Update: WDR nicht mehr in Sorge um die Israelisierung der Türkei

Kurdische Demonstration vor dem Landtag in Düsseldorf


Update: Der WDR hat den Artikel von Mustafa Alp Dağıstanlı von seiner Homepage entfernt:

„Weil der Beitrag des freien Journalisten zwar in der Ich-Form geschrieben, aber an dieser Stelle nicht eindeutig als Kommentar gekennzeichnet war und in der Sache undifferenziert ist, hat sich die Redaktionsleitung entschieden, die Veröffentlichung zurückzuziehen. Es tut uns leid. Der Artikel ist jetzt offline.“

Der WDR ist ein Kölner Sender, dem es Jahr für Jahr gelingt neue Maßstäbe in der Karnevalsberichterstattung zu setzen. Kommt in einem Beitrag jedoch das Wort „Israel“ vor, zeigen sich die redaktionellen Grenzen.

Gestern erschien auf der Homepage des Westdeutschen Rundfunks (WDR) ein Beitrag von Mustafa Alp Dağıstanlı unter der Überschrift „Wenn das Kurdenproblem langsam aber sicher „palästinisiert“ wird“ und beschäftigt sich mit der Kurdistan-Politik des Erdogan-Regimes,  das gerade gemeinsam mit Jihadisten Krieg gegen die Kurden in Syrien und im Nordirak führt. Keine Frage: Die Türkei führt einen verbrecherischen Krieg und hat sich damit für sehr lange Zeit aus der Wertegemeinschaft des Westens verabschiedet. Über die Konsequenzen die das haben sollte, habe ich hier bereits geschrieben.

Auch Mustafa Alp Dağıstanlı sieht das militärische Vorgehen der Türkei kritisch, aber ohne Antisemitismus kommt er bei seiner Argumentation gegen das Erdogan-Regime nicht aus. Für ihn wird der Kurdenkonflikt gerade „palästinisiert“, die Regierungspartei AKP habe sich beim Kampf gegen die Kurden  auf die „Spuren Israels“ begeben: „Dass ein Problem „palästinisiert“ wird, bedeutet allerdings gleichzeitig, dass ein Staat „israelisiert“ wird. Und das trifft auf kein anderes Land als die Türkei zu.“ Und das obwohl doch die Türkei ständig Israel kritisiert, eine Kritik, die, Dağıstanl nicht in Frage stellt, denn da passen zwischen ihm und dem türkischen Staat kein Blatt Papier: „Die türkischen Machthaber sprechen ständig über die Hilflosigkeit der Vereinten Nationen, die Missachtung des Völkerrechts, die Abscheulichkeit der geopolitischen Spiele, darüber wie ein Volk zu KZ-ähnlichen Zuständen verurteilt wird, über die Besatzung auf unbestimmte Zeit, und darüber, wie die palästinensische Frage der Inbegriff der Grausamkeit zu sein scheint.“

An Dağıstanlıs Argumentation ist falsch, was falsch sein kann: Israel wehrt sich seit Jahrzehnten gegen Angriffe der Palästinenser, denen es Land überlassen hat, um einen eigenen Staat aufzubauen. Doch anstatt das zu tun, nutzt beispielsweise die Hamas Hilfsgelder der Internationalen Gemeinschaft, um sich für den Kampf gegen Israel hochzurüsten.   Ausser ein paar radikalen Spinnern, die es in Israel wie in jedem Land gibt, hätte in Israel niemand etwas gegen einen palästinensischen Staat, der für Israel ein Nachbarn wie die Niederlande für Deutschland wäre. Israel hat jede Menge Probleme wie die extrem hohen Mieten,  Lebensmittelpreise und Steuern – dem Land würde es besser gehen, wenn es weniger Geld für Rüstung ausgeben müsste, wenn es friedliche Nachbarn hätte, mit denen man Handel treiben und in Ruhe leben könnte.  Ein säkularer Palästinenserstaat, in dem Männer und Frauen gleichberechtigt wären und Minderheiten, Juden zum Beispiel, gut leben könnten, wäre für Israel kein Problem, es wäre etwas, was sich  viele Israelis wünschen – Juden wie Araber.

Genau so eine Gesellschaft will die Türkei verhindern und da ist sich Erdogans AKP mit der sozialdemokratischen Opposition CHP einig, die den Krieg gegen die Kurden unterstützt und Erdogan eher treibt als bremst. Die Türkei will keine autonomen kurdischen Nachbarn. Und da sie den Islamischen Staat immer wieder unterstützte, wohl auch keinen Erfolg der Allianz von Kurden und USA im Kampf gegen den IS. Der Krieg gegen die Kurden hat nichts mit Selbstverteidigung zu tun, sondern ist ein schnöder Angriffskrieg mit dem Ziel die Kurden zu vertreiben und zu unterdrücken und den Islamismus abzusichern. Und da sind wir bei einem weiteren Punkt, der die Türkei von Israel unterscheidet: Während der Türkei auf dem Weg in eine islamistische Diktatur ist, ist Israel ein demokratischer Rechtsstaat: Gegen Regierungschef Benjamin Netanjahu wird wegen Korruptionsverdacht ermittelt, die Polizei benennt einen Zeugen nach dem anderen gegen ihn. In der Türkei undenkbar. Es gibt, wie es sich für eine Demokratie gehört, viel Streit in Israel: Um die Behandlung der Orthodoxen, die Friedenspolitik, die hohen Preise. Was es nicht gibt, sind Polizeibeamte und Richter, die auf einmal verschwinden und in Gefängnissen landen. Würde sich die Türkei „israelisieren“, es wäre ein großer Fortschritt für das Land: Für die Türken wie für die Kurden.

Es gehört schon eine gehörige Portion Antisemitismus dazu,  das anders zu sehen. Dağıstanlı muss zwanghaft das israelische Beispiel nennen, weil es für ihn offenbar nichts verdorbeneres als Israel gibt. Er glaubt, mit diesem Vergleich die Türkei mehr als mit jedem anderen beschämen zu können.

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Gerd
Gerd
5 Jahre zuvor

Der WDR biete Holocaust Umkehr eine Platform? Wer hätte gedacht, dass die so tief sinken würden? Das wird eine Shitstorm geben, den die Bande aus Köln redlich verdient hat.

discipulussenecae
discipulussenecae
5 Jahre zuvor

Es wird leider und wie immer keinen "shitstorm" geben, da alle WDR-Redakteure letzlich nur den rot-grünen Mainstream wiederkäuen, dem ein ebenso ignoranter wie massiver Antisemitismus inhärent ist. Das kann mann in den Bochumer Kneipen eigentlich jeden Abend erleben, wenn das Thema auf Israel kommt, und ich nicht genervt sofort nach Hause gehe …

der, der auszog
der, der auszog
5 Jahre zuvor

Tom Buhrow schnallt es einfach nicht…

nussknacker56
nussknacker56
5 Jahre zuvor

Der WDR erfüllt immer mehr Kriterien, die einen Hetzsender kennzeichnen. Allerdings achten sie darauf, unterhalb einer bestimmten Schwelle zu bleiben (Stichwort: „historische Verpflichtung“). In Köln gibt es wahre Könner, die den Hass auf den israelischen Staat trotzdem am Köcheln halten oder ihn gar entfachen. Der WDR ist fester Teil dieser Szene.

Puck
Puck
5 Jahre zuvor

@#1
Lieber Gerd, das wäre schön, wenn es einen Shitstorm gäbe. Leider sind die im betreffenden Artikel wiedergekäuten Ansichten weit verbreitet – unter Rechten wie Linken und auch mittendrin. Einen Shitstorm riskiert der WDR eher, weil er den Beitrag rausgenommen hat…

Leman
Leman
5 Jahre zuvor

Ein Trauerspiel, die Entwicklung des WDR. Primär diese scheinbare Betroffenheit, unter der dann aber die oben gut beschriebenen Überzeugungen, Traditionen und Strukturen verheerend wirken. So wird dem Publikum das selbständige Denken aberzogen. Der natürlich wünschenswerte Shitstorm bleibt daher zwangsläufig aus.

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