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Was hat das Tiny House, was der Palast nicht hat?

 

Tiny House auf dem Camping Platz
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Das Tiny House ist die Verheißung für ein selbstbestimmtes, natürliches Leben auf kleinstem Raum. Freiheit und Romantik ist sein Versprechen. Und der Preis ist ein Zehntel dessen, den man für ein Haus aus Stein ausgeben müsste.

Letztes Wochenende bin ich eher beiläufig mit dieser Frage konfrontiert worden. Es war ein Ausflug in eine Welt, die mir bis dahin zwar nicht fremd war, aber derer ich mir bislang nicht gewahr geworden war. Auf einem Auflieger ist ein kleines Haus montiert. Ähnlich einer Fressbude, wie sie zuhauf auf Volksfesten und verwandten Veranstaltungen zu finden ist, ist dort eine Holzkiste montiert, die bis zu 4 Meter in die Höhe ragt. Eine Tür, mehrere Fenster und der Raum von 6 zu 4 oder 5 Metern eingekistet. Sie ähnelt den bekannten Schwedenhäusern, ist auch aus Holz gebaut und die Paneele ist erdfarben grau, blau oder grün gestrichen. Ein IKEA-Schuhkarton. Tschibo hat sie vor Jahren katalogisch bereits vertrieben.

Ein IKEA-Schuhkarton

Die beworbenen Modelle, die nach den Wünschen der Kunden “nachhaltig” und, wie es heute heißen muss, “klimaneutral” ausgestattet werden können, kosten zwischen 25.000 und 50.000 Euro plus. Energetischer Aufbau mit drei- oder vierfachglasigen Fenstern, mit Solar und Heizung, die der Geldbeutel hergeben mag. Das ist immer noch viel weniger als ein kleines Haus kosten würde und ein Grundstück braucht man nicht unbedingt dazu kaufen. Das kleine Häuschen kann nämlich auf einem Campingplatz oder ähnlichen Stellplätzen abgestellt werden. Dann braucht man kein Grundstück. Das Problem – es gibt nicht genügend Plätze dieser Art. Hat man ein Grundstück oder erwirbt es, benötigt man eine Baugenehmigung.

 

Auflieger
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“Friede den Hütten!”

Das Tiny Houses Movement kommt aus den USA. Es ist eine Bewegung, die dem großen amerikanischen Traum von Freiheit, Glück, Mobilität und Nachhaltigkeit Ausdruck verleiht. Formgenommener Hippie-Traum für gut situierte mittelständische Individualisten. Ursprünglich war das mal anders, doch immer dann wenn Geld verdient respektive Mehrwert geschöpft werden kann, wird es “kultig” und kostet das kleine bisschen Mehr. Jedenfalls lassen sich die Wohnkosten nur für die minimieren, die über einen gewissen Kapitalstock verfügen. Nicht verwechseln darf man das mit den alternativen Wohnprojekten – den genossenschaftlich organisierten Bauwagenplätzen. Wenn man es genau nimmt, ist ein Tiny House ein luxuriöser Bauwagen – eine Holzkiste auf einem Auflieger, nur ohne Achtsamkeit und Glückseligkeit.

 

Tiny von hinten
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Die Frage nach dem “Wo” ist das größere Problem, wenn die Anschaffung gestemmt werden kann. Es kann nicht einfach in den Garten gestellt werden, obwohl häufig nachgefragt, den betagten Eltern ein warmes Plätzchen außerhalb der eigenen Vierwände geben zu können. Glücklich der, der ein entsprechend großes Grundstück sein Eigen nennt und die bauordnungsrechtlichen Voraussetzungen von u.a. Abstand und Anschluss des Tiny House zu erfüllen vermag.

 

Noch ein Tiny House
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Weniger Klamotten, weniger Schuhe, weniger Balast

Weibliche Best-Ager im Single-Modus sind diejenigen, die das größte Interesse an dieser Wohnform zeigen. Dann geht es vornehmlich, um Neu-Ordnung des eigenen, kleinen Lebens im Realen durch die Besinnung auf das Wesentliche: Das alte, hinter sich gelassene Leben wird in einen Schuhkarton sortiert. Es darf nach Herzenslust aussortiert, funktional minimiert und achtsam wie wertschätzend das bewahrt werden, was vom bisherigen Leben übrig bleibt. Weniger Klamotten, weniger Schuhe, weniger Balast – mehr Zeit, mehr Besinnung, mehr Glück. Und viel Raum für das weibliche Individuum im Einklang mit sich und Mutter Natur. Das alles auf 25 bis 30 Quadratmetern.

junges Tiny House
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Auch junge Pärchen, die zum Studium oder zum Leben am Ballungsraum einen kuscheligen Platz suchen, um nicht die horrenden Mieten im Hipster-Viertel zu zahlen, kann das Tiny House als Unterschlupf auf dem Campingplatz dienen. Wenn Mami und Papi das Vorhaben unterstützen, kann es klappen. Dann fliegen die sieben Sachen auch mal vor der Hütte rum und der Lenker des Pedelecs sticht in die Wiese. Das dürfte dann aber günstiger sein als die kleine Wohnung im grün dominierten Stadtteil.

Vielleicht wohnt man dann grüner als seine Artgenossen im Viertel, denken die Tiny House-Besitzer. (Gibt es eigentlich auch Tiny House-Besetzer?) Jedenfalls ist es heute ein besonderes Anliegen Storm, Wasser und Energie zu sparen. Die solide Sparform wäre der Verzicht, aber dann wäre es das mit dem Waschen, Kochen und Internet.

 

Tiny von Vorne
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Vielleicht ein eigenes Windrad

Auf Energie möchte man in unseren Breiten nicht verzichten, dafür ist es im Durchschnitt immer noch nicht warm genug. Auf Wasser wird man auch nicht verzichten können. Auf dem Campingplatz ist das alles kein Problem, aber auf seinem Grundstück wird dann ein Hausanschluss benötigt. Wer nun meint ein paar Solarpanel aufzustellen, der wird sich umschauen, wieviel er von diesen Dingern benötigt. Das Dach des Tiny House wird dafür nicht reichen und winters scheint die Sonne nicht in ausreichendem Maße. Ein eigenes Windrad soll da effizienter sein.

Die Relation von Anschaffungspreis und Lebensdauer stehen in keinem Verhältnis. Durchschnittlich hält so ein Tiny House 20 bis 25 Jahre. Ein solide gebautes Haus kann mindestens 80 – 100 Jahre halten, je nach Pflege und Renovation auch wesentlich länger. Allein deshalb schon ist das Haus dem Tiny House in punkto Nachhaltigkeit und Ressourcenverbrauch weit überlegen.

Tiny ist der Luxus für die nachhaltige Mittelschicht. So praktisch und schön wie ein IKEA-Regal. Mir ist es eigentlich egal.

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Ein Kommentar zu “Was hat das Tiny House, was der Palast nicht hat?

  • #1
    Lehre-Hülle

    Ich finde den Bericht sehr gelungen. Den letzten Satz hätten Sie allerdings weglassen können. Wenn schon Stellung beziehen, dann richtig. Was soll das „eigentlich“?
    Entweder es ist Ihnen egal oder nicht.

    Ich gehöre übrigens auch zu den Frauen, die sich damit beschäftigen, ggf. einmal ein eigenes Haus gegen ein Tiny House in der Nähe einer Stadt und in der Nähe meiner Kinder zu tauschen. Zumindest einen Zweitwohnsitz dort zu haben. Grundsätzlich sollten die Beweggründe, warum Menschen sowas machen möchten, hintenangestellt werden. Gründe gibt es immer für oder gegen etwas. Die Möglichkeiten zu schaffen und weitere Alternativen aufzuzeigen, sprich mehr Flexibilität muss her.

    Angesichts knappen und bezahlbaren Wohnraumes in den Städten und Randbezirken ist es doch gut, Alternativen zu suchen, statt zu verfluchen.

    Ich möchte nicht meine Rente im Alter für Mieten oder Hotels aufwenden, um bei meinen Kindern oder etwaigen Enkelkindern sein zu können.

    Vielleicht könnte der Autor dieses Artikels einen Artikel über weitere entsprechende Alternativen verfassen. Das würde einen Blick über den eigenen Tellerrand suggerieren.

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