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Dortmund im NSU-Untersuchungsausschuss

Gebäude des NRW-Landtags in DüsseldorfIm parlamentarischen Untersuchungsausschuss zum NSU-Komplex im Landtag NRW steht heute erstmals der Mordfall in Dortmund auf der Tagesordnung. Zur Sitzung wurden Elif und Gamze Kubaşık geladen, die Ehefrau und die Tochter von Mehmet Kubaşık der in seinem Kiosk in der Nordstadt am 4. April 2006 erschossen wurde. Wir berichten aus den öffentlichen Sitzungen des Untersuchungsausschusses. Von Sebastian Weiermann und Alexandra Gehrhardt.

10:13 Uhr: Dem Ausschussvorsitzenden Sven Wolf kommen die Worte nur schleppend heraus, er bedankt sich sehr bei Elif Kubaşık für ihre Anwesenheit. Und bezeichnet den Mord als „abscheuliche Tat.
Elif Kubaşık erzählt, dass die Familie 1991 nach Deutschland kam und hier einen Asylantrag stellte. 2004 wurde der Kiosk in der Mallinckrodtstraße 190 eröffnet. Mehmet, Elif und Tochter Gamze Kubaşık führten das Geschäft zu dritt.

10:20 Uhr: Vorsitzender Sven Wolf fragt, wie Frau Kubaşık vom Tod ihres Mannes erfahren habe. Frau Kubaşık sei nicht im Kiosk gewesen, da ihre Schwester zu Besuch gewesen sei. Sie habe ihn ablösen wollen, sei aber zu spät dran gewesen. Sie habe ihren Mann einige Male ohne Erfolg angerufen. Auf dem Weg zum Kiosk habe sie einen Anruf einer Nachbarin erhalten, die von einer Menschenmenge am Kiosk sprach. Sie sei zum Laden gerannt, wo bereits Barrieren aufgebaut und viele Menschen anwesend waren.
Polizisten hätten verhindert, dass sie den Kiosk betritt, sondern sie sei direkt in die Ambulanz geführt worden. Dort traf sie ihre Tochter Gamze. Ein Zuständiger habe ihr dann gesagt, dass ihr Mann tot sei.
Nach fünf bis zehn Minuten seien Elif Kubaşık und ihre Tochter nach Hause gebracht worden. Sie habe gesagt „Die lügen, das kann nicht passiert sein. Wir haben mit niemandem Streit gehabt“, erzählt Frau Kubaşık.

10:25 Uhr: „Ich konnte nicht schlafen und ich konnte nicht glauben, was passiert ist“, berichtet Frau Kubaşık. Einen oder zwei Tage später seien die beiden Frauen von der Polizei mitgenommen und befragt worden. Mehmet Kubaşık wurde in der Türkei beerdigt. Dort erfuhr Elif Kubaşık aus der Zeitung, dass vorher bereits sieben Menschen ermordet worden seien. Zwei Tage nach dem Tod ihres Mannes sei die Wohnung mit Hunden durchsucht worden. Danach sei der Familie der „Stempel“ aufgedrückt worden, dass die Ermordung etwas mit Drogengeschäften zu tun habe.

10:29 Uhr: Eigentlich habe sie nicht bei der Polizei aussagen wollen, weil sie wütend gewesen war, dass die POlizei den Mord nicht verhindert hatte, obwohl vorher schon Menschen gestorben waren. Freunde hatten sie überredet, doch auszusagen. Von der Familie seien Fingerabdrücke und DNA genommen worden.
Sven Wolf fragt, ob Frau Kubaşık der Grund mitgeteilt wurde. Sie erinnert sich, dass diese mit Spuren im Geschäft abgeglichen werden sollten.
Wie oft sie befragt wurde, kann Frau Kubaşık nicht mehr sagen. Etwa zwei Jahre lang sei die Polizei immer wieder da gewesen.
„Sie haben viele Fragen gestellt zu den Personen, denen wir den Laden verkaufen wollten, viele Fragen zu unserer Familie“, so Frau Kubaşık.

10:35 Uhr: Auch ein Ersatzschlüssel am Schlüsselbund von Mehmet Kubaşık sei Thema gewesen. Es war ein Schlüssel für Parkplätze. Die Polizei habe gesagt, der Schlüssel gehöre zu einer anderen Wohnung. „Sie haben alle Verwandten von uns, die in Europa gelebt haben, untersucht.“ Die Polizei habe außerdem mitgeteilt, drei Bankkarten bei ihrem Mann gefunden zu haben. „Ich sagte ihnen, es gibt eine für den Laden und eine für uns, keine dritte.“ Ihr Mann hatte aber seine Geheimnnummer vergessen und darum eine neue Karte beantragt. Erst als Frau Kubaşık explizit darauf verwiesen hatte, die Karten zu vergleichen, habe die Polizei festgestellt das es sich um eine dritte Karte handelt, die zu den bekannten Konten gehört. Die Polizei habe nichtmal die Kontonummern verglichen aber Frau Kubaşık mit Vorwürfen konfrontiert.

10:38 Uhr: Die Familie habe bei einem Cousin, der in Frankreich lebt, Schulden gemacht. Es habe viele Fragen gegeben, wofür die Familie das Geld gebraucht hatte. Dazu wurde gefragt, mit wem Herr Kubaşık befreundet gewesen war, wohin er gegangen sei. „Die meisten Fragen gingen um die Familie.“ Weil die Familie aus dem Osten der Türkei kam, sei unterstellt worden, dass es dort viele Blutfehden gebe. Sie sei wütend geworden, „wir haben hier ganz normal gelebt, es gab keine Blutfehden.“

10:41 Uhr: Die Polizei habe von zwei Tätern gesprochen, einer mit Mütze und mit Fahrrad. Sie sei in den folgenden Jahren nicht viel herausgegangen, doch wann immer sie ihren Sohn in den Kindergarten gebracht und Menschen mit Fahrrädern gesehen habe, seien die Angstzustände gekommen.
Schlimm sei gewesen, bericht Elif Kubaşık, wie hässlich die Leute sie angeschaut hätten. Der Familie seien Drogengeschäfte unterstellt worden, ein Sohn in der Schule gemobbt.

10:45 Uhr: Zwei Monate nach Mehmet Kubaşıks Tod organisierte die Familie einen Marsch, zu dem auch die Angehörigen des in Kassel ermordeten Geschäftsmannes Halit Yozgat erschienen. Der Sohn sei in der Schule aggressiv geworden und habe sich mit anderen Kindern geschlagen. Ihre Tochter hatte gerade eine Ausbildung begonnen, sie aber wegen Angstzuständen abbrechen müssen. Sie habe nicht in die Schule gehen wollen, weil alle feindselig schauten. „Es gab niemanden mehr, der uns nett anschaute. Ich wollte nicht mehr auf die Straße, weil dann geflüstert wurde ‚Kennst du die? Ihr Mann ist umgebracht worden, weil…'“

10:54 Uhr: Was haben sie gedacht, als 2011 der NSU aufgedeckt wurde?, fragt der Ausschussvorsitzende.
Als sie von der Enttarnung des NSU 2011 erfuhr, war Elif Kubaşık gerade in der Türkei. Bei der Rückkehr nach Dortmund seien sehr viele Journalisten zur Familie gekommen. Drei Tage später seien drei Polizisten gekommen und sie habe sie gefragt „Wo wart ihr die ganze Zeit? Ich habe aus dem Fernsehen davon erfahren.Ihr hättet die ersten sein müssen, die mir erzählen, was passiert ist.“ Die Polizisten hätten geantwortet, dass sie da gewesen seien, Frau Kubaşık aber nciht angetroffen hätten.

11:00 Uhr: „Ich habe schon 2007 in einer Zeitung ein Interview gegeben und vermutet, dass es eine ausländerfeindliche Tat war“ erzählt Frau Kubaşık. Zur Polizei habe es zu dieser Zeit schon lange keinen Kontakt mehr gegeben.

11:03 Uhr: Nachdem herauskam, dass es die Nazis waren, seien ihre Ängste noch größer geworden. Immer, wenn die Kinder einmal später gekommen seien, habe sie sich Sorgen gemacht. „Ich war nach der Entarnung des NSU in einer Kur. Dort habe ich zwei Neonazis gesehen. Daraufhin hatte ich riesige Angst.“

11:06 Uhr: Sven Wolf fragt, wie Frau Kubaşık die Aussage der Hauptangeklagten Beate Zschäpe im NSU-Prozess aufgenommen habe. „Einfach ekelhaft. Sogar die Form, wie sie sich entschuldigt hat, war verletztend, und so, als wollte sie uns beleidigen.“ „Sie hat sich lustig über uns gemacht“, sagt Frau Kubaşık über Beate Zschäpe. „Ob man sie zeigt, ist etwas anderes, aber man müsste doch Reue spüren!“ „Es gibt nichts zu verzeihen.“
Auch die Anwälte der Hauptangeklagten habe sie zu Beginn des Prozesses als herablassend wahrnenommen, was sich aber später gebessert habe.

11:10 Uhr: Sven Wolf: „Ich habe keine Fragen mehr und mir fehlen ehrlich gesagt auch die Worte.“ Der Ausschussvorsitzende ist deutlich betroffen. Er wünscht Elif Kubaşık, dass sie die Ereignisse in der Zukunft einmal verarbeiten könne. Elif Kubaşık bedankt sich dafür, dass ihr der Ausschuss zugehört habe. Aber sie verlangt eine Aufklärung der Verbrechen. „Ich möchte gerne, dass es was bringt, dass ich hier bin. Ich möchte Aufklärung haben, auch in Details.“


11:23 Uhr:
Mehrere Ausschussmitglieder aller Fraktionen danken Elif Kubaşık und bekräftigen noch einmal das Ziel des Ausschusses, den Mord an Mehmet Kubaşık aufzuklären und zu verhindern, dass eine solche Tat noch einmal passiere und dass sich auch nicht wiederhole, was Familie Kubaşık im Nachhinein erleben musste. Elif Kubaşık bedankt sich für die Einladung. „Mein Bitte ist aber nochmal, dass die Fälle aufgeklärt werden, und dass die Nazis und die Aufmärsche, die sie veranstalten, nicht gehen. Dagegen muss man auch etwas tun.“ Und: „Sie sollen nicht denken, dass wir das Land verlassen. Wir sind ein Teil von hier.“

11:34 Uhr: „Ich bin stark, ich brauche keinen Schutz! Ich möchte Aufklärung, ich will nicht, dass andere Kinder ohne Väter aufwachsen müssen, so wie meine.“ Was Elif Kubaşık im NSU-Ausschuss sagt ist beeindruckend. Im Sitzungssaal herrscht eine drückende Stimmung. Mehrere Parlamentarier betonen, wie sehr die Berichte von Betroffenen wie den Kubaşıks oder den Angehörigen aus Köln ihnen auch emotional die Wichtigkeit der Aufklärung aufzeigen.
Der Bericht von Elif Kubaşık ist damit beendet. Nach einer kurzen Pause wird ihre Tochter Gamze ihre Erlebnisse schildern.

11.53 Uhr Der Ausschuss startet mit der Aussage von Gamze Kubaşık.

12:05 Uhr: Am 4. April 2006 sei sie nach der Berufsschule auf dem Weg zum Kiosk der Familie gewesen, als sie von Weitem die Absperrungen gesehen habe. Der Zutritt zum Kiosk sei ihr erst verwehrt und sie zu einem Polizeiwagen geführt worden. Ein Polizist habe ihr dann erzählt, was passiert war.
Als Mutter und Tochter nach Hause kamen, sei die ganze Straße voll mit Bekannten und Verwandten gewesen. Gamze Kubaşık und ihre Mutter hätten nicht geschlafen, am nächsten Morgen habe es die erste Befragung gegeben. Wegen der schlaflosen Nacht habe sie der Vernehmung nicht folgen können und kann nicht sagen, was sie geantwortet hat. An eine spätere Vernehmung kann sie sich gut erinnern: Ob der Vater Feinde hatte, ob sie wisse, dass er „was Kriminelles gemacht hat“, ob Frau Kubaşık die PKK kenne und von Verwicklungen ihres Vaters wisse, sei sie gefragt worden.
„Man hat mir an diesem Tag so vieles eingeredet, dass ich sagte, das ist nicht mein Vater.“ Sie habe ein Eindruck gehabt, dass man ihr nicht geglaubt hat. Hilfe sei ihr seitens der Polizei nicht angeboten worden.

12:10 Uhr: Am Anfang habe Familie Kubaşık wenig über die Motive für den Mord gesprochen, „weil viele andere darüber gesprochen haben“. Sie habe aber die Gerüchte nicht mehr hören wollen, sagt Gamze Kubaşık. Ihre Mutter habe dann gesagt, dass Rechtsradikale den Mord begangen haben müssen. Die Polizei habe dies ausgeschlossen, da es keine Beweise gegeben habe.

12:14 Uhr:
Im November 2011 habe eine Freundin sie angerufen und gefragt, wie es ihr gehe. Sie habe die Frage nicht verstanden, sodass die Freundin ihr sagte, sie solle den Fernseher anmachen. Dort erfuhr sie von der Enttarnung des NSU und begann Medienberichte zu lesen. Gamze Kubaşık habe dann ihre Mutter in der Türkei angerufen. Einige Tage später, nach der Rückkehr ihrer Mutter aus der Türkei, seien Polizisten vorbeigekommen und hätten beiden mitgeteilt, was diese schon wussten.

12:19 Uhr: Gamze Kubaşık und ihre Mutter haben guten Kontakt zur Familie Simşek und zur Familie Yozgat. Enver Simşek aus Nürnberg war das erste Mordopfer des NSU, Halit Yozgat in Kassel starb zwei Tage nach Mehmet Kubaşık. Die anderen Opferfamilien verstünden viel besser als andere Menschen, welches Gefühl das sei, erst selbst mit Verdächtigungen konfrontiert zu werden und dann zu erfahren, dass man das Opfer einer neonazistischen Mordserie ist.

12:25 Uhr: Sven Wolf fragt, welchen Eindruck Frau Kubaşık von den Entwicklungen im Münchener Prozess hat. „Natürlich hatte ich keine großen Hoffnungen darauf gesetzt, dass sie alles sagt, aber irgendwo wünscht man sich das. Für mich war das ein Schlag ins Gesicht, wenn die Person dann vor einem sitzt und nur lügt.“ Ob er hift, das zu verarbeiten? „Bevor der Prozess begann, habe ich große Hoffnungen hinein gesetzt. Das ist jetzt nicht so. Ich möchte Gerechtigkeit und möchte, dass alle bestraft werden, die daran schuld sind, dass mein Vater heute nicht mehr lebt.“ Damit schließt Sven Wolf die Befragung von Gamze Kubaşık.

12:31 Uhr: Ein Abgeordneter der CDU-Fraktion fragt, ob Gamze Kubaşık den Eindruck hatte, der Kiosk sei im Fokus von Neonazis gewesen. Er lag an der Mallinckrodtstraße zwischen zwei Gaststätten, die lange Zeit Treffpunnkt von Dortmunder Neonazis waren und heute wieder sein sollen. Gamze Kubaşık hatte keine Konfrontationen mit Neonazis im Kiosk. Auch der Besitzer der Gaststätte sei ein Bekannter, aus der Sicht von Frau Kubaşık handelt es sich nicht um einen Nazitreffpunkt.


12:35 Uhr:
Nachdem Mehmet Kubaşık in der Türkei beerdigt worden war, hätten bereits Gerüchte im Umfeld begonnen, dass der Vater mit Drogen gehandelt hätten. Die Nachbarn hätten das sehr schnell geglaubt. Mehmet Kubaşık sei schon schnell nach der Tat vom Opfer zum Täter gemacht worden. Daran habe auch die Polizei eine erhebliche Mitschuld, da sie zum Beispiel gezielt bei Nachbarn nach Drogen gefragt habe.

12:40 Uhr: Wie war die Opferbetreuung der Polizei in Dortmund? „Es kam nichts von alleine.“ Viel wäre der Familie einfacher gefallen, wenn die Polizei auf sie zugekommen wäre. Als die Familie nach Hilfe fragte, sei ihr allerdings geholfen worden, insbesondere eine türkischsprachige Beamtin – das sei bei anderen Familien laut Gamze Kubaşık nicht so gewesen.

12:45 UHR: Wurde sie ernst genommen? Die Polizei habe immer Druck gemacht, sie habe gedacht, dass man ihr sowieso nicht glaube, und sich auch schuldig gefühlt. Die Situation sei sehr unangenehm gewesen.
Die Vermutung, dass Rechtsradikale die Mörder sein könnten, sei von ihrer Mutter gekommen, erzählt Gamze Kubaşık. „Mein Vater hatte weder Feinde noch kannte er irgendwelche Leute, die zur Mafia gehörten.“ Vereine hätten sich um die Familie gekümmert, Polizei und Stadt Dortmund ihres Wissens nicht.

12:52 Uhr: Frau Kubaşık beginnt zu weinen. „Es ist schlimm genug seinen Vater zu verlieren. Aber uns wurde so viel kaputt gemacht.“ Jahrelang sei die Familie verdächtigt worden. Dass man uns den Stolz genommen hat, das war das Schlimmste für mich. Die Leute mochten meinen Vater. Mit den Gerüchten wurde das alles kaputt gemacht. Ich kann sagen, dass die Polizei dafür verantwortlich ist, dass man uns das Leben so schwer gemacht hat. Es hat nicht nur einer gesagt, das haben alle Nachbarn gesagt. Polizisten haben Jugendlichen auf der Straße Fotos von meinem Vater gezeigt und gefragt, ob er ihnen etwas verkauft habe.

12:55 Uhr: Die FDP fragt, ob Frau Kubaşık durch die Polizei, nach der Selbstenttarnung des NSU, Fotos von Dortmunder Neonazis gezeigt wurden. Dies war nicht der Fall.

12:56 Uhr:
Die Befragung ist beendet. Sven Wolf bedankt sich bei Frau Kubaşık. Diese bedankt sich beim Ausschuss für dessen Arbeit.

Wir beenden den Ticker. Am Freitag geht es ab 09:30 Uhr weiter.

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12 Kommentare zu “Dortmund im NSU-Untersuchungsausschuss

  • #1
    Walter Stach

    Vermutlich wird die Arbeit des NSU Untersuchungsausschusses im allgemeinen, vermutlich wird das, was er wegen des Mordes in DO aufklaeren kann, noch weniger die Gesellschaft in Deutschland interessieren als es die Mordserie als solche getan hat .

    Hier geht es um deutsche Taeter, nicht um Fremde, um Fluechtlinge.

    Hier geht es um Morde an Menschen mit Migrationshintergrund, nicht um Morde an deutschstaemmigen.

    Hie geht es um rassistisch motivierte Morde, nicht um Morde aus anderen Gruenden.

    Warum sollte sich davon die deutsche Mehrheitsgesellschaft nennenswert betroffen fuehlen.

  • #2
    Stefan Laurin

    @Walter Stach: Über den NSU-Prozess und die Arbeit der Ausschüsse wurde in den Medien breit berichtet. Zudem gibt es mehrere hervorragende Bücher zu dem Themenkomplex. Ich habe nicht den Eindruck, dass das Thema niemanden interessiert. Es ist nur nicht neu und läuft schon mehrere Jahre.

  • #3
    Helmut Junge

    Ergebnis einfacher Googlesuche nach:
    NSU-Prozeß findet 1.130.000 Ergebnisse
    NSU-Morde findet 399.000 Ergebnisse
    nsu morde spiegel online 114 000 Ergebnisse
    nsu morde Die Welt online 189.000 Ergebnisse

  • #4
    Klaus Lohmann

    Und weil dieses Thema nicht neu ist, seit mehreren Jahren läuft und trotzdem – unter einem zermürbendem Prozessverlauf mit allen Finten – nichts wirklich Greifbares, weder konkrete Geständnisse noch bewiesene Unschuld hervorbrachte, was den Angehörigen – wir lesen es ja grade – die so notwendige Gewissheit und Gerechtigkeit widerfahren lässt, kann es in der Öffentlichkeit leider den Eindruck erwecken, es würde ja sowieso nichts geklärt und es sei schon zuviel seitens der Behörden vertuscht worden, also sei das Ganze eher Zeitverschwendung.

    Deswegen ist es gut und notwendig, wenn zumindest hier über den Ausschuss *detailliert* weiter berichtet wird und wir die Hoffnung nicht begraben müssen, dass etwas dieser Arbeit zur echten Aufklärung beiträgt.

  • #5
    Walter Stach

    1.
    Stefan Laurin,
    1.1
    Ich teile Deine Aussage zu -2-: "Ich habe nicht den Eindruck, daß das Thema n i e m a n d interessiert".
    Es hat durchaus viele Menschen interessiert , und es interessiert auch heute noch immerhin einige

    1.2
    Nach meiner Wahrnehmung über das OB , das Wie und das Wann der Berichterstattung und der Kommentierung in den Printmedien wurden Berichterstattung und Kommentierung nicht annähernd der Dimension und der gesellschaftlichen Relevanz der rassistisch motivierten Morde gerecht-begangen in Deutschland , begangen von Deutschen, begangen an Deutschen mit Migrationshintergrund.

    (Ich rede hier nicht von der Quantität einschläger Netzaktivitäen und schon gar nicht von deren Qualität. )

    Mit dem, was ich wahrgenommen habe, läßt sich -jedenfalls zum Teil- erklären, warum in der Mehrheitsgesellschaft in Gänze, aber auch in ihren kleinteiligen Bereichen -in der Nachbarschaft, im Sportverein, am "Stammtisch", in der Kirchengemeinde, in den Ortsvereinen der Parteien, der Gewerkschaften- die NSU-Morde bestenfalls beiläufig erwähnt wurden. Und im Regelfall "in meinem Umfeld" meistens durch mich und ohne in der Regel die Bereitschaft zu erkennen, sich dem Thema in einer Diskussion stellen zu wollen. Dieses Verhalten hat mich an das Verhalten der Mehrheit der Deutschen nach 1945 erinnert, wenn sie angesprochen wuden, auch durch mich persönlich,wegen…………….

    Es mag ja sein, daß ich mit dieser meiner Wahrnehmung und mit ihrer Wertung völlig daneben liege, weil ich mich möglicherweise stets außerhalb dessen bewegt habe und bewege, was gemeinhin als "das gesellschaftliches Leben" gilt.

    Klaus Lohmann,
    meine Wahrnehmung -und die mag ja einmalig sein-bezog sich primär auf die Zeit unmittelbar nach dem Bekanntwerden von Täter und Taten. Sie findet jetzt – verständlicherweise, nachdem lange Zeit vergangen ist- ihren Niederschlag in einer öffentlichen Gleichgültigkeit, die mir zu denken gibt.

    Meine kritische Anmerkungen unter -1- stehen nicht in Widerspruch zu Deiner Feststellung, nach der es sinnvoll -und geboten?-erscheint, wenn zumindest hier bei den Ruhrbaronen ,so wie es geschieht, über die Sitzung des Ausschusses informiert wird; im Gegenteil

    Letztendlich bleibt es der Wahrnehmung eines jeden überlassen, ob er meint, die Gesellschaft habe sich -getragen, angeregt durch Berichterstattung und Kommentierung in den Medien- in Quantität und Qualität hinreichend mit den NSU-Morden -mit den Taten, mit den deutschen Tätern, mir ihren Motiven, mit den dafür gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen, mit einschlägigem Staatsversagen, mit den Ermordeten und ihren Familien zur "Genüge befaßt", und zwar fähig und willens zu einer erkennbare und spürbaren selbstkritischen Reflektion.

    Dass "man" meine diesbezüglich Wahrnehmung nicht teilt, überrascht mich ganz und gar nicht.

    Ich weiß um die Kritik, wenn ich dann und wann , so auch jetzt,die Gelegenheit nutze, das Tun oder das Unterlassen, das Ob und das Wie medialer Berichterstattung und Kommentierung sowie Art und Ausmaß öffentlicher Empörung auch dann gezielt zu erfassen und zu bewerten versuche, wenn politisch Verwerfliches oder gar strafrechtlich Relevantes in Deutschland -nicht im Ausland-, durch Deutsche- nicht durch Fremde- und gegenüber in Deutschland lebenden Menschen mit Migrationshintergrund geschieht bzw. geschehen ist und wenn ich bei meiner Bewertung die "moralische Meßlatte" anzulegen versuche, die nach meiner Wahrnehmung regelmäßig dann angelegt wird, wenn "im Ausland", wenn "durch Fremde" in Deutschland, , wenn "gegenüber Deutschstämmigen"………..

    Dass diese Kritik mich dann "als Nestbeschmutzer" dastehen lassen kann, nehme ich wie die Kritk selbst zur Kenntnis; keineswegs als etwas "Ehrenrühriges", im Gegenteil.
    Und in der teilweisen Aufregung darüber, wenn ich bezogen auf "moralische Prinzipien" und auf "deren Beachtung bzw. Mißachtung" durch die Mehrheitsgesellschaft von Scheinheiligkeit und Scheinheiligen spreche, sehe ich ehe eine Ermutigung, nicht ene Entmutigung für solche gelegentlichen kritischen Einwürfe, kritische Fragestellungen und provozierende Wertungen durch mich -jetzt und hier bezogen auf die NSU-Morde, bezogen also "auf rassistisch motiverte Morde seitens deutscher Staatsbürger an deutschen Mitbürger mitten in Deutschland".

  • #6
    Walter Stach

    Passend in der Sache zum Bericht aus Düsseldorft die Berichterstattung von Gisela Friedrichsen bei SPIEGEL ONLINE zur Vernehmung von Ralf Wohlleben heute im NSU-Gerichtsverfahren.

  • #7
    Sebastian Weiermann

    Meine lieben, was ich tatsächlich sehr seltsam finde ist wie wenige Menschen von offiziellen Stellen sich aktiv für das Thema interessieren und sich beim PUA aus erster Hand informieren. Wo sind die Stadt, Gewerkschaften und Kirchen, die in Sonntagsreden die "abscheulichen Taten" verurteilen? Hätte es nicht einem Dortmunder OB gut zu Gesicht gestanden anwesend zu sein um zu zeigen das er sich für das Schicksal der Kubasiks interessiert?
    Oder einem Hartmut Anders-Hoepgen der die städtischen Antirassismus Programme koordiniert?
    Auch aus der Zivilgesellschaft war fast niemand da. Nur eine Handvoll junger Menschen die mir von Antifa Demonstrationen bekannt sind saßen im Saal uns waren sichtlich erschüttert über die Berichte der beiden Frauen.

    Ein anderes Thema wären noch einzelne Kollegen, denen es nur um O-Töne aus der Familie ging. Das die Situation für die beiden Frauen sehr belastend ist und das sie danach nicht noch unbedingt Fragen beantworten wollen scheint bei denen nicht angekommen zu sein.

  • #8
    Walter Stach

    " Man könnte deshalb auch fragen:
    Welche Rolle spielt die mitteleuropäisches Herkunft der Täter?
    Oder: Gehört Gewalt gegen Andersdenkende und Andersaussehende so sehr "zu unserer Kultur", dass sie von vielen nicht als Skandal empfunden wird?
    Denn der große Aufschrei blieb bislang aus".

    Dieses Zitat paßt zu meinem kritschen Hinterfragen des für mich "von Anfang an bis heute" ausgebliebenen Aufschreies der Gesellschaft in Deutschland angesichts der der Morde des NSU.

    Das o.a. Zitat bezieht sich jedoch nicht auf die NSU-Morde, sondern auf das Ausbleiben eines Aufschreies nach dem jüngsten Straßenterror (rechtsradikaler)Deutscher im Leipziger-Stadtteil Connewitz, eine Terroraktion, die in der TAZ als Quasiprogrom bezeichnet wird. -TAZ vom 14.1.2016, S.12 Kommentar von Daniel Bax "Ein Quasiprogrom, kein Aufschrei".

    (Was wäre in den Medien, in der Gesellschaft los, wenn dieses Quasiprogrom von Fremden, von fremdaussehenden Menschen begangen worden wäre?).

    Ich wiederhole mich, wenn ich sage, daß ich mit diesen und anderen einschlägigen und schon mehrfach gemachten Bemerkungen nicht einen einzigen Gewaltakt von nichtdeutschen Menschen erklären oder gar rechtfertigen oder gar entschuldigen will. Meine hier relevanten Bemerkung sind zudem keine Kritik an den Medien, an der Gesellschaft, wenn diese jeden Gewaltakt gegen Menschen und gegen Sachen aufgreifen, anprangern, sich drüber erregen/aufregen.

    Meine Anmerkungen sind nur meiner Wahrnehmung geschuldet, nach der Verstöße gegen moralische Grundsätze unserer Gesellschaft und Verstöße gegen geltendes Recht immer dann, oftmals nur dann zum "größtmöglichen öffentlichen Aufschrei" führen oder dazu gemacht werden, wenn die Täter "als Fremde, als fremdländisch aussehende, als sich "fremdländisch verhaltene Menschen" ausgemacht werden oder als ausgemacht gelten.
    Mich macht das nachdenklich. Mich veranlaßt das zu kritischen Fragen , wie u.a. oben unter -1-geschehen.

    Kann mich in meiner Wahrnehmung total irren? Die Möglichkeit des Irrtumes und das Recht auf Irrtum reklamiere ich auch für mich.

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