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Wolfgang Welt: “Tach und Tschüs!”

Wolfgang Welt Foto: Verlag/PR

Und, und, und . . schwer auslotbar der Echoraum meiner Erinnerungen an Wolfgang Welt von 1971 bis zu seiner Lesung in der Bochumer Buchhandlung Jansen zehn Jahre vor seinem Tod. Immer andere Splitter blitzen auf. Welche sind aussagekräftig und erfassen, was mich mit Wolfgang Welt verband?

Die beiden poppig aufgemachten, informativen Bände, die Martin Willems  Ende letzten Jahres im Verlag Andreas Reiffer herausgab, helfen mir auf die Sprünge, wecken die Momente der darin versammelten Musik- und Literaturkritiken doch so manche persönliche Erinnerung. Der Welt-Kenner überzeugt mit seiner umfassenden Textauswahl aus den späten 1970er und frühen 1980er Jahren, die in ihrer Vielfalt auch darüber hinwegtröstet, dass die Vorjahresausstellung im Heine-Institut Düsseldorf ohne Katalog auskommen musste.

Mir dient die Lektüre als Geländer, entlang dessen ich mich in die Vergangenheit zurücktaste. Die Musiktexte, Literaturkritiken, Erzählungen und mit Bedacht ausgewählten Fotografien rufen den Jungen aus der Zechensiedlung Wilhelmshöhe auf, wie er durch die wechselnden Zeitströmungen kreuzte. Aus der zeitlichen Distanz erscheint er mir wie eines jener Schmuddelkinder, die Josef Degenhardt 1969  besungen hatte. Der Bergarbeiter-Sohn, dem die Bedeutung seiner Herkunft aus kleinen Verhältnissen spätestens am Lessing-Gymnasium aufgegangen sein dürfte, lehnte intuitiv die Lektüren des Bildungsbürgertums im Deutschunterricht ab, und war dann wie vom Schlag getroffen, als und er die ersten Seiten von Peter Handkes Roman „Die Angst des Torwarts beim Elfmeter“ las. Das war sein Ton, seine Denke! So konnte er endlich mitreden und schreiben über die Dinge des Lebens. Ungefiltert, wie ihm der Schnabel gewachsen war, sich einschreiben in die Welt im Diskurs über populäre Kunst. Im Überschwang war er auch  Schreibexperimenten nicht abgeneigt.

Ein Toter stand am Anfang meiner Freundschaft mit Wolfgang Welt, Buddy Holly nämlich, und das kam so: In den frühen 1970er Jahren war die Cafeteria des GB-Gebäudes an der Ruhruniversität Bochum (RUB) ein Treffpunkt für die Studierenden nach und zwischen Vorlesungen und Seminaren. Eines Tages im ersten Semester brachte meine neugewonnene Freundin einen Schulfreund mit, der Anglistik studierte wie sie. Wir redeten über dies und das, er schien sich in der aktuellen Popmusik auszukennen und so bat ich ihn, mir einen meiner Lieblingssongs,  „American Pie“ von Don Mc Lean, zu übersetzen, hinter dem ich mehr vermutete als die Summe seiner Worte. Er erklärte mir aus dem Stand, dass der Song eine Hommage an Buddy Holly sei, und beschrieb mir den amerikanischen Singer/Songwriter,  dessen Musik bis dato an mir vorbeigerauscht war, als Genie. Daher sei die Musik mit ihm gestorben und der Song eine Elegie.

Wolfgang Welt ist sich sicher, dass er genauer und mehr wahrnimmt, als der Durchschnitt. Deshalb bewertet er im Brustton der Überzeugung, ohne Widerreden zuzulassen,  musikalische und literarische Werke. In saloppem bis lakonischen Ton entlarvt er Schaumschläger, und das klingt bisweilen auch überheblich und kränkend. Er teilt aus, und muss dafür auch einstecken.

Wolfgang Welt war Langendreerer und blieb – bei aller Sehnsucht nach der großen weiten Welt und seinen kurzen Abstechern dorthin – den kleinen Leuten aus der Siedlung treu. Die unsentimentale, direkte Art der Malocher über und unter Tage spiegelte sein eigenes Naturell, der Pott-Slang sprach ihm aus der Seele und prägte seine eigene Schreibe, die unverfälscht wirkt, weil sie Maschen und Moden ignoriert. Er sprach nicht ohne einen Hauch von Selbstironie vom heroischen  Leben ohne Festanstellung, gleichzeitig nagte seine ungesicherte Existenz offensichtlich auch an seinen Nerven, und diese Untiefen mögen auch verantwortlich sein für einen bestimmten aufbegehrenden Unterton in manchen seiner Texte, der uns Lesern zeigte, dass er weit entfernt von seinen Träumen lebte. Er schürfte an den unterirdischen Strömen der Pop-Geschichte und sein Näschen für Goldklumpen  war umso beleidigter, wenn er sich mit hohlen Nüssen befassen musste.

Zuviel Talent und zu wenig Erfahrung mit der Welt der Zeitungs- und Literaturverlage hatte dieser  Schriftsteller in jungen Jahren und hielt zwangsläufig sein Ideal des verkannten Einzelkämpfers hoch, obwohl er sich  insgeheim Unterstützung wünschte. Verstörend genau und schonungslos schilderte er sein eigenes Versagen. So schlidderte er dahin von Text zu Text, mal hingebungsvoll, mal schwermütig, immer aber in seiner Sprache wahrhaftig und leicht.

Ein Leben am Anschlag: Über zehn Jahre tat er tags seine Arbeit im Plattenladen, die Nächte verbrachte er auf Konzerten und Lesungen und an der Schreibmaschine. Saufen gehörte dazu. Er nahm keine Rücksicht auf seine schwache körperliche wie seelische Konstitution. Er versponn sich in Assoziationen, spintisierte, fabulierte und ließ seine Gedanken streunen. Es entstanden pikante Cocktails aus sarkastisch aufbereiteten Trivialitäten und intimen Anspielungen eines so hochmütigen wie demütigen jungen Mannes mit Spezialwissen, der, überdrüssig der Schwätzer, durchs Ruhrgebiet trieb, dem Bier und der Dichtkunst zugeneigt, und, allen einzelgängerischen Launen zum Trotz, auch ein Freund der Frauen (ihrer Körper mehr als ihrer Seelen) war.

1983 war dann Schicht. Alles wurde ihm zu viel, er hatte sich eine schizophrene Psychose eingefangen. Aus den  Spielen seiner Phantasie war bitterer Ernst geworden, just in dem Moment, da er sich im Zentrum der Welt wähnte. Nach seinem Psychiatrie-Aufenthalt war er auf starke Medikamente angewiesen und konnte keine großen Sprünge mehr machen. Gerade soviel Kraft hatte er noch, dass er als Nachtportier am Schauspielhaus Bochum sich in der Welt der Wörter verlieren konnte – die lange / kurze Zeit von zwanzig Jahren.

Auf dem morgendlichen Weg in die Redaktion kam es vor, dass ich in den Minuten bis zur Abfahrt des Zugs noch in einen kleinen Plattenladen schlüpfte. Hin und wieder begegnete ich dort Wolfgang Welt. Lautlos trat  hinter einem Regal hervor, grinste mich aus einem blassem Gesicht an: „Tach!“ Auch er hatte noch Zeit bis der Musikladen öffnete, in dem er arbeitete. „Alles klar?“, ein fast ritueller Austausch von Infos und „Tschüss!“ Im Marabo-Magazin las ich hin und wieder Artikel von ihm. Und viele Jahre später, ich war längst weggezogen aus Bochum, besuchte ich seine „Peggy Sue“-Lesung dort. Der Raum war überfüllt, und Wolfgang blühte sichtlich auf  im Interesse, das ihm entgegen schlug. Seine leise Stimme und der hastig atemlose Vortrag verrieten, wie aufgeregt er war. Ein Blickwechsel über viele Köpfe hinweg. Er schien glücklich zu sein. Wir winkten uns von weitem zu, ein letztes Mal.

Wolfgang Welt: „Die Pannschüppe und andere Geschichten und Literaturkritiken“. Hrsg. von Martin Willems. Verlag Andreas Reiffer, Meine 2020, 397 Seiten, 20 Euro.

„Kein Schlaf bis Hammersmith und andere Musiktexte“. Hrsg. von Martin Willems. Verlag Andreas Reiffer, Meine 2020, 363 Seiten, 20 Euro.

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