Ruhrgebiet: Der Traum vom Seeadler

Seeadler in Angst Foto: Screenshot

Als die Motorsägen beginnen, die Bäume zu fällen, erschreckt sich der Seeadler. Seine baumige Heimat, sie wird vernichtet. Traurig sitzt er später auf den kahlen Hügeln, der Wind weht ein Skelett frei. Er flieht und macht sich auf die Suche nach einer neuen Heimat. In der Antarktis lassen ihn die Pinguine spüren, dass Vögel in dieser Welt nicht zusammenhalten. Auch in einer großen Stadt, deren Hochhäuser grau und abweisend, findet er keine neue Heimat. Aber da, ganz plötzlich, sieht er ein Schild. Es gibt eine grüne Metropole, das Ruhrgebiet. Unser Seeadler schöpft neue Hoffnung und macht sich auf den Weg. Als er einem großen, durch eine grüne Landschaft fließenden Fluss folgt, schließt sich ihm Frau Seeadlerin an. Beide erreichen sie das Ruhrgebiet, eine Baumlandschaft, in der wie zufällig Häuser verteilt sind. Ein alter Zechenturm weist stolz auf die Vergangenheit hin. Nun wird gebrütet. Kleine Seeadlerbabys machen das Glück unserer gefiederten Freunde vollkommen. Am Horizont sieht man die Windräder, die sie einst zerhäckseln werden.

Ich weiß zwar weder, wie Seeadler schmecken und noch wie man sie zubereitet, aber die Botschaft des neuen Werbevideos des Regionalverbandes Ruhr (RVR) erfreut mich trotzdem. Es ist schön, dass es wieder Seeadler im Ruhrgebiet gibt.

Vorgestellt wurde der Adlerfilm allerdings nicht auf einer Veranstaltung, bei der es um Naturschutz ging. Der RVR stellte am Donnerstag im Folkwang Museum in Essen seine neue Werbekampagne vor. Man will „Die grünste Industrieregion der Welt“ werden. Mit dem Spruch machte der Herner Oberbürgermeister und jetzige Vorsitzende des Ruhrparlaments, Frank Dudda (SPD), im vergangenen Jahr Wahlkampf. Die Seeadler sollen Investoren vom Revier überzeugen. Nur ist das Ruhrgebiet schon lange keine Industrieregion mehr. Im Münsterland, in Süd- und Ostwestfalen, bei den unzähligen auf dem Weltmarkt erfolgreichen Mittelständlern, sind deutlich mehr Menschen in der Industrie beschäftigt als zwischen Hamm und Duisburg. Aber wen interessiert schon die Wirklichkeit, wenn sie eine schöne Erzählung stört?

Man träumte im Folkwang Museum, das dafür als Ort der Kunst natürlich bestens geeignet ist. ThyssenKrupp will grünen Stahl herstellen. Der Wasserstoff dazu soll aus Erneuerbarer Energie stammen. Vonovia will alle Häuser CO2 neutral machen. Neue Jobs sollen entstehen, Das ist natürlich weitgehend Unsinn. In der FAZ konnten wir in den vergangenen Tagen zwei Artikel lesen, die alle grünen Träume zunichte machten: Mercedes und BMW kaufen künftig ihren Stahl in Schweden. Dort gibt es CO2 freie Wasser- und Kernkraft: „Allein für die Stahlproduktion müssten in Deutschland mehr als 12.000 neue Windräder aufgestellt werden – zusätzlich zu den bestehenden 30.000 Anlagen.“ stellt die FAZ fest. „Aber auch das nutzt nicht viel, solange die Stromautobahnen nicht fertig sind, die den Grünstrom abtransportieren. Für den Import von Wasserstoff wiederum fehlt es nicht nur an verlässlichen Lieferanten, sondern auch an Verladehäfen und Pipelines.“

Und all diese Pipelines, Leitungen und Windräder können in Deutschland zu einem großen Teil nicht und schon gar nicht schnell gebaut werden. „Wir sind eingemauert in eine Vielzahl von Regelungen, und wir können wenig daran ändern“, sagt Anwalt Wolfgang Ewer der Zeitung.

Das EU-Recht und die Klagefreudigkeit von Bürgern, Aktivisten und NGOs blockiert jeden Versuch, Deutschland zuverlässig mit Grünstrom zu versorgen.

Immerhin scheinen immer mehr Menschen im Land wieder zur Besinnung zu kommen. „50 Prozent der Deutschen sind dafür, die geplante Abschaltung der noch laufenden Atomkraftwerke zurückzunehmen“ berichtet die Welt heute. Gut möglich, dass dieses Land und die EU irgendwann einmal wieder vernünftig werden und an ihre wirtschaftliche Zukunft denken. Dann hätten neben Seeadlern auch die Menschen wieder eine Aussicht auf ein dauerhaft gutes Leben in Wohlstand.

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12 Kommentare

  1. #1 | ke sagt am 30. Oktober 2021 um 10:15 Uhr

    Gut, wer Seeadler sehen will, kann nach Alaska fliegen (Achtung Klimaschäden). Dort sind sie überall.
    Ein Beibehalten der deutschen Kernkraftwerke ist natürlich Quatsch.
    Die Kraftwerke sind über 30 Jahre alt, und es nicht davon auszugehen, dass sie in den letzten Jahren modernisiert wurden. Da passt also gar nichts mehr.

    Offen bleibt natürlich, wie wir unseren Ökostrom produzieren wollen. Hier zeigen sich einfach die engen Verflechtungen von Politik und Energiewirtschaft.
    Es hat also Gründe, dass private Investitionen, Stromtrassen und Windräder nicht ausgebaut werden.

    Natürlich bleibt es eine Überlegung, den konkurrenzfähigen heimischen Energieträger Braunkohle beizubehalten, um eine Versorgungssicherheit zu erzielen. Woher soll der Strom auch kommen?
    Noch heute sind viele Öko-Strom-Anbieter mit Wasserkraft , die vor über 100 Jahren gebaut wurde, aktiv am Markt. Das war früher Bestandteil des Strommixes.

    Aktuell rennen sie alle irgendwelcher grünen Phantasien nach, um Subventionen zu kassieren. Hier ist dringend der Markt gefragt, der gezielt bspw. Klimagase besteuert und dann sinnvolle Konzepte verlässlich vorantreibt.

  2. #2 | abraxasrgb sagt am 30. Oktober 2021 um 10:18 Uhr

    Och Stefan, nicht so pessimistisch: Der RVR (Akronym für Reste-Verwerter-Ruhrgebiet) setzt und hofft doch ganz dolle und innig auf den Wirtschaftsboom durch die Millionen Touristen der rostruinösen Industriekultur … nur das diese Maschinenmausoleen leider im Unterhalt mehr kosten, als sie volkswirtschaftlich einbringen. Aber sie schaffen prima viele Stellen im öffentlichen Dienst.

    Vor allem dieser Bullshit von der grünen Region "werden": Die Region ist schon lange überwiegend grün und blau, aber anscheinend kennt der RVR weder seine eigene Geschichte (regionale Grünzüge, Robert Schmidt), noch sein eigenes Geodatenportal mit wirklich guten Karten. Über 50% der Verbandsfläche sind Grün- und Forstflächen. Hinzu kommen die Flüsse, Kanäle und Seen. Eigentlich ist das Ruhrgebiet eine gigantische Gartenstadt, sieht nur niemand (so).

    Der nächste Cargo-Kult-Wirtschaftswundertanz um den erstbesten Fördergeldturm kommt doch mit der IGA2027 …

  3. #3 | Stefan Laurin sagt am 30. Oktober 2021 um 10:19 Uhr

    @ke: Der Grund, warum Trassen und Windräder nicht gebaut werden liegt darin, dass die rechtlichen Regelungen es nicht möglich machen, schnell zu bauen. RWE investiert ja in Windenergie – aber nicht in Deutschland.

  4. #4 | ke sagt am 30. Oktober 2021 um 10:40 Uhr

    Die rechtlichen Regelungen/Gesetze liegen doch in der Hoheit der Politik.
    OK, bei der Auslegung sind dann Gerichte gefragt. Dass man auch beschleunigt planen kann, hat die Wiedervereinigung gezeigt.

    Es ist auch vollkommener Quatsch, bspw. auf Erdkabel zu setzen.

    Dann gab es genügend Markeintrittsbarrieren, die für lokale kleinere private Investments aufgebaut wurden.

  5. #5 | Stefan Laurin sagt am 30. Oktober 2021 um 11:06 Uhr

    @ke: Europarecht lässt sich nicht so schnell ändern wie Bundesrecht. Geht zwar, dauert aber, weil ein Konsens zwischen sehr vielen Ländern erreicht werden muss.

  6. #6 | Tolduso sagt am 30. Oktober 2021 um 12:52 Uhr

    #2:
    "Eigentlich ist das Ruhrgebiet eine gigantische Gartenstadt"

    Satire?

  7. #7 | Albert Rech sagt am 30. Oktober 2021 um 15:46 Uhr

    Genau wegen dieser rechtlichen Bremsen brauchen wir den Klimanotstand.
    Die Notstandsgesetze erlauben es dem Staat überzogene Bügerrechte auszusetzen bis der Notstand überwunden ist.

  8. #8 | abraxasrgb sagt am 30. Oktober 2021 um 16:57 Uhr

    #6 Tolduso Jein 😉
    Ich halte "Das RUHRGEBIET" für eine anachronistische Identitätszuschreibung, die es immer nur virtuell gegeben hat. Es bezog/bezieht sich auf das Verwaltungsgebiet des RVR, also ca. 4400 qkm mit 53 Kommunen etc.. Das ist eine morphologisch völlig heterogene Agglomeration von vormals "industriellen Dörfern" und einigen "Großstädten", die eine vorindustrielle Geschichte haben (Du, DO, E, MH).
    Dieses "Ruhrgebiet" (RVR) hat ca. 57% Grünfläche, ca. 17% davon sind Wald, der Rest sind Landwirtschaft, Parks (städtische und regionale), nur 37% bebaute Fläche, relativ viele Wasserflächen und Flüsse bzw. Kanäle.
    Je nachdem, wie man Gartenstadt versteht und welchen Bereich des Ruhrgebiets man betrachtet, würde ich mich bei dieser Zuschreibung auch schlapplachen, aber rein arithmetisch gemittelt ist das für den fünfgrößten Ballungsraum Europas schon eine Menge Grün/Natur (der Begriff ist im Ruhrgebiet mit seiner bergbaulichen Herkunft als "Kulturlandschaft" ohnehin schwierig.
    Natürlich ist die städtebauliche Wirklichkeit des Ruhrgebiets nur in wenigen Siedlungsbreichen tatsächlich ähnlich einer Gartenstadt im Sinne Ebenezer Howards, Frank Lloyd Wrights oder der europäischen Gartenstadtbewegung aus dieser vergangenen Epoche.
    Es gibt durch die Idee von Karl Ernst Osthaus, die Robert Schmidt, der ersteDirektor des SVR, aufgriff, tatsächlich eine ideengeschichtliche, institutionelle und personelle Verbindung zu vielen Akteuren der historischen Gartenstadtbewegung. Vermutlich wussten die meisten der anwesenden "Akteure" aus Politik und Verwaltung im Folkwang-Museum nicht einmal um die Verbindung des Folkwang Gründers mit dem RVR/SVR, bzw. das er dessen Ideengeber und Promotor war 😉

    Was ich aber todernst meine, es ist meiner Meinung nach gerade beim RVR völlig farben- bzw. betriebsblind, hier jetzt von grüner Region zu sprechen, zu der das Ruhrgebiet erst noch gemacht werden müsste. Sie ist erstaunlich grün, zumindest hat das Verbandsgebiet riesige "natürliche" Flächen und Landschaften. Z.B. das Ruhrtal, im Kreis Recklinghausen oder dem EN-Kreis.

    Es gibt aber auch die zum Teil völlig hässlichen Städte bzw. Quartiere der Region, bei denen Randstreifengrün und Moos an den Fassaden die letzten Rudimente von Natur im städtischen Raum sind 😉

    Im Sinne Marcel Prousts, "Die wahre Entdeckungsreise besteht nicht darin, neue Landschaften zu suchen, sondern mit anderen Augen zu sehen."

  9. #9 | Tolduso sagt am 30. Oktober 2021 um 21:07 Uhr

    #8:
    >>That's quite a stretch<<

    Den RVR als Synonym für das Ruhrgebiet zu nehmen ist echt kreativ, ich sehe da mehr die DU-DO Achse vor meinem gepeinigten geistigen Auge. Plus der ewigen Wahrheit, daß nördlich der A40 halt Scheisse ist.
    Aber wer ein büschen Geld hat, oder bei der SPD gut vernetzt ist findet auch innerhalb des Gürtels des Grauens seine idyllische Enklave. :p

    #7:
    "…Klimanotstand…überzogene Bügerrechte… "
    Auch Trollen will gelernt sein.

  10. #10 | abraxasrgb sagt am 31. Oktober 2021 um 00:17 Uhr

    #9 Tolduso
    Völlig OK, aber der RVR ist – leider! – nunmal die Institution, die die Region verwaltet und blöderweise auch nach außen vermittelt. Da die Seppel dort, zum Glück möchte man versucht sein zu sagen, es nicht so mit Fremdsprachen haben, gelingt es ihnen nicht alles zu ruinieren.

    Die von Dir angesprochene "Achse-des-woanders-isset-auch-Scheisse" ist wohl das, was man urbanistisch als "Emscherzone" auf die vormalige "Cloaca Maxima" der Region bezogenene, olfaktorische Herausforderung, bezeichnet. Nur ist z.B. die namensgebende Region im Süden völlig anders strukturiert, als die Emscherzone im Norden oder die Hellwegzone in der Mitte.
    Das regionale Nord-Süd Gefälle mit Demarkationslinie gibt es natürlich auch innerstädtisch. Z.B. Katernberg versus Kettwig in Essen. Eine bescheuerte Planung wird nicht besser, wenn sie sich sozusagen fraktal reproduziert.

    Eben wegen dieser morphologischen urbanen Heterogenität lehne ich das -Achtung- postindustrielle wirtschaftshistorische Narrativ "RUHRGEBIET", das quasi erst mit dem Niedergang der Region aufkam, auch als eigentlich kontraproduktiv ab.
    Den Sozialäquator A40 leugne ich ebenfalls nicht, aber wenn der RVR und um den ging es in Stefans Artikel, die grün(st)e (post)industrielle Region werden will, ist das schlicht mehrfach albern und uninformiert. Gerade beim RVR und seiner Genese geradezu hochnotpeinlich!
    Da wollen Einfaltspinsel die Vergangenheit/Geschichte mit aktuell medial gehypten Trends verbinden, was aber zu nichts anderem führen wird, als Bruchlandung, wegen konzeptioneller Webfehler bei der Ziel-, Mittel- und Webbeschreibung.

    Und mal ganz pragmatisch gefragt: Wer oder was vertritt denn "das Ruhrgebiet" institutionell, medial und administrativ? Die Region (Provinz in meiner Sprache) ist so dermaßen zergliedert und zerfasert, dass – nochmals leider- nur der RVR übrig bleibt. Drei Bezirksregierungen (Arnsberg, Düsseldorf und Münster), sechs IHKs, 11 Städte, 4 große Kreise, 53 Kommunen, zwei Landschaftsverbände der LWL und der LVR, etc. etc.. Dann noch so ein bürokratischer Appendix der Vergangenheit, wie der RVR. Das ist doch nichts anderes als eine Kakophonie der medialen Botschaften und Sündenbock-Ausrede für jeden der vorher zitierten Akteure, weil man immer auf die andere Institution/Ebene zeigen kann, dass sich nichts ändert 😉
    Aber massenhaft Bedienstete der redundanten öffentlichen Verwaltung und politische Posten mit guter Bezahlung!

    BTW … fly with the eagle, or scratch with the chickens 😉

    Das passt zum Ruhrgebiet: Ein hysterisches Huhn, das sich als Adler totemisiert 😉

    Der "rech(te) Albert ist doch nur ein etwas beschränkter Gesinnungstaliban, mit totalitären Allmachtsphantasien und einer wirklich skurrilen Sicht der Welt und ihrer Wirkungsmechanismen. Ich muss immer schmunzeln und frage mich, wenn ich dessen Beitrage lese, wie man auf so schmalen Brettern über die Abgründe der komplexen Welt jonglieren kann 😉

  11. #11 | thomas weigle sagt am 31. Oktober 2021 um 15:27 Uhr

    @ke Niemand muss nach wohin auch immer fliegen, um Seeadler zu sehen. Wie kommen sie darauf? Ein Ticket der DB reicht. Und man sieht.einige Seeadler fliegen. Also auf nach MeckPom. Über die erfolgreiche Rückkehr der Seeadler berichte die ÖRR bereits mehrfach,zuletzt Mitte vorletzter oder vorvorletzter Woche. Tja…

  12. #12 | Tolduso sagt am 31. Oktober 2021 um 15:54 Uhr

    #10:
    "Der "rech(te) Albert ist doch nur ein etwas beschränkter Gesinnungstaliban"

    Das sind ja laut Päule und seinem Fan, so es denn unterschiedliche Personen sind, alle ausser Päule und Fan. Rechts, meine ich.
    Egal. Die Job-Rechtfertigungs-Utopien überbezahlter Verbands-Funktionäre und Volksparteipolitiker definieren das Ruhrgebiet nicht. Wenn sie die Region tatsächlich grüner machen, da wo es grau und trist ist, können sie gerne gelobt werden.

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