loose auch regelmäßig Propaganda-Artikel schreiben. Die Zusammenarbeit zwischen dem Käseblatt und der völkisch-nationalistischen Partei hat Tradition. Da passt die Anzeige gut ins Bild. Bei uns landet der Stadtspiegel eh ungelesen im Altpapier. Kann man eigentlich verhindern, dass das Blatt erst gar nicht vor die Tür gelegt wird? Bei Werbung klappt das ja auch.

  • #2
    Frank Orloff

    Interessant, finde ich. Da befindet sich also eine Redakteurin im Krankenstand und schreibt eine Stellungnahme, die ihren Arbeitgeber betrifft.
    So etwas hätte in meinem Betrieb garantiert zur Kündigung geführt.
    Dabei würde der Grund für das Verhalten nur zweitrangig sein.
    Wer weiß, was Loyalität ist, kontaktiert vor der öffentl. Stellungnahme erst einmal den Arbeitgeber. Punkt.

  • #3
  • #4
    bob hope

    @ #2 Frank Orloff: Genau, es muss wieder Zucht und Ordnung herrschen, in diesem Lande. Als ginge es Ihnen um das vermeintliche Fehlverhalten der Mitarbeiterin. Sagen Sie doch einfach, dass Sie Kritik an der AfD nicht ertragen können und verstecken Sie sich nicht hinter irgendwelchen arbeitsrechtlichen Paragraphen.

    Ich finde es durchaus mutig, wenn sich Mitarberinnen und Mitarbeiter offen gegen die Feinde der Demokratie positionieren, auch wenn sie dadurch Probleme mit dem Arbeitgeber kriegen könnten.

  • #5
    Klaus Lohmann

    "Dabei würde der Grund für das Verhalten nur zweitrangig sein." In Ihrem Betrieb scheint offener Rechtsbruch der Normalzustand zu sein, Frank Orloff. Ein Grund mehr, dort besonders wachsam und kritisch zu sein.

  • #6
    Robert

    Hab mir gedacht, komm geh‘ se einmal bei die Ruhrbarone, gucken, wie se vor der Wahl am rotieren sind. Hat sich gelohnt. Jetzt freue ich mich noch mehr auf Morgen.

  • #7
    Andreas

    Abgesehen davon, das der Einzug der AfD leider, leider nicht verhindert werden kann, sind sie in Wahrheit die selbst heraufbeschworenen Dämonen, welche die derzeitige Regierung und deren Politik mit Volldampf am Bürger vorbei zu verantworten hat.

    Damit sich dies nicht als weiteres 4-Jahres-Spiel mit dem Feuer erfüllt, sollten wir alle mal ein wenig mehr für unser Leben in der Gemeinschaft tun.
    Unser Desinteresse durch verständliche Ohnmacht machte dieses Theatertrauerspiel erst möglich.

    Um die Berechtigung der Empörung zu untermauern ein Auszug von Wikipedia zum Thema Nationalsozialismus:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Nationalsozialistische_Deutsche_Arbeiterpartei

    "Die viel gelesenen Zeitungen des deutschnationalen Großverlegers Alfred Hugenberg machten die NSDAP und besonders Adolf Hitler überall im Reich bekannt, obwohl die Kampagne selbst im Dezember 1929 mit nur 15 Prozent Zustimmung scheiterte. Finanziert wurden diese und die folgenden Agitationen und Wahlkämpfe weniger durch Spenden aus der Großindustrie, die vom „Sozialismus“ im Parteinamen abgeschreckt wurde und lieber die DVP und die DNVP unterstützte (einzelne nationalsozialistische Schwerindustrielle wie Fritz Thyssen und Emil Kirdorf waren Ausnahmen). Wichtiger waren Zuwendungen der mittelständischen Industrie, vor allem aber die vergleichsweise hohen Mitgliedsbeiträge (ein Finanzierungsinstrument, das die Nationalsozialisten von der SPD übernommen hatten) sowie die Eintrittsgelder zu Veranstaltungen mit Hitler oder Goebbels, für die zwischen 50 Pfennig und zwei Mark verlangt wurden – der durchschnittliche Monatslohn eines Arbeiters lag bei 180 Mark, ein Student oder ein Arbeitsloser mit Familie musste mit etwa 80 Mark auskommen.[13]"

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