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Wenn man sich vor der Wahrheit ekelt: 30.000 pädokriminelle Täter?

Laptop Innenleben Foto: Sebastian Klein/Wikipedia Lizenz: CC BY-SA 3.0

Horror vacui ist ein Begriff aus der Kunst. Er beschreibt das Bedürfnis der Maler, jede freie Fläche auszumalen, mit Formen und Farben zu füllen.  Ich fürchte mich vor dem Horror vacui. Die Angst, dass in meinem Kopf Bilder von dem zehntausendfachen sexuellen Missbrauch von Kindern entstehen. Bilder, die sich einfressen, weil sie Vorstellungen erzwingen, die unmenschlich, grausam, widerwärtig sind. Von unserem Gastautor Horst Kläuser.

Da liest man, fast wie die aktuellen Benzinpreise, dass nach Ermittlungen aus dem Bergisch Gladbacher pädokriminellen Fall 30.000 Täter festgestellt wurden. Dreißigtausend! Das sind mindestens 30.000 Kinder, vermutlich mit einem Faktor zu multiplizieren, der jedem Menschen mit Empathie die Sprache verschlägt.

Dreißigtausend! Hier handelt es sich längst schon nicht mehr um den „Gelegenheitsmissbrauch“ des Patenonkels oder des „lieben Nachbarn“. Hier ist eine verabscheuungswürdige, globale Missbrauchsindustrie entstanden, die sich selbst nährt. Nach jedem Schlag gegen solche Kreise, zu denen unerklärlicherweise auch Frauen, Mütter sogar, gehören, wachsen aus den abgeschlagenen Köpfen der Hydra neue, widerliche Tätergruppen. Sie sind datenschutzmäßig nicht weniger kompetent als Geheimdienste und bewegen sich im Darknet, dem beinahe unsichtbaren Teil des Internets, so sicher und gewohnheitsmäßig wie ihre Opas früher auf der Kegelbahn.

Ob in Staufen, Lügde, Münster, Bergisch Gladbach – fast wöchentlich werden Fälle bekannt, die immer, wirklich immer Teil von Banden, verschworenen Clubs und Verbrecherkreisen sind. Die Zahlen steigen:  2019 verzeichnete die BKA-Statistik 12.300 Fälle – das sind 65 % mehr als im Vorjahr. Und das sind ja nur die angezeigten, die bekannten. Gerade diese „Branche“ lebt vom dunklen Geheimnis, von Angst, Erpressung, Einschüchterung und dem Verborgenen.
Die nicht selten erschreckend bürgerlichen Verhältnisse machen Angst. Nicht nur wegen der schrecklichen Taten und denen ihrer Fröhlichkeit beraubten Kinder, auch weil wir längst wissen, dass die Täter und Täterinnen überall sind. Wenn die WHO, also die Weltgesundheitsorganisation der UNO schätzt, dass jedes Jahr 1 Million Kinder sexuelle Gewalt erleben, säßen statistisch in jeder Schulklasse zwei Opfer.
Kennen wir sie? Können wir ihnen helfen? Werden sie je ein normales (Sexual-)Leben führen können?

Unsere Gesetze sind klar. Wenn schon die Vergewaltigung unter Erwachsenen Mindeststrafen von zwei, bei Gewaltanwendung sogar ab fünf Jahren vorsieht, muss doch klar sein, wie viel grausamer und brutaler die Vergewaltigung von Kindern ist. Sie sind schwach, wehrlos, missbraucht in vielen Fällen von den eigenen Vätern, Freunden der Familie. Das sind Menschen, an die man sich gemeinhin in Not wenden würde. Sie sind Monster, das Ur-Vertrauen zwischen Kind und Eltern wird zerstört, geopfert auf dem Altar einer kranken Lust, verteilt für Geld, geteilt mit anderen, die sich ekelhaft daran ergötzen.

Selbst einstmals sichere Orte, Schulen, Kirchen, Pfarrhäuser, Jugendheime haben sich längst als gefährliche Orte entpuppt, in den Schutzbefohlene missbraucht wurden. Eine Mauer des Schweigens verhinderte jahrzehntelang Aufklärung und Prävention, wenn nämlich Lehrer und Pfarrer trotz hinreichender Verdachtsmomente weiterhin mit Kindern allein sein durften.

Nein, die Täter, bei denen es mir schwerfällt, gewisse Gedanken nicht zu haben, sind nicht schuldunfähiger, weil sie (manchmal) selbst Opfer solcher Gewalt waren. Sie verdienen kein Mitleid. Sie sind schlau, wissen geschult mit dem Internet und Datenschutz umzugehen, Künstler der Vertuschung. Manche sind Akademiker, Fachleute in angesehenen Berufen und leben in “geordneten Verhältnissen“. Vielleicht wohnen sie nebenan und gaukeln ein normales, glückliches Familienleben vor – bis es donnerstags in die Laube geht: hochauflösende Kameras, Video-Schalten, Gebrauchsweisungen fürs Betäuben, Sound-Verbesserung und das richtige Licht, verschlüsselte Datenträger, geniale Verstecke und Uploads in die finstersten Ecken des Internets, wo andere geile Voyeure, sich am Leid der Kinder berausche…

Man möchte erbrechen, wenn man sich die Tatorte und die akribisch-teuflische Vorbereitung der Schwerstverbrecher vorstellt.

Ob höhere Strafen helfen könnten? Wohl nicht. Auch die jetzigen müssten den normalen Bürger hinreichend schrecken, abhalten tun sie nicht. Die Aufklärungsarbeit wird verschärft. Zum Glück.

Aber auch die Ermittler, Polizisten oder Mitarbeiter der Staatsanwaltschaften sind Opfer. Die Durchsetzung des Rechts verlangt die genaue Feststellung der Taten, qualitativ und quantitativ, die Identifikation der Täter und der Opfer (um manche von ihnen erst befreien zu können). Diese Diener des Rechts setzen sich schwersten persönlichen Belastungen aus, die nicht folgenlos bleiben können. Brutalität im Bil – was sie sehen müsse, lässt sich nicht mit der abendlichen Dusche abspülen.

Insofern tut sich für die gesamte Gesellschaft eine wahnsinnig große Aufgabe auf: wir alle müssen wachsamer, sensibler werden. Worüber witzeln manche, wie reagieren manche Erwachsene auf Kinder, wie verhalten sich Schüler, schüchterne oder aggressive in Kindergarten und Schule, welche Verletzungen oder Verhaltensstörungen werden beim Kindergeburtstag, bei McDonalds oder im Streichelzoo sichtbar?

Es geht hier nicht um Werbung für den Blockwart oder den Denunzianten. Aber wenn es stimmt, dass allein der Kreis aus Bergisch Gladbach 30.000 Täter hatte, wenn es stimmt, das eine Millionen Kinder Jahr für Jahr missbraucht werden, dann ist es längst nicht mehr nur ein Fall für Polizei und Justiz. Es passiert nebenan.

Pädokriminalität, sexuelle Gewalt an Kindern ist ein Fall für uns, unser Gewissen, unsere Haltung als Mensch. Die ekelhaften Verbrechen sind ein Makel unserer Gesellschaft.

Es sind kleine Morde an unschuldigen Kinderseelen.

 

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7 Kommentare zu “Wenn man sich vor der Wahrheit ekelt: 30.000 pädokriminelle Täter?

  • #1
    Bochumer

    Natürlich helfen härtere Strafen: Der Täter in Münster war ja zu einer "Bewährungsstrafe" wegen Ansehens von Kinderfolter "verurteilt" worden. Es hätte mindestens eine Gefängnis-Strafe gebraucht. Außerdem sollte es immer hohe Geldstrafen geben. Und zwar so hoch, dass das gewohnte Leben in Gefahr gerät. Der Zustand, dass wegen einer guten Sozialprognose keine Bestrafung erfolgt, ist doch ein schlechter Witz. Es bleibt zu hoffen, dass der Vorstoß der NRW-Landesregierung hier zu einem Erfolg führt.
    Da machen sie gute Arbeit. Das bleibt hier festzustellen. Ebenso die Polizist*innen, die hier ermitteln. Das ist eine fordende Aufgabe.

  • #2
    JR

    Ich rate zur Vorsicht, was die Zahl angeht. Der Betreff der Pressemitteilung spricht von 30000 Spuren, der Minister von 30000 Tatverdächtigen. Zu den Spuren zählen vermutlich Pseudonyme/Namen wie auch IP-Adressen. Mal angenommen, ein Täter nutzt verschiedene Pseudonyme und seinen PC und sein Handy per Tor-Browser und/oder VPN, da sind wir dann schnell bei einer mehrstelligen Zahl von Spuren, die alle auf einen Täter deuten.

  • #3
    GMS

    Pädophilie ist eine Neigung die man nie ablegen wird UND die sich diese Leute auch nicht "ausgesucht" haben! Für Menschen mit dieser Neigung wird lebenslang eine Betreung, in mindestens milder Form nötig sein, darüberhinaus am besten kein alleiniger Umgang mit Kindern.

    Was allerdings eben so wichtig ist, ist die Jugendämter zu professionalisieren. Denn bei fast jedem Vorfall in den letzten Jahren stellte sich heraus dass ort massiv versagt wurde.

  • #4
    Walter Stach

    Es gibt keine Untat, es gibt kein Verbrechen, zudem Menschen unfähig sind.

    Wenn ich daran jetzt und hier nachdrücklich erinnert werde, ist das für mich zunächst wieder einmal Anlass über das Nachzudenken, was uns Menschen ausmachen, was uns von anderer Kreatur unterscheiden könnte, ob das Böse zum Menschsein ebenso gehört wie das Gute, ob der Mensch nicht doch "der Schrecklichste unter der Schrecken" in der Natur ist und, und, und…….

    Erst dann bemühe ich mich der Frage nachzugehen, ob Gesellschaft und Staat "versagt" und sie diesen Verbrechern präventiv und repressiv nicht hinreichend begegnet sein könnten und dann erst frage ich mich, ob und wie Gesellschaft und Staat dieserhalb unverzüglich die Effektivität ihrer Arbeit verbessern müßten.. Dazu haben sich in der Vergangenheit oftmals fachkompetente Wissenschaftler und Praktiker aus unterschiedlichen Berufen geäußert und werden sich auch jetzt wieder äußern. Da ich weder Wissenschaftler noch fachkompetenter Praktiker bin, werde ich auch jetzt wieder -angesichts der Untaten un- und widerwillig- zuzuhören/hinzuhören haben, mich eigenständiger Kritik gegenüber staatlichen Institutionen jedoch mangels Wissen enthalten. eigenständigen Ratschläge erteilen.

  • #5
    paule t.

    Es hätte der als Artikel getarnten Anhäufung von Empörung gut getan, wenn der Autor sich minimal mit seinem Thema beschäftigt hätte. Und _minimal_ heißt hier: Der Autor hat sich offenbar in keiner Wiese informiert, um welche Straftatbestände es geht und was die genannten Zahlen überhaupt bedeuten. Anscheinend hat er nicht einmal den eigenen Link verstehend gelesen, denn dann hätte er schon die gröbsten Missverständnisse vermeiden können.

    Wie im Link selbst steht, geht es bei den 12.300 Fällen aus der PKS 2019 um "Verbreitung, Besitz, Erwerb und Herstellung von sogenanntem kinderpornographischem Material". Das heißt, das es als einzelner Fall schon mitgezählt wird, wenn sich eine Person ein kinderpornografisches Bild herunterlädt. Und das kann auch ein gezeichnetes Bild sein, dass ohne irgendeinen realen Missbrauch entstanden ist – schon das ist nämlich strafbar. Es steht also keinesfalls hinter jedem gezählten Fall ein missbrauchtes Kind.

    Bei den 30.000 im aktuellen Fall genannten "Tatverdächtigen" kommt dann noch dazu, a) dass es sich eigentlich (wie JR schon korrigierte) um Spuren handelt, von denen durchaus mehrere bis sehr viele zu einer Person gehören können, und b) dass es sich außerdem teilweise um Spuren handeln kann, bei denen gar keine Straftat begangen wurde (wenn etwa jemand jemand irgendwie Kontakt zu einer Chat-/Forum-/Wasweißich-Gruppe oder sonstigen Gelegenheit hatte, wo man solche Bilder bekommen konnte, tatsächlich aber gar keines heruntergeladen hat). Das wurde ja überhaupt noch nicht untersucht.

    Die Behauptung des Artikels, das seien allein in diesem Fall "mindestens 30.000 Kinder, vermutlich mit einem Faktor zu multiplizieren, der jedem Menschen mit Empathie die Sprache verschlägt", die missbraucht worden seien, ist also völlig abwegig und entbehrt jeder Grundlage. Offensichtlicher Quatsch ist außerdem die Behauptung, es würden "fast wöchentlich […] Fälle bekannt, die immer, wirklich immer Teil von Banden, verschworenen Clubs und Verbrecherkreisen sind." Fast wöchentlich? Ernsthaft?

    Ohne Zweifel ist Kinderpornografie widerwärtig und sexueller Missbrauch von Kindern eine Straftat, die streng verfolgt gehört. Dabei sollte man aber die realen Verhältnisse betrachten und sich nicht von Hysterie leiten lassen. Und zu diesen realen Verhältnissen gehört, dass solche schrecklichen, extremen Fälle wie die vom Autor genannten mit einem Netzwerk von Verbrechern eben nicht die Regel sind, sondern der Großteil von sexuellem Missbrauch wahrscheinlich seit jeher im Nahbereich ohne große Verschwörungen stattfindet.

    Um letzteres zu bekämpfen, bräuchte man aber nicht das , was Populisten immer einfällt – strengeres Strafrecht und stärkere Überwachung -, sondern eine personelle und ausbildungsmäßige Stärkung der Institutionen, die Kindern in ihrem Umfeld helfen können.

  • #6
    Jürgen

    @#2, #5
    Vielen Dank für die Einordnung und ergänzenden Informationen. Ich hatte zu diesem Thema am Montag (?) ein Interview im Radio gehört. In diesem hat der Interviewte (ein Kriminalbeamter) genau das auch festgestellt: Es handelt sich um 30.000 Spuren. Ob sich aus diesen Spuren strafrechtlich relevantes ableiten ließe und wie viele reale Personen tatsächlich dahinter zu finden sind, wisse man noch nicht.

    D.h., momentan ist alles Spekulation, die Empörung ist momentan wesentlich größer als die tatsächliche Erkenntnis.

  • #7
    AntiAndi

    Großen Dank an Paule T., der sich hier die Mühe macht, ein bisschen mit Missverständnissen aufzuräumen. So verständlich bei diesem Thema die emotionale Erhitztheit des Autors sein mag, so wenig hilft sie beim Versuch journalistisch tätig zu sein. Der Stil des gesamten Textes hat etwas von tantenhafter Erregung über den Gartenzaun. Was soll so etwas? Auf einem Blog wie Ruhrbarone, das sich als journalistisch versteht, hat das nichts zu suchen. Leider ist es ja so, dass so ein Bauchgefühlgeschwaber immer häufiger auf Ruhrbarone zu lesen ist. Als journalistisches Medium ist dieses Blog nur noch in wenigen Einzelfällen ernst zu nehmen.

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