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„Wie die Verdoppelung der Intensivkapazitäten funktionieren soll, kann ich mir nicht vorstellen!“

Blick in einen OP-Saal im Jahre 1910. Quelle: Wikipedia, Lizenz: Gemeinfrei

Mitarbeiter in Krankenhäusern und Pflegeheimen sind in diesen Tagen ganz besonders gefordert. Ihre über Jahre hinweg häufig unterschätzte und unterbezahlte Arbeit bekommt in Zeiten der Corona-Krise eine ganz andere Bedeutung in den Augen von Millionen.

Ruhrbarone-Autor Robin Patzwaldt hat mit Daniel, einem mittelalten Krankenpfleger aus Hamburg, am Freitag, den 20. März 2020, ein kurzes Interview über die aktuelle Lage vor Ort geführt. Darin gewährt Daniel, der in dieser Phase der Pandemie Tag für Tag seine eigene Gesundheit zum Wohle der Mitmenschen riskiert, einige interessante Einblicke in den Alltag eines Mitarbeiters im Gesundheitswesen.

Ruhrbarone: Hallo Daniel! Wo arbeitest du genau?

Daniel: Ich arbeite auf einer interdisziplinären Intensivstation mit maximal zwölf Betten in einem mittelgroßen (ca. 500 stationäre Betten) Krankenhaus der Grund- und Regelversorgung in Hamburg.

Ruhrbarone: Ihr seid ja direkt mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie am Arbeitsplatz konfrontiert. Wie wirkt sich das bei dir aus?

Daniel: Um ehrlich zu sein, hatte es bis jetzt noch keine großen Auswirkungen auf unsere Station. Klar, es werden Vorbereitungen getroffen und Zimmer gerichtet, für eine Isolation inklusive Beatmung. Es wurden massiv Mitarbeiter geschult im Umgang mit dem Virus. Bis jetzt hatten wir im Haus erst zwei oder drei Patienten mit dem Virus die auf einer normalen Station lagen und einer bei uns auf Station. Es wird aber sicher mehr werden, auch bei uns auf Station. Was neu ist, es gibt wie in vielen Krankenhäusern mittlerweile ein Besuchsverbot mit Ausnahme beispielsweise der Palliativstation, was für Angehörige und Patienten natürlich schwer ist.

Ruhrbarone: Hast du persönlich Angst vor der weiteren Entwicklung?

Daniel: Angst würde ich nicht sagen, Respekt wäre sicher das bessere Wort. Wenn man den Prognosen der Experten trauen darf, werden auch wir als kleineres Krankenhaus sehr viel zu tun bekommen in den nächsten Wochen, und das wird angesichts der eh schon sehr dünnen Personaldecke sagen wir mal herausfordernd. Wir hatten in der letzten Zeit meist nur neun, manchmal sogar nur sechs von zwölf Betten zur Verfügung, da das Personal fehlte. Wie die vom RKI-Chef angestrebte Verdoppelung der Intensivkapazität bei uns funktionieren soll, kann ich mir im Moment nicht vorstellen.

Ruhrbarone: Wie gehen deine Kollegen/innen mit der Situation um. Gibt es da Unterschiede?

Daniel: Klar! Es gibt Kollegen, die sich mehr Sorgen machen als andere. Jeder Mensch ist verschieden, aber es sind alle ruhig auf Station. Es ist im Moment kein Problem. Wir haben aber auch Kollegen und Kolleginnen, die kleine Kinder zuhause haben. Da ist es teils schwierig, da ja auch die Kitas und Schulen geschlossen sind, und auch weiter geschlossen bleiben werden. Ich bin gespannt, was da noch auf uns zukommt. Ich habe in den Medien schon vernommen, dass einige Kliniken zum Beispiel bereits Urlaubssperren ausgesprochen haben.

Ruhrbarone: Wie sieht es in Sachen Materialversorgung bei euch aus? Werden schon erste Dinge knapp? Wird sich die Situation beherrschen lassen?

Daniel: Da wir im Moment erst einen Patienten auf Station haben, geht es noch, aber auch nur gerade so. Es ist schon sehr eng mit dem Material. Wir wurden beispielsweise angehalten eine FFP Maske für eine ganze Schicht zu nutzen. Ich kann mir nicht so recht vorstellen, wie das funktionieren soll. Das ist ein Thema, dass mir Sorgen bereitet, dass unter anderem die FFP Masken nicht in ausreichender Menge nachgeliefert werden können. Das wäre fatal für uns.

Ruhrbarone: Was wünscht du dir für die kommenden Tage, sei es für deine Arbeit vor Ort, aber auch für die Gesellschaft im allgemein?

Daniel: Ich würde mir wünschen, dass die Leute vernünftig werden, und zu Hause bleiben, Kontakte meiden, was im Moment wohl noch ein Problem ist. Dass wir genug Material bekommen, um unsere Arbeit machen zu können. Das wir ausreichende Schichtstärken haben werden, um alles zu schaffen.

Ruhrbarone: Mit welcher Einstellung gehst du in die kommenden Tage?

Daniel: Ich bin sehr gespannt, was auf mich zukommt. Ich hatte diese Woche nach dem Nachtdienst frei. Ich bin aber ehrlich froh, dass ich am Montag überhaupt zur Arbeit gehen kann. Ich hatte in meinem Nachtdienst letzte Woche Kontakt zu einem Arzt, der aus einem Risikogebiet (Tirol) zurückkam, aber trotzdem den Dienst machen sollte. Jetzt stellte sich heraus, dass dieser Arzt positiv getestet wurde. Also musste ich am Donnerstag auch zu einem Test, der heute negativ ausging…  Gott sei Dank.

Ruhrbarone: Danke Dir für deine Zeit, Daniel! Und lass mich dir im Namen all unserer Autoren und Leser kurz auch noch meinen Dank und Respekt aussprechen, für die tolle Arbeit, die du und deine vielen Kollegen und Kolleginnen leistet. In diesen komplizierten Tagen ganz besonders…

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4 Kommentare zu “„Wie die Verdoppelung der Intensivkapazitäten funktionieren soll, kann ich mir nicht vorstellen!“

  • #1
    ke

    Es ist noch ein wenig die Ruhe vor einem wahrscheinlichen Sturm.

    Der laxe Umgang mit den Skitouristmen aus den Corona-Hochburgen in den Alpen ist für mich absolut nicht nachvollziehbar. Hier müssen wir auch auf unser selber achten. Man weiß ja, wer dort war, wenn man sich kennt.

    Hier würde ich es sogar gerechtfertigt finden diese Menschen über Handydaten/-rechnungen zu identifizieren.

    Es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, dass Arbeitgeber die Gesundheit ihrer Angestellten schützen. Hier muss insgesamt natürlich auch die Schutzausrüstung insbesondere im Gesundheitswesen vorhanden sein.

    Ich sehe hier aber noch die geringsten Gefahren, da diese Berufsgruppen wissen, wie man mit Viren etc. umgehen muss.

  • #2
    Nina

    "Ich sehe hier aber noch die geringsten Gefahren, da diese Berufsgruppen wissen, wie man mit Viren etc. umgehen muss."
    @#1 ke: Das Wissen ist das Eine, das Handeln danach das andere. Dass ein Arzt von seiner Leitung angehalten wurde, den Dienst zu machen obwohl er aus einem Risikogebiet kam, sagt einiges aus.
    Manche Abteilungsleitungen und Vorgesetzte im Gesundheitswesen verhalten sich nicht anders wie andere Führungskräfte auch-sie schauen darauf, dass das Geld reinkommt und dass möglichst wenig Ausfall ist. Ob da einer jetzt aus dem Urlaub aus Tirol wiederkommt… spielt für manche Führungskräfte schlichtweg keine Rolle.

  • #3
    Smila

    Im Januar und Februar haben Regierung, Medien und das RKI die Bevölkerung noch beschwichtigt und die Gefahr des Corona Virus kleingeredet.

    Man habe „alles im Griff“ und Deutschland sei „gut vorbereitet“.

    Das hat sich als Lüge herausgestellt, als fahrlässig. Nichts ist da, nicht genug Masken, Desinfektionsmittel, Klopapier oder Beantmungsgeräte. Und die Krise hat gerade erst begonnen.

    Ein erbärmliches Krisenmanagement.

    Dasselbe auch bei den Einzelhändlern. Großmäulig versprach Peter Altmaier, niemand würde wegen Corona seinen Job verlieren.

    Es wird durch das Versagen der Regierung Millionen zusätzliche Arbeitslose geben. Hoffentlich nicht auch Millionen Tote.

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