„Wir alle tragen das Böse in uns“

© Foto: Guido Krzikowski

Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein, heißt es bei Nietzsche. Stimmt das überhaupt? Im Ruhrbarone-Interview spricht Josef Wilfling, langjähriger Leiter der Münchner Mordkommission, über menschliche Abgründe, die Beziehung zwischen Täter und Ermittler und über die Frage, ob er selbst zum Mörder werden könnte.

Herr Wilfling, als Mordermittler der Kriminalpolizei München wurden Sie über 20 Jahre lang tagtäglich mit den Abgründen der menschlichen Natur konfrontiert. Hat sich Ihr Menschenbild dadurch verändert?

Das bleibt nicht aus, wenn einem immer wieder vor Augen geführt wird, was Menschen anderen Menschen antun können. Nach und nach habe ich die nüchterne Einsicht gewonnen, dass wir Böse und Gut zugleich sind. Wir alle tragen das Böse in uns, deshalb müssen wir es fortwährend bekämpfen. Es kommt darauf an, das uns innewohnende Vermögen zu lügen, zu betrügen oder gar zu ermorden in Zaum zu halten. Ich bin der festen Überzeugung, dass jeder von uns zum Mörder werden kann.

Gilt das auch für Sie?

Ich kann für mich ausschließen, dass ich einen Menschen aus Habgier oder aus Wollust ermorden würde. Ausschließen kann ich aber nicht, dass auch mich die Emotionen irgendwann einmal überwältigen könnten, wenn ich in die entsprechende Situation hineingeraten und bis aufs Blut gereizt werden würde. Erfahrungsgemäß bricht es schneller aus einem hervor als man gemeinhin annimmt.

Aus welchem Grund bricht „es“ aus manchen von uns hervor?

Ein Beispiel: Der brave Ehemann kommt nach Hause, ertappt seine Frau mit einem anderen und wird dann auch noch von beiden beschimpft – schon ist es geschehen. Er wird zum Täter und sitzt am nächsten Tag bei der Mordkommission zum Verhör.

Was ist das häufigste Mordmotiv?

Habgier. Danach kommen die niedrigen Beweggründe, also alles, was uns an Emotionen in die Wiege gelegt wurde: Eifersucht, Hass, Rache. All das kann uns von heute auf morgen zum Täter werden lassen.

In Fritz Langs legendären Film „M – eine Stadt sucht einen Mörder“ sagt der Mordermittler in Bezug auf sein Klientel…

… „Ich erkenne meine Schweine am Gang.“ Ich schätze den Film sehr, nur: 99 Prozent der Täter, mit denen ich zu tun hatte, waren Menschen wie du und ich. Den Mörder gibt es nicht. Das Böse geht durch alle Schichten. Egal ob intelligent oder dumm, dick oder dünn, reich oder arm – es kann jeden treffen, weil alle Menschen von Emotionen gesteuert werden. Das Böse ist in den meisten Fällen immer auch ein Sieg der Gefühle über den Verstand.

Die Erkenntnisse der Hirnforschung legen den Schluss nahe, dass es keine Schuld geben kann, da alles, so auch das Böse, gehirnphysiologisch determiniert ist. Demnach wäre es dem Menschen nicht möglich, Herr seiner Gefühle zu sein.

Man kann das Individuum nicht von seiner Pflicht verantwortlich zu handeln entbinden. Es wäre schlimm, wenn irgendwelche neurobiologische Vorgänge in irgendwelchen Hirnwindungen darüber bestimmen würden, ob wir zum Mörder werden oder nicht.

Was also nicht sein darf, kann auch nicht sein?

Nein, der Mensch hat einen freien Willen, er kann sich entscheiden! Dieser von Gott – oder der Natur – gegebene freie Wille versetzt uns in die Lage, das Gute vom Bösen zu unterscheiden. Es sei denn, man ist krank und kann infolgedessen diese Unterscheidung nicht treffen. Jeder Gesunde aber muss die Verantwortung für sein Handeln übernehmen. Das Vermögen, unsere Gefühle zu beherrschen zeichnet uns aus. Es unterscheidet uns von Tieren.

„Es soll in unserer Galaxie hundert Milliarden solcher Sonnensysteme wie unseres geben und wiederum hundert Milliarden solcher Galaxien. Und das soll nur zehn Prozent des Universums ausmachen, dazwischen ist es leer und kalt. Wenn Sie sich das nur zwei Sekunden lang vorstellen, ist alles, was wir tun, völlig unbedeutend“, hat der Strafverteidiger und Bestsellerautor Ferdinand von Schirach kürzlich in einem Interview gesagt. Warum sollten wir, inmitten dieses unvorstellbaren bedeutungslosen kosmischen Nichts, überhaupt irgendwelche Gesetze befolgen?

Weil es uns sonst gar nicht gäbe! Der Kosmos mag noch so gewaltig sein, wenn wir nicht unsere Gesetze befolgen würden, hätten wir uns schon längst umgebracht und ausgelöscht. Außerdem ist es unsere verdammte Pflicht, in dieser Welt, in der es offenkundig alles andere als gerecht zugeht, nicht auch noch Leid hinzuzufügen. Die Notwendigkeit für Recht und Gesetz ergibt sich aus den scheußlichen Morden, die ich aufzuklären hatte. Der nur schwer zu ertragende Anblick von grausam hingerichteten Menschen ist Grund genug, dass wir stets nach der goldenen Regel handeln sollten.

Haben Sie eine Erklärung dafür, aus welchem Grund so viele ansonsten durch und durch friedlich Bürger geradezu süchtig sind nach blutrünstigen Krimis und Thrillers?

Vielleicht stellt diese Vorliebe einen notwendigen Kontrapunkt zu unserem ansonsten eher langweiligen demokratischen Alltag dar. Für viele ist es ein schaurig-schönes Gefühl in Abgründe hineinzuschauen, ohne selbst davon betroffen zu sein. Dabei spielt sicherlich Neugier eine große Rolle. Wenn der Leser aber nur einmal an einem echten Tatort mit echten Leichen stehen würde – von der Faszination würde nichts mehr übrig bleiben. Dass einzige, was man dann spürt ist Fassungslosigkeit, Mitleid mit den Opfern und nicht zuletzt auch Wut auf den Täter.

In Ihrem Buch „Abgründe“ beschreiben Sie, dass die Beziehung zwischen Täter und Mordermittler in der Verhörsituation außerordentlich komplex ist. Sie beschreiben zum Beispiel, dass manche Täter nur deshalb gestehen, um ihnen gewissermaßen ein Geschenk zu machen.

Es kommt durchaus vor, dass der Mordermittler aus der Sicht des Täters eine Art Vaterrolle einnimmt. Ein Serienmörder zum Beispiel hat mir nach Monaten des Verhörs seine Tat gestanden, um länger in meiner Gegenwart sein zu können. Die Chemie zwischen Täter und Ermittler muss stimmen. Dabei habe ich oftmals auch schauspielern müssen und mich dem jeweiligen Tätertypus angepasst. Für den Ermittlungserfolg ist das unverzichtbar.

Inwiefern?

Im Verhör mit einem Täter, der seinen Ehepartner übertötet hat, biete ich mich als Beichtinstanz an. Viele dieser Täter können mit ihrer Schuld nicht leben und werden früher oder später versuchen, sich ihre Tat von der Seele zu reden. In diesen Fällen muss ich emphatisch sein. Wenn ich aber einen eiskalten Mörder verhöre, muss ich mich anders verhalten. Bei diesem Typus kann zum Beispiel ich nicht an dessen Gewissen appellieren. Er hat nämlich keins.

Zum Abschluss noch eine Frage, die man sich nach der Lektüre Ihres Buches zwangsläufig stellt. Hatten Sie im Laufe Ihrer Karriere nie Angst, dass Ihnen ein Täter, den Sie überführt haben, nach seiner Freilassung auflauert?

Es gibt schon sehr gefährliche Täter, die ich hinter Schloss und Riegel gebracht habe und die mittlerweile ihre Strafe abgesessen haben. Ich verhehle nicht, dass ich denen lieber nicht alleine nachts im Park begegnen möchte. Aber die sind ja auch nicht dumm und wissen, dass man schnell auf sie als Täter kommen würde – falls sie den Angriff auf mich überhaupt überleben würden.

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Stauder
13 Jahre zuvor

Schönes Interview, trotz der irritierenden Schlussworte.

Rudi Gems
Rudi Gems
13 Jahre zuvor

Ja, ja, wir tragen das Böse in uns, und dann kommt gleich der Kurzschluss, „Das „Böse“ ist Mord.“. Dabei ist dieses Töten, schon alleine so relativ, das man erstaunt ist, über solch einen Kurzschluss, bei solch einem Fachmann.

Wie ist es denn bei dem japanischen Innenminister, der die Feuerwehrleute zu den havarierten Meilern geschickt hat? Ist das auch ein Mord? Wie ist das denn mit den „Abtreibungen“? ist das auch Mord? Wie ist das denn mit den Kriegseinsätzen? ist das nicht auch Mord?

Wir machen es uns da zu einfach. Ich für meinen Teil, finde es viel schlimmer, wenn eine verrückt gewordene Finanzwelt, eine solche Finanzkrise verursacht, die nun schon seit Jahren anhält. Ich finde es viel schlimmer, wenn AKW-Betreiber, uns solche Dinger, ins Land stellen.

Ja, es gibt Emotionen. Die meisten Emotionen, und damit die Ursachen für das Böse, findet man aber bei dummen und einfältigen Menschen. Intelligente Menschen, sind „arm des Bösen“. Natürlich lässt sich eine bestimmte „Bösheitsquote, nicht vermeiden. Manchmal hat man tatsächlich, nur noch die Alternative, zwischen Teufel und Belzebub, aber, das heißt noch lange nicht, das jeder Mensch, zwanghaft das Opfer seiner Emotionen werden muss.

Es ist eine Frage der Bildung. 99% aller Emotionen, kännte man, insbesondere durch Bildung, in den Griff bekommen, wenn man von Kind auf, aufgeklärt würde, und darüber nachdenken würde. Hier liegt der entscheidende Knackpunkt.

Alle Emotionen, die Menschen haben, werden durch Indoktrination aufgezwungen. Der Mensch, wird in ein Gemeinwesen, hineingeboren, und kommt von Anfang an, mit einer Vielzahl von Emotionen in Berührung. Das prägt. Und deshalb, haben dann Menschen, als Erwachsene, oft die größten Probleme damit.

Die größten Probleme, gibt es im Bereich der Sexualität. Weit über die Hälfte der schweren Straftaten, stehen direkt oder indirekt, mit Sex in Zusammenhang. Wer nie gelernt hat, das es beim Sex, auch so etwas gibt, wie Selbstbestimmung, Freiheit und Toleranz, wird in entscheidenden Momenten, eben nicht frei sein, selbst zu entscheiden.

Ich glaube schon, das es intelligente Menschen, durchaus schaffen können, Dinge aus ihrem Leben weitestgehend zu verdrängen, die den Keim des Bösen in sich tragen. Daneben, ist es durchaus erlernbar, sich deeskalativ zu verhalten. Diese beiden Strukturen, Deeskalation, und kritisches Auseinandersetzen, mit dem Bösen, kann durchaus ein Leben ermöglichen, in dem man das Böse auf Sparflamme brutzeln lässt.

Natürlich, ist kein Mensch frei von Gruppenzwängen. Jeder Mensch, den man lange genug, schutzlos einer Gruppe von Menschen aussetzt, die sich das Böse auf die Fahnen geschrieben haben, wird daraus nicht unbeeindruckt hervorgehen. Wenn es aber das ist, was uns Herr Wilfling sagen wollte, dann dürfte das reichlich platt sein.

Es gibt eben kein Automatismus zum Bösen. Es gibt immer nur ein Verhalten, was man als Kind gelernt hat, und wo man nie ausreichend drüber reflektiert hat, wenn es zu bösen Taten kommt.

Ich ziehe mir jedenfalls, diesen Automatismus nicht an. Schon gar nicht aus Gründen des Sex, des Massensports oder der Religionen. Natürlich könnte man mich reizen, bis ich ausrasten würde. Das aber, wäre Notwehr. Und Notwehr, ist für mich etwas Edles. Das betrachte ich nicht als Böse.

Grüße, Rudi Gems

Stauder
13 Jahre zuvor

Lieber Herr Gems,

dann machen Sie es sich aber auch ein wenig zu einfach, wenn Sie Aufklärung, Intelligenz und Bildung für ein (prophylaktisches) ‚Heilmittel‘ halten. Zudem sprechen Sie immer zu von ‚dem Bösen‘. Was ist denn ‚das Böse‘?

Und Notwehr scheint mir nur aus einer ganz bestimmten Perspektive ‚edel‘ zu sein. Für denjenigen, der sich ihrer bedienen muss, ist sie wohl eher tragisch.

Gerd Herholz
13 Jahre zuvor

Vielleicht kann ich Interesse an einem spannenden Buch wecken, das so beginnt:

„Das Böse ist eine Wahnidee, die zwar in unseren Köpfen herumspukt, für die wir in der Realität jedoch keine Entsprechung finden. Je genauer wir hinschauen, desto klarer erkennen wir: Gute und böse Menschen gibt es ebenso wenig wie gute und böse Katzen, Elefanten, Regenwürmer oder Delfine“

In „Jenseits von Gut und Böse“ (Pendo Verlag) räumt Michael Schmidt-Salomon mit dem religiös verankerten Dualismus von „Gut und Böse“ konsequent auf. Was sollen „das Gute“ oder „das Böse“ auch sein? Aliens mit plus-minus Fernstrahlern, Gott oder Teufel, Dämonen, eine genetische Konstante? Natürlich Unsinn.

Es gibt also nicht „das Böse“ oder „das Gute“, Menschen können sich allerdings gut und/oder böse verhalten – und das in Tausenden von Schattierungen und Mischungen, aus vielerlei Gründen. Niemand ist nur böse oder nur gut (Binsenweisheit!). Emotionen werden uns überhaupt nicht fertig in die Wiege gelegt, wie Wilfling sagt. Die Herausbildung von Emotionen, die Intensität und der Inhalt von Eifersucht oder Habgier z.B. sind kulturell geformt. Und die Wertung dessen, was als gut oder böse bezeichnet wird, resultiert aus einer jeweils herrschenden Moral, aus Gruppendruck (geographisch, historisch, ideologisch) und Sprache. Christa Wolf hat einmal gesagt: Sprachmuster transportieren Denkmuster.
Evolutionstheoretisch und aus der Sicht einer evolutionären Psychologie gesehen, haben alle Ur-Lebewesen zunächst nur unterschieden zwischen „Wohl“ und „Wehe“: Berührung von Dingen, Futteraufnahme, wechselnde Umgebungen, andere Lebewesen – sie bekommen mir oder bekommen mir eben nicht, tun wohl, tun weh.

Wie aus Natur- und kulturell-sprachlicher Entwicklung dann Ideologeme (bei Dawkins heißen sie „Memplexe“) oder die Denkmuster von „Gut und Böse“ erwuchsen, erklärt Schmidt-Salomon kenntnisreich und spannend, wenn auch nicht immer widerspruchsfrei und klar.

So oder so: Die Fragen oben im Interview müssten also z.B. besser lauten:
Unter welchen Bedingungen wird jemand böse, unter welchen handelt er gut. Unter welchen Bedingungen kann auch ein eingeschränkt Schuldfähiger gut leben und handeln. Unter welchen Bedingungen bilden Menschen ein oder kein Gewissen aus.
Welche Strukturen und Vorbilder begünstigen kriminelles Handeln? Welche Handlungen werden als kriminell bewertet, welche nicht – und warum?
Bricht sich bei einem sogenannten Kriminellen die Natur oder die Kultur Bahn? Schauen wir also nicht viel eher in den Abgrund der Kultur bei einer Straftat – als in den der Natur?
Darf es uns überhaupt wundern, wenn die vorherrschende Rücksichtslosigkeit und Doppelmoral einer asozialen Marktwirtschaft (in jeder Hinsicht) auch von weniger klugen Menschen intuitiv oder als üble Erfahrung eben doch genau erfasst wird und sie sich denken: Wo sich „die da oben“ einfach nehmen, was immer sie wollen, da kann ich das schon lange.

Nur ein Beispiel, im Feld der Sexualität wird es besonders deutlich:
Auf der einen Seite werden „christliche Werte“ gepredigt, eine Leidkultur von Ehe und Enthaltsamkeit, die Heroisierung von Familie, auf der anderen Seite werden Abermillionen gescheffelt mit der ‚Ware Frau‘, nicht zuletzt durch tatsächlich auch so genannten und stattfindenden ‚Frauenhandel‘.
Es ist aber schlicht dieselbe Politik, die am Samstagabend das „Wort zum Sonntag“ predigen lässt und dann mit teuer verkauften Funk-Lizenzen quasi als Zuhälter von Privatsendern ein Privatfernsehen ermöglichte, das mich Abend für Abend zum unfreien Freier auf dem Tele-Strich machen möchte: Ruf mich an!!!
Also (frei nach Rosa von Praunheim): Nicht allein der Kriminelle handelt pervers, wo er pervers handelt (und er handelt eben nicht nur immer pervers, er trinkt auch Kaffee oder pflegt die Mutti), sondern auch die Gesellschaft, die ihn lebt. Zur Banalität des Bösen, die Hannah Arendt einst Adolf Eichmann attestierte, kommt heute die aggressive Bösartigkeit des Banalen.

Apropos banal: Die Ergebnisse der Hirnforschung belegen zwar, dass der freie Wille des Menschen so frei nicht ist. Oft will der Mensch nur, was er wollen kann (aus natürlichen oder kulturellen Gründen). Aber selbst, wo der Mensch im Innern nicht willensfrei sein kann, hat er doch Alternativen im (äußeren) Handeln. Das sollte man nicht verwechseln.
Also, als klitzekleines Beispiel:
Wenn mein ‚Selbsterhaltungstrieb‘ halbwegs ungestört funktioniert (warum auch immer), bin ich keineswegs frei zu essen oder einfach nicht zu essen. Das entscheidet überhaupt kein „freier Wille“. Ich muss wollen, was mir in diesem Falle der Körper vorgibt: Spätestens nach ein paar Tagen also schleunigst was essen! Aber, obwohl der Wille hier nicht frei ist, ist es doch vieles im Handeln. Ich kann also – außer es herrscht Hungersnot – meist entscheiden, was ich esse, wie viel davon, wie ich mir dieses Essen beschaffe, ob ich Vegetarier werde oder nicht. Vieles hängt da von den gesellschaftlichen Angeboten ab und davon, ob ich sie zu erfassen in der Lage bin.

Überall da, wo ich durch Gene, ihre Verschaltung, viele weitere chemische Prozesse im Körper stark determiniert bin, bleiben immer doch auch Freiräume. Heute weiß die Hirmforschung längst, dass nicht neuronale Prozesse das Erleben und Handeln determinieren, sondern das rückwirkend auch das Handeln unser Hirn stark formt. Man spricht hier von der Plastizität des Gehirns. Das Hirn, das mich als Erwachsener zu steuern versucht, ist also auch immer ein Hirm, das ich mit-ge’macht‘ habe.

Und solche Rückkopplungsprozesse und gegenseitige Bedingtheit treten zuhauf auch im Gesellschaftlichen, Kulturellen auf. Es gibt ungeheuer viel Widersprüche zwischen all den widersprüchlichen Aspekten jedes gesellschaftlichen Determinierungsversuchs, die wiederum enormen Freiraum fürs Individuum eröffnen.

Dogmatisch deterministisch gesehen blieb unter dem 3. Reich nichts übrig, als Nazi zu werden. De facto aber übersetzt kein kulturelles System seine Mustermensch-Prägung 1:1 in seine Angehörigen. Das ( unvollkommenste) Ich filtert eben doch aktiv; von der Wahrnehmung bis zur Verarbeitung von Einflüssen. Es lernt eben immer auch anderes und mehr als die Indoktrination oder geheime Verführer sich wünschen.
Schon kleine Abweichungen in Erziehung, Beobachtung, Erfahrung, durch Vorbilder, durch Sprache, Lektüre, Mitleiden torpedieren jeden Determinismus in der Praxis.

Wirklich arm dran sind auf jeden Fall jene Menschen, die von ‚Vererbung‘, ‚Veranlagung‘, neuronaler Verschaltung her, von Hause aus, durch Erziehung oder (schlechte) Vorbilder, durch üble Prägung, Gewalt, Missbrauch, Traumata, (sprachliche und moralische) Verwahrlosung nur die eine Chance hatten: alternativlos kriminell zu werden.
Sie tun mir ebenso leid wie ich mich vor den Abgestumpftesten unter ihnen fürchte.
Obwohl einige immer chancenlos waren, müssen sie sich zu Recht verantworten und die Folgen ihres Handels tragen. Man kann ihnen dann nur einen Richter, eine Richterin wünschen, die hoffentlich darum weiß, dass unter schlechteren (sozialen, historischen …) Umständen er/sie selbst vielleicht auch auf der Anklagebank hätte sitzen können.

Dadurch wird nichts entschuldigt, aber vieles verständlicher. Verständnis für oder besser: das Verstehen der Entstehung von Gewalt heißt nicht, Gewalt zu billigen und auf Strafe zu verzichten. Die Entstehung von Gewalt besser zu verstehen heißt auch nicht, den Schutz der Gewaltopfer, den Opferschutz außer Acht zu lassen. Ganz im Gegenteil. Opferschutz hilft den Opfern hoffentlich, mit den körperlichen, psychischen und materiellen Folgen von Gewalt umzugehen. Das ist nicht zuletzt deshalb wichtig, damit aus der Gewalt, die die Opfer erlitten haben, nicht neue Gewalt entsteht.

Mehr zu diesem komplexen Thema bei Schmidt-Salomon oder auch in der Schrift des Wiener Evolutionsforschers Prof. Franz M. Wuketits „Wie viel Moral verträgt der Mensch“.

Stauder
13 Jahre zuvor

D`accord.

Ich würde allerdings noch einen Schritt weiter gehen, was den Gegenvorschlag betrifft.

Folgende Zeile – „Die Fragen oben im Interview müssten also z.B. besser lauten:
Unter welchen Bedingungen wird jemand böse, unter welchen handelt er gut.“ –

würde ich ersetzen durch:

Die Fragen oben im Interview müssten also z.B. lauten: Unter welchen Bedingungen und nach welchen Kriterien urteilen wir, dass jemand ‚böse‘ oder ‚gut‘ handelt? Und warum haben wir das Bedürfnis, normative Urteile zu fällen?

Klaus
Klaus
13 Jahre zuvor

Es wäre schlimm, wenn irgendwelche neurobiologische Vorgänge in irgendwelchen Hirnwindungen darüber bestimmen würden, ob wir zum Mörder werden oder nicht.

Es wäre auch schlimm, wenn uns die Schwerkraft immer wieder nach unten ziehen würde.

Mir
Mir
13 Jahre zuvor

Die Frage nach was ist „Böse, Gut“ ist eine uralte, immer wiedergekehrende, zeitepochen abhängige philosophische Frage, die von Künstern, Wissenschaftlern,
gestellt wird.

Eindeutig !!! regelt das deutsche Strafgesetzbuch den Mörder, und grenzt ab:
Nach § 211 Stgb Absatz 2 ist Mörder, wer aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder sonst aus niedrigen Beweggründen, heimtückisch oder grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln oder um eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken, einen Menschen tötet.

Alle anderen sind Totschläger, Nötiger, Vergewaltiger, Betrüger, Diebe, Beleidiger, usw. Das regelt das Strafgesetzbuch. Wichtig ist das Paragrafgraphen aus dem Strafgesetzbuch immer wieder diskutiert wird.

Rudi Gems
Rudi Gems
13 Jahre zuvor

@ Gerd Herholz

Habe Deine Zeilen, aber auch die folgenden mit Interesse gelesen. Vielleicht sollte man bei der Suche, nach dem Bösen/Guten, nicht die Ethik vergessen? Der Spruch: „Was Du nicht willst was man Dir tut, das füg auch keinem Anderen zu.“ dürfte wohl zu über 90%, eindeutig festlegen, was Gut und Böse ist.

Natürlich, gibt es auch dort Diskrepanzen. Ein Nurmargarineesser, wird damit einem Nurbutteresser, in keiner Weise gerecht. Und ein Masochist, muss eben genau das Gegenteil von dem machen, was in „der goldenen Regel“ steht, um einen Sadisten glücklich zu machen.

Trotzdem gibt es Eindeutigkeiten. Mord, Diebstahl, Körperverletzung, Betrug, Habgier, Terror, etc., dürften wohl in jeder Gesellschaft, uneingeschränkt, als „Böse“, gefühlt werden. Eben, weil es eklatant gegen die ethischen Grundsätze verstößt, und von fast jedem gleich gefühlt und beurteilt werden.

Die größten Diskrepanzen, gibt es im Religiösen, und dort wieder in der Sexualität. Religionen und Sexualität, sind einem so großen Gesellschaftsdruck ausgesetzt, dass kein Mensch sich ihm gänzlich entziehen kann. Freiheit in der Religion und der Sexualität, gibt es nicht. Hier zwischen Gut/Böse unterscheiden zu wollen, kann immer nur in die Sackgasse führen. Ja, selbst ethische Grundsätze, in der Religion oder Sexualität anwenden zu wollen, ist praktisch unmöglich, und wird, außer zu hitzigen Debatten zu führen, kaum Erfolge erzielen.

Deshalb, ist es auch so schwierig, bei Gut/Böse, eindeutige Vorgaben zu machen. Das man ohne Begründung, einem Menschen nicht schaden darf, ist wohl fast jedem verständlich zu machen. Problematisch wird es immer erst dann, wenn Menschen in Schubladen gesteckt werden. Religionsgläubiger/ Ungläubiger, Sexuelle Freiheit/ Sexuelle Zwanghaftigkeit, Politische Gesinnung/ Politische Gegenseite. Wenn hier einmal Einstufungen vorgenommen worden sind, werden fast immer, auch ethische Grundsätze eingeschränkt. Nach dem Motto, „Einmal als Böse erkannt, wird alles zum Bösen, was gemacht wird.“

Nur, wer hier die Übersicht behält, kann hier halbwegs objektiv urteilen, und danach leben. Und hier bin ich wieder bei meiner Einschätzung, „Das man Böses, am ehesten dann vermeiden kann, wenn man intelligent ist, und bereit ist nachzudenken.“ Menschen, die allzuschnell, „immer genau wissen“, was Gut und Böse ist, verraten sich schon alleine dadurch, das dies eine hoffnungslos überzeichnete „Schwarz/Weiß Malerei“ ist, die fast immer das einfache Gemüt kennzeichnet.

Ich kann es daher nur wiederholen. Gute Erziehung, gute Bildung und die Fähigkeit zum Nachdenken, sind der Garant, zu einem Menschen zu werden, wo lediglich das Unvermeidbare Böse, ein Schattendasein fristet. Solchen Menschen, wird man selten im Gefängnis begegnen.

Grüße, Rudi Gems

Gerd Herholz
13 Jahre zuvor

# 9 Rudi Gems

Ich ahne, was du meinst, Rudi, aber da müsste man noch viel genauer werden.
Du schreibst:
„Gute Erziehung, gute Bildung und die Fähigkeit zum Nachdenken, sind der Garant, zu einem Menschen zu werden, wo lediglich das Unvermeidbare Böse, ein Schattendasein fristet. Solchen Menschen, wird man selten im Gefängnis begegnen.“

Die meisten Wirtschaftskriminellen haben gute Bildung, gute Erziehung genossen und die Fähigkeit zum Nachdenken ausgebildet. Historisch gesehen hat oft die ‚Oberschicht‘ als ‚geistige Elite‘ große Verbrechen begangen. Dennoch kommen letztlich in allen gesellschaftlichen Schichten alle Verbrechen vor.

Wenn du schreibst „Gute Erziehung, gute Bildung und die Fähigkeit zum Nachdenken, sind der Garant, zu einem Menschen zu werden“, dann unterschreibe ich das insofern, als dies alles eine Bedingung der Möglichkeit ist, human zu handeln. Aber sicher ist das eben nicht.
Die Frage bleibt ja auch, was die Inhalte von „guter Erziehung, guter Billdung und der Fähigkeit zum Nachdenken“ sind. Wenn das Ziel aller Bildung immer öfter wird, so weit zu kommen, möglichst schnell Karriere zu machen und Geld zu scheffeln, egal, was das für Umwelt, Arbeitnehmer, soziales Gefüge, Dritte Welt bedeutet, dann geht man so auch ‚über Leichen‘.
Ich habe hier irgendwo selbst schon eine Meldung der WAZ zitiert, in der die UN sagen, dass der Finanzcrash die Kindersterblichkeit in der Dritten Welt um Millionen erhöhen wird. Alles gut ausgebildete, gut erzogene, über Profit nachdenkende Leute (Banker usw.), die da das Massensterben von Kindern als Kollateralschaden von guten Geschäften billigend in Kauf nehmen.

Du schreibst:
„Solchen Menschen, wird man selten im Gefängnis begegnen.“
Was natürlich auch daran liegt, dass ’solche Menschen‘ sich oft die besten und teuersten Rechtsanwälte leisten können. Und solang ’solche Menschen‘ nicht den Staatsanwaltschaften auffallen, ist heute ihre Habgier geradezu eine gesellschaftlich erwünschte Charaktereigenschaft, sozusagen der Antrieb des globalen Marktes.

wilfried salus bienek
13 Jahre zuvor

Schön, schön, all diese Theorie. Die Praxis kommt aktuell aus Japan. Denn demnächst werden wir konkret das Böse in uns tragen. Aktiviert also Eure Geigerzähler und beneidet Casanova, der in den Bleikammern von Venedig sicher gewesen wäre.

Rudi Gems
Rudi Gems
13 Jahre zuvor

@ Gerd Herholz und alle Anderen!

Richtig, man muss sich einmal, über Qualität der Erziehung unterhalten, und über Beurteilung, was „Gute Erziehung“ ist, und was „Böse Erziehung“ ist.

Dazu möchte ich mal das Pferd von Hinten satteln. Ich war mal bei einem Vortrag, von einem Psychologen, der u.a. auch bei Gericht als Gutachter gearbeitet hat. Der berichtete, das sich alle Gutachter der Erde, austauschen. Dabei wäre herausgekommen, das alle! schweren Straftaten, wo Gewaltexesse im Vordergrund ständen, von Menschen begangen werden, die eine „schwere Kindheit“ hatten.

Es wird also schon in die Wiege gelegt, ob man mal zum „Bösen zur Gewalt“, erzogen wird. Das andere Böse, wie von Dir, Gerd! erwähnt, die Finanzkriminalität, auch wenn sie legalisiert ist, entsteht aber genauso, in einem Umfeld, wo man dem Geld, eine besondere, bis ausschließliche Bedeutung zukommen lässt. Ein Mensch, der es nie gelernt und erlebt hat, Menschen glücklich zu machen, wenn man ihnen spontan mal etwas abgibt, kann halt eben kein bescheidener Mensch werden. Er hat immer nur gelernt, das „haben“ glücklich macht. Obwohl er es immer nur kurzfristig erlebt hat.

Alle anderen Bösartigkeiten, außer Gewalt und Habgier, sind oft reine Scheingefechte, die insbesondere von dummen Religionen entfacht und am „kochen“ gehalten werden. Und, wie könnte es anders sein? auch, in die Wiege, durch Erziehung, gelegt werden.

So sind Menschen, fast ausnahmslos überfordert, das Böse in der Sexualität, zu erkennen. Die Sexualität, als solches, ist das Wunderschönste überhaupt. Hier auch nur ansatzweise etwas von Bösem zu erkennen, ist eine Krankheit, die man behandeln lassen sollte. Leider, ist sie noch häufiger verbreitet, als Karries. Nicht der Sex ist böse, es sind die Begleiterscheinungen, die ins Böse abrutschen können.

Leider, werden die meisten Verbrechen begangen, weil es bei der Sexualität, Diskrepanzen in der Beurteilung gibt. Fast alle Menschen, meinen, das sie das Recht hätten, ihrerseits die schlimmsten Verbrechen verüben zu dürfen, weil sie mit den Vorstellungen von Anderen, bezüglich Sex, nicht zurecht kommen. Dadurch, ist auch die Hauptdiskrepanz, bei der Beurteilung des „Bösen“ entstanden. Es ist eben ein reines Missverständnis, wenn ich versuche, Sex in Gut und Böse zu unterteilen. Dann werde ich immer, Böses bei Menschen finden, die das als Gut empfinden. Und dann, wird eine Gesellschaft nie verstehen, warum es so viele Menschen gibt, die „gut und böse“, gleichzeitig sein können.

Grüße, Rudi Gems

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