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Zum Tod von Wolfgang Welt: Ganz schön banane

Wolfgang Welt Foto: Dirk Vogel Lizenz: Copyright

 

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Am 19. Juni 2016 verstarb Wolfgang Welt, der Popliterat von der Bochumer Wilhelmshöhe. Seine größte Zeit als Autor hatte er vor 35 Jahren als Redakteur beim Stadtmagazin MARABO. Unser Gastautor Peter Krauskopf hat diese Zeit miterlebt.

Es muss nach 2005 gewesen sein, MARABO gab es schon nicht mehr, und Wolfgang Welt hatte seit über 20 Jahren dort nichts mehr geschrieben, als ich die Bochumer Buchhandlung Jansen betrat. Dort stand er und redete zu der Buchhändlerin so begeistert von seiner Arbeit bei dem Stadtmagazin, als sei das alles gestern erst passiert. Als er merkte, dass sein ehemaliger Chefredakteur hinter ihm stand, fielen die von den vielen Psychopharmaka aufgedunsenen Gesichtszüge von einer glücklichen Lebhaftigkeit zurück in eine indolente Starre, er sagte kurz Guten Tag und suchte das Weite. Einige Zeit später sah ich ihn dann noch einmal, bei einer Lesung in der legendären Pommesbude „Rösti“ in der Brüderstraße, die knallevoll war. Er entdeckte mich in dem erstaunlich jugendlichen Publikum sofort und begrüßte mich mit ehrlicher Freundlichkeit. Das war das letzte Mal, dass ich ihn sah.

Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre saß Wolfgang Welt wie ein stillvergnügter Zecher am Redaktionstisch von MARABO und sagte kaum was. Als Literaturmensch war er zu unserem Haufen von Alternativ-Journalisten gestoßen, die nicht alternativ sein wollten, doch bald stellte sich heraus, dass er auch über ein umfangreiches Wissen über Popmusik verfügte. Von Wolfgang Welt lernte ich, welchen Stellenwert Buddy Holly in der der Geschichte des Rock’n’Roll hatte. Dass er in Briefkontakt mit Peter Handke stand, wusste ich damals nicht.

Und wir merkten, dass er schreiben konnte. Anfangs waren es Texte über obskure Erscheinungen der Popkultur, etwa den Auftritt von Billy Mo (der mit dem Tirolerhut) beim UZ-Fest in Hattingen oder den österreichischen Schlagerbariton Willy Hagara. Doch dann wurden auch die Plattenfirmen auf seine Schreibe aufmerksam, diese Mischung aus Subjektivismus, Beat-Literatur und Gonzo-Journalismus. Wolfgang wurde zu Presseterminen mit bekannten Rock-Stars eingeladen, sogar nach London geflogen.

Wir in der Redaktion fanden das fantastisch, denn je berühmter Wolfgang Welt wurde, desto berühmter wurde auch MARABO. Dass er immer lauter wurde, arroganter, besserwisserischer, nahmen wir in Kauf, denn schließlich hatten wir alle unseren Knall. Unser Engagement für die Stadtzeitung bestand zu nicht geringen teilen darin, den Sumpf, auf dem wir blühen konnten, zu erhalten.. Noch Jahre später nannte die damalige Gattin von Wolfgang Welts Nachfolger als Musikredakteur Peter Erik Hillenbach die Redaktion eine „Werkstatt für behütetes Arbeiten“. Als bei der Plattenladenkette, bei der Wolfgang Welt als Leiter der Bochumer Filiale sein Geld verdiente, die verstreuten Mitarbeiter in einem Brandbrief zu Gründung eines Betriebsrats aufforderte, weil die Arbeitsbedingungen immer katastrophaler würden, während der Chef „mit seiner Freundin auf die Bahamas zum Poppen“ führe, feierten wir ihn als Revolutionär.

Doch schließlich kippte es, Pressekonferenzen, die Wolfgang Welt besuchte, wurden für ihn zu Autodafés. Als er ein Interview mit der Pop-Sängerin Helen Schneider, die mit einem Platte mit Pop-Klassikern debütiert hatte, mit den Worten eröffntete: „Miss Schneider, you have destroyed all my favourite songs“, wurde er nicht mehr eingeladen.

Sein Größenwahn wurde immer unerträglicher, besonders, als auch seine ersten literarischen Texte veröffentlicht wurden. Der persönliche Umgang wurde mit ihm, den wir als so liebenswürdig kennen gelernt hatten, fast unmöglich. Sein Vorgänger als MARABO-Musikredakteur, der heutige Fußballautor Christoph Biermann, brachte es auf den Punkt: „Der Wolfgang ist ganz schön banane.“

Einfacher wurde es auch dadurch nicht, dass in seinen literarischen Texten Realität und Fantasie ununterscheidbar nebeneinanderstanden. Die Leute, die täglich mit ihm zusammenarbeiteten, kamen dabei nur selten gut weg, was besonders peinlich werden konnte, weil er nur Klarnamen verwandte. Die meisten nahmen es mit Humor, manch einer fühlte sich beleidigt, und besonders seine weiblichen Bekannten hatten eine Menge zu schlucken. Doch mit der Zeit wurde auch immer deutlicher, dass hinter diesem literarischen Kniff ein pathologisch bedingter Mangel an Empathie-Fähigkeit steckte, so dass ihm letztendlich alle verziehen.

Denn der große Knall kam. Wolfgang Welt musste psychiatrisch behandelt werden, und als er, durch Psychopharmaka eingestellt, wieder alltagstauglich war, war er wieder der ruhige, liebenswerte Zeitgenosse wie damals, Ende der 1970er Jahre. Doch hinter seinem buddha-artigen Lächeln sah man es immer wieder zucken und blitzen, doch ausfällig wurde er nicht mehr. Für MARABO schrieb er nicht mehr. Er fand eine Stellung als Portier im Schauspielhaus Bochum, war weg und trotzdem gegenwärtig. Wenn ein neuer Intendant wie etwa Leander Haussmann entdeckte, welch ein Genie in seiner Pförtnerloge saß, erlebte Wolfgang Welt ein Comeback. Seine alten Texte wurden neu veröffentlicht, ergänzt durch ein paar neue.

Lange Zeit dachte ich, der Heini vom Suhrkamp-Verlag sei schuld daran, dass das pathologische Fass in Wolfgang Welts Leben überlief, weil er zur falschen Zeit sein literarisches Talent lobte. Das denke ich nicht mehr. Wolfgang Welt wäre auch ohne das verrückt geworden. Vielmehr bewundere ich heute, dass er es geschafft hat, aus seinem Leid eine Nische in der Hall of Fame der Popkultur zu bauen.

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4 Kommentare zu “Zum Tod von Wolfgang Welt: Ganz schön banane

  • #1
    philter

    Schade: Ein nachruf, der zur abrechnung wird mit den psycho-pathologischen todesursachen eines genialen autors – find ich total banane. Wer über das verrückt-werden des wolfgang welt wissen will, sollte sein werk lesen! Auch sonst kann das sehr erheiternd, bereichernd oder sonstwie funktional sein. Insbesondere für ruhrbarone oder ruhris ohne adelstitel.
    Wolfgang welt hat den tunnel am ende des lichtes durchschritten. Möge er in frieden ruhen!
    Son "ich erzähl euch, wie er wirklich war"-geschreibsel tut da echt nicht not!

  • Pingback: Lucky & Fred: Episode 14 – Coffee And TV

  • #3
    Jürgen Welt

    Hallo Peter Krauskopf
    ich bin Wolfgangs Bruder Jürgen.
    Endlich mal jemand, der ehrlich über ihn schreibt, und ihn so darstellt, wie er wirklich war.
    Ich schreibe das, auch wenn’s weh tut.
    Er war nicht der Popliterat, nicht der Ruhrgebietsgeschichtenerzähler.
    Er hat nicht über seine Krankheit geschrieben, sondern in seiner Krankheit.
    Seine Leistung war nicht sein literarisches Werk, sondern der Kampf gegen diese Krankheit, den er letztendlich doch verloren hat.
    mit liebem Gruss
    Jürgen Welt

  • #4
    Markus Krebs

    Hallo Jürgen Welt,

    Dein Bruder war ein ganz Großer. Sie können stolz auf ihn sein. Da muss sich selbst ein Thomas Melle, der die gleiche Krankheit hat und jetzt auch darüber schreibt, "hinten anstellen", wie sich Dein Bruder ausgedrückt hätte. Eigenartig, dass das Feuilleton allenthalben über Thomas Melle schreibt, ein Wolfgang Welt aber immer noch den meisten unbekannt ist. So einen wie ihn wird es nämlich so schnell nicht mehr geben. Seine Leistung war schon auch sein einzigartiges literarisches Werk. Und das wird bleiben.

    Lieben Gruß
    Markus Krebs

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