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Zivilisationen und die Goldenen Regeln

Auf Zypern – gemeinfrei

Derzeit arbeite ich an einer neuen Zivilisationstheorie. Im folgenden Artikel stelle ich die zweiteilige Einleitung vor:

Einleitung

I

Vor einigen Jahrzehnten, in den Achtzigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts, war es anlässlich Elias’ Zivilisationstheorie (vgl. Elias, N., 1976 (2 Bde.)) und der ersten kritischen Entgegnung von Hans Peter Duerr (vgl. Duerr, H.P., 1988) zu einem Streit gekommen, der bis in die öffentlichen Medien drang, besonders in der ZEIT einen Niederschlag fand (vgl. DIE ZEIT, 1988) Duerr wandte sich gegen Greiners Kritik seiner empirischen Kritik an Elias’ Theorie in der ZEIT, Elias seinerseits gegen Duerr. Greiner und auch die späteren Kritiker von Duerrs Schriften der ZEIT positionierten sich pro Elias, als hätte Duerr sie persönlich angegriffen, ohne die empirische Tragweite seiner Kritik zu berücksichtigen. Eine Theorie ist abhängig von den zugänglichen Daten; ohne empirische Daten gäbe es keine Theorie, allenfalls eine Möglichkeit.
Michael Hinz hatte sich der begonnenen Auseinandersetzung gewidmet (vgl. Hinz, M., 2002); zu dieser Veröffentlichung publizierte DER SPIEGEL eine wenig schmeichelhafte Anmerkung (vgl. DER SPIEGEL, 40/2002). Mir fehlt schlicht die Lust, mich in die vergangenen Streitigkeiten einzumischen. Gefragt ist vielmehr eine andere Herangehensweise an das Thema Zivilisation. Wolf Lepenies hatte 2016 in DIE WELT indirekt darauf hingewiesen (vgl. Lepenies, W., 2016), bemerkte, dass sich „die Modernisierungsleistung anderer Zivilisationen“ durch Elias’ Theorie nicht erläutern und kausal erklären lassen. Bislang ist meiner Ansicht nach der forschende Blick eurozentrisch und sonderbar psychisch/psychologisch verstellt.

In dieser Studie unternehme ich es, mit einer anderen Herangehensweise eine allgemeine Zivilisationstheorie zu entwerfen, die weltweit ausgerichtet ist. Die erste Frage wird lauten: Worauf konzentriert sich überhaupt mein Forschungsinteresse? Weil sich Emotionen in historischen Kontexten nicht empirisch nachweisen lassen, auch in Bezug auf aktuelle Kontexte, z.B. Befragungen, Unsicherheiten bleiben können, werden sie für mich gleichgültig sein. Über erhaltene Technik und Bauten, für die sich besonders Archäologen interessieren könnten, fehlt es weltweit an hinreichenden Daten, darüberhinaus wären sie aus sozialer Sicht lediglich ein Nebenschauplatz, wenn auch auch ein möglicherweise emotional beeindruckender, also bliebe eventuell das Sozialverhalten. Doch auch über das menschliche Verhalten gibt es historisch und vorgeschichtlich nur unzureichende Daten.
Weltweit bekannt sind aber die Goldenen Regeln, ethische Ratschläge, die ich im Plural anführe, weil sie jeweils konkret unterschiedlich formuliert sind. Aus allen Variationen dieser vergleichsweise alten Volksweisheiten lässt sich etwas Gemeinsames erkennen: eine befürwortete Gleichbehandlung von Menschen, unter Einbeziehung der eigenen Person, die auch im sogenannten ‚Westen‘ nicht erreicht ist, berücksichtigt man z.B. die gesellschaftliche Stellung von Frauen. Meine Aufgabe sehe ich in der Entwicklung eines tragfähigen philosophisch-wissenschaftlichen Ansatzes.

 

Literatur:

DER SPIEGEL, 40/2002, DENKER: Enlarvende Briefe.
DIE ZEIT, 1988, (a) Greiner, U., Nackt sind wir alle,
– (b) Duerr, H.P., In der Rocktasche eines Riesen.
– (c) Elias, N., Was ich unter Zivilisation verstehe.
Duerr, H.P., 1988, Der Mythos vom Zivilisationsprozeß: Band 1: Nacktheit und Scham, Frankfurt a.M.
Elias, N., 1976 (2 Bde.), Über den Prozess der Zivilisation, Frankfurt a.M.
Hinz, M., 2002, Der Zivilisationsprozess: Mythos oder Realität? Wissenssoziologische Untersuchungen zur Elias-Duerr-Kontroverse, Wiesbaden.
Lepenies, W., 2016, Auch unsere Zivilisation ist nie vollendet worden, in: DIE WELT, 05.01.16.

 

II

Sobald Menschen auf ein Zusammenleben angewiesen waren, weil Familien bzw. Sippen entstanden, ob männlich, weiblich oder paritätisch dominiert, wurden soziale Regeln erforderlich, sowohl nach außen als auch innerhalb von Gruppen. Doch über das Zusammenleben von Menschen in prähistorischen Zeiten ist so gut wie nichts bekannt. Zwar lassen sich Vermutungen äußern, besonders im Zusammenhang mit ehemaligen Zentren, ob in Höhlen (z.B. Gravettien, Solutréen, Magdalénien) oder auf Flächen (z.B. Stonehenge), mit einer empirischen Theorie hätten solche Spekulationen jedoch nichts gemein, sie wären lediglich Deutungen, die darüberhinaus projizierend vorgingen, ‚kulturell‘, ‚astronomisch‘, ‚religiös‘ oder ‚sozial‘. Es würden keine Erkenntnisse entstehen. Die Vorgänge verdeutlichten lediglich die Schwierigkeit, über etwas aussagen zu wollen, worüber man nichts weiß. Projektion würde nicht nur zu einer führenden Kulturtechnik, sondern auch wissenschaftlich relevant, ohne Wissenschaft anbieten zu können.

Wie wichtig es sein kann, von Projektionen abzusehen, hatte ich bereits in meiner Kritik (vgl. Matern, R., 2013 (jüngste Ausgabe)) der „Dialektik der Aufklärung“ (vgl. Horkheimer, M., Adorno, Th. W. 1984) erfahren. Die ihnen zugängliche Empirie spielte für die Autoren kaum eine Rolle.
Um speziell etwas über zivilisatorische Anstrengungen von Menschen zu erfahren, bleiben – entgegen möglicher Schwierigkeiten -, gesammelte Volksweisheiten, besonders die Goldenen Regeln, die vielfältig dokumentiert sind, und zwar weltweit. Ganz ohne Spekulation komme allerdings auch ich nicht aus. Dass es sich bei den Goldenen Regeln um alte Volksweisheiten handelt, die weisheitlichen Schriften, durch die sie übermittelt wurden, lediglich eine Redaktion voraussetzen, nicht auch einen eventuell namentlich bekannten ‚Erfinder‘, kann wahrscheinlicher werden, sobald man die Verbreitung einbezieht, nicht aber nachweisen.

Mehr als um ethische Ratschläge aus zeitlich anderen Welten handelt es sich jedoch nicht. Wie könnte es möglich werden, solche Ratschläge einzubeziehen, zumal die präferierte Gleichbehandlung von Menschen noch nicht einmal heute gewährleistet ist, berücksichtigte man z.B. Frauen? Eine Antwort wäre, wir haben noch keine menschliche Zivilisation auf der Erde, gleichgültig wie hoch und groß etwaige Bauten wurden, wie innovativ die jeweilige Technik lokal oder global erscheinen mag, es handelte sich lediglich um Ablenkungen vom Zentralen, dem Sozialen. Und die auf Erfolg getrimmte westliche Wirtschaft, ließe sich weiter fragen, würde die nicht zusammenbrechen, wenn etwaige Anreize zur Leistungserbringung fehlen würden, die ihrerseits die Entstehung von sozialen Rängen ermöglichen? …

Die Diskussion in Bezug auf zivilisatorische Bemühungen in der Menschheitsgeschichte kann zu hitzigen Gefechten, vielleicht sogar das Thema ad absurdum führen. Bislang haben sich Menschen gegen ‚drohnende‘ Gleichbehandlungen erfolgreich gewehrt. Von einer menschlichen Zivilisation gäbe es, würde man eine Gleichbehandlung als Bedingung ausgeben, lediglich Ansätze.

 

Literatur

Horkheimer, M., Adorno, Th. W. 1984, Dialektik der Aufklärung, Frankfurt a.M.
Matern, R., 2013 (jüngste Ausgabe), Über Sprachgeschichte und die Kabbala bei Horkheimer und Adorno, eBook, Duisburg.

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3 Kommentare zu “Zivilisationen und die Goldenen Regeln

  • #1
    AL

    Tag,
    ich arbeite derzeit auch an der Duerr Elias Kontroverse. Mein Annahme war, bevor ich mich intensiver damit beschäftigte, das Elias Sichtweise eine Euro- Ethnozentrische sichtweise ist, die damals bei der Legitimation des Kolonialismus vorherrschte. Eine sozia- darwinistische Sicht. Bis dato ergab sich bei der Lektüre kein direkter Hinweis dafür, zu erwähnen ist,dass Elias seine Begriffe und deren Konnotationen im Laufe der Zeit wechselte bzw. vermied sie zu gebrauchen..
    Der Begriff Zivilisation an sich ist problematisch und vorbelastet, möchte man sich nicht den Kreuzfeuer der Kritik aussetzen, sollte man ihn tunlichst umgehen. Auch würde ich Kultur und Zivilisation getrennt betrachten. Was beinhaltet Kultur und was bedeutet Zivilisation, zivilisiert sein ? Was bedeutet kultiviertes Verhalten, eine Leitkultur- Und inwieweit schwingt noch das alte Erbe der Distinktion mit, wodurch andere Gruppen stigmatisiert werden, um die eigene Gruppe aufzuwerten. Ist Globalisierung nicht gleich Kolonialisierung mit anderen Mitteln ? So meine Gedanken ……….
    Gruß

  • #2
    Reinhard Matern Beitragsautor

    @ #1 Danke für die Hinweise. Worte ‚Kultur‘ sind für mich lediglich umgangssprachlich, die seit der lautlichen Übernahme durch von Pufendorf (Frühaufklärung) im deutschsprachigen Raum besonders in politischen Kontexten auftauchen (vgl. Reinhard Matern, 2013, Zweifel an der Kultur. Essayistische Notizen, eBook, Duisburg). Ich sehe aber Möglichkeiten für eine philosophisch wissenschaftliche Erörterung von Zivilisationen. Ich komme aus der analytischen Philosophie, betreibe die Studie im Rahmen des Sprachanalytischen Forums.

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