Wenn Walküren wütend werden…

 

Noch kann Brunhild (Magdalena Helmig) die Ankunft Siegfrieds kaum erwarten. / Foto: Charleen Markow

Was macht Brunhild eigentlich, wenn sie nicht gerade besungen wird? Sie zertritt Schaben und singt selbst – zumindest in der einstündigen Inszenierung von Arne Nobel. Der Monolog verhandelt die Geschichte der hintergangenen Walküre Brunhild und ist ein Teil der Angry-Young-Women-Reihe des Bochumer Rottstr5-Theaters. Mit „Brunhild“ greift Nobel erstmals die Problematik einer weiblichen Figur des Nibelungenzyklus heraus und liefert eine emotionsgeladene Interpretation des Sagenstoffes.

 

Im emotionalen Wolkenkratzer einer Walküre gibt es keinen Fahrstuhl, kein 73. Stockwerk, in dem sie sich aus dem Fenster stürzen könnte. Wenn sie des Hinaufsteigens müde wird, ist sie im Arsch.

Die Story: Eine Frau sitzt fest in Island auf einer Burg zwischen Feuer und Eis – verliebt, aber verraten. Die Details: Die Walküre Brunhild wird von ihrem Vater Odin dazu verdonnert, so lange ein einsames Dasein in den Mauern von Isenstein zu fristen, bis jemand kommen würde, um sie zu freien. Brunhild gelingt es jedoch, die väterliche Strafe um eine Bedingung zu erweitern. Der Freier soll ihr an Stärke überlegen sein und dies im Zweikampf mit ihr beweisen. Hierbei denkt sie an ihren Helden Siegfried, der ihr laut einer schicksalhaften Weisung versprochen ist. Das Problem: Auch König Gunter hat Interesse. Der Plan: Deswegen überzeugt er Siegfried davon, sich auf einen Pakt mit ihm einzulassen, auf Brunhild zu verzichten und stattdessen Gunters Schwester Kriemhild zur Frau zu nehmen. Der Clou: Er selbst kann Brunhild nicht bezwingen. Das soll daher Siegfried übernehmen – unter falscher Flagge, versteht sich. Das Ergebnis: Die Walküre wird verraten und gleich zwei Mal geschändet. Die Konsequenz: Die wirklich wütende Walküre wird magersüchtig, fällt schließlich in ihr altes Paarungsmuster zurück und wünscht sich am Ende doch wieder einen Helden.

Wäsche vom Vortag

 

Brunhild (Magdalena Helmig): "Die Angst ist der Geistmörder" / Foto: Charleen Markow

Die Odintochter (gespielt von Magdalena Helmig) wirkt als hätte sie schon resigniert, wartet im weißen Gewand mit Schleier, wandert an zerbrochenen Spiegelscherben vorbei und weiß doch nicht, wann und ob Siegfried überhaupt kommen wird. Kurzum: Sie geht auf dem Zahnfleisch. Obwohl es die Versinnbildlichung der Vereinsamung ist, hätte es hier der einen oder anderen Regieanweisung bedurft, um die Atmosphäre beim Betrachten der Spiegelscherben nicht aus den Augen zu verlieren. Brunhilds Stimmung changiert zwischen Sehnsucht und Angst, Hoffnung und Verzweiflung. Mal ist ihre Haltung naiv, mal wirkt sie desillusioniert. Vater Odin meldet sich durch das regelmäßige Grollen der Glück-Auf-Bahn zu Wort. So auch als Brunhild erklärt, dass sie angesichts ihrer Einsamkeit wieder die Unterwäsche vom Vortag trägt.

 

Musikalische Intermezzi

Auch Walküren sind verwundbar. / Foto: Charleen Markow

Das Scheinwerferlicht modelliert Brunhilds Gesicht und reduziert es auf seine sanften Grundzüge. Wie eine Art weibliches Urbild setzt sie sich mit ihrer vertrackten Lage auseinander und singt sich in musikalischen Intermezzi den Frust von der Seele.  Vor allem der körperliche Einsatz Magdalena Helmigs ertastet die leisen Töne zwischen hart und zart, zwischen Wut und Verzweiflung. Damit verleiht sie der Figur der schlagkräftigen Halbgöttin die nötige Empfindsamkeit und zeigt dem Publikum die leidvolle Seite der Liebe und die damit verbundenen allzu menschlichen Ängste und Sehnsüchte. Helmig gelingt es vor allem mit ihrer Interpretation des Rolling Stones Song „Paint it Black“, ein authentisches und berührendes Bild von erstorbener Liebe und der Kälte eines vereisten Herzens zu zeichnen. Durchweg liefert sie an dem Abend eine souveräne Leistung ab und beweist einmal mehr, welch berührende Wirkung gekonnte Intonation erzielen kann. Nobel und der an der Textfassung beteiligte Hans Dreher greifen für die Inszenierung unter anderem auf Textfragmente von Bret Easton Ellis und Frank Herbert zurück, zitieren aber auch aus Michael Ondaatjes gesammelten Werken von Billy the Kid und verleihen der Walküre damit ebenso Anklänge einer männlichen Seite.

 

„Enemy Killed In Action“

"It's not easy facing up when your whole world is black" / Foto: Charleen Markow

Auf der Bühne brennen knackend kleine Eisschollen. Die Walküre malt mit Kreide ein Herz an die Wand, im Inneren ein großes „S“. Später wird sie diesem noch das Wort „EKIA“ hinzufügen. Es steht für „Enemy Killed In Action“ und ist dem Code-Wort entlehnt, mit dem die US-Truppen Barack Obama den Tod Osama bin Ladens verkündet hatten. Als Brunhild von Siegfried verleumdet, verraten und schließlich von ihm und Gunter vergewaltigt wird, zerbricht nicht nur ihr Gürtel, sondern auch ihr Herz. Der Held entpuppt sich als Arschloch. Brunhild befreit sich von ihrem weißen Kleid, ersetzt es durch ein schwarzes und reißt wütend und verzweifelt die unschuldigen Tapeten von den Wänden.

A Hero!?

 

Schließlich beginnt Brunhild, klischeehafte Schönheitsbilder und gängige Illusionen zeitgenössischer Frauenbilder zu demontieren. Sie referiert über primäre und sekundäre Geschlechtsmerkmale und den Irrsinn der Intimrasur, beschwört das Prinzip der Ergänzung als partnerschaftlichen Königsweg, um dann mit Bonnie Tyler doch zu dem Schluss zu kommen, dass ihr Zukünftiger wieder ein Held sein soll. Die Walküre ist sich sicher mit ihrer Paarungsstrategie: „Dort wo wir uns berühren, da ist Licht.“ Mag sein. Dennoch möchte man sie gerne daran erinnern, dass Kammerdiener keine Helden kennen.

Die nächste Vorstellung des „Brunhild“-Monologes findet am 28. Mai im Bochumer Rottstr5-Theater statt.

 

 

 

 

 

 

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