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Die Geschichte der Emscher: Warum Nachhaltigkeit eine dumme Idee sein kann

Die Alte Emscher im Landschaftspark Duisburg Nord Foto: Emschergenossenschaft/Reinhard Felden Lizenz: Copyright

Über 100 Jahre lang war die Emscher eine fließende Müllkippe: Durch die Industrialisierung wurde der Fluss zu einem großen Abwasserkanal. Für über fünf Milliarden Euro wird das gesamte Flusssystem seit Jahren ökologisch umgebaut. Trotzdem war seine Nutzung für das Ruhrgebiet ein Glücksfall, der heute undenkbar wäre.

Ein kleiner Fluss schlängelt sich zwischen den mondänen Einfamilienhäusern, dem großen See und dem Spazierweg entlang: Im Dortmunder Stadtteil Hörde erinnert nichts mehr daran, dass die Emscher über mehr ein Jahrhundert der schmutzigste Fluss Deutschlands war. Hier ist der Umbau der Emscher und seiner Nebenbäche und Flüsse, den die Emschergenossenschaft 1992 begann und der 2020 beendet sein soll, längst abgeschlossen. Über hundert Jahre leitete fast das gesamte Ruhrgebiet seine Abwässer in den kleinen Fluss, der seine Quelle in Holzwickede hat und, nach der dritten Verlegungen, heute bei Dinslaken in den Rhein mündet.

Nachdem Seuchen hunderte Tote kosteten, erzwang das Land Preußen 1899 die Gründung der Emschergenossenschaft. Sie begann, das Flusssystem der Emscher zu einer großen Abwasserentsorgungsanlage umzubauen um nun für über fünf Milliarden Euro das Ganze jetzt wieder in ein naturnahes Gewässer zu verwandeln. Erst mit dem Ende des Bergbaus konnten Abwasserohre unterirdisch verlegt werden. Die Gefahr, dass sie bei Bodensenkungen undicht werden, war vorüber. Aus den die Landschaft des Ruhrgebiets prägenden, in Beton gefassten, Köttelbecken konnten wieder Bäche und Flüsse werden.

Hundert Jahre lang alles an Dreck in einen Fluss zu kippen, um ihn dann wieder sauber und grün zu bekommen, das ist schon lange nicht mehr möglich. Die Richtlinie 2000/60 der Europäischen Union, die sich dem Schutz der Gewässer annimmt, schreibt vor, dass diese nachhaltig genutzt werden müssen. Und das bedeutet, dass ihre natürliche Regenerationsfähigkeit erhalten bleiben muss. Ein natürlicher Fluss wird die Emscher nie wieder sein, sagt Ilias Abawi, der Pressesprecher der Emschergenossenschaft: „Ursprünglich war die Emscher ein träge dahinfließender Fluss, der im Sommer sehr wenig Wasser führte und nach starken Regenfällen weit über seine Ufer trat.“ Die Industrie-Emscher glich dann mehr einem Kanal, der von in Beton eingefassten Bächen mit Abwasser gefüllt wurde. „Und die neue Emscher ist ein ökologisches Flusssystem, das wir da, wo es geht, der Natur überlassen, das aber von unseren Fachleuten entworfen und gebaut wurde.“ Das Wasser der neuen Emscher hätte zwar keine Trinkwasserqualität, aber die habe auch die alte Emscher nicht gehabt. Dafür gäbe es wieder Forellen im Fluss, die seltene blaue Libellen hätte sich angesiedelt und auch Wildpferde wird es bald wieder geben: „Wir planen die Ansiedlung von Emscher-Dickköpfen in Herne. Dann bekommt die Stadt ihr Wappentier zurück.“

Ob die neue Emscher ökologisch wertvoller sein wird, als es die ursprüngliche Emscher war, kann auch Abawi nicht genau sagen. Denn was bedeutet schon ursprünglich? Schon Jahrhunderte vor der Industrialisierung nutzen die Menschen die Emscher. Im 16. Jahrhundert häuften sich die Klagen darüber, dass wegen der vielen Wassermühlen in den Nebenflüssen oft kaum Wasser die Emscher erreichte. Die Vorstellung, die sich die Menschen heute von einem natürlichen Fluss machen, scheint mehr mit ihren Wünschen als mit der Wirklichkeit zu tun zu haben.

Klar ist aber auch, dass die Geschichte der Emscher nicht nur die Geschichte einer ökologischen Katastrophe ist, die nun mir sehr viel Geld wieder ausgebügelt werden muss, sagt Abawi: „Hätte man die Emscher und ihre Nebenflüsse damals nicht zur Entsorgung der Abwässer genutzt, hätte es das Ruhrgebiet so wie wir es kennen, nie gegeben.“ Fast alle Bäche des Ruhrgebiets fließen zur Emscher. Über sie wurden ganze Städte, aber auch die Zechen, Stahlwerke und Chemieanlagen mit Wasser versorgt. Und in diese Flüsse wurden auch die Abwässer gekippt, die erst nach und nach in den immer besser funktionierenden Klärwerken der Emschergenossenschaft aufbereitet wurden.  Das Trinkwasser des Ruhrgebiets wurde aus der Ruhr, Tiefbrunnen und Stauseen wie in Haltern gewonnen.

Die Emscher wurde zeitweise für die Industrialisierung geopfert. Aber es war ein Opfer, das sich unter dem Strich lohnte: Für den Bochumer Historiker Dietmar Bleidick, der unter anderem das Aral-Archiv in Bochum leitet, ist klar, „dass es keine Industrialisierung des Ruhrgebiets gegeben hätte, wenn die Escher nicht als Abwasserkanal genutzt worden wäre.“ Schon im 19. Jahrhundert hätte es zwar eine Umweltgesetzgebung gegeben, aber die sei fast immer zugunsten der Industrie und des Wachstums der Städte ausgelegt worden. „Nur vereinzelt gelang es gut vernetzen Adeligen, sich gegen die Industrie zu behaupten. Ein einfacher Bauer hatte vor den Gerichten keine Chance.“ Die Gerichte orientierten sich damals an dem Begriff der „ortsüblichen Verschmutzung“. „Und wenn ein Fluss oder Bach schmutzig war, argumentierten die Unternehmen eben, das sei so üblich und die Gerichte folgten ihnen.“

Doch diese ausgesprochen laxe Haltung der Umwelt gegenüber war die Grundlage eines in Deutschland bislang einzigartigen Wirtschaftswachstums: Innerhalb weniger Jahre wurden aus Kleinstädten Großstädte, entstanden auf Äckern Stahlwerke und wurde aus immer tieferen Schächten Kohle gefördert. Im Ruhrgebiet wuchs der Bevölkerung zwischen 1850 und 1925 von 400.000 auf 4,2 Millionen. Das Niemandsland zwischen den Köln und Münster wurde zum wichtigsten Industriezentrum Europas. Millionen fanden Arbeit, gründeten Unternehmen vom Stahlkonzern bis zur kleinen Trinkhalle. Das Ruhrgebiet war eine Wohlstandsmaschine. „Man kann nicht ausrechnen, wie viel Geld hier verdient wurde, um wie viel insgesamt die Grundstückspreise stiegen und wie sehr der Wohlstand wuchs“, sagt Bleidick. Aber es werden Billionen Euro gewesen sein. Unterm Strich, in all den Jahrhunderten seitdem der Kohle- und Stahlrausch im Ruhrgebiet begann.  Hat es sich gelohnt? Ja, sagt der Historiker: „Rechnet man das große Wohlstandswachstum gegen die Kosten, die entstanden sind, um das Emschersystem erst zu einem industriegerechten Abwassersystem umzubauen und nun in ein umweltnahes Gewässer zu wandeln, hat es sich gelohnt.“

Hätte sich schon die damalige Politik dem Gedanken der Nachhaltigkeit verschrieben, wäre das alles nicht möglich gewesen. Doch nicht nur das ökologische Bewusstsein der Gegenwart würde eine solche Entwicklung heute nicht mehr möglich machen: „Die Entscheidungen wurden nicht demokratisch gefällt und es gab keinen Rechtsstaat, wie wir ihn heute kennen. Alles wurde dem Ziel des schnellen wirtschaftlichen Wachstums untergeordnet.“ In einem demokratischen Rechtsstaat, wie wir ihn heute in Deutschland haben, würden alle Interessen berücksichtigt: „Und wenn ein Bauer im Recht ist, bekommt er vor einem Gericht Recht. Wenn das bedeutet, dass ein Unternehmen ein Werk nicht bauen kann, dann ist das eben so.“ In Preußen und später im Deutschen Reich hätte es keinerlei Ausgleich zwischen verschiedenen Interessen gegeben. „Die Unternehmer hatten das Sagen. Bevor der Staat Eingriff und dafür sorgte, dass die Abwässer behandelt wurden, starben hunderte Menschen.“ Sie hätten keine Chance gehabt, ihre Interessen durchzusetzen. „Und aus Rücksicht auf die Kosten wurde auch damals nicht alles gemacht, was technisch möglich gewesen wäre, um die Umweltbelastung zu senken.“ Zudem hätten bis in die 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts hinein Wasser und Luft als kostenlose Ressourcen gegolten, die man einfach benutzen können. Der Gedanke eines modernen Umweltschutzes sei einfach  noch nicht im Bewusstsein der Menschen angekommen.

Bleibt die Frage, ob das Nachhaltigkeitsprinzip einem solchen Ausgleich nicht im Wege steht. Denn es bremst das Wachstum stärker als es langfristig nötig wäre, wie der fast abgeschlossene Umbau der Emscher zeigt. Natur zu nutzen, bedeutet nicht, sie für immer zu zerstören. Vielleicht gibt es ja einen Mittelweg zwischen radikaler Ökologie und radikalem Wachstum.

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10 Kommentare zu “Die Geschichte der Emscher: Warum Nachhaltigkeit eine dumme Idee sein kann

  • #1
    Klaus Lohmann

    Und weil diese "Wohlstandsmaschine" nie nachhaltig angelegt und gepflegt wurde, sondern allein zur Profitmaximierung der rheinischen Großkopferten diente und qua Naturgesetz einem wegwandernden Bergbau unterstand, sieht das Ruhrgebiet heute so aus wie es nun mal aussieht – öd und joblos.

    Die Milliarden-Investition in den Emscher-Umbau reicht halt nur fürs Wegbuddeln der "humanen" Scheiße, für die Chemieleichen und -brachen wird es kein Geld mehr geben, da die Verursacher nix zahlen.

  • #2
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @Klaus Lohmann: Für eine Industrieregion sieht es hier sehr gut aus.

  • #3
    nikolas

    Mit der Gründung der Emschergenossenschaft in 1899 wurde das nachhaltigste (!) und bislang auch erfolgreichste interkommunale Kooperationsprojekt im Ruhrgebiet gestartet. Der Lauf der Emscher hielt sich nicht an Grenzen von Städten und Regierungsbezirken, auch die daraus resultierenden Probleme machten vor diesen Grenzen nicht halt. Kooporation vor Eigensinn war und ist bis heute die Devise im Umgang mit diesem unbequemen Fluss. Stand seinerzeit die Zähmung des Flusses im Vordergrund, geht es heutzutage v.a. um die (Re-)naturierung & -Kultivierung des Emscherumfeldes. IBA-Emscher-Park (1989-1999), Masterplan Emscher-Zukunft (2006) und auch die interkommunale Bewerbung um die Internationale Gartenausstellung 2027 (IGA 2017) geben hierfür gut Beispiel das Mut macht. Mut den das Ruhrgebiet dringend braucht, um das bislang noch immer vorherrschende Paradigma des kommunalen Kirchturmdenkens nachhaltig zu durchbrechen. Denn Strukturwandel muss bekanntlich auch in den Köpfen stattfinden, in diesem Kontext v.a. bei den bestehenden Verwaltungseliten. Wenn Verwaltungsstrukturen – wie die des Ruhrgebietes mit seiner ineffizienten Zersplitterung zwischen unterschiedlichen Landschaftsverbänden, Regierungsbezirken, kommunaler Kleinststaaterei uvm. – sich so himmelschreiend überlebt haben, dass die gesamte Region in einer nachhaltigen Wirtschaftsentwicklung blockiert wird, dann braucht es Mut diese Strukturen zu durchbrechen und durch nachhaltigere zu ersetzen.
    Die Probleme des Ruhrgebiets sind vielfältiger Natur, jedoch in sämtlichen Ruhrgebietskommunen relativ gleich gelagert. Kooporation vor Eigensinn macht deshalb Sinn!
    Kooperativ entwickelte Problemlösungskompetenzen, die im Umgang mit dem Emscherland erworben wurden, können hier mit gutem Beispiel voran gehen. Oder andersrum gewendet: Ein besseres Beispiel fällt mir bislang für das Ruhrgebiet leider nicht ein!

  • #4
    Walter Stach

    1.
    Die ohne jegliche Rücksicht auf die Menschen, auf Luft, Wasser, Boden im Revier realisierte Industriealisierung ist m.E. -im nachhinein- nicht geeignet, sie, also diese Rücksichtslosigkeit, zu rechtfertigen mit dem Hinweis auf -unbestreitbare- Vorteile der Industrialisierung im Revier (für die Kapitalgeber, für die Entwicklung Deutschlands als Industrieland, für arbeitssuchende Menschen aus Deutschland und aus seinen Nachbarländern und, und….) und so zu versuchen, das Prinzip der sog. Nachhaltigkeit als solches in Frage zu stellen.

    2.
    Das Projekt der sog. Renaturierung der Emscher ist -so u.a. die FAZ 2o15- ein Jahrhundertprojekt.
    Seine Realisierung erfolgt (e) innerhalb des vorgebenen Zeitplanes und des Kostenrahmens.
    "Wir" im Revier haben das geschafft!
    "Wir", das sind angeblich diejenigen, die unfähig und die unwillig sind, Solches zu wollen und Solches zu realisieren.

    Ich, als Revierbürger, verweise deshalb oft und gerne im Revier und vor allem außerhalb darauf hin, was "wir" zu leisten vermögen.

    3.
    Über das, was alles zu den Bestandteilen dieses Großprojektes gehört, muß hier im Revier niemand mehr informiert werden.
    Erinnert sei lediglich daran, daß das Projekt nicht nur den "Rückbau" eines Flußlaufes -nebst Nebenflüsssen -beinhaltet (vom Abwasserkanal zurück zu einem weitestgehend – nicht komplett -natürlichen Fluss nebst flussnaher Naturlandschaft), sondern auch den Neubau eines modernen Abwasserkanales unter extrem schwierigen Bedingungen -sh.Bergsenkungen….-. Ein Vorzeigeprojekt u.a. für die beteiligen Unternehmen.

    4.
    Das Jahrhundertprojekt war bzw. ist noch d a s Investitionprojekt im Revier schlechthin in den letzten 25 Jahren – milliardenschwer- mit unmittelbaren Vorteilen für die beteiligten Unternehmen und für deren Mitarbeiter, für die Zulieferfirmen und deren Mitarbeiter, aber auch für Viele, die indirekt profitieren konnten.
    U.a. also ein Projekt, mit dem eindrucksvoll bewiesen wurde, daß ökologische Notwendigkeiten -moderner Abwasserkanal, Renaturierung eins Flusses, einer Landschaft- ein Projekt erzwingen können, von dem dann in erheblichen Maße "die" Wirtschaft unmittelbar profitieren kann und mittelbar. Mittelbar z. B. deshalb, weil entlang der renaturierten Emscher die Chancen der Wohnungswirtschaft, die Chancen für die Neuansiedlung z.B. "anspruchsvoller" Dienstleistungsunternehmen wesentlich günstiger sind als an der "Emscher-Kloake".

    Also….
    " wo anders ist auch Scheiße", ja, aber ……: "Bei uns ist eben nicht alles Scheiße.

    Das ‚mal wieder am Beispiel der sog Renaturierung der Emscher feststellen zu können -dank der "Vorlage" von Stefan Laurin- war mir "ein Bedürfnis".

    Im übrigen reden wir über ein Projekt ,dessen positive Auswirkungen (wahrscheinlich ?) nicht nur "wir" jetzt und hier , sondern auch die Menschen im Revier noch in Hundertjahren registrieren werden -seiner Nachhaltigkeit wegen!

  • #5
    Angelika

    #4 "…sondern auch den Neubau eines modernen Abwasserkanales unter extrem schwierigen Bedingungen -sh.Bergsenkungen…" Genau!

    Empfehlenswert der blog der EG/LV sowie der Twitter-account der EG/LV. Gute Infos über den erwähnten Neubau, die schwierigen Bedingungen, die Renaturierung von Bächen usw. usw..

  • #6
    Helmut Junge

    Nach meinen (mündlichen) Informationen war die Emscher vor der ersten Kanalisierung ein breiter, langsamfließender Fluß, stellenweise ohne richtig festes Ufer, der sich über große Flächen erstreckte. (Bruchland) Schon die Römer haben sich darüber geärgert, daß sie ihre Legionäre nicht überall hinschicken konnten. Brückenbauten mußten das teuer berücksichtigen und wren jahrhundertelang sehr teuer, aber ein Verkehrsfluß, wie er damals während der Industralisierungnotwendig wurde, war überhaupt nicht möglich. Das Schmutz-und Abwasser lief überhaupt nicht schnell genug ab, sondern verteilte sich. Daß es damals, als die Bevölkerung rapide wuchs, zu Seuchen kam, liegt auf der Hand. In meiner Gegend gibt es drei Kanäle die Emscher heißen. Das Foto oben zeigt die Reste der renaturierten alten Emscher. Ich bin ander mittleren Emscher aufgewachsen, die seit einigen Jahren renaturiert ist, und einen km östlich fließt die große (die Neue Emscher) wie sie hier heißt. Die ist noch nicht renaturiert. Jedenfalls nicht hier.
    Das Projekt ist noch lange nicht abgeschlossen.

  • #7
    ke

    Die Renaturierung der Emscher und ihrer Zuflüsse ist klasse. Das gibt viele neue Wanderwege und Natur. Hierbei finde ich die vielen Zuflüsse deutlich spannender.
    Die Natur hat jetzt ihre Chance und man wird sehen, wie diese Landschaften natürlich genutzt werden. Die Erde verändert sich, das Leben passt sich an. Also ist alles OK.

    Im Dortmunder Norden haben wir natürlich dann noch das Glück, dass die riesigen Rückhaltebecken zu einer interessanten Landschaft führen werden. Schon heute sind in Ickern viele Gruppen, die Tiere beobachten an dem dortigen Rückhaltebecken unterwegs.

    Unsere Vorfahren haben sich entschlossen, das Abwassersystem so zu bauen. Jetzt wird es korrigiert. Damals wollte der Kaiser ein starkes Reich mit kriegsfähiger Industrie haben, heute wollen wir auch leben. Dazu gehört es eben nicht, dass wir vor unserer Haustür offene Abwasserflüsse haben möchten.
    Ja, wir übertreiben oft mit den angeblichen Sichtungen von gefährdeten Tieren, aber die Fälle, in denen Nachhaltigkeit eine dumme Idee ist, sind wahrscheinlich eher gering.

    Für mich stellt sich bspw. schon die Frage, ob man für viele Lagerhallen halbe Städte überbauen muss.

  • #8
    Robert

    So so – wenn wir die Kosten privaten Gewinnstrebens wieder stärker vergesellschaften würden, als wir dies zur Zeit tun, also z.B. die Emscher wieder zur Kloake machen oder die Regulierung zu Stickstoffemissionen von PKW aufheben, dann würde "die Wirtschaft" schneller Wachsen.
    Dieses Wachstum wäre nur ein buchhalterischer Trick, allein darauf basierend, dass solche externalisierten, vergesellschafteten Kosten nicht verrechnet werden. Unser heute nominell langsameres Wachstum ist zum Teil darauf zurückzuführen, dass Kosten von vornherein nicht mehr in dem Ausmaß vergesellschaftet werden können, wie dies in der Vergangenheit der Fall war (sie sind dennoch gewaltig, wie der Klimawandel zeigt). Wir sind also schlicht ein wenig ehrlicher zu uns selbst geworden, was Kosten und Nutzen angeht, und auch demokratischer, weil durch Individuen verursachte Kosten nicht nach Belieben auf die Gesellschaft abgewälzt werden können.
    Wirtschafts-"wachstum" (im Sinne BIP) ist eine willkürliche statistische Größe, die weder die Effizienz noch Effektivität wirtschaftlicher Entwicklung misst. Es gibt einschließlich des neoklassischen Mainstreams keine einzige wirtschaftswissenschaftliche Denkrichtung, in der Wirtschaftswachstum ein für sich genommen erstrebenswertes Ziel ist. In der Neoklassik ist es schlicht Resultat von Effizienzgewinnen (z.B. gemessen als TFP), die natürlich unter Berücksichtigung von Externalitäten gemessen werden müssen.
    Es gibt dementsprechend auch keinen Widerspruch zwischen Nachhaltigkeit und wirtschaftlicher Entwicklung (gut, nennen wir es Wachstum). Nachhaltigkeit bedeutet schlicht, die Kosten des Wachstums zu beziffern und zu begleichen und zwar wann und wo sie anfallen. Wir können diese Kosten übrigens nach wie vor in die Zukunft verlagern und zwar durch Schulden. Das ist allemal ehrlicher, als einen Fluss zur Kloake zu machen.

  • #9
    Walter Stach

    Helmut,
    die Emscher habe ich zuerst wahrgenommen in den 195o er Jahren, wenn sie bei Hochwasser die Wiesen (und Gärten) im Norden Castroo-Rauxel -zwischen den Ortsteilen Ickern und Henrichenburg- überflutet hatte: Die Kloake stank fürchterlich!! Damals war mir von dem Gestank übel. Nachgedacht habe nicht darüber, was die Kloaken-Bestandteile bewirken konnten -für Mensch und Vieh.
    Allein das läßt mich freuen, wenn ich die Emscher jetzt und hier in Castrop-Rauxel wahrnehme. Und noch mehr freut es mich, wenn ich am renaturierten Deinighauser-Bach als Zufluss der Emscher im Ortsteile Habinghorst -jensetis der B 235 -Nähe Autohaus Laumen-spazieren gehe -"wunderbare Biotope und eine durch mich als hervorragend gelungene offenen Bachführung in Mitten einer Siedlungsstraße
    Also…
    neben Vielem, was in Sachen Renaturierung der Emscher positiv angeführt werden kann:
    Ich denke, viele Menschen, die an der Emscher oder an einer ihren Zuflüsse wohnen, werden sich dort wesentlich wohler fühlen als ihre Eltern/Großeltern "

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