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Vorschläge für weiteren kreativen Protest gegen das Musikzentrum Bochum

Musikzentrum Bochum

Über das Musikzentrum Bochum wird seit Jahren engagiert gestritten. Die Argumente für und wider sind mehr als einmal ausgetauscht worden, doch die organisierten Gegner des Musikzentrums zeigten am gestrigen Tag, dass ihnen wirklich jedes Mittel recht ist (etwas, was sie lustigerweise den Befürwortern selber vorwerfen).

Wenn das Musikzentrum so gebaut wird, wie geplant, dann fallen einige Platanen im Bereich der Marienkirche den Baggern zum Opfer. Doch auch wenn die Stadtverwaltung sofort zusagte, dass adäquater Ersatz auch im Bereich der Innenstadt geschaffen werden wird, ist dieser Punkt der neueste Aufhänger des Protestes der Bürgerinitiative von Volker Steude, dessen Kampf gegen Windmühlen bzw. das Musikzentrum fast schon legendär ist.

Hier sahen Steude & Co. von der Initiative gegen das Musikzentrum einen geeigneten Aufhänger um mal wieder mit einer geschmacklosen Aktion auf sich und ihr Anliegen aufmerksam zu machen, wie das Pottblog gestern berichtete.

In der Vergangenheit schürte man schon mit der als Satire gedachten Kunstfigur des griechischen Multimillionärs Evangelos Papadopoulos, der das Geld zum Fenster (des Rathauses) hinausschmeißt, mehr oder weniger subtil eine Anti-Euro- bzw. vor allem Anti-Griechenland-Stimmung, die man in dieser Art eher von bestimmten Parteien am rechten Rand des politischen Spektrums erwartet hätte.

Nun nutzte man das Schicksal der russichen Band Pussy Riot aus, in dem im Pussy Riot-Stil eine Aktion als „Bekenntnis für den Kampf um Bürgerrechte und gegen Filz, Machtmissbrauch und Korruption“ durchgeführt wurde und sich ein paar Frauen an die Platanen ketteten. Abgesehen davon, dass die Akteurinnen noch nicht einmal wussten, wofür oder wogegen sie protestieren sollten, ist ein Vergleich des Baus des Musikzentrums in Bochum und des Pussy Riots-Prozesses in Moskau infam (oder aber ein Griff in die Kloschüssel wie es die WAZ formulierte).

Dieser Vergleich verhöhnt die Opfer der russischen Willkürjustiz und ist geschmacklos. Die Initiatoren des Bürgerbegehrens beklagen dann auch, dass sie und ihr Anliegen vom Stadtrat ignoriert werden. Eigentlich können die Initiatoren des Bürgerbegehrens froh sein, wenn man sie ignoriert. Denn wenn auch nur ansatzweise Verhältnisse wie in Russland herrschen würden, dann hätte man nicht den Sommer unter Strohhüten Unterschriften sammeln können, sondern wäre für die Entgleisungen von der Zuschauerbühne in der Ratssitzung vom Anfang Juli entsprechend behandelt worden, wie es jetzt in Moskau der Fall war.

Nach latent ausländerfeindlichen Aussagen, dem Missbrauch des Schicksals der russsischen Band Pussy Riot – was werden sich die Köpfe des Bürgerbegehrens als nächstes einfallen lassen?

Hier eine kleine Auswahl an möglichen geschmacklosen Aktionen, die sicherlich auch für Öffentlichkeit sorgen könnten:

  1. Nutzung der Notenbücher der Bochumer Symphoniker zur Erhitzung des Wassers in den städtischen Hallenbädern
    Die Gegner des Musikzentrums führen immer wieder aus, dass die Stadt in vielen anderen Bereichen spart und das sei nicht in Ordnung. Vielleicht kann so eine Notenbücherverbrennung dafür sorgen, dass man bei angenehmeren Temperaturen plantschen kann?
    Redaktioneller Hinweis an die Bürgerinitiative: Diese Aktion vielleicht nicht an den heißesten Tagen des Jahres durchführen!
  2. Diese Hundewelpe muss sterben, wenn das Musikzentrum Bochum gebaut wird…
    Hundewelpen mit ihren großen Augen sorgen in der Öffentlichkeit immer wieder für Solidarisierung – warum nicht einfach den Tod eines solchen Welpen provokant ankündigen? Durchführung einer Mahnwache und Ankündigung, dass man das niedliche Hundebaby tötet, wenn das Musikzentrum doch gebaut wird?
    Ein Berliner Verwaltungsgericht hatte schließlich schon mal geurteilt, dass die grausame Tötung von Hundewelpen keine Kunst sei – dann müsste doch die Verhinderung von Kunst machbar sein?
  3. Rituelle Selbstverbrennung
    Das größte Opfer könnte man natürlich dann bringen, wenn nicht ein unschuldiges Hundebaby geopfert wird – das fällt vielleicht auch gar nicht mehr in den Medien auf. Aber so eine rituelle Selbstverbrennung auf dem Parkplatz an der Marienkirche würde sicherlich für mehr als einen TV-Bericht sorgen. Doch auch wenn dadurch der Spam-Anteil in vielen Redaktionsmailboxen sicherlich sinken würde, wäre das – wie alle hier vorgeschlagenen Maßnahmen – doch dann zuviel des guten.

Man darf gespannt sein, was als nächstes von der Bürgerinitiative kommt – die Messlatte wurde jedenfalls mit der gestrigen Aktion deutlich tiefer gelegt.

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11 Kommentare zu “Vorschläge für weiteren kreativen Protest gegen das Musikzentrum Bochum

  • #1
    Stefan Laurin

    Hier eine Stellungnahme zu der Aktion:
    Stellungnahme des BÜRGERBEGEHREN „MUSIKZENTRUM“ zur Pussy-Riot Aktion vom 04.09.2012

    Leider ist die von uns gestern durchgeführte Pussy-Riot Aktion nicht so verlaufen wie dies von uns beabsichtigt war. Der Bezug der Aktion zu den Pussy Riots konnte mit der Aktion nicht in der gewünschten Weise vermittelt werden. Die Wirkung der gewählten Darstellerinnen haben wir falsch eingeschätzt. Die diesbezügliche Kritik an der Aktion ist daher gerechtfertigt und diese nehmen wir auch an.

    Die „Pussy Riots“ weisen in Russland auf die dort bestehenden Demokratiedefizite, Korruption und Machtmissbrauch hin und setzen sich bei ihren Aktionen einem hohen persönlichen Risiko aus.

    Derartige Risiken bestehen in Deutschland bei politischen Protesten nicht. Gleichwohl gibt es auch hier, wenn auch auf anderem Niveau, Defizite bei der Art und Weise wie politische Entscheidungen getroffen werden, wie diese gegenüber den Bürgern gerechtfertigt werden und wie die Bürger an den Entscheidungen beteiligt werden.

    Die Art und Weise wie die Politik in Bochum die Entscheidung zum Bau des Musikzentrums durchgezogen hat, offenbart diese Defizite sehr anschaulich. Darauf sollte mit der Aktion die Aufmerksamkeit gelenkt werden. Entsprechend war auch die Pressemitteilung formuliert ( http://www.lokalkompass.de/bochum/politik/pussy-riots-chapter-bochum-ankettaktion-an-platanen-rund-um-marienkirche-d206211.html (inhaltlich gleich, aber mit kleinen Formulierungsänderungen).

    Die Aktion war jedoch keine Umweltschutzaktion zur Rettung der Platanen wie dies teilweise in der Presse dargestellt wurde. Dies war auch der Pressemitteilung nicht zu entnehmen.

    So wie die Aktion offensichtlich von vielen verstanden wird, so war sie nicht beabsichtigt. Wenn die Aktion aber falsch verstanden werden kann und wird, dann war das unser Fehler und wird zu recht kritisiert.

    Wir nehmen uns diesen Fehler zu Herzen und hoffen, dass er der eigentlichen Sache, nämlich dem Willen der Bochumer Bürgerinnen und Bürger Gehör zu verschaffen, nicht allzu sehr geschadet hat.

  • #2
    Gebruder Blattschuss

    Die sind ja schneller wieder im Kabäuschen als andere „besetzte“ Häuser räumen! Schade!

  • #3
  • #4
  • #5
    CyberPunk

    Gegen das Musikzentrum bin ich ja immer noch, finde nur diese Aktion abartig und möchte damit eigentlich nichts zu tun haben.

    Hoffe mal das die sich so einen Scheiß in Zukunft sparen.

  • #6
    Stefan Laurin

    @CyberPunk: So sehe ich es auch. Das Konzerthaus ist so überflüssig wie ein Kropf – der Protest dagegen ist trotzdem in dieser Form unsäglich.

  • #7
    Michael Kolb

    Ja ja… Pussy Riot „Chamber Bochum“… wenn man die Aktion nicht missverstehen soll, dann sollte man die gebuchten Amateurdarsteller auch entsprechend instruieren… „Ich bin dagegen, daß Buchenwald abgeholzt wird… ne… Regenwald“. Da kann man schon mal durcheinander kommen…

  • #8
    Eva

    Au weia, was für ein mega-peinliches Eigentor der Initiative gegen das Musikhaus. Ich höre förmlich das Frohlocken im Rathaus. Bürgerinnen und Bürger, die ihre Unterschrift für die Initiative gegeben haben, sehen sich auf einmal Seit‘ an Seit‘ mit Porno-Darstellerinnen – das hatten wohl die wenigsten im Sinn, als sie unterschrieben. Wobei mich persönlich weniger stört, dass die Damen in diesem Gewerbe arbeiten, als vielmehr dass sie gegen Pussy Riot demonstrieren wollten. (So muss man ja wohl eine Aussage dieser Damen auffassen.) Die Initiative gegen das Musikhaus hat sich damit selbst diskrediert. Das ist sehr schade, denn deren Anliegen finde ich mehr als berechtigt. Ein Verzicht auf solche dämlichen Aktionen und eine strikte Rückkehr zur Sachebene wäre jetzt wohl mal angezeigt.

  • #9
    Barbara

    Hab dazu gerade diesen Schenkelklopfer hier gelesen: http://www.derwesten.de/staedte/bochum/pornostars-sollen-bochumer-platanen-retten-id7061726.html. Die Plantagenblamage des Jahres. Sollte dringend ins Handbuch der „Ratschläge für einen schlechten Gegner“ aufgenommen werden.

  • Pingback: Links anne Ruhr (06.09.2012) » Pottblog

  • #11
    DonFiege

    Tolle Action! Die Damen der vielbeschworenen Kreativwirtschaft haben auf ganz neue Nutzungsmöglichkeiten der Marienkirche aufmerksam machen können. Gehören sie zudem einer Kunstausrichtung an, die bisher nur auf privater Ebene durch die Politik gefördert werden muß, wäre eine zukünftige Nutzung der Kirche als Filmstudio durchaus vorstellbar und auch finanziell reizvoll. Innerhalb der Kirche kommt die Akustik schonmal viel intensiver, was insofern von Bedeutung ist, da wir nun wissen, zu welchen rhetorischen Höhepunkten die Damen fähig sind, wenn sie den Mund öffnen und zu ihrer Position Stellung nehmen. Zum Anketten finden sich genug Möglichkeiten und genagelt wurde in der Kirche sowieso schon immer. So erschließt sich nun auch der Bezug zu Pussy Riot, die mit ihrem Auftritt in einem Tempel göttlicher Liebe für allgemeine Erregung sorgen konnten. Meine Gratulation zu dieser Promotion-Aktion!

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