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Willst Du Gelsenkirchen oben sehen, dann musst Du die Tabelle drehen!

Willst Du Gelsenkirchen oben sehen, dann musst Du die Tabelle drehen! Foto: Voregger

Die Macht der Zahlen Foto: Voregger

Gelsenkirchen ist mit aktuell 260.368 Einwohnern keine kleine Stadt. In der Tabelle der größten deutschen Städte liegt sie auf Platz 25. In NRW auf Platz 10 und im Ruhrgebiet hinter Dortmund, Essen, Duisburg und Bochum auf dem fünften Platz. Glaubt man den Äußerungen von Politik, Verwaltung und Medien, dann ist die Stadt auf einem guten Weg. Ein Blick auf die Zahlen und Fakten ergibt allerdings ein anderes Bild. Bei der neuesten Studie der Bertelsmann-Stiftung zur Kinderarmut bildet Gelsenkirchen wieder das Schlusslicht, und der Anteil armer Kinder liegt hier bei 38,5 Prozent. 16.414 junge Menschen leben in Familien, die Leistungen nach dem Sozialhilfegesetz beziehen. Noch dramatischer ist die Situation der Kinder unter drei Jahren, denn hier ist fast jedes zweite Kind betroffen. Die Studie kommt auf einen Wert von 42,8 Prozent, und ähnlich ist es bei den Drei- bis Sechsjährigen mit einem Wert von 42,6 Prozent. Seit der letzten Untersuchung 2011 gab es einen Anstieg der Kinderarmut um 5,8 Prozent, während landesweit nur 0,3 Prozent dazu kamen. Damit liegt Gelsenkirchen erneut auf dem letzten Platz in NRW. Im bevölkerungsreichsten Bundesland liegt der Armuts-Durchschnitt bei 18,6 Prozent der Heranwachsenden, bundesweit sind es 14,7 Prozent.

Kultur der Armut

„Die Studie vergleicht die Entwicklung zwischen 2011 und 2016. Das ist genau der Zeitraum, in dem die starke Zuwanderung aus Südosteuropa auch nach Gelsenkirchen stattgefunden hat“, erklärt Oberbürgermeister Frank Baranowski in der Lokalausgabe der WAZ. „Wir benötigen ausreichend Plätze in Kitas und im offenen Ganztag, damit Alleinerziehende arbeiten gehen können. Wir müssen endlich in den sozialen Arbeitsmarkt einsteigen, damit Menschen nicht von Hartz-IV abhängig sind.“ Auch wenn man die Steigerung komplett der Zuwanderung zurechnet, bleiben noch 32,7 Prozent Kinderarmut übrig. Die politischen Erklärungen gleichen den Äußerungen von 2012 bei der letzten Studie, und auch damals wurde eine stärkere finanzielle Unterstützung des Bundes gefordert. Das Ergebnis ist bekannt, und geändert hat sich wenig. Dabei ist die SPD in NRW und in Berlin seit Jahren in der Regierung. Ministerpräsidentin Hannelore Kraft hat die Parole „Kein Kind zurücklassen“ zum wichtigen Bestandteil ihrer Politik erhoben: „Kein Kind zurücklassen ist ein Erfolg, und wir wollen die vorbeugende Politik in Nordrhein-Westfalen fortsetzen“, hat sie vor einigen Wochen angekündigt. 2012 wurde „Kein Kind zurücklassen“ (KeKiz) gestartet, und 18 Kommunen von Bielefeld bis Düren haben sich beteiligt. Mit einer intensiven „Präventionskette“ von der Schwangerschaft bis zum Eintritt ins Berufsleben sollte alles besser werden. Die Realität ist leider eine andere, denn in Nordrhein-Westfalen verschlechterte sich in den vergangenen fünf Jahren die Situation für Kinder aus prekären Lebensverhältnissen. Selbst in den 13 größten der 18 Modellkommunen sind mehr als 180.000 Kinder von Armut betroffen. Arm bleibt immer noch arm. Das sind düstere Aussichten für die Zukunft der Kinder und damit auch für die betroffenen Regionen.

Eine Investition in die Zukunft bedeutet, dass ausreichend Geld für die Bildung und vor allem für die Schulen ausgegeben wird. Der Bundesschnitt pro Grundschüler und Jahr liegt derzeit bei 5.600 Euro. Der Stadtstaat Hamburg gibt pro Jahr 8.700 Euro für jeden Schüler aus. NRW investiert nur 4.800 Euro, und kein Bundesland hat weniger für seine Grundschüler übrig. Auch der Anteil der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss liegt über dem Durchschnitt, mit regionalen Unterschieden. Der Sozialbericht NRW kommt hier zu einem eindeutigen Ergebnis: „Während in Gelsenkirchen gut jeder zehnte Schulabgänger 2014 keinen Hauptschulabschluss erlangt hat (10,6 %), traf dies im Kreis Warendorf auf gut jeden dreißigsten zu (3,4 %)“

Nirgendwo sonst in Deutschland ist das Verhältnis von Arbeitsplätzen zu Arbeitslosen so ungünstig wie bei uns“, sagte Rainer Lipka schon 2013. „Jede vierte Familie in Gelsenkirchen bekommt Hartz IV, viele davon seit Jahren“. Im letzten Jahr ist der Leiter des Jobcenters in Gelsenkirchen in den Ruhestand gegangen. Geändert hat sich die Situation in der Stadt nicht, und Gelsenkirchen führt die bundesweite Statistik weiter mit 14,9 Prozent Arbeitslosigkeit an. Die Zahl der sozialversicherungpflichtig Beschäftigten bleibt seit Jahren etwa auf dem gleichen Stand, und im letzten Jahr hat die IHK 76.272 Jobs gezählt. Davon entfallen 74 Prozent auf den Bereich Dienstleistungen. Der Umsatz von Industrie und produzierendem Gewerbe hat in Gelsenkirchen weiter abgenommen und ist 2015 um 5,2 Prozent gesunken. Gelsenkirchen ist auch die Stadt der sogenannten Aufstocker, also der arbeitenden Menschen, die nicht von ihrem Gehalt leben können und zusätzlich Leistungen vom Jobcenter bekommen. Nach einer Studie der Universität Essen arbeiten Menschen, die ihren Lohn aufstocken müssen, vor allem im Handel, in der Gastronomie, im Gesundheits- und Sozialwesen. In Gelsenkirchen sind aktuell 7.356 Menschen sogenannte Aufstocker, also Minjobber, Geringverdiener und Selbständige, deren Einkommen nicht zum Leben reicht. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Zahl um 2,9 Prozent gestiegen. Dagegen ist die Zahl der Hartz-IV-Aufstocker bundesweit in den vergangenen Jahren etwa gleichgeblieben. Im Prinzip findet hier eine Subventionierung von Unternehmen statt, die ihre Mitarbeiter nicht vernünftig bezahlen.

„Kinder in Armut können ihre Lebenssituation nicht selbst ändern. Deshalb hat der Staat hier eine besondere Verantwortung. Kinderarmut in Deutschland darf sich nicht weiter verfestigen.“ – Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung

Arbeitsplätze mit höheren Qualifikationsanforderungen gehen in Gelsenkirchen weiter verloren, wie die bevorstehende Schließung des Vaillant-Werks mit rund 200 Beschäftigen deutlich macht. Es entstehen zwar auch neue Stellen im Bereich der Gastronomie und der Logistik, aber hier gibt es eine deutlich niedrigere Entlohnung, und die notwendige Qualifikation ist weitaus geringer. Das drückt sich dann auch in den wirtschaftlichen Kerndaten aus. Frankfurt am Main hat mit 86.203 Euro bundesweit das höchste Bruttoinlandsprodukt je Einwohner. Gelsenkirchen kommt dagegen auf 30.237 Euro. In NRW liegen Düsseldorf mit 69.706 Euro und Bonn mit 61.766 Euro weit vorne. Das wirkt sich auf die Steuereinnahmen aus, und die Mainmetropole liegt mit 1.566 Euro beim Dreifachen der Einnahmen von Gelsenkirchen mit 490 Euro pro Einwohner im Jahr. Innerhalb Nordrhein-Westfalens gibt es deutliche Einkommensunterschiede. Am höchsten war das verfügbare Einkommen 2013 im Kreis Olpe mit 26.631 Euro und am niedrigsten in Gelsenkirchen mit 15.904 Euro.

NRW hat gerade seinen 70. Geburtstag gefeiert, aber bei der wirtschaftlichen Entwicklung gibt es keinen Grund zur Freude. 2015 war NRW das einzige Bundesland, in dem die Wirtschaft stagnierte, während der Rest der Republik einen Aufschwung genoss. „Auf den Medaillenplätzen stehen Baden-Württemberg mit 3,1 Prozent, Berlin mit 3,0 und Brandenburg mit 2,7. Am Ende der Länder-Liga findet sich mit null Prozent Nordrhein-Westfalen“, sagt Paul Welfens, Präsident des Europäischen Instituts für internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Bergischen Universität Wuppertal. „Wegen gestiegener Wohnbevölkerung bedeutet dies rund -0,5 Prozent Wachstum pro Kopf. Das ist im Aufschwung ein historisches Tief für das mit 17,6 Millionen Menschen bevölkerungsreichste Bundesland. Ein Tiefpunkt, der sich wegen der Größe von NRW auf ganz Deutschland auswirkt“. Experten beurteilen auch die Zahl der Neugründungen von Unternehmen und der „Startups“ als zu gering. In NRW gibt es in weiten Teilen Westfalens und dem Bergischen Land Regionen mit einem industriellen Mittelstand, der wirtschaftlich sehr erfolgreich ist. Die Zentren Köln und Düsseldorf sind begehrte Wohn- und Verwaltungszentren. Die wirtschaftliche Schwäche des Landes liegt eindeutig in der Region an Ruhr und Emscher. Nach Zahlen des Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) lag der Anteil der Industrie an der Bruttowertschöpfung hier zuletzt nur noch bei 19,5 Prozent – und damit unter dem Bundesdurchschnitt von 22,2 Prozent: „Auch die Forschungs- und Entwicklungsausgaben machten in NRW nur gut ein Drittel der Ausgaben in Baden-Württemberg aus“, erklärten die Experten des RWI. In den südlichen Bundesländern ist die Industrie ein viel stärkerer Wirtschafsfaktor. In Bayern trägt sie gut ein Viertel, in Baden-Württemberg fast ein Drittel zur Wertschöpfung bei. Beide Bundesländer haben Nordrhein-Westfalen bei wichtigen Kennziffern inzwischen weit überholt.

Armut, Arbeitslosigkeit und wirtschaftliche Entwicklung haben auch Einfluss auf die Gesundheit der Menschen. Die in der Berichterstattung des Landes ermittelten Zahlen zur Lebenserwartung machen regionale Unterschiede deutlich erkennbar. Wie bereits in den Vorjahren ist die mittlere Lebenserwartung bei Geburt in Bonn für beide Geschlechter am höchsten. Sie liegt bei weiblichen Neugeborenen um „1 Jahr und 6 Monate“ und bei den männlichen Neugeborenen um „1 Jahr und 11 Monate“ über dem Landesdurchschnitt. „Dagegen ist die Lebenserwartung in Gelsenkirchen für beide Geschlechter am niedrigsten“, heißt es in dem Bericht „Gemessen am Landesdurchschnitt liegt die Lebenserwartung bei weiblichen Neugeborenen um 2 Jahre und 3 Monate niedriger, bei neugeborenen Jungen um 2 Jahre und 10 Monate niedriger“.

Im Ruhrgebiet setzt man gerne auf Kultur und Kreativwirtschaft, wenn es um die wirtschaftliche Entwicklung geht. Auch in Gelsenkirchen glaubt man sich auf einem guten Weg und wagt den Vergleich mit den Metropolen dieser Welt. „In Amsterdam hat sich inzwischen herumgesprochen, wie angenehm das Leben in Gelsenkirchen ist“, sagt der Leiter des Gelsenkirchener Kulturreferats Volker Bandelow. Die Kulturwirtschaft ist in vielen der 30 größten Städte in Deutschland ein bedeutender Arbeitgeber, und das sehen auch die Experten des Hamburger Weltwirtschafts-Instituts so: „In den vier deutschen Millionenstädten sind derzeit in Berlin 5,0 %, in Hamburg 5,1 %, in Köln 5,9 % und in München 7,0 % der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in diesem Wirtschaftszweig angesiedelt – Tendenz steigend“. Demnach können Investitionen in die Kulturinfrastruktur dazu beitragen, bei Städten einen Strukturwandel anzustoßen. Allerdings kommen die Experten bei ihrem aktuellen Ranking des kulturellen Angebots zu einer anderen Einschätzung als die kommunalen Kulturpolitiker in Gelsenkirchen: „Nürnberg und Hannover machten beim diesjährigen Ranking den größten Sprung nach vorn und verbesserten sich um jeweils sieben Plätze, während die nordrhein-westfälischen Städte Wuppertal, Gelsenkirchen, Mönchengladbach und Duisburg wieder auf den letzten Rängen zu finden sind“.

Weiter so, hilft nicht mehr

Bei der rot-grünen Landesregierung heißt es trotz der bekannten Fakten fälschlicherweise immer noch: „Nordrhein-Westfalen – das sind die starken Schultern Deutschlands.“ Leider ist das Land keine „der wirtschaftsstärksten Metropolregionen Europas“, und das Ruhrgebiet ist auch keine wirkliche Metropole. Der Hinweis auf die schwierigen Industriestrukturen der Vergangenheit sind keine ausreichende Erklärung für die aktuellen Probleme und sollen wohl eher die eigenen Fehler verdecken. Da hilft auch keine teure Werbekampagne für den Standort Gelsenkirchen, wenn die Gegenwart trist bleibt und die Aussichten düster sind.

Der Artikel ist in der aktuellen Ausgabe des Stadtmagazins isso erschienen.

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19 Kommentare zu “Willst Du Gelsenkirchen oben sehen, dann musst Du die Tabelle drehen!

  • #1
    Franz Przechowski

    Großes Kompliment für diesen Beitrag. Sachlich, analytisch und realitätsnah geschrieben. Ich fürchte nur, daß Michael Voregger sich damit bei Frank Baranowski und den übrigen empfindlichen Kommunalpolitikern der Stadt Gelsenkirchen.de sowie deren wirtschaftlich Abhängigen, wie z.B. die SMG, keine Freunde macht.

    Glückauf sacht Franz Przechowski

  • #2
    Helmut Junge

    Um die Qualität oder Akzeptanz einer Stadt zu ermitteln, sind Tabellen ein völlig falsches Kriterium.
    Vielmehr kommt es darauf an, wieviele Einwohner sich wohl fühlen in dieser jeweiligen Stadt. Und das hängt von der Kritikfähigkeit und den Erwartungen der EinwohnerInnen ab. Es gibt Städte, die von außen betrachtet wie die Vorstufe zur Hölle wirken, innen aber als gemütlich warm empfunden werden.

  • #3
    John Matrix

    Viele Zahlen, wenig Interpretation. Dass die Stadt GE auf Kreativwirtschaft setzt, stimmt nicht. Wäre zwar gut, aber dee Fokus geht auf die prekären, nicht Arbeitsplatz intensiven Branchen Gesundheit (‚Hilfsindustrie‘) und Logistik.

  • #4
    Stefan Laurin

    @John Matrix: Das dümmste was eine Stadt wie Gelsenkirchen machen könnte, wäre auf "Kreativwirtschaft" zu setzen.

  • #5
    Franz Przechowski

    #2
    Ein interessanter Aspekt. Wir verdrängen also das objektive Elend und fragen das versammelte Präkariat in der Wärmestufe oder zur Essensausgabe bei der Tafel, ob sie sich denn gemütlich genug fühlen. Man wird antworten: Ja, im Augenblick habe ich es warm und zu essen. Das macht man solange, bis die Geduld der Betroffenen zu Ende ist und in Wut umschlägt. Sie sind dann entweder radikalisiert, Crack rauchende Junkies oder kriminalisiert. Sie sollten doch wissen, daß es so etwas wie Führungsverantwortung auf der politischen Ebene gibt, derartiges zu verhindern. Dafür braucht man objektive Daten zur Lage. Ob das dann jemanden schmeckt oder nicht.

    Glückauf sacht Franz

  • #6
    Franz Przechowski

    #4
    Genau das würde mich auch nicht mehr überraschen.
    #3
    Man nimmt halt, was man bekommen kann. Die wertschöpfenden Jobs werden entweder aus GE vertrieben (Gewerbe- u. Grundsteuer, lahme Genehmigungsverfahren, starre Bürokratie) oder machen einen Bogen um GE

  • #7
    John Matrix

    Stefan, ich weiß, dass ihr hier nicht viel von Kreativwirtschaft als Wirtschaftsfaktor haltet. Der Heilsbringer ist sie auch nicht. Ich könnte mir aber vorstellen, dass ein solcher Zweig eine Stadt, zumindest was das Image angeht, interessanter macht, als die 100. Pflegefirma.

  • #8
    kE

    Dass GE und DU froh sind, dass es die jeweils andere Stadt gibt, ist bekannt. So kann man alle paar Monate den letzten Platz ausspielen und ist nicht immer hinten.

    Es ist eine komische Situation. Die Stadt ist attraktiv für Zuwanderer, wenn man den Artikel liest. D.h. es gibt die Communities mit Nestwärme etc.

    Offen ist natürlich, warum man in eine Stadt zieht, in der es kaum Arbeit gibt.

    Das habe ich bisher hauptsächlich von Wilhelmshaven gehört. Nah am Wasser, Urlaubsstimmung und keine Chance Arbeit zu bekommen. Dazu geringe Preise. Der Mix funktioniert wohl in GE auch. Es gibt viele billige Wohnungen, der Staat zahlt.

    Schön ist auch wieder das Standard-Ruhrgebiets-Wirtschaftsmodell. Lagerhalle, gering bezahlte Jobs und genügend Menschen in der Hinterhand, die auch für wenig Geld arbeiten müssen.
    Wie lange wird das noch klappen, wo immer deutlicher wird, dass das Arbeiten keinen wirtschaftlichen Vorteil bringt und im Rentenalter sowieso in die Grundsicherung führt.

    Der Aufschwung in GE wird durch den Fußball-Club definiert. Immerhin Platz 3, wenn man die Tabelle dreht.

  • #9
    kE

    @7:
    Die 100. Pflegefirma wird überwiegend durch Versicherungsbeiträge finanziert, d.h es gibt einen sicheren Markt und viele alte und/oder kranke Menschen.

    Wer hat denn im Ruhrgebiet Geld für Kreativ-Gedöns übrig?

    Insgesamt ist es natürlich auch an der Zeit, die öffentlichen Verwaltungen in die strukturschwachen Regionen zu holen.

  • #10
    Helmut Junge

    #5,
    ich hab gedacht, daß ich meinen Kommentar 2 nicht extra als Satire kennzeichnen muß.
    Hatte ich als Duisburger doch 7 Jahre in GE-Bismarck Haverkamp gewohnt.
    Und etwa ein Jahr lang bin ich dort in den Siebzigern sogar in der Gelsenkirchener SPD gewesen. Auf einer MV hat ein Genosse damals zu mir gesagt, daß der Abend mit all den Rednern wirklich schön war, bis ich meinen Redebeitrag gehalten hätte.
    Allerdings ist Satire nicht immer lustig.
    Kannze nix machen.

  • #11
    John Matrix

    @ke: mit ‚kreativ gedöns‘ sind auch keine teuren Bilder eines freischaffenden Malers gemeint, die der einer kaufschwachen Bevölkerung andrehen soll. Und mit Pflegefirmen auch nicht nur Dienste für Alte und Kranke. Wir haben hier eine regelrechte Hilfsindustrie, die ihren ‚Kunden‘ erzählt, dass sie zu alt, schwach, dumm, süchtig oder sonst was sind. Ins eigenständige Leben wird dort kaum jemand entlassen, eben weil man das Geld der Versicherungen will. Jobs entstehen in dieser Branche meist prekär. Außerdem ist das Thema demographischer Wandel auch eine Sache für sich. Zum einen sehen viele Experten diesen im Moment nicht so drastisch, 2. gibt es viel jüngere Bevölkerung insbesondere im migrantischen Milieu und 3. sind immer mehr Rentner rüstig. Die Gesundheitswirtschaft dreht hingegen aber gerne mal Leuten Hilfe an, die so nicht unbedingt benötigt wird.

    Dazu warum Migranten überhaupt hier herziehen: ich arbeite freiberuflich als Soziologe in Stadtentwicklungsprojekten und rede oft zum Beispiel mit Roma aus Südosteuropa. Es gibt einen großen Anteil an Menschen darunter, die glaubhaft angenommen haben, dass das Ruhrgebiet die ‚Industrieregion Deutschlands mit Arbeit‘ ist.

  • #12
    kE

    @11:
    Große Teile des wirtschaftlichen Lebens beruhen darauf Menschen Dinge anzudrehen, die sie nie brauchen bzw. die kaum Nutzen haben.
    Schlimm wird es nur, wenn staatliche Gelder bzw. Gelder aus Versicherungen dafür verwendet werden. Insgesamt ist dies durchaus ein Geschäftsmodell.
    "Wer gesund ist, wurde nicht gründlich untersucht"

    Auch der rüstige Rentner, braucht bessere Augen, eine neue Hüfte etc. Diese "Updates" werden immer stärker nachgefragt werden.

    Die Statistiken zeigen, dass hier viel mehr untersucht/operiert wird als in anderen Gegenden mit ähnlicher Struktur. Es ist ein Geschäftsmodell das in Zeiten eines harten globalisierten Wettbewerbs noch eine Zeit funktionieren kann.

    Für mich ist der letzte Satz nicht nachvollziehbar.

  • #13
    Walter Stach

    Was würde passieren, wenn die Stadt GE all diejenigen, die sich hier stets und jetzt konkret als besser Wissende, als besser Könnende produzieren, zu einem 3 Tage Symposion einladen würde, z.B. mit dem Arbeitsaufträgen:
    1.
    Was sind aus Ihrer Sicht die primären Gründe für die Kinderarmut in GE?
    2.
    Was müßte folglich in GE konkret -kurzfristig, mittelfristig, langfristig -passieren,, damit die Kinderarmut und damit die negativen Folgen für die Kinder drastisch zurückgehen?

    Wäre doch ein sicher höchstinteressanter Versuch -nicht nur mit Blick auf mögliche Ergebnisse, sondern auch mit Blick auf das Miteinander der an diesem Arbeitsprozess Beteiligten.

    Ich gehe ‚mal davon aus, daß daraus nichts wird.

    Ich bin mir jedoch sicher, daß in GE im Sinne einer kommunalen Verantwortungsgemeinschaft Vertreter aus der Komm.Politik, aus der Administration, aus relevanten Akteure der komm.Bürgersdchaft -Kirchen, Gewerkschaften, Kammern, Unternehmer, Sparkassen, Banken, Sportvereine (S04)- sich gezielt aufgrund der Erkenntnisse aus der Studie der Bertelsmann Stiftung gemeinsam mit der Frage nach dem " Warum ist das bei uns so" ganz gezielt befassen -befassen werden?- und Problemlösungen erarbeiten -kurzfristige, mittel- und langfristige- und dabei diejenigen einzubinden versuchen,die unmittelbar von der KInderarmut betroffene sind, nicht nur die Eltern der Kinder, sondern auch die Kinder selbst.

    Wenn mir dazu jetzt aus GE geantwortet wird, das Alles sei seit langem komm.Praxis -generell und konkret mit Blick auf die Kinderarmut- und ich damit als "Wichtigtuer" zu gelten hätte, umso besser, für die armen Kindern und die Stadt GE insgesamt.

  • #14
    Arnold Voss

    Kinder sind arm weil ihre Eltern arm sind, oder weil sie keine Eltern mehr haben. Deswegen finde ich den Begriff Kinderarmut schon falsch gewählt. Natürlich muss man diesen Kindern helfen. Wer aber dabei nicht die Situation der Eltern nachhaltig ändert, der arbeitet nur an den Symptomen, bzw. stößt er schnell an seine Grenzen.

  • #15
    Walter Stach

    -14-
    Arnold,
    1.
    ja, und deshalb ist -selbstverständlich- das Nachdenken über "Kinderarmut" -über die Gründe, die Folgen und über die Möglichkeiten, sie nachhaltig drastisch zu minimieren, einzubetten in eine allumfassende Diskussion unter anderem -nicht nur- über die Gründe und die Folgen für das Vorhandensein sog. städt. Segregations-quartiere der Großstädten des Ruhrgebietes, die geprägt sind von Menschen, die gemeinhin den sozial-schwachen und den bildungsfernen Schichten zugerechnet werden.

    Ich denke, daß das -selbstverständlich- Bestandteil der politisch-administrativen Stadtentwicklung in jeder Stadt ist. Die hier thematisierten Aussagen in der einschlägigen von der Bertelsmann Stiftung in Auftrag gegebenen Studie, deren Inhalt in seiner Substanz niemanden überraschen konnte -auch nicht in GE-, bietet allerdings über die ihr gewidmeten medialen Aufmerksamkeit die Chance, daß die politisch-administrative Stadtentwicklung in ihrer Arbeit möglicherweise von einem anderen Schwerpunkt aus angehen könnte, nämlich von der Kinderarmut in der Stadt und daß sie sich folglich -mehr als bisher? fragen dürfte, wie man sie mit den Mitteln und Möglichkeiten der Stadtentwicklungspolitik nachhaltig minimieren kann..

    2.
    Das kann und das wird jedoch nicht die Pflicht der Kommunen tangieren dürfen, sich nämlich sofort darum zu kümmern, wie man kurzfristig die schlimmsten negativen Folgen der Kinderarmut minimieren kann. Auch insofern bedurfte es der betr.. Studie nicht, um Politik und Verwaltung aktiv werden zu lassen. Die Studie wird jedoch aufgrund der ihr gewidmeten medialen Aufmerksamtkeit dazu führen, daß der Problematik "Kinderarmut" in den betroffenen Städten mehr Aufmerksamkeit gewidmet wird als bisher, daß sie möglicherweise sogar das dominierendeThema wird -im politisch-administrativen Tagesgeschäft, wenn es darum geht, sofort und kurzfristig eine Politik der Folgenminimierung zu entwickeln und in der Administration demgemäß prioritärzu arbeiten -bevor Ergebnisse der einleitend angesprochenen einschlägigen Stadtentwicklung wirksam werden können.
    U.a. könnte sich diese sofortige Priotätensetzung ganz konkret, ganz gezielt, ganz bewußt bemerkbar machen, wenn bei knappen Kassen der Rat der Stadt in seiner Etatberatung einen Schwerpunkt bei der Bewilligung von Haushaltgsmitteln setzt, und zwar im gesamten Haushalt -im
    operativen und im im investiven Bereich.

    3.
    Die Überlegungen zu 1. und 2. sind der Grund dafür, warum ich unter -13- Ziffer 2 bewußt von "kurzfristig, mittelfristig, langfristig" gesprochen.

    4.
    Neu sind weder die Erkenntnisse/Ergebnisse, die die betr. Studie ausweist. Neu ist für die Politik und die Adminstration in unseren Städten weder das was Du, Arnold, ansprichst noch das , was mir dazu spontan eingefallen ist.
    Aber…..
    die Studie führt -hoffetntlich-dazu, daß medial, daß in Politik und Adminstration, über den kommunalen Sektor hinaus, die "Kinderarmut" wieder in das Zentrum öffentlicher Diskussion gerät, daß "man" sich verstärkt in Politik und Verwaltung und zielsätziger -als bisher?- mit dem Wie der Problemlösungen befaßt und es dazu kommt,, daß die Problematik Kinderarmut über Politik und Verwaltung hinaus von der sog. Bürgergesellschaft als ihr (!!) zentrales Thema verstanden wird, verstanden werden könnte und sich die von mir sog. Akteure der komm.Verantwortungsgemeinschaft -Politik, Verwaltung, gesellschaftlich relevante Akteure gemeinsam ihrer gemeinsamen Verantwortung gemäß zusammenfinden , um sich gemeinsam der Problematik Kinderarmut anzunehmen.
    Auch dazu gibt es in vielen Städten erste gute Ansätze, u.a. in dem Projekt " Kinderfreundliche /kindergerechte Stadt", ein Projekt, das im übrigen auf eine Initivative der Bertelsmann Stiftung zurückzuführen ist.

    Arnold,
    daß man in einem solchen Prozess, in solchen Projekten dann relativ schnell dabei sein wird, grundsätzlich und allumfassend über die Gründe und die Folgen der Segregation der Menschen aus den sog. sozial und bildungsfernen Schichten in den betr.Quartieren der Städte nachzudenken und zu disktutieren, ist selbstverständlich. Und ebenso klar ist, daß "man" dann relativ schnell in den Kommunen versuchen wird, sich jeder Verantwortung für die Verarmung weiter Bevölkerungsschichten und damit letztendlich jeder Verantwortung für die Folgen von Kinderarmut zu entziehen nach dem Motto: "Wir können nichts ändern, solange nicht der Bund, das Land…………".
    Diese Gefahr "vor Ort "erkennen heißt, sich ihrer bewußt zu sein und sich in diesem Bewußtsein -gezielter, verstärkter als bisher?- in der komm.Verantwortungsgemeinschaft, , "geputscht" durch die mediale Aufmerksamkeit für die betr. Studie de Bertelsmann Stiftung, sich des Problemes "Kinderarmut" anzunehmen .

  • #16
    thomasweigle

    @Helmut #2,5 Wieso Satire ? Ostwestfalen bspw. wird ja von außen gerne als allerschlimmste Provinzhölle gesehen und verleumdet. Aber die Menschen hier fühlen sich durchaus wohl, jedenfalls die meisten und ich sowieso. Möglicherweise trifft solches auch auf GE zu, trotz S.04, wer kann das wissen?

  • #17
    Helmut Junge

    @Thomas, weil es eigentlich auch andere Einwohner gibt, die sich nicht in solchen Orten mit diesen Politern wohl fühlen. Das ist der Grund, warum ich mal in die Kommunalpolitik gegangen bin und mich dann wegen des Nichterreichens meiner Ziele wieder mehr oder weniger geerdet zurückgezogen habe. Mittlerweile ist es allerdings noch deutlich schlimmer geworden, weil viel ideologisch denkende Politiker in die Räte eingedrungen sind, die sich einen Sch… um die praktischen Fragen ihrer Kommune kümmern, diese vermutlicht nicht einmal fachlich verstehen.
    Als ich meinen damaligen grünen Fraktionskollegen erklärte, welche Summen z.B. bei den Entsorgungsbetrieben jedes Jahr umgesetzt werden, und das davon ein einziges Promille, das eingespart würde, sämtliche ökologischen oder sozialen Projekte, die andere aus unseren Reihen so heiß ersehnten, locker finanziert werden könnten, konnte ich nur gähnendes Desinteresse ernten. Dafür hätte man sich nämlich richtig in den Zahlenwust und die praktische Umsetzung hineinknien müssen. Wie langweilig! Oder? Wo es doch viel interessanter ist, auf moralische Tränendrüsen zu setzen.
    Thomas, da bleibt mir nur die Satire.

  • #18
    Kloster

    Schöner Beitrag hat mir gut gefallen, Hoffentlich wird sich etwas im Zukunft ändern.

  • #19
    ruhrreisen

    Endlich mal jemand, der einen Wirtschaftsbericht nutzt und auf die eigene Stadt herunterbricht. Damit ist was anzufangen, wenn das gewollt ist. Was fehlt ist tatsächlich: Gibt es Dinge, die Gelsenkirchen besser kann als andere Städte? GE ist seit Jahrzehnten im Krisenmodus. Und obendrauf kamen dann noch Flüchtlinge und Roma. Der einzige kluge Schachzug bisher, war die Lancierung des Zeitartikels von Stefan Willeke "der Häuserkampf". Kompliment an den Ideengeber. Seitdem wird endlich nicht nur über Integration, sondern auch über Sozialbetrug geredet. Wer hier wen integriert, wird sich noch herausstellen müssen. Krisen bedürfen aber kluger, vernetzter Kommunikationsstrategien nach innen und außen, um Mitarbeiter, Behörden und Öffentlichkeit mitzunehmen. Nur so können komplizierte Lösungen entwickelt und transportiert werden. Davon ist die Kommune (noch) weit entfernt und bewegt sich eben wie die meisten Verwaltungsapparate zu langsam.

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