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»Wir leben im Zeitalter des Individualismus« – Interview mit Thomas Kinberger aus Salzburg

"Wir tragen die Verantwortung für unsere Politik", so die Worte von Thomas Kinberger / Bild: Julia Scheler

„Ignorant und abgehoben – natürlich führt so eine Weltsicht zu Populismus und Hass“ – Thomas Kinberger im Interview / Bild: Julia Scheler

Thomas Kinberger stammt aus Salzburg und ist ein Mann mit vielen Talenten. Als Gewerkschafter und Betriebsrat streitet er für faire Kollektivverträge und als Familienvater kümmert er sich, dass seine Tochter beim Thema Bildung nicht zu kurz kommt. Außerdem spielt er Gitarre und singt in der Underground-Rockband mit dem Namen Our Survival Depends On Us. Zu gesellschaftspolitischen Themen schreibt er kluge Beiträge – etwa zur Entwicklung Europas, der Integration oder der Sozialversicherung. Im Interview positioniert er sich klar gegen neoliberale Politik. Damit es in Zukunft gute Rahmenbedingen für eine optimale Work-Life-Balance in unseren Breitengraden gibt, wirbt er für die europäische Solidargemeinschaft und für eine Arbeitswelt mit fairen Einkommen.

Lieber Thomas Kinberger, im Zuge zukünftiger Produktivitätssteigerungen, insbesondere durch die Digitalisierung, findet auch eine extrem belastende und zeitliche Verdichtung der Arbeit statt. Ist das bedingungslose Grundeinkommen ein probates Mittel, damit die Erwerbstätigen mit den niedrigen Einkommen in Zukunft bessere Chancen am Arbeitsmarkt haben?

Thomas Kinberger: „Ich unterstütze die Ideologie des bedingungslosen Grundeinkommens voll und ganz. Ich glaube nur nicht daran. Genauso wenig wie ich daran glaube, dass Menschen von Natur aus „gut“ sind und nur durch soziale Umstände „böse“ werden. Ich würde mir einfach nur wünschen, dass es sich weniger auszahlt „böse“ zu sein. Ich glaube an eine Arbeitswelt mit fairen Einkommen und gute Arbeitsbedingungen, ich glaube an ein Recht auf Arbeitszeitreduzierung und Vollzeit. Ich glaube an ein Recht auf Umschulung und Weiterbildung. Ich glaube an eine Robotersteuer. Damit könnten wir jede Lebenssituation finanzieren.“

Der globale Kapitalismus führt zu immer mehr Krisen und Umweltzerstörungen – das kapitalistische System dient meist nur ein paar Superreichen, anstatt der Mehrheit der Menschen. Die Finanzplätze machen aus Lebensmitteln und Gesundheit Märkte für die Spekulation. Hätte die Politik hier nicht schon längst eingreifen müssen?

„Natürlich und es wäre so einfach. Geregelter Handel an der Börse, die Trennung von Finanzwirtschaft und Realwirtschaft – und eine Finanztransaktionssteuer. All das könnte mit Leichtigkeit auf Europäischer Ebene geregelt werden. Leider haben wir neoliberale Mehrheiten im EU Parlament. Wir wählen diese Leute in ihre Funktionen, niemand anderer. Wir tragen die Verantwortung für unsere Politik. WIR hätten längst eingreifen müssen.“

Aktuelle Umfragen sagen, dass nur noch 10 Prozent der Arbeiter in Deutschland die SPD wählen. Sehen die Zahlen in Österreich ähnlich schlecht aus?

„Die letzten Jahrzehnte waren die Sozialdemokraten in Österreich immer die stärkste Kraft, wenn auch in der Tendenz abnehmend. Bei der letzten Nationalratswahl hatten wir 27% und sind hinter der Konservativen Volkspartei die 31,5% erreichte zweiter vor der rechtsextremen Freiheitlichen Partei geworden. Eigentlich ein respektables Ergebnis unmittelbar nach der Flüchtlingskrise. Immerhin haben wir uns deutlich für einen humanistischen Umgang mit den Flüchtlingen ausgesprochen. Die Konservative ÖVP hat es geschafft, mit ihrem beinharten nationalistischen Kurs und einem jungen autoritären Parteichef vom dritten auf den ersten Platz zu gelangen. Wir haben jetzt eine Rechtskonservative neoliberale Koalition die eine erhebliche Anzahl extremistische Deutschnationale und Arbeiterfeindliche Abgeordnete in ihren Reihen hat. Das ist die Ironie bei der Geschichte! Auch in Österreich haben sich also die Arbeiter über weite Strecken von der SPÖ abgewandt und sich nun ihre eigenen Schlächter in die Regierung gewählt.“

Es wird oft behauptet, dass es heutzutage keine Arbeiterklasse mehr gibt. Ist das wirklich so oder sollte man sie nicht besser neuer oder anders definieren? Ist nicht vielleicht der schlechtbezahlte Callcenter-Agent der „Working Class Hero“ von heute?

„Objektiv gesehen ja, aber in der Selbstwahrnehmung sieht sich jedermann als Teil der Mittelschicht. Das ist ein soziologisches Phänomen. Frage einen mittleren Manager mit 150.000 Euro im Jahr und er wird sich als Teil der Mittelschicht sehen. Der Callcenter Agent versteht also die Befreiung des Arbeiters nicht, das wäre aus seiner Sicht ein Anachronismus. Wir leben im Zeitalter des Individualismus. Selbstbestimmung und Eigenverantwortung stehen scheinbar im Widerspruch zu Solidarität und Klassenkampf. Aber wir sind mitten drinnen. Die mächtigen Konzerne kaufen sich Gesetze, das ist bei uns gerade passiert. Das Arbeitszeitgesetz wurde massiv verschlechtert, die Lobby der Industrie, Red Bull, KTM und viele andere Geldgeber haben deshalb Unsummen in den Wahlkampf von Sebastian Kurz (ÖVP) gesteckt um ihre Agenda umzusetzen. Jetzt wird unsere Sozialversicherung demontiert, um eine Privatisierung vorzubereiten. Schritt für Schritt verschlechtert sich unsere Gesellschaft und irgendwann werden wir wieder Helden brauchen; im schlechtesten Fall einen „starken Mann“, einen Führer.“

„Wir tragen die Verantwortung für unsere Politik“, so die Worte von Thomas Kinberger / Bild: Julia Scheler

Wenn Wohlstand falsch interpretiert wird, dann explodieren die Mieten – Arme, Studierende, Geringverdiener und Rentner werden reihenweise verdrängt. Was kann die Politik dagegen tun, damit das gestoppt wird?

„Kapital ist ein gefräßiges Tier. Es wird sich dort den Bauch vollschlagen, wo es am meisten abkriegt. Die großen Krisen wurden immer dann ausgelöst wenn Zinspolitik, Rohstoffe und Immobilienmärkte kollabiert sind. Das war zuletzt 2008 der Fall. Wir können uns noch so darüber aufregen, dass sich das Kapital die Immobilien als Gewinnbringer sucht, solange es keinen öffentlichen Wohnbau gibt, der die Nachfrage befriedigt, werden erhebliche Teile des Einkommens für die Miete draufgehen. Das perfide daran ist, dass Wohnen ja ein Grundbedürfnis ist. Ich kann es mir aussuchen ob ich in die Karibik oder nach Norwegen in den Urlaub fliege. Aber ich kann ohne Wohnung, ohne ein Zuhause nicht leben und arbeiten. Dort wo die Politik den staatlichen Wohnbau vernachlässigt, ist sie mitverantwortlich für das neue Prekariat.“

Die neoliberale Privatisierungspolitik der vergangenen Jahre hat zu einer massiven Unterversorgung geführt. Obdachlosigkeit nimmt zu, Schulgebäude verfallen und Pflegebedürftige werden vernachlässigt. Globale Konzerne wie Google, Amazon, Ikea oder Apple machen Riesengewinne in den Ländern der EU, zahlen hier aber so gut wie keine Steuern. Muss man sich da nicht wundern, dass nicht noch mehr „Wutbürger“ auf die Strasse gehen?

„Ich wundere mich nicht, dass die Leute wütend werden, ich wundere mich nur auf wen sie wütend werden. Ich würde mich freuen, wenn noch viel mehr Menschen auf die Straße gehen und der Gewerkschaft beitreten oder sich politisch engagieren würden. Ich würde mich freuen wenn die wütenden Menschen den wirtschaftsliberalen Parteien den Stinkefinger bei den Wahlen zeigen und eine europäische Solidargemeinschaft erkämpfen würden!“

Aber dennoch müssen Menschen von ihrer Arbeit leben können. Alleine in Deutschland arbeiten fünf Millionen Menschen im Niedriglohnsektor…

„Die rechtliche Grundlage der Leiharbeit ist eine der größten Sauereien die uns die europäische Gesetzgebung eingebracht hat. Hier werden Arbeiter in totaler Abhängigkeit einem willkürlichen System der modernen Sklaverei ausgeliefert. Die Antworten der Nationalstaaten sind unzureichend. Die Gewerkschaften haben eine finanzielle und rechtliche Gleichstellung in Österreich, die Verpflichtung Tarifverträge anzuwenden durchgesetzt, aber es ändert nichts an der Verkommenheit dieser ganzen Branche. Hartz 4 ist der Sündenfall der deutschen Sozialdemokratie und wird von unserer neuen Regierung gerade freudig übernommen.“

Wie würde es in Zukunft besser laufen?

„Folgen wir einfach mal der kapitalistischen Logik des Spiels der freien Mächte, dem Prinzip von Angebot und Nachfrage, so müssten einfach nur die Löhne erhöht und gute Arbeitsplätze geschaffen werden, das wäre „Anreiz“ genug dieses „Angebot“ anzunehmen. Niemand ist freiwillig arbeitslos. Es liegt in der Natur des Menschen etwas zu schaffen, gemeinsam an etwas zu arbeiten und Teil einer Erfolgsgeschichte zu sein. Wer jedoch Menschen als „Produktionsfaktor“ sieht, glaubt auch dass Zwang und Not eine stabile Gesellschaft garantieren. Ignorant und abgehoben, natürlich führt so eine Weltsicht zu Populismus und Hass.“

Am 2. Februar veröffentlicht Our Survival Depends on Us (die Band von Thomas Kinberger) mit “Melting the Ice in the Hearts of Men” ihr neues Album. Hier findet sich mit „Gold and Silver“ das erste Video:

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3 Kommentare zu “»Wir leben im Zeitalter des Individualismus« – Interview mit Thomas Kinberger aus Salzburg

  • #1
    ke

    Viele Aussagen in den Fragen kann ich überhaupt nicht nachvollziehen:
    – "Der globale Kapitalismus führt zu immer mehr Krisen und Umweltzerstörungen"
    Gut, dass der real existierende Sozialismus keine Krisen und keine Umweltzerstörung kennt.
    – "Die neoliberale Privatisierungspolitik der vergangenen Jahre hat zu einer massiven Unterversorgung geführt. "
    Da wären ein paar Begründungen schon angebracht. Massive Staatsmonopole führen doch nur zur Überversorgung des jeweiligen Systems und der Systembetreiber (siehe GEZ x.0).

    OK, die Antworten sind überwiegend nicht besser.

    Ich höre mir jetzt Guy Standings Vortrag auf dem Chaos Computer Congress an:
    "The Precariat: A Disruptive Class for Disruptive Times.
    Why and How the Precariat will define the Global Transformation to save our planet."

    https://media.ccc.de/v/35c3-10021-the_precariat_a_disruptive_class_for_disruptive_times

  • #2
  • Pingback: ››Österreich ist das einzige Land, das aus Erfahrung dümmer wird.‹‹ | Ruhrbarone

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