Warum einmal Freiheit gegen 1027mal Sicherheit für Israel ein Gewinn ist

Gilat Schalit ist frei. Der von der Hamas 2006 verschleppte israelische Soldat ist gestern gegen unter dem Strich 1027 palästinensische Gefangene ausgetauscht worden. Ein zu hoher Preis für Israel? Nein! Von unserem Gastautor Michael Blatt.

Das Verhältnis 1:1027 mag womöglich zu Nachahmungstaten anstacheln, von freigelassenen Palästinensern potenzielle Gefahr ausgehen. Doch die Entscheidung Israels, das konkrete Leiden Schalits zu beenden, ist ein erster Schritt, das eigene innere Leiden zu behandeln. Das Leiden einer tief verstörten Nation.

Ankunftshalle Flughafen Ben Gurion – Passkontrolle für Ausländer: Sind Sie das erste Mal in Israel. Reisen Sie alleine? Haben Sie Freunde oder Verwandte in Israel? Welchem Beruf gehen Sie nach? Wie lange bleiben Sie? Wo übernachten Sie? Willkommen in Israel.

Auf der Fahrt zum zentralen Busbahnhof von Tel Aviv wird an mehr als einem Dutzend trostloser Stationen gehalten. Abseits der Straße nichts als Schotter und triste Betonbauten. Junge Soldaten, Männer und Frauen um die 20 steigen ein, steigen aus. Manche allein, andere in der Gruppe. Fast allen hängen die Kopfhörer von iPod oder iPhone aus den Ohren. Junge Menschen in Uniform.

Eingang Busbahnhof: Stahlgitter, ein karger Tisch. Kofferkontrolle. Einmal öffnen! Ohne „bitte“. In der Stadt geht es entspannter zu. Taschenkontrollen vor Einkaufszentren und größeren Geschäften sind dezenter Alltag. Man gewöhnt sich schnell. Parkhauseinfahrt erst nach Kofferraumcheck.

Grenzübergang Jerusalem – Bethlehem:„ENTRANCE TO PALASTINIAN AUTHORITY TERRITORIES – NO PASSAGE FOR ISRAEL CITIZENS“ – Das Navigationssystem des Mietwagens kennt keine Straßen jenseits der Betonmauer.

Grenzübergang Bethlehem – Jerusalem: Lediglich eine einzige Frage eines sichtlicht un-/demotivierten Soldaten: „Where are you from?“ – „Germany“ Trostloser kann ein müdes Durchwinken eigentlich nicht wirken. Außer man fährt wenige Stunden später die Route 90 am Toten Meer entlang. Am Außenposten im Niemandsland.

Zufahrt Flughafen Ben Gurion: Passkontrolle. Eingang Flughafen Ben Gurion: Pass- und Gepäckkontrolle. Bis zum Check-In-Schalter sind es letztlich acht Kontrollpunkte. Pässe, Koffer, Laptops, Gewissen. Alles gilt es zu untersuchen, durchleuchten, hinterfragen. Für das Gefühl von latenter Sicherheit bleibt etwas anderes auf der Strecke.

Gilat Schalit hat fünf Jahre und mehr verloren. Israel gestern ein Stück Freiheit gewonnen.

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4 Kommentare

  1. #1 | L3v3l0rd sagt am 19. Oktober 2011 um 10:44 Uhr

    Seltsam unreflektierter Text. Vielleicht bin auch auch zu blöd, warum eine äußerst erfolgreiche Erpressung „… ein erster Schritt, das eigene innere Leiden zu behandeln.“ sein soll.
    Durch das erfolgreiche Erpressen der Israelis werden sicherlich wieder verstärkt Anschläge und Entführungsversuche stattfinden. Und dann sollen Taschenkontrollen abgeschafft werden, wie es der Text implizieren will?
    Seltsam.

  2. #2 | Chajm sagt am 19. Oktober 2011 um 12:01 Uhr

    Ursprünglich hatte ich den Eindruck, der Text müsste doch irgendwo weitergehen?
    Israel hat nicht Freiheit gewonnen, sondern erneut bewiesen, dass hier Amoral gegen Moral steht.
    Israel hat verurteilte Terroristen freigelassen. Darunter welche, die Frauen und Kinder ermordeten und welche, die den Mord möglich gemacht haben. Auch welche, die nun direkt wieder in den Terror einsteigen. An der Sicherheitslage hat es nichts geändert. Es hat vielmehr deutlich gemacht, wo die Konfliktparteien moralisch zu verorten sind.

  3. #3 | Michael sagt am 19. Oktober 2011 um 12:45 Uhr

    Der Text beruht auf eigenen „frischen“ Erfahrungswerten. Israel ist ein Bewachungsstaat (ich sage bewusst nicht Überwachungsstaat – das kann ich gar nicht beurteilen). Kontrollzwang als innere Wirkung auf eine äußere Ursache.

    Bekannte Bsp.: Die USA haben ihren Kontrollapparat nach 9/11 massiv verstärkt. Weit über die Grenzen der „islamistischen Bedrohung“ hinaus. Wie Norwegen letztlich auf Breivik reagiert, bleibt laut Stoltenberg im Spiegel-Interview noch abzuwarten.
    In Deutschland werden aktuell die Bahnstrecken-Brandsätze in Berlin und Umgebung nicht überraschend sogleich als Argument (Ursache) eingesetzt, um die Ausweitung einer digitalen Überwachung (Wirkung) zu legitimieren.

    Die konkrete Freiheit von Schalit ist im übertragenen Sinne ein Stück Freiheit, das Israel sich trotz gesteigerter Bedrohung der eigenen Sicherheit zugesteht.

  4. #4 | Slugo sagt am 19. Oktober 2011 um 20:46 Uhr

    Nachdem, was ich bislang weiß, finde ich diese ganze Aktion einfach zum kotzen – lieber hätte man den Soldaten mit einer gezielten Aktion befreien sollen.

    Sollte auch nur einer der Terroristen (und das ist ja nicht unwahrscheinlich) nochmal tätig werden, klebt viel Blut an den Händen derer, die diesem “Handel” zugestimmt haben…

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