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WAZ-Krise: Ein mediales Downgrading

Homepage der Funke-Mediengruppe

Ich war nie ein großer Freund des im Ruhrgebiet weithin üblichen WAZ-Bashings. Den Vorwurf zum Beispiel, die WAZ liefere kein bundesweit angesehenes Feuilleton wie Welt, FAZ oder Süddeutsche und schade somit der Kulturszene im Ruhrgebiet, fand ich immer absurd. Über das Feuilleton der Hessische-Niedersächsischen-Allgemeinen, der Frankfurter Neuen Presse oder der Rheinischen Post redet man in Berlin, Hamburg oder München auch nicht den ganzen Tag. Die WAZ war und ist eine Regionalzeitung und sie hat andere Aufgaben als die großen, bundesweiten Titel. Es ist auch niemand enttäuscht, wenn in Auto-Motor-Sport keine Plattenkritiken erscheinen.

Die WAZ, der Funke-Verlag sind das wichtigste Medium des Ruhrgebiets. Stimmt das eigentlich? Wenn es nach Kennzahlen wie Beschäftigten oder Umsatz geht ist das heute noch richtig. Publizistisch ist es schon lange nicht mehr wahr.

Es gibt kein Medium, dass das Ruhrgebiet komplett abdeckt. Sowas gab es nie, aber früher erledigte die WAZ diese Aufgabe zumindest noch halbwegs: Ihre Titel erschien auch im Osten des Ruhrgebiets, WAZ und Westfälische Rundschau waren auch im Dortmund, im Kreis Unna und im Kreis Recklinghausen präsent. Das ist lange her. In viele Städten erscheint schon lange kein Funke-Blatt mehr. Der Kreis Recklinghausen wurde zum größten Teil dem Bauer-Verlag überlassen, Dortmund den Ruhr Nachrichten.

Die WAZ ist schon lange nicht mehr „Die Zeitung des Ruhrgebiets“ und kann diesen Anspruch auch nicht mehr haben. Was zur Folge hat, dass dieses Ballungsgebiet, dass sich in PR-Broschüren selbst gerne als Metropole bezeichnet, die einzige urbane Region in Deutschland ohne ein Medium ist, dass sich ihrer thematisch annimmt. Kölner Stadtanzeiger, der Frankfurt-Teil der FAZ, Frankfurter Neue Presse, Hannoversche Allgemeine, Hamburger Abendblatt, Stuttgarter Zeitung, der München-Teil der Süddeutschen, der Tagesspiegel und viele andere in Berlin – das Ruhrgebiet nimmt ganz offensichtlich eine Sonderstellung ein: Es gibt kein Medium, das es abbildet, das dafür sorgt, das jemand in Duisburg mitbekommt, was in Dortmund geschieht und ein Bochumer erfährt, was in Hamm passiert.

Dies war immer einer der Gründe, warum sich zu keinem Zeitpunkt ein stärkeres regionales Bewusstsein herausbildete. Aber man kann es auch anders betrachten: Weil es das nie gab, entstand nie ein regionaler Markt, der sich für ein Medium lohnte.

Durch die neueste Sparrunde der Funke-Gruppe ist nun sogar noch die Berichterstattung in den Städten gefährdet. Eine neue Sparrunde bedeutet noch weniger Redakteure und weniger Redakteure bedeuten schlicht eine schlechtere Berichterstattung. Deren Folge wird sein, dass die Auflage weiter sinkt, was zur nächsten Sparrunde führen wird.

Die WAZ, so verkündet der Verlag, plant eine digitale Offensive. Das Wort klingt gut, irgendwie modern und nach Innovation, doch wenn man aufhört, sich auf die Herausgabe einer morgendlichen Ausgabe zu fixieren geht das nicht mit weniger Personal. Digital zu produzieren bedeutet rund um die Uhr zu produzieren. Welt, Bild, Spiegel-Online und viele anderen arbeiten längst rund um die Uhr und unterhalten zum Teil Büros im Ausland, weil es angenehmer ist, in Sydney oder San Francisco zu arbeiten als Nachtschichten in Deutschland zu schieben.

Wie die WAZ eine digitale Offensive mit weniger Journalisten hinbekommen möchte, ist mir ein Rätsel. Sie braucht dafür mehr Menschen und die sollten auch stärker ihre potentielle Leserschaft abbilden, sollten nicht vor allem aus der deutschen Mittelschicht kommen. Und sie muss schneller werden – viel schneller.

Aber das geht nur mit Journalisten, die für ihre Arbeit brennen. Wer allerdings jeden Tag Angst um seinen Job hat brennt nicht, der macht sich Sorgen, wie er künftig die Miete zahlen soll.

Das Ruhrgebiet, die Städte, in denen noch Zeitungen der Funke-Gruppe erscheinen, werden nun ein mediales Downgrading erleben. Sie werden die Großstädte in Deutschland sein, in denen nicht einmal mehr leistungsfähige Lokalausgaben erscheinen, weil der Druck auf die immer weniger werdenden Mitarbeiter dauerhaft einer hohen Qualität entgegensteht. Das sind keine guten Nachrichten.

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10 Kommentare zu “WAZ-Krise: Ein mediales Downgrading

  • #1
  • #2
  • #3
    Klaus Lohmann

    WAZ/Funke (und auch Lensing-Wolff) haben den laaaaange propagierten Sprung der News-Sparte nach Online gründlich verbaselt. Die derwesten-Schiene mit ihrem "Bin ich jetzt ein Blog? Oder doch nicht?"-Ansatz war schon eine Fehlgeburt, die Ablösung durch Titel-zentrierte Portale ist mindestens nicht besser, im Normalfall – und bedingt durch das Fehlen ganzer Städte-Redaktionen z.B. in Dortmund – ist die technische Qualität schlechter geworden und die redaktionelle Qualität dümpelt mangels regionaler Expertise weiter auf ziemlich tiefem Niveau rum.

    Lensing-Wolffs dortmund24.de ist zwar "irgendwas mit Online". aber mehr ’ne Art Facebook- und Twitter-Kopie ohne irgendeinen Tiefgang. Die jetzt noch bestehenden Printausgaben sind vollgemacht mit Kirchenblatt- und Heimatvereins-Gedaddel, also außerhalb von Seniorenheimen eher wertlos. Wie man hier lt. Stefan Laurin *noch mehr* mediales Downgrading hinbekommen will, ist mir ein echtes Rätsel.

  • #4
    Johannes Götte

    Kleiner Tipp: Einfach mal ins örtliche Stadtarchiv gehen und zwischen heute und damals vergleichen.
    Da wird die Entwicklung überdeutlich.

    Auch für Online braucht man Journalisten und Redakteure, die vor Ort aktiv sind, sich durch die lokale Politik durcharbeiten, Vorlagen lesen, unterwegs sind, usw.

    Die Qualität der Inhalte sind entscheidend, nicht nette Fotos von Sonnenuntergang auf der Halde oder der süßen Katze/Hund/Vogel aus der Nachbarschaft.

  • #5
    Robin Patzwaldt

    Wobei die Qualität in den Bauer-Zeitungen ja ebenfalls stark im Sinkflug begriffen ist, vor allem auch was die Lokalberichterstattung betrifft, wie ich aus tagtäglicher Erfahrung mit meiner Lokalzeitung weiss. Die besteht fast nur noch aus Pressemeldungen und Leserfotos.

  • #6
    DEWFan

    Als Zeitung fürs Revier gibt es doch die Ruhrbarone 😊

    Aber gerade im Online Bereich für Dortmund ist waz.de schon so ziemlich Schmalhans der Küchenmeister. Der Lokalsport z.B. präsentiert "Live" Ticker aus dem Amateurfussball, die mehrere Monate alt sind, oder sogar aus der letzten Saison stammen 😂

    Und außer vom BVB – natürlich nur Artikel über die Bundesliga Fußballer, die eh im Hauptteil aufgeführt sind – ist dort nichts zu finden. Da wundert man sich noch, dass die Leute andere Teams und Vereine unserer Statt überhaupt noch kennen. Ok, die Ruhr Nachrichten sind da aktueller, haben nur leider keine Leserkommentare mehr.

  • #7
    DEWFan

    Aber eine Lanze muss ich dann doch für waz.de brechen: sie ist das einzige mir bekannte Portal einer Zeitung, wo auch nicht Abo Kunden Zugang zu den Leserkommentaren der kostenpflichtigen Plus Artikel haben. Das sieht bei welt.de, spiegel.de & Co anders aus.

  • #8
    Thommy

    Ruhrgebietsidentitöt hin und her-es ist nicht zwangsläufig die Aufgabe einer Lokalzeitung, Lokalpatriotismus zu fördern. Viel dramatischer finde ich das Verschwinden " der vierten Gewalt", die Politik, Verwaltung und Wirtschaft auf die Finger schaute und gelegentlich zumindest manchmal mal draufklopfte.

    Aber heute?

    In Dortmund bspw. möchten es sich die Ruhrnachrichten nicht mit der Stadtspitze oder großen lokalen Unternehmen verscherzen und verlegten sich mehr oder weniger auf Hofberichterstattung, größtenteils nicht auf Recherche,sondern auf unhinterfragt übernommenen städtischen Pressemitteilungen basierend.

    Klar, es gibt auch manchmal ausgezeichnet recherchierte Berichte/ politische oder Gesellschaftsreportagen von Journalisten wie Bandermann oder Große-kemper (?).
    Berichterstattung über skandalöses Verhalten der Stadtspitze oder auch der lokalen Politik erfolgt -wenn überhaupt- in homöopathischer – wirkungsloser- Dosierung.

    Im Gegenteil -wenn mal wieder eine "Sau durchs Dorf gejagt wird" – also ein Vorgang skandalisiert wird- kommt die Freigabe an die Restpresse zum medialen Abschuss nebst Lieferung der passenden Abschussmunition /-information meistens aus der Verwaltungsspitze selbst, um aus welchen Gründen auch immer unliebsam gewordene leitende Angestellte abzuschießen. Denn darauf, -dass ein Mitglied des Verwaltungsvorstandes einmal die Verantwortung für tatsächliche oder vermeintliche Verfehlungen oder Fehler seiner Untergebenen die Verantwortung übernehmen würde, wartet man seit Jahren schon vergebens – aber warum auch- die Restpresse wird doch nicht nachfragen und erst recht nicht den Kopf ihrer Hauptinformanten fordern.

    Also lange Rede – das Verschwinden konkurrierender lokaler Zeitungen bedeutet einen Verlust an Informations-und Meinungsvielfalt und damit der Möglichkeiten politischer Willensbildung und ist somit grundsätzlich auch demokratiegeföhrdend.
    Aber -es gibt ja noch die BILD…..

  • #9
    ruhr reisen

    …..weil es angenehmer ist, in Sydney oder San Francisco zu arbeiten als Nachtschichten in Deutschland zu schieben."
    Kann der Autor bitte mal erklären, warum eine Nachtschicht in Australien oder Amerika angenehmer sein soll??? Was ein Mumpitz.

    Genauso sehe ich das auch: Das Verschwinden der vierten Gewalt ist eine Tragödie.

    Und den Zeitgeist kann man nicht aufhalten – die Qualität der WAZ nimmt lesenden Auges kontinuierlich mit der Schrumpfung in den Redaktionen ab. Da ist der nicht zahlende Digital-Leser und fehlende Anzeigenkunde mitschuldig. Obwohl ich beispielsweise die Fokussierung auf mehr Stadtteilberichterstattung in einigen WAZ-Blättern für richtig halte.

    Aber dieser "Westen" ist schon so lange überflüssig und so peinlich, dass man sich wundert, wieso die Chefredaktion bis heute davon nichts bemerkt hat.

  • #10
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @ruhr reisen: Weil es dort Tag ist, wenn es hier Nacht ist: Die Kollegen arbeiten zu ganz normalen Zeiten.

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