Vögeln ist schön: Die Erotisierung des ganzen Lebens

Das Jahr 1968 veränderte die Bundesrepublik wie wenige andere. Unsere Gastautorin Ulrike Heider hat mit „Vögeln ist schön“ darüber ein Buch geschrieben:

Ulrike Heider Foto: George-Larkins Lizenz: Copyright
Ulrike Heider Foto: George-Larkins Lizenz: Copyright

»Du wirst noch ein schönes Flittchen werden«, sagte meine Mutter mit verzerrtem Gesicht. Sie saß am Esstisch im Salon unseres schönen Hauses mit Garten, dem goldenen Käfig, in dem ich aufgewachsen war. Ich stand ein paar Schritte entfernt von der Zornigen mit dem Rücken zur Wand und sagte nichts. »Hätten wir dich nur eingesperrt«, stieß sie hervor. »Jetzt ist es ja wohl zu spät«. Das war 1967 in Frankfurt am Main. Ich war damals 20 Jahre alt und hatte in der Nacht davor zum ersten Mal mit meinem ersten Freund geschlafen, in seinem nicht abschließbaren Zimmer, das er als Untermieter im Haus einer befreundeten Familie bewohnte. Als ich weiter schwieg, stürzte meine Mutter zum Telefon und rief dort an. »Dass das unter ihrem Dach geschieht, Frau Schneider«, schleuderte sie der Vermieterin meines Freundes ohne Begrüßung und Erklärung entgegen, während ich die Gelegenheit nutzte, in mein Zimmer zu flüchten. Sie machen sich strafbar, wir könnten Sie anzeigen«, hörte ich die Mutter noch schreien und schämte mich für sie, auch wenn sie recht hatte. Tatsächlich galt der im Kaiserreich erlassene sogenannte Kuppeleiparagraph, der Vermietern, Eltern und Verwandten untersagte, unverheiratete Paare in einem Zimmer schlafen zu lassen, noch bis 1969.

Meine Eltern waren weder Reaktionäre noch typische Spießer. Im Gegenteil, sie sympathisierten mit der Friedensbewegung, lasen avantgardistische Literatur und umgaben sich mit Intellektuellen, Künstlern und Schauspielern. Mit Menschen zum Teil, die in »wilden Ehen« lebten und sogar offen von ihren Affären sprachen. Der beste Freund meiner Mutter las mit Begeisterung Henry Millers Skandalbücher Wendekreis des Krebses, Sexus und Nexus und durfte sich sogar vor uns Kindern darüber auslassen. Er tat dies mit wichtiger Miene und in ebenso bedeutungsvollen wie unklaren Andeutungen, aus denen ich schloss, dass das, wovon die Rede war, der Sexus wahrscheinlich, etwas nicht nur Verbotenes und Aufregendes, sondern auch Anstrengendes und Unangenehmes sein müsse. Meine Mutter war eine charmante, modern wirkende Frau, die sich ebenso elegant wie gewagt kleidete. Eine Lederjacke trug sie zum Beispiel zu einer Zeit, als dies an Frauen noch als obszön galt. Nie hätte ich eine solch hysterische Reaktion auf den Beginn meines Liebeslebens von ihr erwartet.

Als die Rede in Anwesenheit des Vaters noch einmal auf meine verlorene Unschuld kam, sorgte sich dieser – er war Arzt – um das »verdächtige Hüsteln« meines Freundes, der oft erkältet war, und warnte vor einer Ansteckung mit Tuberkulose. Auf die Idee, mich über Verhütungsmittel zu informieren, kam er nicht, und die Mutter erging sich weiter in Moral: »Das wäre nicht nötig gewesen, das ist nicht deine große Liebe. Das weiß ich«. Ich war sehr in meinen Freund verliebt, war vorher in andere verliebt gewesen, unerfüllt und schmerzhaft. Nur mit der großen Liebe war ich mir nicht so sicher. Diese nämlich wurde in meiner Teenagerzeit so hochgehalten, dass sie den Jugendlichen zum Halse herauszuhängen begann. In den Heimat- und Kitschfilmen der Adenauer-Jahre ins Unendliche glorifiziert, war die Liebe auch ein wichtiger Bestandteil der Geräuschkulisse dieser Zeit. »Ohohoho, I Love You Baby. Ich liebe Dich. Du bist am Tage der Sonnenschein für mich. Du bist der Stern in der Nacht und lässt mir keine Ruh, denn Ihihi Love You«. Das war der Ohrwurm von Peter Kraus, dem größten Schmalzer im Lande. »Steig in das Traumboot der Liebe / fahre mit mir nach Hawaii / dort auf der Insel der Schönheit / wartet das

Glück auf uns Zwei«, sang Caterina Valente. Und Roy Black, der eigentlich als Rockmusiker Karriere machen wollte, wurde von seinem Manager noch 1968 zu einem der schlimmsten Schmachtfetzen der Nachkriegszeit gezwungen. »Ganz in Weiß mit einem Blumenstrauß. / So siehst du in meinen schönsten Träumen aus. / Ganz verliebt schaust du mich strahlend an. / Es gibt nichts mehr, was uns beide trennen kann.« Kein Wunder, denn die Scheidung war nicht nur ein böses Stigma, sondern auch eine schwierige Prozedur, notwendig verbunden mit einem Gerichtsverfahren, das den einen für schuldig, den anderen für unschuldig erklärte.

Nach der Entjungferung und den Szenen, die mir meine Eltern gemacht hatten, ging ich, statt meine Liebe zu hinterfragen, schleunigst zu einem sogenannten »Nuttendoktor« und ließ mir die Antibabypille verschreiben. Bis auf wenige Ausnahmen gönnten die Ärzte das bahnbrechende Verhütungsmittel nur Volljährigen und Verheirateten. Viele warnten auch vor Krebs und anderen

Gefahren als Preis für die folgenfreie Lust. Die Abtreibung wiederum war verboten und galt als moralisches Verbrechen, von dem eine Frau lebenslang gezeichnet sei. »Sie hat eine Abtreibung hinter sich«, wurde hinter dem Rücken der Glücklichen gemunkelt, die einen Arzt gefunden hatten, der sie vor der Schande eines unehelichen Kindes bewahrte. Tatsächlich gab es Mädchen, die von der Polizei aus der Schule abgeführt wurden, weil ihr schwangerer Bauch die Mitschüler hätte verderben können. Andere, vor allem aus den Unterschichten, griffen zur Selbsthilfe mit Stricknadel und Kleiderbügel oder riskierten ihr Leben beim Kurpfuscher.

Eine Umfrage von 1966 ergab, dass 66 Prozent der Studentinnen noch Jungfrauen waren und zu Hause lebten. Das zeigt, wie erfolgreich sie von ihren Eltern behütet wurden, und wie groß die Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft war. Ebenso schwer lastete die Angst, nicht zur rechten Zeit einen Mann zu finden und als »alte Jungfer« zu enden. Meine Mutter zum Beispiel stellte sich vor, dass ich bis zur Eheschließung im Elternhaus bleiben, vielleicht ein paar Semester Kunstgeschichte studieren oder ein Examen als Volksschullehrerin ablegen würde. Alles nur, um spätestens mit Mitte zwanzig einen Arzt oder Rechtsanwalt zu heiraten, Kinder zu bekommen und ein komfortables Haus zu pflegen so wie sie. Als ein nicht mehr ganz junger Arzt mich mit unerwünschten Telefonanrufen belästigte, bedrängte mich die Mutter, seine Werbungen zu erhören. »Wär doch eine gute Partie«, höre ich sie noch heute sagen.

Was sich in anderen Elternhäusern abgespielt haben mag, kann man in Gisela Elsners Roman Das Berührungsverbot nachlesen. Eine Mutter hat den »Richtigen«, einen Mann aus gutem Hause mit angehender Karriere, für ihre Tochter gefunden und tut alles, um eine Heirat herbeizuführen. Sie schmückt das Mädchen, so gut sie kann und gibt detaillierte Anweisungen zur schrittweisen

Preisgabe des Körpers bei jedem »Stelldichein«2. Vor der Verlobung war nach Theater- und Konzertbesuchen nur das Streicheln und später das Halten der Hand erlaubt, dann das Küssen auf die Wange, dann erst der Kuss auf den Mund mit »zusammengepressten Lippen«. Nach dem ersten Zungenkuss schließlich, während dessen der junge Mann seiner sich ekelnden Freundin erstmals »überm Kleiderstoff« an die Brust gegriffen hatte, muss sich diese eine Woche lang verleugnen lassen. »Wenn wir jetzt nicht eine kleine Pause machen« so die Mutter, »hat er nächstes Wochenende unsere nackte Brust in seiner Hand und am übernächsten seine Finger über unserem Schlüpfer und am überübernächsten darunter«3. Noch immer nicht zur Verlobung breitgeschlagen, versucht der Heiratskandidat immer penetranter, der sich wehrenden Unschuld zwischen die Beine zu greifen. Die Mutter lässt sich das Vorgefallene jeweils in allen Einzelheiten erzählen. Dann legt sie tröstend den Arm um ihre Tochter und meint seufzend: »Liebes Kind, wohl oder übel werden wir ein wenig weitergehen müssen.«4

Kaum besser ging es den Söhnen der kleinbürgerlichen und bürgerlichen Familien in den 1950er und 1960er Jahren. Sie sollten auf keinen Fall zu früh heiraten, sondern erst, wenn sie es »zu etwas gebracht« hatten. Denn dann erst, so die gängige Vorstellung, könnten sie sich eine hübsche Frau aus gutem Hause »leisten«. Vorher warnte man die hoffnungsvollen jungen Männer vor dem bösen, unmoralischen Weib, das Leben und Karriere zerstören könnte, wenn sie auf dessen Tricks hereinfielen. Väter und Mütter rieten auch ihnen zur Enthaltsamkeit und gemahnten an die Achtung vor den ehrbaren unter den Frauen. Die Doppelmoral aber triumphierte und der Frauenhass blühte im Nährboden solcher Ideologien. Scheinbar abgeklärt wie verbitterte Greise trugen frustrierte Gymnasiasten und Studenten ihre Überzeugung von der

Minderwertigkeit des anderen Geschlechts zur Schau. Kluge und intellektuell ehrgeizige Frauen galten ihnen als »Intelligenzbestien« oder »Blaustrümpfe«, Brillenträgerinnen als »Brillenschlangen«. Gleichzeitig schwelgten diese Nietzsche und Heidegger lesenden Jünglinge in einem männerbündelnden Kulturelitarismus, dessen schamlose Wiederkehr man seit den 1980er Jahren beobachten kann. Mutigere gingen ins Bordell oder schliefen mit Mädchen aus der Arbeiterklasse, denen die Unschuld erfahrungsgemäß weniger wert war als den Töchtern aus Mittel- und Oberschicht.

Die Kluft zwischen den Geschlechtern dieser Generation war groß und früh erlernt. In den meisten Grundschulen setzten die Lehrer die weiblichen Kinder auf die eine Seite des Schulzimmers, die männlichen auf die andere. Mädchen und Jungen sprachen und spielten nicht miteinander. Neugierige, oft verliebte Blicke und verhalten verbale Feindseligkeiten bildeten meist die einzige Kommunikation. Jungen, die sich mit Mädchen abgaben, galten als Weichlinge, Mädchen, die mit den Jungen rannten und tobten, als garstig. Und wehe, wenn sie nach der Schule bei Doktorspielen erwischt wurden. Dann drohte die Einsperrung ins Erziehungsheim. Später auf dem Gymnasium gab es kaum geschlechterübergreifende Freundschaften. Die wenigen, die mit einem Mädchen oder einem Jungen aus der gleichen Schule »gingen«, trafen sich am Nachmittag. In der Schule konnten sich solche Paare kaum zusammen auf dem Pausenhof zeigen, ohne den Spott der Mitschüler und Verdächtigungen der Lehrer auf sich zu ziehen. Niemals schließlich durften sich Mädchen und Jungen ohne Aufsicht in einem Raum aufhalten. Die Pädagogen schienen anzunehmen, dass bei solcher Gelegenheit vor allem die Älteren in angestauter Geilheit übereinander herfallen würden.

Sie taten das nicht. Das bewiesen die Partys, die wenige liberale Eltern ihren Teenagerkindern bisweilen im eigenen Partykeller gönnten. Wenn kein Erwachsener dabei war wurde dort nicht mehr Cha-Cha-Cha oder Boogie-Woogie, sondern »Knutschblues« getanzt. Mädchen und Jungen traten eng aneinandergepresst von einem Bein aufs andere. Auf Sofas und in Sitzecken gruben ungeschickte Jungenhände unter Büstenhaltern und Strumpfgürteln nach dem ersehnten nackten Fleisch. Die Mädchen, stets um ihre kunstvoll toupierten Frisuren bangend, ließen es sich eine Weile gefallen, um sich dann bald im Stil der Unschuldigen aus den Heimatfilmen beleidigt zu entziehen.

Das schließlich, was über die Frustration der frühen Jahre hinwegtröstete, das, was Menschen tun, wenn sie sich einsam fühlen, das war seit Kindertagen unter strengsten Strafandrohungen verboten. Gisela Elsners Protagonistin grub als kleines Mädchen heimlich kleine Gräber mit selbstgebastelten Kreuzen und verzierten Schachteln als Särgen. Darin wollte sie die Hand begraben, von der man ihr prophezeit hatte, dass sie bald abfallen würde. Die Hand, mit der sie eine ganz bestimmte Stelle ihres Körpers berührt hatte. Jahrelang traute sie sich nicht mehr, diese Stelle zu betasten oder anzuschauen. Allzu oft waren die Eltern in Wut ausgebrochen, wenn sie es tat, hatten sie mit dem Stock auf die Hand geschlagen oder ihr beide Hände an die Lehne eines Stuhls gebunden. »So als wäre diese Stelle nicht allein ein winzig kleines Stück des Körpers, sondern als bestände dieser ganze Körper durch das Handanlegen nur aus der besagten Stelle …«5 Jungen, die beim Onanieren erwischt worden waren, und solche, die man der Selbstbefleckung verdächtigte, drohten Großväter, Väter und Kirchenmänner noch bis in die 1970er Jahre hinein mit fürchterlichen Folgen: Impotenz, Rückenmarkschwund, Gehirnaufweichung oder Schwachsinn.

Am Samstag, den 15. März um 20.00 Uhr ist die Autorin und Journalistin Ulrike Heider zu Gast im Lokal Harmonie, Harmoniestraße 41, 47119 Duisburg, und liest aus ihrem Buch „Vögeln ist schön“, dem dieser Auszug entnommen ist. 

Heider_Voegeln_ist_schoenUlrike Heider:

Vögeln ist schön

Die Sexrevolte von 1968 und was von ihr bleibt

320 Seiten, € 14,95, Rotbuch-Verlag, Berlin 2015  

 

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Rudolf Mühland
10 Jahre zuvor

Am: 17.03.2014 ist Ulrike auch im Onomato, Birkenstr. 97, Düsseldorf. Die Veranstaltung beginnt um 20:oo Uhr und wird vom Soziologen Dieter Bott moderiert!

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