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Wirtschaftskrise: „Die höher Qualifizierten werden die Gewinner sein“

Jetzt kommt die Wirtschaftskrise Foto: Stefan Laurin

Die Corona-Pandemie ist dabei, eine Wirtschaftskrise von historischem Ausmaß auszulösen. Wie wird sie sich auf Nordrhein-Westfalen auswirken?

Sanfte Hügel und dichte Wälder. Schmucke Häuser stehen in den kleinen Ortschaften. In den Tälern hier arbeiten sie am Wohlstand dieses Landes: Das Sauer- und Siegerland, Südwestfalen, das ist das industrielle Herz Nordrhein-Westfalens. Fast jeder zweite hier arbeitet in einem der zahllosen mittelständischen Industriebetriebe. Viele von ihnen sind sogenannte „Hidden Champions, Weltmarktführer, deren Produkte in China ebenso begehrt sind wie in Frankreich und den USA. Auch die Autoindustrie ist für sie ein wichtiger Auftraggeber, der allerdings schon in der Krise steckte, bevor die Pandemie auf einem Markt in Wuhan Ende 2019 ihren Anfang nahm. Die Exportstärke wird nun in der Krise zum Nachteil der Region: „In Nordrhein-Westfalen sind vor allem industriegeprägte Regionen in Südwestfalen in besonderem Maße betroffen“, antwortet das Wirtschaftsministerium NRW auf die Frage, wo die Wirtschaftskrise das Land am härtesten treffen wird. Im Juni stieg die Arbeitslosigkeit nach Angaben der Arbeitsagentur in NRW trotz Kurzarbeit schon auf 7,9 Prozent. Im Juni vergangenen Jahres lag sie noch bei 6,5 Prozent. NRW liegt damit deutlich über dem Bund mit 6,2 Prozent Arbeitslosen im Juni.

Im ersten Halbjahr gingen nach Angaben der Auskunftei Creditreform nur 8900 Unternehmen pleite. Weniger als im Jahr zuvor. Doch die Zahlen täuschen: Zurzeit sind Unternehmen nicht verpflichtet, Insolvenz zu beantragen, wenn sie zahlungsunfähig sind. Doch die von der Bundesregierung beschlossene Corona-Sonderregelung läuft Ende September aus. Die Auskunftei Crif Bürge rechnet nach einem Bericht der WELT mit fast 30.000 Firmenpleiten bis Ende des Jahres, so viele, wie seit zehn Jahren nicht mehr.

Auch bei IHK NRW, dem Zusammenschluss der Industrie- und Handelskammern in Nordrhein-Westfalen, ist man nicht optimistisch. Matthias Mainz, ihr Geschäftsführer Wirtschaftspolitik & Digitalisierung sagt: „Eine schnelle Erholung,  wie sie am Anfang der Krise noch möglich schien, wird immer weniger wahrscheinlich.“

Auch in NRW werde man sich auf eine langsame Erholung einstellen müssen. Die tatsächlichen Härten wie Insolvenzen und mögliche Entlassungen seien wegen der massiven Hilfen von Bund und Land noch gar nicht eingetreten. „Erst über den Sommer können viele Unternehmen feststellen, wie die Geschäfte anlaufen und daran ihre Investitions- und Beschäftigungspläne ausrichten“, sagt Mainz.

Noch ist es nicht soweit, teilen Sozial- und Wirtschaftsministerium mit: „Die Betriebe zeigen bislang eine große Bereitschaft, ihre Beschäftigten zu halten. Anstatt zu entlassen, setzen sie ganz überwiegend auf Kurzarbeit.“ Trotzdem sei die Arbeitslosigkeit im Mai 2020 im Vergleich zum Vorjahresmonat in NRW um 19 Prozent gestiegen. Bundesweit war es noch schlimmer, dort stieg sie seit März um 27 Prozent. Eine Tragödie, denn vor Beginn der Corona-Krise hätte der Arbeitsmarkt auch für „Langzeitarbeitslosen, Geringqualifizierten, Erziehenden, die meist weiblich sind, und Geflüchteten“ Fahrt aufgenommen. Damit sei es erst einmal vorbei. „Es ist zu befürchten, dass die Entlassungen im weiteren Verlauf der Rezession zunehmen werden.“

Ihre Jobs werden zuerst jene verlieren, die erst am Ende des über zehn Jahren langen Aufschwungs von ihm profitierten, ist sich Uwe Neumann sicher.

Neumann ist beim Essener RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung für den Bereich der Regionalforschung verantwortlich: „Für alle ohne einen hohen Bildungsabschluss wird es schwierig werden.“  Denn schon jetzt würden die Branchen, in denen viele Menschen mit geringer Qualifikation arbeiten, unter der Krise leiden: „Viele sind in der Gastronomie und im Handel beschäftigt.“

Auch er glaubt, dass auch Regionen in NRW, die noch über eine starke  Industrie verfügen, mit Problemen zu kämpfen haben. Aber auch Städte wie Düsseldorf und Köln, für die Gastronomie, Hotellerie, Tourismus, Konferenzen und Messen wichtig sind, leiden im Moment. „Aber im Rheinland“, sagt Neumann, „gibt es auch Unternehmen, deren Produkte und Dienstleistungen sogar stärker gefragt sind, etwa Pharmaunternehmen und der Gesundheitssektor.“

Nicht noch viel schlimmer als sonst sähe es auch für die traditionelle wirtschaftliche Krisenregion des Landes aus, das Ruhrgebiet: „Dort gibt es nicht ganz so viele Arbeitnehmer wie in anderen Großstädten, die unmittelbar vom Lockdown betroffen waren“. Die, die es sind, hätten natürlich jetzt Probleme, aber insgesamt seien im Moment kurzfristig sogar Regionen wie Frankfurt und München stärker betroffen als das Revier.

Das, sagt Neumann, sei aber eine Momentaufnahme. „Die langfristigen Folgen der Pandemie kann man nicht seriös abschätzen.“

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) vergleicht in einer im Juni veröffentlichten Studie die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie mit denen der beiden Weltkriege. Die letzte vergleichbar schwere Pandemie war die Spanische Grippe, die von 1918 bis 1920 dauerte. Was auf die Welt an wirtschaftlichen Folgen zukommt, ist für die Menschheit Neuland. Aber sowohl das Wirtschaftsministerium als auch Neumann sind sich sicher, dass sich die Digitalisierung beschleunigen wird. „Davon wird NRW aber erst einmal nicht stärker als andere Regionen profitieren, denn zumindest keiner der weltweiten Champions, deren Software jetzt so intensiv genutzt wird, stammt aus der Region. Da spielen ja selbst europäische Unternehmen keine ganz herausragende Rolle und kleinere Softwareunternehmen gibt es in vielen Regionen.“

Sicher sei aber, sagt Neumann, dass von der Digitalisierung, vom Trend zu Home-Office und vernetzten Arbeiten nicht die profitieren werden, die schon heute zu den Problemgruppen auf dem Arbeitsmarkt gehören: „Die höher Qualifizierten und die Jüngeren, die mit dem Internet aufgewachsen sind, werden die Gewinner dieser Entwicklung sein.“

Doch die Digitalisierung hat auch Auswirkungen auf den Handel. Ob alle, die sich in den vergangenen Monaten daran gewöhnt haben, im Internet einzukaufen wieder in die Innenstädte zurückkehren werden, ist nicht sicher. Bislang stürmen die Käufer nicht die Fußgängerzonen, sind viele Geschäfte deutlich leerer als vor der Krise. Oft hat man als Kunde die Auswahl unter mehreren Verkäufern.

Und auch für Startups könnte es schwer werden: „Gerade im Ruhrgebiet“, sagt Neumann, „hat sich in den vergangenen Jahren eine Startup-Szene etabliert.  Ob deren Geschäftsmodelle sich nun bewähren und ob ihre Kundenkontakte die Krise überstehen, ist offen.“

Die Politik setzt auf Optimismus. Die Parteien werben mit teuren Plänen wie dem Ausbau des Nahverkehrs und neuen, preiswerten Wohnungen um Wähler bei der Kommunalwahl im September. Such das Land versucht angesichts der sich nähernden dunklen Wolken Handlungsfähigkeit und Optimismus zu zeigen: „Priorität“, sagt NRW-Wirtschaftsminister  Andreas Pinkwart „hat jetzt die kurzfristige Wiederbelebung der Konjunktur.“ Man wolle diese gleichzeitig mit einer Modernisierung der Wirtschaft verbinden. Investitionen in eine beschleunigte Digitalisierung, klimafreundliche Produktion, Elektromobilität und moderne Energiespeicher müssten jetzt vorzuziehen vorgezogen werden, um „rasch ein nachhaltig angelegtes, qualitatives Wachstum zu stärken.  Wenn uns jetzt ein Modernisierungsschub gelingt, können wir am Ende sogar gestärkt aus der Krise hervorgehen.“ Das in der vergangenen Woche veröffentlichte Konjunkturgutachten des RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung klingt da skeptischer. Zwar sehe die Lage NRW etwas weniger schlimm aus als bundesweit, aber die Arbeitslosigkeit wird weiter zunehmen. Erst im letzten Drittel des Jahres käme es zu einer Stabilisierung. Der Tiefpunkt der Krise sei zwar Durchschritten, vor allem beim Einzelhandel gehe es wieder aufwärts, aber es bestünden weiterhin große Risiken, da sich lokale Ausbrüche schnell ausweiten könnten und im Umkehrschluss erneute, massive Einschränkungen des sozialen und wirtschaftlichen Lebens erforderlich machen.“ Einer große Insolvenzwelle würde nach Meinung des RWI die konjunkturelle Erholung deutlich langsamer verlaufen lassen. Viel Optimismus lässt sich aus der Prognose nicht ableiten.

Der Artikel erschien in einer ähnlichen Version bereits in der Welt am Sonntag

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