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Wir sind nicht authentisch, wenn wir Lebenskonzepte für Menschen entwickeln, die wir nicht kennen

Alexander Klomparend Foto: Mehtap Hörnemann

Alexander Klomparend Foto: Mehtap Hörnemann

Nach all den Analysen und Bewertungen des Tages erlaube ich mir, ein paar naive eigene Gedanken zu formulieren. Von unserem Gastautor Alexander Klomparend.

Als Kind lernte ich irgendwann zu begreifen, was Krieg bedeutet. Und ich lernte, dass wir in Deutschland und Europa ruhig schlafen können, weil es Amerika gibt. Weil Stars & Stripes die Macht des Friedens symbolisieren, weil Amerika groß und mächtig war, weil die vereinigten Staaten der Motor der Welt waren; der Ort, an dem die Zukuft schon Gegenwart zu sein schien. Und: Die Nation, die entschlossen war, die bösen Jungs zu besiegen.

Naiv? Ja stimmt, als Kind darf man das sein.

Das Gefühl, das damit verbunden war, ging aber nie weg, bis heute. Die USA waren und sind meine Projektionsfläche für menschliche, politische und technische Ideale. Als Barack Obama zum ersten Mal Präsident wurde, trieb es mir die Tränen in die Augen – ein schwarzer Amerikaner im weißen Haus, grandios! Seine Leichtigkeit in Verbindung mit dem typisch amerikanischen Pathos, den ich so sehr mag – beides zusammen schien das perfekte Drehbuch zu sein für den Claim, mit dem Donald Trump heute die Präsidentschaftswahl gewonnen hat: Make America great again!

Zwei Obama-Präsidentschaften später ist das Land zerrissen, geradezu paranoid. Der Riss trennt nicht schwarze und weiße Amerikaner oder Hispanics voneinander. Er trennt ein Oben und ein Unten, ein Drinnen und ein Draußen – real und auch gefühlt. Er trennt Etabliert von Wütend, ein gehaltenes von einem gebrochenen Versprechen. Nicht irgendein Versprechen von Krankenversicherung oder Steuererleichterung, sondern den fundamentalen Gesellschaftsvertrag der vereinigten Staaten:

Das amerikanische Versprechen! Jeder bekommt eine faire Chance! Jeder kann es zu etwas bringen! Strengt Euch an! „The land of the free, the home of the braves“!

Das Versprechen, das für zu viele zur dreisten Lüge geworden ist. Zuviele amerikanische Träume, die mit dem Schild „for sale“ und stattdessen auf staubigen Caravan-Plätzen endeten. Und zu viele, die inzwischen zu wissen glauben, dass sie belogen wurden, von „denen da oben“, von einer vermeintlichen „Elite“. Und wie das mit einem Gefühl nun mal ist, man kann es nicht weg argumentieren. Zumal dann nicht, wenn an diesem Gefühl in den Staaten zumindest im Kern etwas dran ist. Und schon gar nicht, wenn die vermeintlichen Lügner mit gut gemeinten Sachargumenten belegen wollen, dass das prekäre Dasein so vieler ganz andere Gründe haben soll. Nur um dann unbewegt zurückzukehren ins eigene saturierte Leben. Es ist übrigens müßig zu diskutieren, was der sachlich wahre Kern dieses bohrenden Gefühls ist.

Damit könnte man es nun bewenden lassen und abwarten, wie die erste Trump-Bilanz ausfallen wird – wenn es ein rein amerikanisches Phänomen wäre, doch das ist es nicht! Seit heute morgen habe ich unzählige gutgemeinte „Weckruf für alle Demokraten“-Posts bei FB und auf Twitter gelesen, deren Verfasser sicher alle ernsthaft besorgt sind. Und doch wirken all diese kurzen Erkenntnisse blutleer, denn sie kommen auch hier von jenen, denen die „Unten“ und „Draußen“ nicht mehr glauben, sie kommen von „DRINNEN“ und „OBEN“ – sie kommen von UNS! Sie kommen von denen, die in gütiger Sozialarbeiter-Mitfühligkeit nicken wenn man ihnen erzählt, wie es ist, mit 12/13 ab der Mitte des Monats Toast mit Marmelade essen zu müssen. Sie kommen von denen, die Solidarität soweit professionalisiert haben, dass sie privat nur noch selten Kontakt mit der Not haben, die es in diesem Land gibt. Und die damit nicht selten auch vollkommen überfordert sind, weil sie sie selbst als Mittelschichtskinder nie kannten. Sie kommen von denen, die politische Konzepte für die prekären Leben entwickeln, die es in ihrer Nachbarschaft nicht gibt. Sie kommen von UNS! WIR können alles erklären, aber haben unsere Glaubwürdigkeit dabei verloren! WIR sind nicht AUTHENTISCH wenn wir Lebenskonzepte für Menschen entwickeln, die WIR nicht kennen.

Auch ich lebe ein Mittelschichtsleben und die meisten der mir nahestehenden Menschen tun das auch. Und während ich diese Zeilen schreibe, geht der Martinszug der nahen Mittelschichts-Grundschule an meinem Haus vorbei. Damit bin ich im Grunde ein Teil des Problems. Und auch ich habe keine Lösung. Aber die Konsequenz aus diesem Tag und all dem, was WIR nicht mehr verstehen ist für mich heute DEMUT.

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9 Kommentare zu “Wir sind nicht authentisch, wenn wir Lebenskonzepte für Menschen entwickeln, die wir nicht kennen

  • #1
    kE

    Irgendwie muss ich an: "Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen." denken. Lebenskonzepte entwickeln ist doch gar nicht wichtig, es scheint insbesondere in unserer Heimat nur darum zu gehen, irgendwelche Förderungen zu erlangen. Für was ist eher egal. Hauptsache der eigene Job wird finanziert.

    Die USA sind ein Kontinent mit vielen verschiedenen Aspekten und Lebensstilen. Wir kennen das Land doch eher aus den Fernsehserien und der Hochglanzpresse. Wenn man mit offenen Augen durch die Strassen zieht, sieht man, die Spaltung der Gesellschaft und die Probleme. Schon Ende der 90er haben mich viele Obdachlose selbst in der Nähe des Weissen Hauses in einer "Ückendorf"artigen Umgebung schockiert. Dieser Eindruck wurde immer wieder bestätigt. Dennoch war der Optimismus der Bewohner immer wieder erstaunlich.

    Kritischer ist für mich, dass nahezu die gesamte Bundesregierung mal wieder keine Informationen über die reale Situation im Land des wichtigsten NATO-Partners hatte.
    Was ist eigentlich mit unserer Außenpolitik und unseren Nachrichtendiensten los?

    Dann noch die Auftritte der Spitzenpolitiker.

    Aktuell schätze ich die historische Leistung der Deutschen Einheit immer mehr.

    Ich bin mir sicher, dass Merkel/Steinmeier auch diese Gelegenheit weder erkennt noch genutzt hätten.

  • #2
    Norbert Krambrich

    Die grundlegende Trennung in Unten/ Oben zieht sich wie ein roter Faden durch die amerikanische Geschichte und ist parallel zum Aufstieg der Morgans, Vanderbilts und Rockefellers fundamentiert worden.Der Weg von "New Deal" und "Great Sociaty" und das Einlösen von Versprechen ist in den Zeiten von Nixon, Reagan und Clinton Administrationen gründlich zerstört worden und wie sehr erinnert doch der Trump Wahlkampf an jenen Nixon Wahlkampf von 68, in dem ein from the west/outer Kandidat antrat das Establisment zu bekämpfen um dann all diese "sozialistischen Errungenschaften von Roosevelt, Truman und Johnson zu beseitigen.Wenn der "stupid white man " fragt "dude , where is my country?" bleibt nur "hobo’s lullaby".

  • #3
    Helmut Junge

    @Norbert Krambrich, ich habe ja nur eine beschränkte Einsicht in die US-amerikanische Wirklichkeit, und ich war noch nie dort. Deshalb bin ich auf die Informationen durch die Medien, und dem Wenigen, was Verwandte so erzählen. Durch diese Brille gesehen vermute ich, daß Ihre Aussage zwar qualitativ stimmt "Die grundlegende Trennung in Unten/ Oben zieht sich wie ein roter Faden durch die amerikanische Geschichte…", aber andererseits die Quantität heute anders zu bewerten ist als früher.
    Ich habe den Eindruck, daß ein deutlich größerer Anteil der Bevölkerung betroffen ist. Und zwar der Teil der Bevölkerung, der morgens früh aufstehen muß, um in den Fabriken zu arbeiten. Das würde den Erfolg von Bernie Sanders und später von Trump bei dieser Bevölkerungsschicht erklären. Denen droht im Falle des Abstiegs ein Leben im Elend. Wenn man jetzt Ihre Aufzählung der Präsidenten, die ihre Wahlversprechungen diesen Leuten gegenüber gebrochen haben, dazunimmt, ergibt sich ein Bild von lang angestautem Frust. Und Trump hat diese Stimmung erkannt und für sich ausnutzen können. Das bedeutet natürlich nicht, daß er sich an seine Versprechungen halten wird. Aber da Clinton diese Stimmung trotz des Erfolg von Sanders nicht aufgegriffen hat, zeigt, daß sie für so etwas kein Gefühl hat. Darum ist sie auch nicht gewählt worden. Sie hat Wahlkreise verloren, in denen diese Leute vorherrschen und die früher fast immer den Demokraten zugefallen sind.

  • #4
    Norbert Krambrich

    @ Helmut Junge Dass Restvertrauen ist insbesondere während der ersten Clinton-Administration entstanden, die anstatt die sozialen Kahlschläge der Reagan Ära und deren regiden Sanktionsprogrammen ( one Dollar Travellers) zu revidieren, den Wohlfahrtstaat noch weiter abbaute . Die Dokumentationen " Roger and me " und " Big Country" sind dazu lohnenswert .

  • #5
    Norbert Krambrich

    Inwieweit die Frustrationen dann tatsächlich zu Trumps Wahlerfolg geführt hat ist schwer zu beurteilen, da bei gewerkschaftlich organisierten Arbeitern die Wahlpreferenz eher von lokalen Gewerkschaftsfunktionären abhängt und Trump nun schon seit spätestens den 80igern enge Geschäftsbeziehungen pflegt… Cohen strikes back

  • #6
    Thorsten Stumm

    Wer verstehen will, warum jemand mit dem Namen Clinton für Unterschichtamerikaner unwählbar ist sollte das mal lesen….

    http://www.zeit.de/2016/44/afroamerikaner-wahl-buegerrechtsbewegung-hillary-clinton

    Die Clintons haben eine soziale Verwüstung in Ihrer Stammklientel angerichtet, die diese nicht vergessen hat…..und dann für sie auch nicht wählen gegangen ist….egal wie präsidial und vertraut uns Hillary via TV vorkommt….sie ist in den USA bei den Teilen der Demokraten gradezu verhasst…..

  • #7
    Arnold Voss

    Ich denke, dass das mehrere Tendenzen zusammengekommen sind. Die zunehmende Frustration über die zunehmende Chancenlosigkeit der unteren Mittelschicht und der Unterschicht, das zunehmende Genervtsein vieler Amerikaner von der überhand nehmenden Political Correctness, der zunehmende Misserfolg militärischer Internventionen die dem Land viel gekostet, aber wenig eingebracht haben, die für viele konservarive Weiße beängstigende Aussicht, fast unaufhaltsam zur ethnischen Minderheit zu werden und vor allem die zunehmende Enttäuschung über die herrschende politische Klasse, die vorrangig an ihren eigenen Vorteil denkt.

    Trump ist kein Faschist, geschweige denn ein Antidemokrat. Er ist vor allem ein Macher, der alle Formen der Durchsetzung seiner Ziele beherrscht, Lügen und Betrug eingeschlossen. Er ist zugleich ein republikanischer Patriot, der jedoch durch seine Art der Interessendurchsetzung, bei gleichzeitiger Beherrschung aller Spielarten medialer Einflussnahme, für seine republikanischen Parteifreunden zugleich als politsch nicht steuerbar gilt.

    Das liegt daran, dass er immer schon, auch in der Öffentlichkeit, frei heraus redet, was ihn wiederum beim sogenannten einfachen Volk beliebt macht. Hinzu kommt, dass er weitaus spendenunabhängiger war als alle seine Mitbewerber und damit auch punkten konnte. Der Einfluss des großen Geldes ist durch die amerikanische Wahlspendengesetzgebung schon lange ein Dorn im Auge vieler Wähler, und Niemand hat diese Gesetzgebung bislang ändern können oder wollen.

    Ich selber habe vor allem die allgemeine Rückzugsstimmung der US-Amerikaner unterschätzt. Trumps "Make America great again" ist nämlich diesbezüglich ganz anders ausgerichtet als das von Ronald Reagen. Trump will sich von der imperialen Stärke verabschieden, Reagen wollte das Reich des Bösen mit aggressiver Aufrüstung und entsprechender Außenpolitik niederringen. Neben allen Ausfällen und hahnebüchenden Forderungen kam bei Trumps Wählern vor allem sein zentrales und immer wieder wiederholtes Versprechen an: Weniger Kriege durch dem Rückzug aus der Rolle des Weltpolizisten, dafür mehr Arbeitsplätze durch eine eigene starke nationale Ökonomie.

    Die Wahl Trumps hat deswegen nicht nur eine emotionale sondern auch eine rationale Basis. Ob eine Stärkung der nationalen Ökonomie durch mehr ökonomische Abschottung gelingt, ist natürlich äußerst fraglich. Aber seine Position entbehrt keineswegs jeder Logik. Nehmt das Geld was ihr zur Sicherung anderer benutzt zur Stärkung des eigenen Landes und ihr werdet wieder ein Land in dem der amerikanische Traum kein Traum (mehr) bleibt.

    Trump ist kein Umverteiler. Da ist er ganz Republikaner. Er will die Chancen seiner Landsleute erhöhen, selber zu einem guten Einkommen zu gelangen, und dazu will er die nationale Ökonomie stärker schützen und ein Teil des Haushaltes in ein großes Infrastrukturprogamm stecken, das neue Arbeitsplätze schafft. Ob das mit den obendrein geplanten Steuersenkungen vereinbar ist, bezweifele ich, denn die Rüstungsausgaben lassen sich in den USA nicht einfach mal senken.

    Aber der komplette Rückzug aus den aktiven Kriegen und militärischen Präsenzen weltweit würde eine Menge Geld in den Staatshaushalt spülen. Dazu kämen die steigenden Steuereinnahmen eines dauerhaften konjunkturellen Aufschwungs und einer Erhöhung der nationalen Produktivität durch massive Infrastrukturreperaturen und -modernisierungen. Wenn er sich obendrein wirklich mit der Wallstreet anlegen würde, um auch dort gehortetes Geld abzuschöpfen, dann bekommt das ganze sogar eine Logik, die aus der Sicht vieler Amerikaner nicht so einfach von der Hand zu weisen ist.

  • #8
    Wolfram Obermanns

    Um nochmal auf den Artikel zurückzukommen.
    Für Menschen, die man nicht kennt, Lebenskonzepte zu entwicklen und als alleinseligmachend zu bewerben, ist nicht nur nicht authentisch es ist auch übergriffig bevormundend. Sowas provoziert auch Reflexe.

  • #9
    Davbub

    @ Autor:"Damit bin ich im Grunde ein Teil des Problems. Und auch ich habe keine Lösung."
    Fangen Sie doch einfach einmal damit an, die Menschen aus prekären Verhältnissen – die es in Ihrem Lebensumfeld sicher geben wird – wahr zu nehmen. Dann behandeln Sie diese mit Respekt, Freundlich-, & Höflichkeit. Fragen Sie sie nach ihren Namen, und siezen Sie diese Menschen. Nehmen sich vielleicht ab & an ein wenig Zeit für ein kurzes Gespräch mit der Reinigungskraft oder der Aushilfsverkäuferin, der Bedienung im Café oder der an der Tanke. Sprechen Sie mit Ihrem Paketzusteller (falls der dazu Zeit hat). Ihnen werden sich unbekannte Welten erschließen. Sie werden Lebensläufe kennen lernen, die Stoffe für Literatur und Film sind. Und alle Realitäten, die Ihnen so bekannt, statistisch erfaßt & soziologisch-kulturell bewertet sind, werden neu, manchmal abstoßend, oft fremdartig, aber in jedem Fall in einem anderen Licht erscheinen.

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