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Wahlkampf: Das Elend des Schulzzugs

Der Schulzzug in Berlin Foto: Screenshot

Der Schulzzug ist in Berlin angekommen. Wie bitte, der Schulzzug? Ist der nicht schon im Saarland, Schleswig-Holstein und in NRW entgleist und am vergangenen Sonntag beim Duell Merkel-Schulz endgültig zum stehen gekommen? Nicht ganz, denn den Schulzzug gibt es wirklich und er kommt ganz ohne Martin Schulz aus. Er ist eine Aktion von Jusos, deren Tour sie durch ganz Deutschland bis vor die Tore des Kanzleramtes in Berlin führte. Aber es sind nicht irgendwelche Jusos, die sich beim Schulzzug engagieren. Es sind keine Auszubildenden, keine Studenten oder keine jungen Facharbeiter, die da für Martin Schulz als Kanzler werben, es sind die Jusos aus Brüssel. Auf Bento wurden sie vorgestellt:

Wir sind etwa 15 Leute im Alter von 23 bis 33 und wohnen alle in Brüssel. Einige machen gerade ein Praktikum, viele sind bei Verbänden oder Nichtregierungsorganisationen beschäftigt, andere arbeiten auch bei Abgeordneten im Europäischen Parlament oder in der Kommission.

In dieser Aktion wird klar, was viele seit langem schreiben: Die SPD erreicht ihre einstige Kernklientel nicht, die  Leute, die Morgens aufstehen und in einem Betrieb arbeiten gehen, die Schlosser, Ingenieurinnen, Krankenpfleger oder Technikerinnen sind. Aus diesem Kreis hat sich scheinbar niemand frei genommen, um wochenlang für Schulz zu werben. Die die es tun stammen aus dem politischen Apparat,  haben wahrscheinlich eine klare Idee ihrer Karriere in einem Verband, der Verwaltung oder der Politik vor Augen. Sie engagieren sich nicht für Schulz, sie investieren in ihre Karriere. Die Facharbeiterinnen und Ingenieure tun es offensichtlich nicht. Die SPD ist eine Partei mit vielen Funktionären geworden, aber einer immer geringeren sozialen Basis. Deswegen dümpelt sie um die 20 Prozent, deswegen könnte sie bei der Bundestagswahl sogar unter diese Marke rutschen. Was tragisch ist, denn das Land braucht eine sozialdemokratische Partei – aber eine, die sich in erster Linie für Schlosser, Ingenieurinnen, Krankenpfleger oder Technikerinnen engagiert und nicht für den Funktionärsnachwuchs, der von der Arbeit anderer leben wird.

Und hier das Video des Schulzzugs:

RuhrBarone-Logo

14 Kommentare zu “Wahlkampf: Das Elend des Schulzzugs

  • #1
    ke

    Ist das nur bei der SPD so?
    Ich komme aus Dortmund. Bei der SPD ist der Wahlkreis sicher. Bei der CDU muss man auf einen Listenplatz setzen, d.h. sich in der Partei en gagieren. Der Bürger interessiert weniger. Auf Bundesebene kann man Glück haben und trotz eines katastrophalen Wahlergebnis im eigenen Bereich ins Paralment kommen.

    Europa setzt natürlich auch Einsatz in der Partei voraus. Es geht um die Liste. Bei allen kleineren Partien ohne HOffnung auf Direktmandate auch.

    Insgesamt ist es also sinnvoll, auf die Netzwerke in der Partei zu setzen. Nehmen wir bspw. unsere Arbeitsministerin, die dieses Modell erfolgreich vorgelebt hat.

    Wo bleiben die Politiker mit Arbeitserfahrung jenseits des erweiterten öffentlichen Dienstes bzw. des parteinahen Dienstes. Die Lebensläufe auf Stadtebene haben doch auch nur selten Jobs in der freien Wirtschaft.

    Es ist schade, dass hier einfach die Vielfalt fehlt. Warum gibt es bspw. keine Korrekturen bei den Pensionen?

  • #2
    Robin Patzwaldt

    Als dieser Kanzlerkandidat auserkoren wurde, da habe ich spontan gesagt, dass die SPD mit ihm über jedes Prozent über der 20%-Marke froh sein könne bei der Bundestagswahl im September. Da war natürlich schon etwa Schwarzmalerei meinerseits mit dabei damals. Dass es nun tatsächlich so kommt, das zeigt das ganze Elend dieser ehemaligen Volkspartei, welche ich bis ich etwas über 30 war noch als ‚Stammwähler‘ unterstützt habe, mich aber seit Jahren nun schon nicht mehr zu wählen überhaupt nur vorstellen kann. Fast tun die mir inzwischen sogar schon leid….

  • #3
    ke

    Im Ruhrgebiet gibt es noch genug Stammwähler.
    Das hängt auch damit zusammen, dass insbesondere die CDU kaum sichtbar ist und die SPD an einigen Stellen als Kümmerer auftritt.

    Wenn Wahllokale wieder öfter in Schulen statt in Altenheimen wären, hätten wir vermutlich auch andere Wahlergebnisse (unabhängig von der Erreichbarkeit).

  • #4
    Heinrich Pillmann

    Ich halte die Argumentation für ziemlich an den Haaren herbeigezogen. Die Aktion ist also verwerflich und der Einsatz für die SPD zum Scheitern verurteilt, weil hier keine ArbeiterInnen mitgemacht haben? Hm. Ziemlich oberflächlich.

  • #5
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @Heinrich Pillmann: Wo steht in dem Artikel das Wort "verwerflich"? Nichts ist daran verwerflich – nur mit ein Paar Leuten aus dem Bürokratennachwuchs gewinnt man keine Wahl.

  • #6
    Heinrich Pillmann

    @Stefan Laurin: das ist jetzt Haarspalterei. Die Aktion wird als "Elend" bezeichnet, es wird kritisiert, dass Leute aus Brüssel im Wahlkampf mitmachen, die keine ArbeiterInnen sind. Die werden als abgehoben und nur an Parteikarrieren interessiert dargestellt, während aus der Zusammensetzung dieser Gruppe abgeleitet wird, dass ArbeiterInnen besseres zu tun haben, als sich für die SPD zu engagieren. Das ist schon eine ziemlich selektive Darstellung. Sorry, aber für mich liest sich das eher wie ein hämischer, fadenscheinig begründeter Verriss. Ich kann ja auch verstehen, was die Begründung hinter diesem Artikel ist – dass sich die SPD von der Arbeiterklasse entfernt habe ist ja kein neuer Vorwurf – aber ob diese Aktion als Beweis dafür hinhalten kann, weiß ich nicht. Es wird ihr zumindest nicht gerecht, wenn ausschließlich über die demographische Zusammensetzung der Akteure gemutmaßt wird.

  • #7
    Anne

    Natürlich gewinnt man so keine Wahl, aber darum ging es ja nicht. Es sind die Jusos aus Brüssel, Belgien. Anstatt auf der Couch zu sitzen und sich alles anzuschauen, sind sie aufgestanden und haben versucht sich aktiv am Wahlkampf einzubringen. Wenn alle Werbung machen wirkt es auch am Ende mehr. Wenn man aber nur zuschaut und meckert wird sich nichts verändern. Finde es ehrlich gesagt irrelevant was die jungen Menschen arbeiten.

  • #8
    Gerd

    Ich hab ihn in Münster live erlebt.

    Kein Wort über innere Sicherheit. Meinte ernsthaft Dtl hätte im Spätsommer 2015 anders gehandelt, wenn die SDP nicht in der Regierung gewesen wäre, sondern die „CDU und die Deutschnationalen“ an der Macht gewesen wären. Hält das Atomabkommen mit dem Iran für eine Blaupause zur Lösung des Nordkorea Konflikts.

    Oh mein Gott!

  • #9
    Helmut Junge

    Wenn er keinen Grund sieht, die Themen anzusprechen, die seinen potenziellen Wählern wichtig sind, bekommt er auch nicht deren Stimmen. Falls er das auch weiß, ist es halt Absicht. Falls er das nicht weiß, gehört er nicht in die Politik. Ich tippe mittlerweile auf 55% für die große Koalition, wobei die SPD vielleicht sogar unter 20% landen könnte. Aber solange das für eine Koalition reichen wird, gibt es in diser Partei keine internen Diskussionen über den zukünftigen Weg. Darin hat sie ein Alleinstellungsmerkmal.

  • #10
    Walter Stach

    1.
    Helmut Junge,
    ja, in der Tendenz teile ich Deine Prognose und Deine Schlußfolgerungen
    .
    Wenn ich von den mir bekannten neuesten Umfragewerten ausgehe -CDU/CSU bei 38 %, SPD bei 22 %-, dann komme ich für die "große Koalition" auf 6o %. Das wiederum hat mich daran erinnert, daß ich hier bei den Ruhrbaronen vor einigen Tagen darauf hingewiesen habe, daß es exakt diese 6o % "der" Deutschen sind, die sowohl mit ihrem jetzigen Lebenssituation zufrieden sind als auch von einer positiven Zukunft ausgehen.

    U.a. -nicht nur -um den von Dir vermißten kritischen Diskurs "über den zukünftigen Weg" nach der Wahl in Gang in Gang zu setzen, vertrete ich bekanntlich seit langer Zeit die Meinung, daß "meine" SPD auf keinen Fall (!!) erneut einer Merkelschen Koaltion beitreten sollte, sondern daß sie es als Chance für das Land und für sich begreifen sollte, als größte Oppositionspartei im Parlament und außerparlamentarischen -ohne Rücksicht auf Koalitionsinteressen- die aus ihrer Sicht wesentlichen Zukunftsthemen aufzuzeigen und bezogen auf sie Lösungen zu erarbeiten, auch solche, die man radikal nennen könnte.
    Zudem erwarte ich von einer CDU/CSU/FDP/Grünen Koalition, daß ein solches Bündnis "aus sich heraus" die Chance bietet, mehr als bisher über neue Wege nachzudenken und diese offen und öffentlich zu diskutieren, denn so einfach wie bisher dürfte es der Kanzlerin nicht gelingen, alle Koaltionäre auf "ein weiter so" zu verpflichten und auf eine Politik "der kurzen Sicht" einzuschwören.

    2,
    Wenn -u.a. jetzt hier- von einer relativen Stabilität in der politischen Landschaft ausgegangen wird -6o % zufriedene Bürger, 6o% Zustimmung für die bisherige große Koaltion -trotz sog. Flüchtlingskrise, trotz……..-, dann drängt es sich mir auf, hier auf den Titel/den Titelartikel des neuesten SPIEGEL, der morgen erscheint , hinzuweisen. "Alles wird Wut" -Die Berliner Ruhe trügt -in Deutschland brodelt es-.
    Ich habe den Artikel noch nicht gelesen, meine aber, dass er Beachtung verdient -nicht primär bezogen auf den noch laufenden Wahlkampf, sondern auf das was nach der Wahl passieren oder eben nicht passieren wird, angefangen von der Koalitionsbildung bis hin zu den Inhalten der merkelschen Politik in den nächsten 4 Jahren und dem, was die vermutlich größte Oppositionspartei im Bund -"meine" SPD- angesichts "des Brodelns in Deutschland" machen wird.

  • #11
    der, der auszog

    @Helmut
    Mit einer SPD <</= 20% wird es keine GroKo mehr geben. Bis auf Nahles und den ein oder andere Ministerpräsidentin dürfte ein solches Ergebnis dem kompletten SPD Vorstand den Kopf kosten. Was der SPD bevorsteht ist eine völlige Grunderneuerung. Die Merkel-CDU hat eine solche bereits hinter sich, nachdem Kohl mit seiner Spendenehrenwortgeschichte den Karren vor die Wand gefahren hatte. Die FDP musste erst aus dem Bundestag und zig anderen Parlamenten fliegen, bis sie begriff, dass sie sich erneuern muss. SPD und Grünen steht ihr Déjà-vu noch bevor. Zwei Parteien, die irgendwo im letzten Jahrhundert leben und denken und denen jeder moderne Ansatz fehlt.

    Wenn Du mich fragst, dann wird es demnächst auf Schwarz-gelb hinaus laufen, denn der SPD mit 20% +/-1 ging es noch nie so schlecht wie heute und die FDP wird als derzeitige APO von den Meinungsforschern noch nicht ernst genug genommen. Anders ausgedrückt: Wir werden uns am 24. September mal wieder wundern, weil uns die Schönebergs und Ehnis spätestens am 25. erklären werden, warum sie dieses Mal wieder so verdammt daneben gelegen haben. An Schulz jedenfalls wird die SPD sicherlich nicht scheitern.

  • #12
    Helmut Junge

    dda, in Duisburg stimmen wir zusätzlich zur BT-Wahl noch über den Oberbürgermeister und auch noch darüber ob wir ein Outlet.Center brauchen ab. Kann sein, daß ich zuviele Einflüsse auf mich einwirken lassen muß. Was die SPD betriftt, läuft aber alles in die gleiche Richtung, denn ich habe etwas gegen zusammenbrechende Brücken, deren Zustand lange bekannt ist, ohne daß daraus Konsequenzen gezogen wurden. Gemeinsam mit unserem derzeitigen OB habe ich nur, daß wir beide gerne Currywurst essen. Leider ist mir nur diese Eigenschaft an ihm bekannt. Bei Schulz fehlt mir der Beschluß seiner Partei zu seinen aussagen. Auch er wird gerne Currywurst essen. Aber mir reicht das nicht! Gegen das Outletcenter an dieser geplanten Stelle wurden massenhaft Unterschriften gesammelt. Jetzt kommt es zur Abstimmung.
    Das sind lokalbedingte zusätzliche Entwicklungen, die mich bewogen haben, mitten im Wahlkampf eine Ausstellung bei den duisburger Grünen zu machen, bei deren Eröfnung auch der gemeinsame parteilose Gegenkandidat zum derzeitigen OB, der von 4 Parteien unterstützt wird, zugegen sein wird. Ja, bei den Grünen! Jetzt lach nicht. Die Welt hat sich gedreht. Ich will nicht Schwarz-Gelb und weiß nicht wie ich das hinkriegen soll. Also bringe ich mich mit meinen Mitteln ein. Ich fühle ja ähnlich wie Arnold in einem anderen Thread, nur kann ich nicht nichts tun. Wahrscheinlich werde ich mich später aber wieder ärgern, daß ich wieder alles falsch gemacht habe.

  • #13
    Walter Stach

    Am 2.9. hat Dieter Schnaas in der Wirtschaftswoche in seiner Kolumne folgende Prognose gewagt -und begründet (!!):
    Union 32 %
    SPD 19 %
    Linke 12 %
    AFD 12 %
    Grüne 1o %
    Abwegig? Nein, so scheint es mir jedenfalls.

  • #14
    Karlito

    Die SPD muss in die Opposition, um sich wieder ganz zu erholen und sich auf alte SPD-Werte besinnen, dann kann es in 4 Jahren wieder aufwärts gehen, genau wie bei der FDP jetzt.

    Deswegen wünsche ich der SPD max. 18-20 % !

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