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Zwischen Umweltsau und Greta-Kult: 2019 war das Jahr der leidenden Diskussionskultur

Ich diskutiere gerne und viel. Egal ob über Sport oder Politik, es macht mir Spaß mich über aktuelle Themen unserer Zeit mit anderen auszutauschen. Wenn mich etwas interessiert, dann habe ich Lust die Gedanken anderer Leute dazu zu erfahren.

Blogs wie unseres hier sind dazu aus meiner Sicht grundsätzlich die ideale Plattform. Unabhängig, meinungsstark, vielseitig. Das war auch einer der Gründe, warum ich vor inzwischen gut neun Jahren einmal hier gelandet bin. Zunächst als Leser und gelegentlicher Gastautor habe ich bei Themen rund um NRW, speziell zum Kraftwerk ‚Datteln 4‘ meine Meinung hier in die Runde geworfen, die Standpunkte anderer kennengelernt.

Das hat mir damals so viel Spaß gemacht, dass ich irgendwann offiziell auf die Autorenseite gewechselt bin, als man mich gefragt hat, ob ich nicht Lust dazu hätte. Ich hatte! Und wie!

Jetzt, zum Ende der Dekade, muss ich leider feststellen, es hat sich in Sachen Diskussionskultur in diesem Lande viel verändert hat. Zumindest aus meiner subjektiven Sicht. Die Zeiten sind offenkundig viel aufgeregter, weniger sachlich als noch zu Beginn des Jahrzehnts.

So wird das Jahr 2019 für mich auch nicht aufgrund seiner konkreten Inhalte und Ereignisse, sondern vielmehr wegen des spürbaren Verlustes an Diskussionskultur in Erinnerung bleiben, fürchte ich.

Wer hier einmal für ein paar Stunden oder Tage die eingehenden Kommentare (mit) zu moderieren hat, der merkt es schnell. Viele Zeitgenossen vergreifen sich aktuell mächtig im Ton. Das war längst nicht immer so. Vor ein paar Jahren waren Kommentare, die wir nicht freischalten konnten die absolute Ausnahme.

In diesen Tagen ist das leider in einigen Bereichen anders. Man muss in einem Beitrag nur gewisse Schlagworte verwenden, und schon ist einem eine ziemlich unsachliche und in vielen Teilen beleidigende Tonlage bei den Kommentaren sicher. Inhaltliche Auseinandersetzung rund um das Thema findet dann kaum noch statt.

Wie kommt das?

Natürlich ist das Internet ein idealer Ort um sich mal ‚vermeintlich‘ anonym so richtig ‚auszukotzen‘ (Entschuldigung 😉 ). Nur kann es daran alleine ja nicht liegen, denn das war es vor ein paar Jahren auch schon.

Und das Phänomen betrifft ja nicht nur unser nettes, kleines Familienblog der ‚Ruhrbarone‘ hier. Schaut man durch die dazugehörigen Foren der großen Medien oder durch Facebook und Twitter, ist es dort nichts Anderes. Viele Nutzer wollen die Meinung des Anderen scheinbar gar nicht mehr aufnehmen und sich damit auseinandersetzen. Häufig geht es nur noch darum längst verfestigte Meinungen zu wiederholen, die Andersdenkenden zu verunglimpfen.

Vielfach werden aus nebensächlichen Bemerkungen komplexe Rückschlüsse auf den Autoren gezogen, die die Aussage so gar nicht hergibt. Einige Beispiele? Greta Thunberg und/oder die ‚Fridays for Future‘-Bewegung zu kritisieren, obwohl man inhaltlich sogar größtenteils auf deren Seite steht? Unmöglich! Das Verhalten des WDR und seines Kinderchors zu kritisieren, ohne gleich von einigen in eine politisch rechte Ecke gestellt zu werden? Geht offenbar auch nicht.

Die Liste der Beispiele ließe sich leicht und locker fortsetzen. Ich fürchte nur, das bringt alles nichts, da es nichts am Verhalten einiger Leute ändern wird.

Gerade in 2019 war dieser Verfall der Sitten aus meiner Sicht sehr augenfällig. Die Konsequenz? Politikverdrossenheit und Verdruss greifen um sich.

Haben die jüngsten Wahlergebnisse das nicht auch entsprechend gespiegelt? War die politische Mitte nicht bedrohlich erodiert und die Wahlgewinner an den Rändern der politischen Szene zu finden?

Was man dagegen tun kann? Keine Ahnung! Ich finde es nur bedauerlich und auf Dauer anstrengend. So anstrengend, dass ich jetzt über den Jahreswechsel erstmalig seit Jahren eine mehrtägige Auszeit von all dem nehmen werde.

Das hätte ich mir zum Anfang des Jahres auch nicht träumen lassen, aber 2019 war für mich in Deutschland ernsthaft ein beachtliches Stück weit leider das Jahr der verlorengegangenen Diskussionskultur!

 

RuhrBarone-Logo

9 Kommentare zu “Zwischen Umweltsau und Greta-Kult: 2019 war das Jahr der leidenden Diskussionskultur

  • #1
    ke

    Was kann man tun?
    Fakten! Fakten! Fakten!

    Das Problem ist nur, wie man komplexe Themen mit endlichem Aufwand effizient kommuniziert. Globalisierung und globale Prozesse sind immer komplex und chaotisch.
    Panik und Angst sind hier sicherlich die falschen Treiber. Wo bleibt der Mut zu neuen Techniken? Wer kommuniziert sie, wenn alles außer Landwirtschaft wie vor 2000 Jahren angeblich böse ist.

    Ich hätte mir doch nie vorstellen können, dass wir im Jahr 2020 immer noch kwh zählen, weil wir Angst vorm Treibhauseffekt haben. Damals waren die AKWs an jeder Ecke geplant. Die Technologie galt als beherrschbar. In Frankreich macht sich auch keiner Gedanken über seine Nachtspeicherheizung oder über den Standby-Verbrauch.

    Auch heute sind wir selbst in Deutschland glücklich wie nie, haben global betrachtet riesige Fortschritte gemacht, dennoch verfallen wir in eine Massenhysterie, die es vermutlich selbst während der Kuba-Krise nicht gegeben hat.

    Früher gab es im WDR das Telekolleg mit Bildung und Wissenschaft, heute wird die ältere Generation von Mitarbeitern unsachlich beschimpft und es findet billigste Polemik statt.

    Ein paar Ansätze, komplexe Themen zu kommunizieren, gibt es auch in folgendem Beitrag:
    https://www.deutschlandfunk.de/36c3-rena-tangens-und-padeluun-35-mal-beim-chaos.684.de.html?dram:article_id=466809

  • #2
    Nina

    Wie das kommt? Eine gute Frage. Ich denke mal, dass das Auswirkungen einer eigentlich guten Sache sind. Die Digitalisierung und Entwicklung des Möglichen und Machbaren an unmittelbarer Informationsbeschaffung und Technologie schreitet in großen Schritten immer weiter voran. Das ist gut und toll, spannend. Aber es führt offensichtlich auch dazu, dass die Konzentrationsspanne abnimmt und wir es gewohnt sind (möchte mitunter fast meinen "konditioniert"), dass sich Dinge sofort und unmittelbar erfüllen. Das kann einem Suchtdruck gleichkommen. Wir konsumieren unmittelbar, kaufen mit einem Klick, bezahlen mit einem Klick, suchen einen Partner mit einem Klick, erhalten eine Information mit einem Klick. Kommunikation und Denken verändern sich dadurch. Das ist normal. Die Frage die sich nun anschliesst ist für mich, wie geht man damit um?
    ke empfiehlt Fakten, Fakten, Fakten. Nun gut, sicher richtig. Aber das wird nicht reichen. Schlaue Antworten habe ich jetzt auch nicht, aber ich denke Vieles steht und fällt mit der Erwerbsarbeit. Die Zügel wurden heftig angezogen. Wird vielleicht Zeit, den Individuen mehr Spielraum zu geben. Vielleicht werden Menschen entspannter, wenn sie auf der Arbeit mal wieder durchatmen können.
    Robin, Dir wünsche ich eine gute Auszeit und einen angenehmen Jahreswechsel. Aber bleib nicht zu lange weg, sonst fehlst Du hier. 🙂

  • #3
    Robin Patzwaldt Beitragsautor

    @Nina: Vielen Dank! 🙂 Nein, sehr lange werde ich mich sicher nicht ausklinken. Das würde erfahrungsgemäss eh nicht klappen. 😉 Aber über den Jahreswechsel einmal kurz durchpusten, das muss jetzt in meinem Fall irgendwie schon sein! Bin gerade etwas genervt von vielem. 😉

  • #4
    Thomas Weigle

    Es wäre der Diskussionskultur sicher sehr förderlich, Kommentare nur noch mit Klarnamen zu posten. Was hindert die Ruhrbarone an solchem Tun?

  • #5
    Robin Patzwaldt Beitragsautor

    @Thomas: Abgesehen davon, dass das mit der Diskussionskultur ja ein gesamtgesellschaftliches und kein explizites Problem der Ruhrbarone ist: Wie sollte das mit den Klarnamen denn konkret überprüft werden? Ich kann mich doch auch ‚Hans Wurst‘ nennen. Wer soll klären, ob der Name stimmt? Das halte ich schlicht für nicht praktikabel.

  • #6
  • #7
    Münsterländer

    Die von Ihnen gewählte Überschrift zeigt bereits, welchen Standpunkt Sie vertreten und dass es Ihnen nur vordergründig um die Diskussionskultur geht. Und das macht die Diskussionskultur nicht besser:
    Zwischen ‚Umweltsau‘ und Greta-Kult: 2019 war das Jahr der leidenden Diskussionskultur
    …und KE nimmt den Ball im ersten Kommentar auch gleich dankbar auf.

    Ich könnte die Überschrift auch folgendermaßen formulieren:
    Zwischen ‚Greta-Kult‘ und Klimawandel: 2019 war das Jahr der leidenden Diskussionkultur.
    Würde mich eher ansprechen.

    Und damit auch alle anderen Menschen ihre Wahlmöglichkeit haben:
    Zwischen ‚Faschist‘ und unkontrollierter Masseneinwanderung: 2019 war das Jahr der leidenden Diskussionkultur
    Zwischen ‚Tierquäler‘ und bäuerlicher Landwirtschaft: 2019 war das Jahr der leidenden Diskussionkultur

  • #8
    Gerd

    "Haltet den Dieb!"

    Erstens ist das nun bei Gott keine neue Entwicklung. Zuerst ging es gegen die Kritiker der Eurorettung, dann gegen die der illegalen Masseneinwanderung und jetzt auch gegen die der Energiewende. Zweitens hat der eine oder andere Autor dieses Blogs kräftig Öl ins Feuer gegossen. Und wer regelgemäß gegen Teile der Bevölkerung oder ganze Länder grob austeilt, der darf sich nicht wundern, wenn es genauso grob zurück kommt.

  • #9
    Wolfram Obermanns

    So leid es mir tut, aber Gerd zu widersprechen ist schwierig.
    Vor kurzem hatten die Ruhrbarone einen Artikel zur Thunberg, "Reduziert Greta nicht auf Ihr Asperger", war in etwa der Titel. An der Person G. Thunberg lässt sich nun ein gutes Stück weit der Schlamassel bezüglich der aktuellen Diskussionskultur veranschaulichen. Nämlich die Personalisierung der Debatte.
    Auf der einen Seite finden sich die Groupies der jungen Frau, auf der anderen die Hater. Die Konstellation gleicht der bei Helene Fischer oder Florian Silbereisen, nur daß es nicht um Geschmacksfragen geht.
    Bei einem Thema von außenpolitischer Qualität wie Thunbergs Aktionen sind mehr als eine Meinung das Soll. Eine banale Realität, die aber weder Deutschlands Leitmedien wie ZON oder SPON noch der ÖRR zu reflektieren wissen. Ob oder inwieweit G. Thunberg mit Asperger zu tun hat ist irrelevant. Relevant ist ihre korrekte Wiedergabe des Standes der Klimaforschung bei gleichzeitiger Ignoranz gegenüber allen weiteren z.B. wirtschaftlichen oder sozialpolitischen Implikationen. Eine Positionierung, die jeder Klimatologe und an Umweltfragen Interessierte genau so einnehmen darf. Genauso darf jeder ökonomisch Denkender seine Gegenposition definieren.
    Idiotisch wird es, sobald einer von beiden behauptet, weil mein Argument stimmt, ist Deins falsch. Hysterisches Gekeife wird das ganze, wenn die eigene Position obendrein mit endzeitlichen Erwartungen verknüpft wird. Dabei spielt es genau keine Rolle, wie begründet oder unbegründet der Katastrophenmodus ist.

    Hysterische Idiotie ist heute scheinbar der Goldstandard für die Währungen einer Aufmerksamkeitsökonomie, geprägt von einer ad hominem Inflation des Arguments, die beim Personenkult endet.
    "Ad hominem" ist zu Hochzeiten der Debattenkultur ein Synonym für "wertlos". "Authentisch" lautet heute die mediale Forderung und meint aber letztlich das gleiche.

    Kostenlose Medien mit wertloser Berichterstattung sind in diesem Zusammenhang zwar eine naheliegende Konstellation, eine Zwangsläufigkeit würde ich dennoch in Abrede stellen wollen, die Gehälter der Festangestellten sind dafür zu hoch. Denn wer zahlt den Preis?

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