Wie Wecker niemals Benjamin las

Foto: Richard Föhr

Sollte je auch nur einer leiser Zweifel daran bestanden haben, dass der große Liedermacher Konstantin Wecker kein großer Denker oder Leser ist, vor fünf Tagen hat er sie beseitigt. Auf seiner Facebook-Seite postete er zwei Zitate, eines von Walter Benjamin, das er vorgibt einst beim Lesen aufgeschnappt zu haben. Eines aus einer Rede von Max Frisch, in der der unmittelbar nächste Satz jenes Benjamin-Zitat darstellte.

In einem Werbepost für sein neues Programm „Poesie und Widerstand“ versucht Wecker wieder einmal den Eindruck zu vermitteln, er wisse, wovon er redet. Sich in linken Diskuren auszukennen, wenn man bürgerlicher eigentlich kaum sein könnte, ist nämlich wichtig für die Credibility eines Mannes, mit überwiegend bauchlinkem Publikum. Dabei setzt er unter anderem auf zwei Zitate, die er sich aus der Rede Klaus Brinkbäumers bei den Buchtagen 2015 notiert hat. Was ihm dabei entgangen ist: Sie gehören zusammen.

Wörtlich hat Max Frisch über die Kunst gesagt: „Ihr Ort ist nicht ein Foyer der Chase Manhattan Bank. Dort wird sie zur Affirmation. Zur Dekoration der Macht. Das heißt, sie verkauft ihre Transzendenz: Kunst als solche ist transzendent. Wie Walter Benjamin es sagt: Die Kunst als Statthalter der Utopie.“ Nachzuhören auf der CD „Nicht weise werden, zornig bleiben“, ein Porträt in Originalaufnahmen.

Bei Konstantin Wecker fehlt dieser letzte Satz allerdings. Er stellt ihn an den Anfang seiner Ausführungen:

„Liebe Freunde, ich erinnere mich bei Walter Benjamin gelesen zu haben, die Kunst sei ein „Statthalter der Utopie“.“

Wie ein Pfarrer beginnt Konstantin Wecker seine öffentlichen Zuwortmeldungen meist mit „Liebe Freunde“. In einem Interview mit Deutschland Radio Kultur betonte er gestern morgen, denn er betont es so gerne, dass die Linken sich wieder zusammen raufen müssten. Sie sollen ihre Urteilelkeiten überwinden, und ideologische Streitigkeiten begraben. Einen guten Anfang hierfür könnte es darstellen, ihnen zuzuhören. Sie zu lesen. Oder immerhin einmal ehrlich mit ihnen zu sein. Mercedes Nabert

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Norbert Krambrich
Norbert Krambrich
7 Jahre zuvor

Bei aller, immer wieder gerechtfertigten Kritik an Wecker, seine Liebesflug halte ich immer noch für weitaus besser, als 99% von dem, was heute so deutsprachig produziert wird.

André
7 Jahre zuvor

Peinlich für den ach so Empathischen. Besonders schlimm finde ich, dass Wecker solche Sachen mitunterschrieben hat (es geht um Israel):
"Wer die Macht hat, Menschen schutzlos aus der Luft zu bombardieren, […], wird ein friedliches Zusammenleben eines israelischen und eines palästinensischen Staates in ferner Zukunft, jetzt zerstören.
Wer die Macht hat, so viele Medien zu beeinflussen, der ist am Zuge, Propaganda, die die Spirale des Terrors weiter dreht, durch überparteiliche, wahrhaftige Berichterstattung zu ersetzen."
http://www.diether-dehm.de/index.php/positionen/aktions-unterstuetzung/915-jawohl-wir-sind-einseitig

Zero
Zero
7 Jahre zuvor

Sind mit Urteilelkeiten vielleicht Ureitelkeiten gemeint und ist ein Bauchlinker das gleiche wie ein Salonlinker?

Reinhard
Reinhard
7 Jahre zuvor

Boah, ey. Was für eine unglaubliche Enthüllung. Investigativer Journalismus auf dem Höhepunkt der Erleuchtung.

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