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Wollen Sie ernsthaft ein Corona-Abitur?

Lisa Daimagüler Foto: Privat

Das trotzige „Durch-ziehen-wollen“ der deutschen Bürokratie bezüglich der Abschlussprüfungen im Sommersemester 2020 hat weitreichende Konsequenzen. Bezogen auf die aktuelle Lage, ist es illusorisch anzunehmen, dass sich die Situation bis Ende April weitgehend verbessert habe. Die Krise sorgt für einen absoluten Ausnahmezustand in allen Lebensbereichen. Unsere Gastautorin Lisa Daimagüler steckt Mitten in den Abiturvorbereitungen.

Dass die aktuelle Situation für manche Schüler und Schülerinnen bedeutet, sich um Angehörige kümmern zu müssen (zum Beispiel beim Erledigen der Einkäufe oder auch durch Beistehen in belastenden Zeiten) wird beim sturen Festhalten am Terminplan nicht bedacht.

Auch die Besuchssperren in Krankenhäusern und anderen Pflegeeinrichtungen, in welchen sich Verwandte oder Freunde befinden können, stellen eine psychische Belastung dar. Tagesstruktur und Routine, Hobbies in Vereinen oder andere Freizeitaktivitäten, die vielen ein Gefühl der Sicherheit geben ­– all diese Stützen fallen weg. Unter den Tisch fallen sollte auch nicht, dass viele Psychologen all ihre Termine gecancelt haben, wodurch eine besonders in dieser Ausnahmesituation hohe Nachfrage nach persönlicher Gesprächstherapie nicht mehr gewährleistet ist.

Und während dieser merkwürdigen Zeit, in der der komplette Alltag umstrukturiert ist und man von einem stetigen Unbehagen begleitet wird, sollen sich die Schülerinnen und Schüler noch angemessen auf das Abitur vorbereiten? Als jemand, der selbst mitten in den Abiturvorbereitungen steckt, finde ich die Vorstellung utopisch, in den nächsten ein- bis zwei Monaten Abschlussprüfungen ähnlich gut wie unter normalen Umständen abschließen zu können.

Wer unter der Digitalisierung der Vorbereitungen zu leiden hat

Außerdem sollte auch an jene gedacht werden, für die die Isolation zuhause alles andere als ein angenehmer Urlaub in den eigenen vier Wänden ist. Großfamilien in viel zu kleinen Wohnungen, Eltern die durchweg streiten, ein problematisches Verhältnis zur Familie – alles äußerst belastende Situationen, in denen nur die wenigsten die Konzentration finden werden, den Stoff der letzten drei Jahre in verschiedenen Fächern zu wiederholen. Nicht zu vergessen sind auch jene Frauen, die oftmals ihr Abitur auf dem zweiten Bildungsweg der Erwachsenenbildung nachholen und jetzt tagtäglich mit einem belastenden Partner auf engstem Raum zusammenleben müssen.

Der jetzt als Notlösung stattfindende „Onlineunterricht“ und die umfassende Digitalisierung der Vorbereitungen setzt wie selbstverständlich voraus, dass alle Abiturienten einen eigenen Computer, auf den sie immer zugreifen können, sowie eine funktionierende Internetverbindung und im besten Fall noch eine Webcam und ein Mikrofon haben.

Dass es aber selbst 2020 noch Personen gibt, die es sich nicht leisten können, oder ihren Computer mit Geschwistern oder Eltern teilen müssen, die jetzt wahrscheinlich auch noch Onlineunterricht und Home Office haben, wird von der Politik schlicht ignoriert. Eine digitalisierende Lösung für diese Leute gibt es nicht.

Eine faire Lösung muss gefunden werden

Auch die Fahrt zu den Prüfungen stellt für alle Absolventen ein Gesundheitsrisiko dar. Virologen haben bereits festgestellt, dass das Virus auf Oberflächen lange überleben kann und infektiös bleibt.

Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder, der auch in Sachen Ausgangssperre Vernunft und Verantwortung zeigte, hat die Abiturprüfungen in Bayern bisher um einen Monat verschoben. Ob dies reicht, sei dahingestellt.

Besser siehts es dagegen in Schleswig-Holstein aus:

Die CDU Bildungsministerin Karin Prien fordert die Abiturprüfungen 2020 in Schleswig Holstein abzusagen und die Noten durch die bisher erbrachten Leistungen zusammenzurechnen.

Ganz im Sinne zweier Hamburger Abiturienten, die diesen Vorschlag in Hamburg bereits anbrachten und eine Petition mit dem Namen „Abi Umdenken 2020“ starteten.

Nordrhein-Westfalens Schulministerin Yvonne Gebauer hat sich bisher noch nicht deutlich zu der Frage nach dem Verschieben der Prüfungen geäußert. Klar ist jedenfalls jetzt schon: Der momentane Zustand ist untragbar und eine bundesweite Lösung sollte schnellstmöglich gefunden werden.

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