Notizen aus Wien: Rechts des gesunden Menschenverstands

Unser Wienbaron: Christoph Baumgarten (Foto: privat)
Unser Wienbaron: Christoph Baumgarten (Foto: privat)

Wien, Österreich.

Was wissen wir Piefkes über Österreich? Es liegt im Süden (vor oder hinter Bayern?), da gibt es Vignetten auf den Autobahnen (so wie in Bayern) und Rechtspopulisten sind da in der Opposition (anders als in Bayern). Das war´s dann fast schon. Rapid Wien war Deutscher Meister.  Das war 1940/1941. Davor und danach war es Schalke. So. Und damit sich das ändert gibt es jetzt regelmäßig Infos aus Österreich. Von einem waschechten Wiener Journalisten. Christoph Baumgarten. Habe die Ehre! 

von Christoph Baumgarten

Die rechtspopulistische FPÖ schäumt. Der öffentlich-rechtliche ORF soll in einer Unterhaltungsserie FPÖ-Bundesobmann Heinz Christian Strache beschimpft, beleidigt und/oder diffamiert, jedenfalls als schwul bezeichnet, haben. Eine Welt scheint zusammenzubrechen für die rechte Truppe.

Der Generalsekretär der rechtspopulistischen FPÖ, Harald Vilimsky, macht in einer Presseaussendung aus seinem Herzen keine Mördergrube. „Den Chef der größten Oppositionspartei als ’schwul‘ zu bezeichnen, sprengt wohl deutlich die Grenzen des guten Geschmacks und kann nur als reine Gehässigkeit bezeichnet werden“, schreibt er. „Politisch motivierter Hass, Beschimpfungen, Beleidigungen, Hetze und Diffamierungen gegen die FPÖ und HC Strache seien im öffentlich-rechtlichen Rundfunk an der Tagesordnung, so Vilimsky (…)“

Vilimsky spielt auf eine Szene in der gemeinsam mit der ARD produzierten ORF-Serie „Vorstadtweiber“ an, die in der Form für den Großteil des Publikums gar nicht zu sehen wird. Die inkriminierte Dialogpassage wurde vor der Ausstrahlung herausgeschnitten. Mit einer nicht ganz überzeugenden öffentlichen Begründung. Lediglich in der Untertitel-Fassung für Menschen mit Gehörbehinderung vergaß man, sie zu streichen.

Was wirklich passierte

Selbst diese Passage liest sich etwas anders, als es Vilimsky darstellt. Und selbst wenn stimmen würde, was er behauptet – wo wäre der Skandal?

Ein Friseur ist in einen Politiker verliebt. Der will sich nicht outen. Der Friseur unterhält sich mit seiner besten Freundin. Ein User auf derstandard.at hat den Dialog transkribiert:

A: In Deutschland der Westerwelle oder dieser Berliner Bürgermeister. Oder bei uns der Strache. Die sind doch alle schwul und stehen dazu.
B: Der Strache?
A: Nein, den mein ich gar nicht. Der Kärntner da.
B: Da kommen einige in Frage.

Das wird durch die Screenshots gestützt, die Lukas Huber auf Twitter veröffentlicht hat.

Screenshot 2015-02-12 at 04.28.40 nachm.

Strache wird also nicht mal in den Untertiteln, die die meisten Zuseher ausgeblendet haben, als schwul bezeichnet. Wenn auch eine Anspielung auf den früheren FPÖ-Obmann und Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider enthalten ist und trotz der etwas verworrenen Konflikte und Abspaltungen innerhalb der rechtspopulistischen Szene Österreichs und dem auch schon sieben Jahre zurückliegenden Tod Haiders vielleicht nicht allen FPÖ-Fans klar ist, dass Haider nicht mehr FPÖ-Chef ist.

Wieso soll Homosexualität eine Diffamierung sein?

Das gibt dem verbalen Amoklauf Vilimskys eine gewisse tragikomische Note. Das mildert die Homophobie, der er so treuherzig Ausdruck verleiht, freilich keineswegs.

Anders ist es nicht zu deuten, wenn man es als hetzerisch, beleidigend etc. empfindet, in einer Unterhaltungsserie als schwul bezeichnet zu werden. Selbst wenn man sich, wie Strache, als – wenn auch mittlerweile alterndes – testosterongetränktes Machoideal inszeniert.

Das schreibt auch die Homosexuellen-Initiative HOSI, eine der größten LGBT-Organisationen des Landes, in einer Presseaussendung.

Sonst hetzt die FPÖ gegen jeden

Auch sonst kann man den öffentlichen Wutausbruch des FPÖ-Generalsekretärs nur als Ausdruck von Realitätsverweigerung gesteigerten Grades begreifen. Ist es doch die FPÖ, die ständig gegen „Political Correctness“ wettert und sich das Recht herausnimmt, alles und jeden zu diffamieren und gegen alles und jeden zu hetzen.

Da fabuliert die Parteizeitung eine „Homo-Lobby“ herbei, der Generalsekretär Heinz Kickl diffamiert antirassistisches Engagement als Zeichen einer „linken Gutmenschen-Mafia“. Aufrufe zur einer Demonstration gegen einen Ball von deutschnationalen Burschenschaftern in Linz werden als „Hetzparole“ bezeichnet, ein freiheitlicher Jungpolitiker behauptet – wahrscheinlich wider besseren Wissens – ein Türkei sei in Österreich unter Berufung auf Traditionen vom Vorwurf des Kindesmissbrauchs freigesprochen worden.

Best of Hetze

Ein Nationalratsabgeordneter der Partei schreibt auf seiner Facebookseite über Asylwerber: „Kann keinen Grund geben für diese Gesellen! Denen geht es im Vergleich zum Herkunftsland bei uns BESTENS! Skandalöser weise wissen es diese ganzen ‚Erd- und Höhlenmenschen‘ nicht zu schätzen, dass sie hier bestes Essen, neue Kleidung und sonstigen Firlefanz bekommen! Eine Frechheit sondergleichen!!!“

Der Mann ist auch drei Monate nach dem Vorfall im Amt.

In Wahlkämpfen plakatiert man Slogans wie
„Mehr Mut für unser Wiener Blut. Zu viel Fremdes tut niemandem gut“

Blut und Boden. Wiener Schnitzel. Und so.
Blut und Boden. Wiener Schnitzel. Und so.

und

Plakaten, bei denen deutsche Partei-Professoren hierzulande feuchte Augen bekommen.
Plakaten, bei denen deutsche Partei-Professoren hierzulande feuchte Augen bekommen.

Eine kleine Sammlung ähnlich geschmackvoller Klassiker der politischen Kultur und Ästhetik hat Jonas Heitzer auf seinem Blog zusammengetragen.

Ob so viel gelebter Nächstenliebe wundert es einen, dass diese Truppe ausgewiesener Feingeister überhaupt irgendjemand den „politisch motivierten Hass“ entgegenbringen könnte, den sie generell jedem Nicht-Sympathisanten unterstellt.

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3 Kommentare

  1. #1 | Rainer Möller sagt am 13. Februar 2015 um 08:56 Uhr

    Herr Baumgarten bringt die üblichen Rechtfertigungen, wie man sie in solchen Fällen immer findet („alles legal“, „tu quoque“ usw.)
    Was mich interssieren würde, wäre aber:
    Was war eigentlich das Motiv, aus dem der Drehbuchverfasser diese Formulierungen gewählt hat und aus dem die Regie und (anfangs) Redaktion dem zugestimmt haben?
    Die FPÖ benennt als Motiv „Gehässigkeit“. Baumgarten hat dem nichts entgegengesetzt (nichts entgegenzusetzen?).

  2. #2 | Klaus Lohmann sagt am 13. Februar 2015 um 11:02 Uhr

    @#1: Lesen und Verstehen sind wirklich nicht Ihre Lieblingsbeschäftigungen. Baumgarten schreibt oben: „Ist es doch die FPÖ, die ständig gegen „Political Correctness“ wettert und sich das Recht herausnimmt, alles und jeden zu diffamieren und gegen alles und jeden zu hetzen.“ Dem ist wohl nichts hinzuzufügen, es sei denn, Sie möchten jetzt auch noch die FPÖ in gewohnter Machart relativieren.

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