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Die Grüne Partei will Blogger kaufen

OK. Die Überschrift ist hart. Sie ist reißerisch. Aber sie ist nichts weiter als zugespitzt. Und irgendwie wahr. Es geht um ein ethisches Problem. Wie weit dürfen Parteien gehen, um in relevanten Blogs aufzutauchen? Dürfen Sie sich Raum im geschriebenen Teil von Blogs kaufen? Ist das Schleichwerbung?

Seit gut fünf Jahren gibt es im professionellen Journalismus eine Debatte darüber, wie Journalisten in eigenen Reihen mit Korruption umgehen sollen. In Konsequenz der Debatte haben Verlage wie die WAZ oder Springer eigene Ehren-Codexe beschlossen. So dürfen keine Umsonst-Reisen mehr angenommen werden. Etwa wenn der Bundesminister für Verteidigung nach Afghanistan fährt. Denn, so die Befürchtung, die Unabhängigkeit der Gedanken könnte  zugunsten eines netten Trips in netter Gesellschaft flöten gehen. Doch die Grünen wollen dieses Denken offenbar durchbrechen und zumindest unter Bloggern wildern.

OK. Die Überschrift ist hart. Sie ist reißerisch. Aber sie ist nichts weiter als zugespitzt. Und irgendwie wahr. Es geht um ein ethisches Problem. Wie weit dürfen Parteien gehen, um in relevanten Blogs aufzutauchen? Dürfen Sie sich Raum im geschriebenen Teil von Blogs kaufen? Ist das Schleichwerbung?

Seit gut fünf Jahren gibt es im professionellen Journalismus eine Debatte darüber, wie Journalisten in eigenen Reihen mit Korruption umgehen sollen. In Konsequenz der Debatte haben Verlage wie die WAZ oder Springer eigene Ehren-Codexe beschlossen. So dürfen keine Umsonst-Reisen mehr angenommen werden. Etwa wenn der Bundesminister für Verteidigung nach Afghanistan fährt. Denn, so die Befürchtung, die Unabhängigkeit der Gedanken könnte  zugunsten eines netten Trips in netter Gesellschaft flöten gehen. Doch die Grünen wollen dieses Denken offenbar durchbrechen und zumindest unter Bloggern wildern.

In der ethischen Debatte wird heute schon über die bevorzugte Nähe zu Gesprächs- und Interviewpartnern diskutiert. Ob auch das als Bestechung ausgelegt werden kann. Soweit würde ich nicht gehen. Aber es ist sicher richtig, dass ein Journalist nicht fahren darf, wenn sich ein Verlag eine Reise nicht leisten kann. Sonst wird es kompliziert mit der Unabhängigkeit. Diese Erkenntnis muss man lernen. Auch als Reporter. Früher wurde das anders gesehen. Auch ich war da vor ein paar Jahren nicht so strikt drauf. Ich glaube, ich bin mal vor ein paar Jahren nach München zur Expo Real gefahren und der RVR hat bezahlt. Aber in der Debatte habe ich gelernt. Heute würde ich das nicht mehr tun. 

Ich will jetzt aber nicht die Diskussion aufreißen, ob Blogger Journalisten sind und sich an die gleichen ethischen Grundsätze halten sollten. Also an die Grundsätze der Meinungsunabhängigkeit und Unbestechlichkeit. Ich weiß auch, dass es viele Graubereiche gibt. Und die Grenze zwischen gut und böse nicht immer scharf zu sehen ist.

Aber eines gilt es fest zu halten: Blogger schaffen Öffentlichkeit in einem modernen Medium. Sie gelten als ehrlich und unbestechlich, da sie von unten kommen, nicht aus einer wie auch immer verbrämten Journalistenclique, sondern aus der Gruppe der freien Bürger, die ihre eigene Gegenöffentlichkeit schaffen.

Etliche Blogger teilen hart aus, wenn es um Fehler geht und Schleichwerbung. Zum Beispiel auf Bildblog.de

Das ist gut. Und ich will das nicht angreifen. Aber ich will etwas anderes angreifen.

Und zwar hat die Grüne Partei für ihren Bundesparteitag fünf Blogger eingeshoppt. Diese bekommen:

Anfahrtskosten (per Bahn) und Übernachtungskosten, Internetzugang während der Veranstaltung und den Zugang zum Pressezentrum sowie der Eröffnungspressekonferenz. Auf Wunsch wird versucht Hintergrundgespräche mit GRÜNEN Spitzenpolitiker/innen zu organisieren. Außerdem gibt es eine inhaltliche Betreuung durch Bundesvorstandsmitglied Malte Spitz

Dafür sollen die Blogger als Gegenleistung auf ihrer eigenen Seite und auf der Seite der Bundesgrünen über den Parteitag berichten.

Die Grünen wollten für diese Propagandaaufgabe nicht irgendwelche Blogger. Sie wollten gute Blogger. Blogger, die was drauf haben, die relevant sind. Die Grünen wollten keine Spinner.

Deswegen sollten sich die Blogger um die Anfahrtskosten, die Übernachtungskosten, den Internetzugang, den Zugang zum Pressezentrum, die Eröffnungspressekonferenz, die Hintergrundgespräche und die INHALTLICHE BETREUUNG durch Malte Spitz bewerben. Es heißt auf der Seite:

Bewerben können sich alle politisch Interessierten mit einem eigenen Weblog. Bekanntheitsgrad und politische Couleur spielen keine Rolle. Ausgewählt werden die interessantesten Bewerber/innen. Die Bewerbung sollte mit einem kurzen Motivationsschreiben begründet werden.

Ausgewählt wurden unter anderem zwei der Blogs, die ich sehr gut finde:  Der Pottblog und Coffee and TV.

Die beiden gehen offen mit ihrem Engagement für die Grünen um. Das finde ich gut. Ich glaube auch nicht, dass sie sich inhaltlich was vorschreiben lassen.

Aber geht es darum? Geht es darum, Ihnen etwas inhaltlich vorzuschreiben? Ich denke nein. Die Grünen wollen ihre Partei modern darstellen. Deswegen wollen sie in diese verdammten Blogs rein, die Obama so erfolgreich gemacht haben. Sie wollen ihren Staublangweiligen Parteitag in angesagten, ehrlichen und deswegen relevanten  Blogs platzieren. Mehr noch, sie wollen die Nummer inhaltlich betreuen und zielgruppengerecht in den für sie wichtigen Regionen platzieren. Oder warum werden zwei Leute aus NRW ausgewählt?

Die Grünen wollen ihre Mantra in der Blogger-Welt viral einspritzen. Diskussionen anregen und dazu noch die Blogger auf die eigene Seite lotsen, damit sie ihr Publikum auch dorthin mitbringen. So wird Parteiwerbung maximal im Netz gestreut. Und gleichzeitig die Grüne Partei als fortschrittlich, internetaffin, modern gelabelt.

Das ist in meinen Augen der Versuch der Grünen Schleichwerbung zu platzieren. Und für was? Für ein Bett, ein Butterbrot und ne Fahrt 2. Klasse.

Ich frage mich, ob hier von PR-Profis im Dienst der Grünen die Naivität von Blogger ausgenutzt werden soll, die nicht im Kurs der ethischen Debatte stehen. Die ihren Wert nicht kennen. Die sich auch noch freuen, wenn sie billig eingeshoppt wurden.

Natürlich kann sich ein Blogger eine Reise nach Erfurt nicht wie ein Verlag einfach so erlauben. Aber wenn er sich das nicht leisten kann, muss er sich dann den Trip ausgerechnet von den Leuten bezahlen lassen, die ihn inhaltlich betreuen wollen und über die er kritisch schreiben will?

Ich finde eine Diskussion über ethische Grundsätze unter Bloggern wichtig. ich weiß, es gibt sie schon ein paar Tage. Aber es kann nicht alles OK sein. Und wir müssen die Diskussion weiter führen. Ich weiß, es ist schwierig, mit bloggen Geld zu verdienen. Aber es gibt so viel schlimmes. Pro-Blogger, die für Geld für Coca Cola bloggen. Und so Sachen.

Leute, denkt doch nochmal drüber nach.

Denn sonst könnte es sein, dass der WAZ-Geschäftsführer Bodo Hombach recht hat, wenn er sagt, anders als in der Anarchie des Internets unterlägen klassische Medien einer gewissen Kontrolle und fühlten sich moralischen Kriterien verpflichtet. Die wichtigste Funktion der Medien bleibe auch in Zukunft "die Schaffung von Transparenz und dadurch die Kontrolle der Macht und der Mächtigen".

Mit Macht und Mächtigen sind auch die Grünen gemeint.

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57 Kommentare zu “Die Grüne Partei will Blogger kaufen

  • #51
    geby

    Auch wenn ich mir jetzt aus Bequemlichkeit nicht alle Kommentare durchgelesen habe will ich dazu mal eines sagen.

    Solange die Grüne Partei nur die Berichterstattung kauft und nicht die Meinung der Blogger, ist doch alles okay.

    Bezahltes bloggen ist doch vollkommen verbreitet und legitim. Das Thema, worüber Blogger bloggen ist vielleicht käuflich, die Meinung jedoch nicht.

  • #52
    Kunar

    Da ich durch einen Kommentar an anderer Stelle noch einmal für etwas Wirbel gesorgt habe, möchte ich noch als „normalsterblicher Leser“ auf diesen Eintrag eingehen. Was es mir so unheimlich schwer gemacht, auf den Denkanstoß hier anzuspringen, ist das Missverhältnis zwischen Überschrift und erstem Absatz. Hätte im ersten Absatz gestanden: „Die Blogger sind gekauft, da gibt’s kein Wenn und Aber“, hätte ich diese Meinung zwar nicht geteilt, sie aber unter „hart, deutlich, muss man akzeptieren“ eingeordnet. Würde die Überschrift in etwa „Grüne finanzieren Blogger – eine moralische Grauzone“ geheißen, auch gut. Ich finde es jedoch grauenvoll, wenn eine Überschrift da steht, die auf einen Skandal hindeutet, und dann im ersten Absatz gleich beschwichtigend zurückgerudert wird. Da fühle ich mich als Leser nicht ernst genommen. Für mich sieht das so aus, als ob man mir nicht zutrauen würde, dass ich auf einen weniger schrillen, abwägenden Artikel genauso (oder zumindest fast so gut) anspringen würde und dass mir das dumme, unreflektierte Extrem im Zweifelsfall lieber ist als die kluge Mäßigung. Ich möchte gerne, dass eine Überschrift hält, was sie verspricht, und nicht nur „irgendwie wahr“ ist.

  • #53
    David

    Hi Kunar,

    ich habe die Überschrift so gewählt, damit jeder sehen kann, wie man das, was die Grünen machen, interpretieren kann. Die Überschrift ist so gesehen ein Kommentar. Aber Sie ist mehr. Sie ist eine Konsequenz aus dem, was ich im Text beschreibe. In sofern rudere ich im Text inhaltlich nicht zurück, sondern versuche nur eine gemäßigtere Sprache zu finden, die es den Grünen leichter macht, meine Argumente zu begreifen.

    Du schreibst, die Überschrift ?Grüne finanzieren Blogger – eine moralische Grauzone? hätte Dir gepasst. Wenn der Text so bei Dir angekommen ist, dann habe ich meine Worte nicht mit bedacht gewählt.

    Ich meine, die Grauzone ist verlassen, die Grenzen sind überschritten, man kann in diesem Fall wieder schwarz von weiß trennen.

    Das Bloggerkaufen ist schwarz.

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  • #55
    Kunar

    Da das Thema wieder auftaucht, nutze ich die Gelegenheit, um auf David Schravens letzten Kommentar zu antworten: Wenn die Überschrift bewusst so gewählt ist, dann finde ich es umgekehrt falsch, im ersten Absatz darunter bestimmte Positionen als Fragen zu formulieren. Wenn man der Meinung ist, dass hier eine Grenze überschritten wurde, dann sollte es so lauten:

    „So weit dürfen Parteien nicht gehen, um in relevanten Blogs aufzutauchen. Sie dürfen sich nicht Raum im geschriebenen Teil von Blogs kaufen, denn das ist Schleichwerbung.“

    Diese Stringenz hätte mir das Lesen deutlich erleichtert. Vielleicht ist das nur Geschmackssache – bei mir kam der Text nicht gut an, weil er mir so hin und her erschien, obwohl den erklärenden Kommentaren nach doch eine eindeutige Position ausgedrückt werden sollte.

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