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Zur Lage im Sudan: die Zeitbombe tickt

Der Sudan, das flächenmäßig größte Land Afrikas, steht vor einer historischen Weichenstellung. Entweder gelingt die friedliche Trennung des südlichen vom nördlichen Landesteil, oder die ganze Region versinkt in Krieg und Chaos.

Nicht einmal, wenn man bei Google den Begriff „Unruheprovinz“ eingibt, bekommt man Darfur angezeigt. Man erhält Links zu Kundus, wo sich deutsche Soldaten im Kriegsdienst befinden, und zu Xinjiang, wo das Turkvolk der Uiguren gegen die chinesische Zentralregierung – und gegen die chinesischen Mitbürger – aufbegehrt. Darfur dagegen, als es noch in den Medien Erwähnung fand fast immer mit der erläuternden Bezeichnung „Unruheprovinz“, erscheint auf den ersten beiden Seiten der Google-Suchresultate nicht.

Dabei hat der Darfur-Konflikt seit 2003 Wikipedia zufolge „bis zu 400.000 Menschen das Leben gekostet und 2,5 Mio. in die Flucht getrieben“. Letztes Jahr erließ der Internationale Strafgerichtshof (IstGH) einen Haftbefehl gegen den sudanesischen Präsidenten al-Baschir – wegen der „Bedenken“ der Afrikanischen Union und der Arabischen Liga allerdings „nur“ wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen, nicht aber wegen Völkermord. Gegenwärtig ist die weltgrößte Friedenstruppe in Darfur stationiert (UNAMID), um dem Gemetzel der dem islamistischen Regime treuen arabischen Reitermilizen Einhalt zu gebieten.

Die schwarzafrikanische Bevölkerung Darfurs gehört zwar ebenso dem sunnitischen Islam an wie al-Baschir und seine fundamentalistischen Schergen. Dies hat sie aber weder vor dem Völkermord, sorry: den Verbrechen gegen die Menschlichkeit bewahren, noch ihr Solidaritätskundgebungen hierzulande verschaffen können – auch nicht derer, die in anderen Fällen häufig einen „Völkermord an Muslimen“ wittern. Inzwischen ist Darfur fast vollkommen aus den Medien verschwunden – und der ganze Sudan gleich mit. Dies könnte sich jedoch in Kürze ändern.

Der Konflikt zwischen dem Norden und dem Süden des Sudans droht nämlich erneut aufzubrechen; ein Krieg droht erneut auszubrechen. Der Norden ist arabisch geprägt, es gilt die Scharia, während die vornehmlich christliche Bevölkerung des Südens von der Zentralregierung unterdrückt wird. Zuletzt 22 Jahre lang – von 1983 bis 2005 – tobte ein blutiger Sezessionskrieg, dem geschätzt vier Millionen Menschen zum Opfer gefallen sein dürften. Er wurde 2005 mit der Abmachung beendet, dass in der nunmehr entstandenen „autonomen Region Südsudan“ im Jahr 2011 ein Referendum stattfinden solle, in dem die knapp neun Millionen Einwohner entscheiden, ob sie Teil des Sudans bleiben oder sich trennen wollen.

Am 9. Januar soll es stattfinden, am 9. Januar 2011. Heute in sieben Wochen. Man kann sich denken, wie eine solche Volksabstimmung, fände sie denn statt, wohl ausgehen würde. Genauso gut kann man sich vorstellen, dass der Norden den Süden doch nicht so ohne weiteres abtreten möchte, zumal sich ein Großteil der immensen Ölvorkommen im Süden des Landes befindet. Der Süden ist fest entschlossen, am 9. Januar abzustimmen; der Norden ist nicht bereit, ein Drittel seines Staatsgebiets widerstandslos abzugeben. Die “tickende Zeitbombe”, so US-Außenministerin Hillary Clinton, steht vor der Explosion.

Im Streit um die Wählerlisten, den Grenzverlauf und die Aufteilung der Öleinnahmen droht das Referendum unterzugehen. „Der Norden und der Süden steuern auf ein neues Blutvergießen zu“, wird ein „Insider“ zitiert. Nachdem am Freitag, den 5. November, ein besonders umstrittenes, weil ölreiches Gebiet an der Grenze zum Süden des Landes von Regierungstruppen aus der Luft angegriffen wurde, befasste sich der UN-Sicherheitsrat am letzten Dienstag mit der dramatischen Lage im Sudan, um dies dann den Agenturen in die Hand zu drücken: Der UN-Sicherheitsrat zeigte sich besorgt über eine Verschiebung des Referendums über die Unabhängigkeit des Süden Sudans und kritisierte die unausreichende finanzielle Vorbereitung der Regierung in Sudan für das Referendum, die Konflikte zwischen Rebellen und Regierungstruppen, die Angriffe auf UN-Einheiten und die Entführung eines UN-Beamten.

Was aus dem Abkommen von 2005 wird, ist gegenwärtig völlig unklar. Im „Spiegel“ heißt es heute in einem Bericht von Matthew Teague: „Die chaotische Geschichte des Landes und die anhaltenden, verdeckt ausgetragenen Konflikte machen es unmöglich vorherzusagen, ob der Vertrag die Wahlen zur Unabhängigkeit 2011 überstehen wird.“ Denn, so Ines Zöttl in der FTD, „selbst wenn die Abstimmung stattfindet, droht Gefahr. Der Norden wird das Ergebnis anfechten, der Süden sich daraufhin einseitig für unabhängig erklären. Was dann passiert, kann man sich in Abstufungen des Grauens ausmalen: Beide Seiten haben die letzten Jahre genutzt, um aufzurüsten. Der US-Journalist und Autor Nicholas Kristof hat schon eine ,Chronik des angekündigten Völkermords` entworfen: Milizen aus dem Norden rücken aus und morden, brandschatzen und vergewaltigen im Süden. Al-Baschir lässt die Ölförderanlagen von der Armee besetzen. Das Land versinkt im Chaos.“

Ein Schreckensszenario, das wegen der vielschichtigen Interessen der vielen Nachbarstaaten des Sudans Auswirkungen haben dürfte, die wir in Europa seinerzeit als „Weltkrieg“ bezeichnet hatten. Wegen der Rohstoffe – nicht nur des Öls -, aber auch wegen des islamistischen Regimes in Khartoum, und nicht zuletzt wegen der „Engagements“ sowohl Chinas wie auch der USA wäre auch Europa von den Folgen einer solchen Katastrophe ungleich stärker betroffen als von den bisherigen Waffengängen im größten Flächenstaat Afrikas, die uns hier ziemlich kalt ließen, weil sie uns kalt lassen konnten. Welchen Weg der Konflikt zwischen dem Norden und dem Süden des Sudans nehmen wird, entscheidet sich in den nächsten Wochen. Noch besteht Hoffnung – gerade wegen des Einflusses aus Peking und aus Washington. Die USA haben, wie bei Greenpeace im einzelnen nachzulesen ist, dem Sudan ein Ende der amerikanischen Sanktionen in Aussicht gestellt. Und auch die Chinesen scheinen entschlossen, das Referendum zu unterstützen und zu akzeptieren.

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2 Kommentare zu “Zur Lage im Sudan: die Zeitbombe tickt

  • #1
  • #2
    Sebastian

    Ein wichtiger Kommentar! Das islamistische Regime in Karthum wird abermals den Massenmord in einer seiner Randprovinzen versuchen. Das Referendum wird die gesamte Region erschüttern. Aber – wie bereits richtig konstatiert wurde – das wird eh in good old europe niemanden interessieren, sind halt die falschen Opfer…

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