Wallraff im Ringlokschuppen

 

Er kann es nicht lassen. Und das ist gut so. Wallraff hat wieder die Perspektive gewechselt.

Immer wieder verbringt Günter Wallraff Monate oder sogar Jahre unter dem Deckmantel fiktiver Identitäten. Sie erlauben es ihm, in die Tiefen sozialer Ungerechtigkeiten und moralischer Vergehen einzutauchen. 1985 schafft er mit seinem Werk „Ganz unten“ den Durchbruch. Als Türke „Ali“ berichtet er von dem empörenden Handel mit Leiharbeitern. Der Erfolg gibt ihm Recht: mit über fünf Millionen verkauften Exemplaren wurde „Ganz unten“ ein sensationeller Erfolg.

Nun war er wieder unterwegs. Als „Michael G.“ hat er die deutschen Callcenter auf Herz und Nieren geprüft und als Niedriglöhner für Lidl Fabrik-Brötchen gebacken. Außerdem hat er als Obdachloser das Leben ohne zu Hause aus nächster Nähe inspiziert. Seine Erfahrungsberichte bekommen wir in seinem neusten Buch „Aus der schönen neuen Welt“ druckfrisch serviert. Wer aber nicht nur sein Buch, sondern auch seine Stimme will, der sollte am 29.10.09 zum Ringlokschuppen in Mülheim pilgern. Dort liest Wallraff aus seinem neuen Buch und diskutiert im Anschluss mit neugierigen Zuhörern.

 

Donnerstag, 29.10.2009

Start 20:00 Uhr

Eintritt 15,-€

 

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6 Kommentare

  1. #1 | Twitter Trackbacks for Wallraff im Ringlokschuppen » ruhrbarone [ruhrbarone.de] on Topsy.com sagt am 27. Oktober 2009 um 11:25 Uhr

    […] Wallraff im Ringlokschuppen » ruhrbarone http://www.ruhrbarone.de/wallraff-im-ringlokschuppen – view page – cached ruhrbarone. Journalisten bloggen das Revier: Alltag, Kultur und Politik im Ruhrgebiet. — From the page […]

  2. #2 | Gedankenpflug sagt am 27. Oktober 2009 um 12:09 Uhr

    Gut, dass wir die Unkonventionellen haben!

  3. #3 | Mr. Captcha sagt am 27. Oktober 2009 um 12:35 Uhr

    …und ich dachte schon, er würde jetzt undercover bei der Bahn recherchieren.

  4. #4 | Burkard Schulte-Vogelheim sagt am 28. Oktober 2009 um 20:52 Uhr

    Ein guter Mann, ohne Zweifel. Ein guter Mann, weil er sich die Empathie erhalten hat und die daraus resultierende Empörung zum Ausdruck bringt. Ansonsten aber, wem nutzt er?

    Alles, aber wirklich alles, was in der Vergangenheit und auch heute „enthüllt“ wurde und wird, ist bekannt. Bekannt, die verLIDLten Betriebe, bekannt die prekären Arbeitsverhältnisse und bekannt der Menschenhandel auf dem Zeitarbeitsstrich, dem „Jobwunder“.

    Was also bleibt übrig? Ein jeder, der laut lacht, schwafelt ein Steinmeier von einer „sozialen Kälte“, spielt ein Rüttgers sich als „Arbeiterführer“ auf, quatscht ein Westerwelle von einer „Leistung, die sich wieder lohnen soll“ und versteigt sich eine Merkel gar vom „Wohlstand für alle“, der ist wichtiger als Wallraff.

    Das bei aller Verbundenheit mit Wallraff, dem Mann, der immerhin ausspricht, was bekannt ist aber sonst verschwiegen würde. Denn diese Empörung trägt auch die Hoffnung in sich, daß es sich ändert. Und das ist schon was. Bewirken allerdings wird Wallraff nichts. Erst recht nicht seine zutiefst betroffenen Leser.
    Seine Leser, die genau wissen.

  5. #5 | Meriem Benslim sagt am 29. Oktober 2009 um 12:03 Uhr

    Ich finde es schade, dass an dieser Stelle Wallraffs Rolle und die Wirkung seiner Arbeit derart bagatellisiert wird. Wie kann es sein, dass es keinen Unterschied machen soll, ob sich Menschen mit den von Wallraff publizierten Problemen befassen oder nicht? Es kann nicht sein. Denn der Zustand, dass sich Menschen, damit befassen unterscheidet sich schlichtweg von dem Zustand, in dem sie es nicht tun. Und allein das, hat Wallraff bewirkt, wenn Menschen seine Texte lesen. Außerdem bin ich der Ansicht, dass es weitere, um nicht zu sagen, moralisch relevante Unterscheide gibt:
    Wallraffs Arbeit liefert Menschen u.a. die Möglichkeit ihr Bewusstsein für moralische Vergehen und soziale Ungerechtigkeit zu schärfen und moralische Urteile auszubilden und zwar dadurch, dass Wallraff die womöglich bereits bekannten Probleme (gleichwohl ich auch diesen Punkt fragwürdig finde, da viele Aspekte seiner Arbeit vor Veröffentlichung sicherlich noch nicht allgemein bekannt waren- aber ich kann das gerne in meiner Argumentation voraussetzen), an Personen gebunden und für den Leser interessant aufbereitet. Er schafft es, seine Erlebnisse in einer Weise darzustellen, die Menschen ergreift und ihr Interesse weckt. Sie befassen sich mit Problemen, die sie zum einen womöglich bereits wieder vergessen hätten und zum anderen tiefer bewegen, als es durch den regulären Informationsweg der Fall ist. Dabei spielt es, wie gesagt, keine Rolle, ob das Problem im Großen bereits bekannt ist oder war, denn Wallraff liefert die entscheidenden Details – er liefert Einzelschicksale, kreiert Bezüge zum Alltag und somit zur Wahrnehmungswelt der Leserschaft.
    Denn das ist es was der Mensch braucht, wenn es darum geht zu moralisieren: er bedarf bestimmter Faktoren der sozialen Nähe. Als Gefühlswesen sind es Emotionen, die uns motivieren, uns den Auslöser zum Handeln geben. (Und nicht etwa synthetische Imperative a priori.) Durch die Darstellung von Einzelschicksalen, wie Wallraffs Rolle ?Ali? können wir dessen Perspektive einnehmen und mit diesem Menschen, dieser Rolle, empathisieren. Der Anwendungsbereich unserer ethischen Intuitionen ist zwar begrenzt und auf unseren Nahbereich ausgerichtet, aber Wallraff holt die Probleme in eben diesen hinein. Er bricht, durch das Hineinschlüpfen in verschiedene prekäre Einzelrollen, die großen Probleme auf eine kleine Ebene herunter. Und das brauchen wir. Der Effekt ist ungeahnt größer, als wenn ein Konflikt sachlich und ohne Bezug zu Einzelpersonen aufgezeigt wird. Das Mitempfinden ist, wie gesagt, entscheidender Faktor für unsere moralischen Urteile. Die Ausbildung von Empathie wird durch Wallraffs Darstellungsform stark begünstigt und ebnet so den Weg für Veränderungen.
    Wahrscheinlich werden sich durch seine Arbeit keine unerwarteten Umwälzungen und Einschnitte ergeben. Aber geht es ihm tatsächlich darum? Ich denke nicht. Vielmehr scheint es darum zu gehen, dass ein öffentlicher Diskurs und eine Debatte in uns stattfinden, die kleine Veränderungen erzielen. Man kann sagen, dass sie selbst bereits eine Veränderung darstellen und außerdem weitere nach sich ziehen.
    Wenn ich also aufgrund von Wallraffs Arbeit ein moralisches Urteil fälle oder in diesem bestärkt werde, dass es etwa falsch ist, wie mit Lidl Mitarbeitern verfahren wird, so kann dies sehr wohl zu Veränderungen führen. Und zwar insofern als dass ich will, dass meine moralischen Urteile Wirksamkeit erlangen und mein Handeln so selten wie möglich diesen Urteilen widerspricht. Das wird vielleicht nicht dazu führen, dass ich mich vor einer Lidl-Filiale mit einem Transparent postiere oder Unterschriften sammle. Aber es kann dazu führen, dass ich nicht mehr bei Lidl einkaufe oder mit anderen Menschen darüber diskutieren, welche Einstellungen ich vertrete, um sie dazu zu bewegen ähnlich zu handeln. Ich schreibe, dass dies passieren kann, aber ich bin sicher, dass es bei einigen Menschen passieren wird. Das ist Veränderung. Sie geschieht. Und sie geschieht sehr wohl auch im Kleinen. Nicht jeder wird dazu beitragen, aber es wird mindestens einen Menschen geben, der sein Handeln durch einen Einflussfaktor, wie Wallraffs Arbeit verändert. Und warum? Weil wir moralische Wesen sind.

  6. #6 | Philipp sagt am 29. Oktober 2009 um 18:58 Uhr

    Man kann Wallraff viel vorwerfen (Narzissmus etc.). Aber zu behaupten, er habe nichts bewirkt und nur das aufgedeckt, was vorher jeder schon wusste, ist Quatsch.

    Ich teile die Ansicht Hans Leyendeckers, der im Tischgespräch von WDR 5 Wallraffs Wirkung höher einschätzt als die eigene.

    https://www.wdr.de/radio/home/podcasts/channelausspielung.phtml?channel=tischgespraech

    Ab Minute 35.

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