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Ein Mann bedauert – Adolf Sauerland über Politik, Recht und Moral

Duisburgs Oberbürgermeister ergreift im Vorfeld des Jahrestages der Loveparade-Katastrophe das Wort. Manche wollen eine Entschuldigung gehört haben. Sie kennen Adolf Sauerland nicht.

Adolf Sauerland

Es geht auf den Jahrestag der Loveparade-Katastrophe zu. Zeit des Erinnerns. Spiegel TV hatte schon letzten Sonntag auf RTL ein Special dazu gebracht, und nächsten Mittwoch bringt Das Erste den Beitrag Die letzte Loveparade der WDR-Autorin Eva Müller, die OB Adolf Sauerland fast ein Jahr lang mit der Kamera begleitet hatte. Das ZEITmagazin veröffentlicht heute vorab einige Interviewpassagen. Das öffentliche Echo ist enorm, besonders hierauf:

Müller: „Hatten Sie am Anfang das Gefühl, wenn ich mich dafür entschuldige, werde ich automatisch dafür verantwortlich gemacht?“
Sauerland: „Ja, bis hin zur juristischen Verantwortung, die man daraus ableiten wollte und dies hat dann dazu geführt, dass man sprachlos wird.“
In der WDR-Lokalzeit Duisburg lässt sich dieser Fetzen Stadtgeschichte auch als Videomitschnitt betrachten. Hat er sich nun entschuldigt, wie der Westen gestern etwas flott vermeldet hatte, oder vielleicht doch eher nicht, wie die Duisburger WAZ heute in ihrer Printausgabe fragt? Auf Radio Duisburg höre ich, dass Sauerland hofft, so könne er „seine damalige Situation deutlich machen“.
„Aber vielleicht, und das ist nur ein kleiner Trost, kann die Aufarbeitung zeigen, hinter welchen Bedingungen ich damals stand und was ich selbst rational dort leisten konnte und was schwierig war“, räsonierte der Bedauernde im WDR-Interview. Sehen wir einmal von der Frage ab, was Adolf Sauerland selbst rational leisten kann und wie schwierig das für ihn ist. Denn für nichts und niemanden ist daran etwas tröstlich. Nicht einmal „ein kleiner Trost“. Was soll das auch?! Ein Plädoyer auf mildernde Umstände?
Und doch. Sauerlands Selbstreflexionen über die Bedingungen, „hinter“(!) denen er damals stand, machen zwar „seine damalige Situation“ nicht deutlicher, geben aber einen deutlichen Einblick in die Motivlage seines Handelns. In den Tagen und Wochen nach der Tragödie, als Duisburgs Oberbürgermeister bei öffentlichen Auftritten den Eindruck partieller Unzurechnungsfähigkeit hinterlassen hatte, quälte ihn das Gefühl, juristisch verantwortlich gemacht werden zu können.
Deshalb diese unsäglichen Erklärungen, die von Betroffenen wie Beobachtern als Zeichen schlimmer Gefühllosigkeit gewertet wurden. Deshalb kein Wort, wie man es von einem Stadtoberhaupt in einer solch dramatischen Situation hätte erwarten können. Deshalb all die Ausflüchte, die auch beim einfachen Duisburger Bürger ein Gefühl tiefster Scham hinterließen. Nur deshalb.
Doch auch wenn schon sehr schnell von allen Seiten auf den Unterschied zwischen politischer Verantwortung und strafrechtlicher Schuld aufmerksam gemacht wurde, kann Sauerlands Verhalten in den ersten Tagen danach m.E. keineswegs als ein Einbruch rationaler Leistungsfähigkeit gewertet werden. Spätestens jetzt nicht mehr.
Sauerland hält es offenbar für geschickt, neben der politischen und der juristischen eine dritte Kategorie der Verantwortung in die Debatte einzuführen: die der „moralischen Verantwortung“. So auch die Überschrift in seiner ihm stets treu zugeneigten Duisburger Lokalredaktion der Rheinischen Post (RP), der er jetzt ebenfalls ein Interview gegeben hat .
„Moralische Verantwortung“ – das klingt edel, hochanständig und ist so folgenlos wie nix. Politische Verantwortung bedeutet Rücktritt, juristische Verantwortung bedeutet Knast, aber moralische Verantwortung bedeutet: „Mein Gott, was geht es mir schlecht!“
Ansonsten: in der RP die gleiche Linie, dieselbe Diktion und eine identische Terminologie wie im WDR: „Und ich habe auch nicht immer die richtigen Worte gefunden. Ich bedauere, dass ich nicht schon am Tag nach dem Unglück moralische Verantwortung übernommen habe.“
Nun also bitte, noch einmal die Frage: hat er sich nun entschuldigt oder nicht? Sehen wir uns also dieses seiner halbamtlichen Hauspostille entnommene Zitat im Zusammenhang an! Dass niemand sage, es sei aus dem Zusammenhang gerissen. Sauerland leitet ein mit: „Ohne das Geschehene zu vergessen, blicke ich jetzt nach vorne, und die Verwaltung tut es auch. Ich habe in den Tagen nach der Katastrophe mich sicherlich nicht so verhalten wie zu normalen Zeiten.“ Kein Kommentar.
Dann folgt das – häufig als Entschuldigung interpretierte – Zitat. Also noch einmal: „Und ich habe auch nicht immer die richtigen Worte gefunden. Ich bedauere, dass ich nicht schon am Tag nach dem Unglück moralische Verantwortung übernommen habe.“ Und dann der Hammer: „Aber ist das vor dem Hintergrund dieses Unglücks wirklich verwunderlich?“ Adolf Sauerland über Adolf Sauerland.
Wilhelm Klümper, der stellvertretende Chefredakteur der WAZ, findet in seinem lesenswerten Kommentar, Sauerlands „Entschuldigung“ käme „zu spät“. Klümper legt Sauerlands Eingeständnis offen, „dass ihn Kalkül davon abgehalten hat, unmittelbar nach der Katastrophe eine angemessene Haltung der menschlichen Demut einzunehmen.“ Zu spät? Vielleicht kommt Sauerlands Selbstbezichtigung gerade zum richtigen Zeitpunkt. Zum Jahrestag der Katastrophe. Als Unterstützung für sein Abwahlverfahren. Sauerland hatte den Zeitpunkt gewählt.
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16 Kommentare zu “Ein Mann bedauert – Adolf Sauerland über Politik, Recht und Moral

  • #1
    Arnold Voss

    Die Klebe wegen der man nicht von seinem Posten loskommt dringt über kurz oder lang unausweichlich auch ins Hirn, und das ganz unabhängig davon, wie intelligent man ist.

  • #2
    Mehr als drei Fragezeichen

    Wie jeder andere auch kann sich Adolf Sauerland nicht selbst entschuldigen, sondern nur um Entschuldigung bitten. Hierfür hat er nach meiner Einschätzung den richtigen Zeitpunkt längst verstreichen lassen.

  • #3
    Caro

    „Ein Mann bedauert“
    Ja, sich selbst. Und dafür braucht er ein Jahr? Das neue Abwahlverfahren hat wohl für diese Erleuchtung gesorgt.
    Er hat es geschafft. Er hat das Jahr ausgesessen. Die Pension ist sicher.

  • #4
    Frank

    Sich bei den Hinterbliebenen eines tödlichen Versagens nicht zu entschuldigen mit dem Hinweis auf evtl. juristische Konseqzenzen… tiefer gehts nicht.

  • #5
    Creana

    um es kurz zu machen:
    die tragik besteht in toten und verletzten…der segen darin, dass diese horrorveranstaltung endlich ein für alle mal vom tisch ist!

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  • #7
    Katharina

    Sauerland: “Ja, bis hin zur juristischen Verantwortung, die man daraus ableiten wollte und dies hat dann dazu geführt, dass man sprachlos wird.“

    „dass MAN sprachlos wird“ Welcher MAN ist hier gemeint?

    Warum nicht: „dass ich ICH sprachlos wurde“ ??????????

    ER lädt tausende junge Leute zur Loveparade ein und geht vorher 1 Woche in Urlaub. Läßt seine Mitarbeiter dieses schwierige Projekt stemmen.

    ER sagt, daß die Raver selbst schuld sind.
    Greulich(Stadtdirektor) geht trotz 21 Tote in Urlaub, Gerste ebenso.
    und und und……………………..
    21 tote Kinder/Jugendliche, über 500 Verletzte.
    ER kann kein Mitgefühl aussprechen, keine Entschuldigung, keine Hilfe
    für alle DIREKTBETROFFENEN. NICHTS , nichts kommt von ihm.

    Und der Film soll zeigen, wie schwer ER es hatte.

    Er hat immer noch nichts gerafft. Er kapiert es nicht.
    Egozentrisch wieder nur bei sich.

    Fast möchte ich den Film nicht sehen.

  • #8
    Arnold Voss

    @ Creana #5

    Wollen sie damit sagen, dass die vielen Toten und Verletzen letztlich einen Sinn haben? Dass das sowieso mal so kommen musste? Und dass sie damit eigentlich ganz zufrieden sind, weil sie sich immer schon gewünscht haben, dass diese Tanz-Veranstaltung „endlich ein für alle mal vom tisch ist“?

    Dass wir eigentlich den Leuten dankbar sein sollten, deren Versagen zu den Toten und Verletzten geführt hat, weil das endgültige Aus der Loveparade ein „Segen“ für uns alle ist?

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  • #10
    Beate

    Wenn ich durch Oberhausen fahre sehe ich viele Schilder vor öffentlichen Bauvorhaben „Gefördert mit Mitteln aus dem Konjunkturpaket II“. In Duisburg sehe ich nirgends Vergleichbares. Oberhausen , Bottrop , Gelsenkirchen, … haben sich sehr gewandelt und wurden immer attraktiver für junge gut ausgebildete Arbeitnehmer und viele innovative Unternehmen.
    Was sich auch im Vergleich der Arbeitslosenzahlen zeigt.
    Unter Sauerland wurden die Arbeitslosen in Beschäftigungsgesellschaften versteckt.
    Die Verdoppelung der Schulden der Stadt hat nicht zu mehr sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen geführt.
    Der Landschaftspark Nord ist auf Dauer nicht mehr zu finanzieren.
    UND NIE NIEMALS SIND DORT 900.000 Besucher im Jahr.
    Erinnert das jemand an die gigantischen gemeldeten Besucherzahlen zur Loveparade?

    Wenn Duisburg Glück hat, bekommt die Stadt einen fähigen Oberbürgermeister aus einer anderen Stadt.

    In Duisburg sehe ich niemanden, der für dieses Amt befähigt wäre.

  • #11
    allemachtdendrähten

    Vieleicht sollten auch mal die Parteien im Rat sich der Verantwortung stellen, geschlossen von ihren Mandaten zurücktreten und so den Weg zu Neuwahlen freimachen. Wenn #10 nur den OB in der Verantwortung sieht, so sehe ich alle in diesem Boot. Alle Parteien im Rat haben sich für die Live Parade stark gemacht, aber nach dem Drama natürliche jegliche Verantwortung von sich gewiesen. Klasse kann man da nur sagen, der oberste Hütchenspieler wird verhaftet, aber die Zocker dürfen bleiben.

  • #12
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  • #14
    Katharina

    Habe die Ratssitzungen als Zuhörer besucht
    Mit einem eigenem Plakat: „Die Rote Karte für den Duisburger Stadtrat.“
    1.x Zusammen mit jungen Leuten, denn es ging um´s Djäzz.
    Das Plakt wurde akzeptiert. Der Rat schwieg.
    2.x Alleine mit Plakat.
    Der Rat schwieg nicht.
    Herr OB Sauerland monierte das Plakat. Entweder mußte ich das Plakat
    verschwinden lassen oder gehen.
    In einer Gruppe junger Menschen war ich geschützt, das Plakat durfte bleiben.
    Alleine wurde ich angemacht.
    Das ist Demokratie im Duisburger Rathaus !
    Für mich ist das Rathaus ein „RATLOSENHAUS“.

    Ich gehe in ein Konzert (Eintritt frei, Stefan), sitze ganz hinten in der letzten Reihe.
    Sehe mich um und sehe den OBERBÜRGERMEISTER der Stadt Duisburg ganz hinten in der letzten Reihe sitzen.

    Das Konzert ist zu Ende und bevor alle Zuhörer aufstehen und gehn,
    schleicht der OBERBÜRGERMEISTER der Stadt Duisburg mit 2 Männern rechts und links an der Seite aus der Kirche raus ins Auto und weg.

    Ohne Kommentar

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