Warum ich Aldi und Lidl für ihre knallhart kalkulierten Discounterpreise dankbar bin

Man gönnt sich ja sonst nichts. Foto: Robin Patzwaldt

Gerade wird seitens der Politik und vieler Landwirte öffentlichkeitswirksam versucht den Konsumenten von Billig-Angeboten beim Discounter ein möglichst schlechtes Gewissen zu machen.

Zum Teil sicherlich auch nicht zu unrecht. Gewisse Standards sollten bei der Produktion von Lebensmitteln und anderen Konsumgütern natürlich nicht unterschritten werden. Wo diese im Einzelfall liegen, das zu definieren dürfte problematisch werden.

Eine grundsätzliche Verteufelung von Billigprodukten und Sonderangeboten hingegen lehne ich persönlich entschlossen ab. Schon aus purem Eigeninteresse. Als jemand der seit Jahren mit unterdurchschnittlich wenig Geld sein Monatsbudget zu bestreiten hat, bin ich Aldi und Lidl sogar dankbar für ihre Kampfpreise.

Denn diese sichern mir zu einem Großteil meinen Lebensstandard. Und den möchte auch ich, wie sicherlich fast jeder hier, in jedem neuen Monat maximieren, mir von meinem wenigen Geld zumindest annähernd das leisten können, was auch anderen in meinem Umfeld vergönnt ist. Und dabei sind diese aktuell vielfach verteufelten Billig- und Lock-Angebote ein durchaus wichtiger Posten.

Die Entwicklung der vergangenen Jahre ist eindeutig. Unsere Gesellschaft zerreißt, sie verliert große Teile ihrer Mitte. Das habe ich selber am eigenen Leibe miterleben dürfen.

Ich bin einst als klassisches Kind der Mittelschicht aufgewachsen. Ich entstamme einer Familie, wie es sie in den 1970er und 80er-Jahren in Deutschland zu Millionen gab: Meine Eltern bauten sich ein Häuschen und setzten ganz klassisch zwei Kinder in die Welt. Der typische Familienhund durfte da natürlich auch nicht fehlen.

Meine Schwester und ich wuchsen also in geregelten Verhältnissen auf. Unsere Familie hatte ein Auto. Mein Vater war Alleinverdiener. Wir hatten unser Auskommen, konnten uns das leisten, was wir brauchten, ohne irgendwelche Spinnereien zu finanzieren. Unseren Sommerurlaub mit der Familie verbrachten wir größtenteils an Nord- oder Ostsee.

Als Teenager bekamen wir Kinder dann auch erstmals ein paar der begehrten Markenklamotten, auch weil unsere Mutter inzwischen einen Teilzeitjob angenommen hatte. So wie uns erging es damals vielen im Verwandten- und Bekanntenkreis meiner Eltern und meines persönlichen Freundeskreises.

Inzwischen wäre unsere Kindheit so wohl nicht mehr möglich. Das Einkommen eines mittleren Beamten reicht schlicht nicht mehr aus um ein Haus, ein Auto und zwei Kinder über Jahre hinweg damit zu finanzieren.

Das kann man erkennen, wenn man einmal mit offenen Augen durch unsere derzeitige Gesellschaft blickt. Es gibt im Jahre 2020 offenkundig fast nur noch Leute, die sich gefühlt alles leisten können was ihr Herz begehrt, und eben die, die mit den Ansprüchen der modernen Zeit, zumindest was das Geld betrifft, kaum noch mithalten können.

Zu sehen ist diese Entwicklung übrigens auch an meiner Schwester und mir, die wir beide, obwohl mindestens durchschnittlich gebildet, inzwischen klar unterdurchschnittlich verdienen. Ohne jetzt an dieser Stelle zu sehr ins Detail gehen zu wollen, können wir beide unsere Bedürfnisse des Alltags nur mit einiger Mühe selber finanzieren.

Aus meiner Sicht ist das ganz klar eine Konsequenz aus dem Wegbrechen der gesellschaftlichen Mitte, das in den vergangenen Jahren zu beobachten war.

In Zeiten von Mindestlohn und schwindender Bedeutung von Tarifvereinbarungen sind reale Kaufkraftverluste für nicht unerhebliche Gesellschaftsschichten eben die traurige Realität. Daran ändert auch die Tatsache nichts, das es Millionen von Deutschen in diesen Tagen noch immer exzellent geht, dass sie sich quasi alles leisten können.

Diese Entwicklung hat auf Sicht natürlich gravierende Konsequenzen. Wer, wie ich, seit Jahren ein real sinkendes Einkommen zu beklagen hat, der versucht dem natürlich bestmöglich entgegenzuwirken. Eine gute Möglichkeit ist dabei das preisbewusste Einkaufen. Ich praktiziere das seit Jahren.

Regelmäßig schaue ich in die Prospekte der Lebensmittelläden und kaufe dann sehr bewusst viele der darin gemachten Sonderangebote ein. Das macht im Monat eine ganze Menge aus. Ich habe einmal ausgerechnet, dass ich so gut und gerne 100 Euro pro Monat spare. Das mag für den einen oder anderen hier nach nicht viel klingen, doch macht das bei einem kleinen Monatsbudget halt eine Menge aus. Diese gesparten 100 Euro kann ich naturgemäß dann für Dinge nutzen, die ich mir ansonsten gar nicht mehr leisten könnte.

Und so wie mir geht es ja auch Millionen anderen Zeitgenossen in diesem Lande. Logisch, dass sich die ärmere Hälfte der Gesellschaft dann auch so oder so ähnlich verhält und aus ihrem Geld das Maximum machen möchte.

Die Folge ist vor diesem Hintergrund dann eben auch, dass sich die Discounter einer steigenden Beliebtheit erfreuen. Viele Leute sind inzwischen quasi auf Lidl und Aldi angewiesen, wenn sie ihren Lebensstandard einigermaßen halten möchten.

Da können prominente Politiker und die um ihr eigenes Wohl kämpfende Bauern auf die scheinbar unvernünftigen Verbraucher schimpfen wie sie wollen und sich über die Knausrigkeit der Leute aufregen. Es wird bei dieser Ausgangslage nichts helfen.

Sein Geld in hochpreisige(re) Produkte investieren zu können, das muss man sich als Konsument eben am Ende auch leisten können. Und darüber wird in diesem Lande im Jahre 2020 halt noch immer deutlich zu wenig gesprochen, wie ich finde.

 

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13 Kommentare

  1. #1 | Helmut Junge sagt am 4. Februar 2020 um 12:11 Uhr

    Statt den Armen das Essen direkt zu verbieten, was enorme CO2-Ersparnisse bringen würde, möchten manche Politiker das lieber über den Preis regeln.
    Statt den Armen die Benutzung von PKWs direkt zu verbieten, was enorme CO2-Ersparnisse bringen würde, möchten manche Politiker das lieber über neue Abgasnormen beim CO2 -Ausstoß älterer Autos regeln.
    Statt den Kindern ärmerer Bürger das Studium an Universitäten zu verbieten, regelt man das über fehlende Kitaplätze, schlechte Schulen und teure Klassenfahrten.

  2. #2 | Anarchistischer Piratischer Antifaschist sagt am 4. Februar 2020 um 12:27 Uhr

    Heute sind es vor allem die Linken und Grünen Eliten welche mit ihrem Öko und Weltenretter Moral darauf anlegen die Lebenskosten der Unterschicht stark zu erhöhen. Es gibt derzeit keine Partei oder Gewerkschaft mehr welche tatsächich maßgeblich von Arbeitern geführt wird. Überall haben sich diese akademischen Eliten mit ihrer moralingesäuerten Arroganz festgesetzt.

    Die Folge: Das Proletariat wählt zunehmend Rechts oder bleibt den Walrunen fern. So das Leute wie wir dann am Ende gar nicht mehr politisch repräsentiert werden.

  3. #3 | Arnold Voss sagt am 4. Februar 2020 um 12:41 Uhr

    Öko macht Energie und Lebensmittel teurer. Das Problem ist nur, dass beides zur Basisversorgung zählt, sprich nicht beliebig reduziert, bzw. im aktuellen Sprachgebrauch "darauf verzichtet" werden kann. Entweder werden die Löhne/Einkommen/Renten /Transferleistungen derer erhöht, die sich teurere Energie und Lebensmittels nicht leisten können, oder sie werden noch ärmer als sie schon sind. Wie es bislang aussieht, wird das in diesem unseren Lande wohl eher auf das Zweite hinauslaufen.

  4. #4 | Thomas Weigle sagt am 4. Februar 2020 um 12:47 Uhr

    #1 1970 machten 10% Abitur, heuer über 50%, davon mehr junge Frauen als junge Männer. Die teilweisen Rückgänge, die sicher nicht dramatisch sind, seien auch der demografischen Entwicklung geschuldet. Sagt jedenfalls die für solche Erhebungen zuständige Bundesbehörde. Nicht nur also, dass die Abiturientenzahlen seit 50 Jahren enorm gestiegen sind, so sind auch die Notendurchschnitte um einiges besser geworden. Das soll nicht unbedingt daran liegen, dass die Anforderungen gesunken sind, sondern daran, dass der Wert von Bildung heuer größeres Ansehen geniest als früher. Das kann man alles googeln.

  5. #5 | Werntreu Golmeran sagt am 4. Februar 2020 um 13:29 Uhr

    Grundsätzlich verstehe ich gut, daß man beim Einkaufen auf den Preis schaut und Sonderangebote kauft. Das Problem der kleineren Bauern besteht aber trotzdem und muß irgendwie gelöst werden, bevor alle Pleite gehen.

    Trotz allem Verständnis fürs Sparen muss man aufpassen, nicht in eine Abwärtsspirale zu geraten, nach dem Motto:

    "Gut, dass es Discountbäcker gibt, denn wie sollten sich die arbeislosen Bäckereifachverkäuferinnen sonst ihr Brot leisten können."

  6. #6 | Jogi Friese sagt am 4. Februar 2020 um 13:29 Uhr

    Guter Artikel. Stichwort Bauern. Den Bauern ist das Leben der Tiere und der Menschen völlig egal. Die sind schmerzfrei, was das angeht, einfach gierig und ausschließlich an Geld interessiert. Waren sie doch immer schon. Dem muss aber endlich Einhalt geboten werden. Wir brauchen Bürger, die sich gegen die Ausbeutung und den Lobbyismus wehren und wir brauchen Bauern, denen klargemacht wird, dass Politiker nicht käuflich sind. Übrigens: Europa hat 150.000 Regeln und Gesetze. Da wird es mit der freien Marktwirtschaft schwierig. Kauft Fleisch nicht mehr bei Aldi, Lidl & Co., sondern dort, wo ihr sicher seid, dass Bauern noch Menschen sind. Lasst euch vor allem kein schlechtes Gewissen einreden. Dann haben die gewonnen.

  7. #7 | Werntreu Golmeran sagt am 4. Februar 2020 um 13:54 Uhr

    Zu Helmut Junge und Arnold Voß

    Um mal ein Argument der Superreichen zu benutzen:

    Wieso muss ein einfacher Arbeiter beim Kauf von Waren und Gütern und Dienstleistungen überhaupt Mehrwertsteuer (korrekter Umsatzsteuer) bezahlen, wo er doch auf sein Einkommen vorher schon Lohnsteuer gezahlt hat. Ein Unternehmer dagegen, der auf seine e Einnahmen noch keinen Cent Steuern gezahlt hat, kann dagegen jeden Cent gezahlter Umsatzsteuer sofort vom Finanzamt zurück erstattet verlangen, d. h. muß keinerlei Umsatzsteuer zahlen.

    Wenn ein einfacher Arbeitnehmer aus seinem versteuertem Einkommen ein Eigenheim kauft, kann er den Kaufpreis nicht steuermindernd geltend machen, Herr Albrecht hingegen musste auf seine Gewinne dagegen soweit keine Steuern zahlen, wie er mit diesen Gewinnen Investitionen tätigte, sprich neue Aldi Märkte aus dem Boden stampfte.

    Wir haben ein Wirtschaftssystem, was für die Reichen, Gewieften und Gebildeten ausgelegt ist. Die SPD hat von Mitte des letzten Jahrhunderts Dank Brandt, Schmidt und Co. und den Gewerkschaften es geschafft, eine kurze erfolgreiche Zeit des Ausgleichs und des allgemeinen Wohlstands zu schaffen, den Herr Patzwaldt hier Recht schön beschrieben hat. Dann kam Lambsdorffs und Kohls "Wende" und Josef Fischer und Gerhard Schröder gruben dann das endgültige Grab für dieses Gesellschaftsmodell.

    Wenn es nicht so traurig wär, könnte man darüber Lachen. So wie über all die Journalisten, die Jahrzehnte lang ohne selbst nachzudenken, ins Horn des Neoliberalismus bliesen und als es dann um ihre eigenen Stellen ging, plötzlich glaubten, von irgendjemanden Solidarität zu erhalten. Erbärmlich!

  8. #8 | Thomas sagt am 4. Februar 2020 um 14:27 Uhr

    Arbeiten Supermärkte nicht mit einer Mischkalkulation? So ist es doch möglich Dinge wie Fleisch und Gemüse günstig anzubieten, das Geld wird dann mit anderen Dingen verdient.

  9. #9 | Ke sagt am 4. Februar 2020 um 15:15 Uhr

    Die Bedingungen in der Landwirtschaft definiert die Politik.
    Das betrifft Subventionen und ihre Kriterien, gesetzliche Mindeststandards.
    Lebensmittel sind in Deutschland sehr günstig im Vergleich zur Kaufkraft. Ohne diese Preise hätten wir massive soziale Probleme.
    Die Bauern haben selber Möglichkeiten ihre Produkte zu vermarkten bzw Märkte zu finden.
    Wir produzieren mehr als wir brauchen.

    Das passt nicht zusammen. Höhere Verbraucherpreise und ein "weiter so" passt nicht.

    Wenn ich mehr bezahlen soll, will ich wieso wieso.

  10. #10 | Pit sagt am 4. Februar 2020 um 17:51 Uhr

    Der Ansatz ist m.E. völlig falsch:
    Herr Patzwald sollte nicht ALDI dankbar für Billigpreise sein,
    sondern wütend auf Politik und Wirtschaft, die seit Jahrzehnten trotz Wirtschaftswachstum nicht für
    angemessene Lohn- und Transferleistungserhöhungen sorgen.

    Dass ein nicht kleiner Anteil der Menschen in einem der reichsten Länder der Welt für die Grundbedürfnisse jeden Euro umdrehen oder zur Tafel gehen müssen, halte ich für einen Skandal.

  11. #11 | Robin Patzwaldt sagt am 4. Februar 2020 um 17:58 Uhr

    @pit: Das eine schliesst das andere ja nicht aus.

  12. #12 | Jens sagt am 5. Februar 2020 um 10:14 Uhr

    @ Pit
    "Dass ein nicht kleiner Anteil der Menschen in einem der reichsten Länder der Welt für die Grundbedürfnisse jeden Euro umdrehen oder zur Tafel gehen müssen, halte ich für einen Skandal."
    Ich auch, als Altlinker. Aber die neobürgerlichen pseudolinken grünen Möchtegerneliten interssiert das nicht im Geringsten.

  13. #13 | Manuela sagt am 5. Februar 2020 um 16:05 Uhr

    Ich bin eigentlich ein ruhiger Mensch solang ich in Ruhe gelassen werde! Aber als ich nun auch noch das Wort Tafeln lesen musste, wurde mir dann doch noch schlecht! Ich habe sehr oft gesehen, was zur Hintertür von den Tafeln raus-wandert! Denn die die da wieder das sagen haben machen sich zu meist erst die eigenen Taschen voll und der traurige Rest geht dann an die, die es wirklich dringend brauchen!!

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