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The war is over – homeopathy won.

Der Krieg um Homöopathie (Symbolbild/ Quelle: Sören / Flickr / cc-by-sa)

Der Krieg um Homöopathie (Symbolbild/ Quelle: Sören / Flickr / cc-by-sa)

Debatte – Seit Jahrzehnten kämpfen wir Skeptiker, Freunde des wissenschaftlich-kritischen Denkens gegen die Homöopathie in Deutschland an.

Meine steile These: lasst es, wir haben verloren!

Homöopathie wirkt nicht besser als ein Placebo. Es gibt keinen Weg auf dem Homöopathie medizinisch wirken kann – ausser des Placeboeffekts. In vielen homöopathischen Produktion ist nichts – ausser Zucker. Alle drei Aussagen sind wahr. Ich werde hier nicht, wie in solchen Artikeln sonst üblich, das nun mit Dutzenden von Quellen und Studiendesign zu belegen suchen. So ein Artikel soll das nicht werden.

Es soll ein Denkanstoß werden – an die Menschen, mit denen ich den Versuch teile, wissenschaftlich-kritisches Denken in die Welt zu tragen und dort zu verankern und zu verbreitern. Ich hoffe auf eine rege Diskussion unter diesem Artikel.

Also: ein echter Mehrwert der Homöopathie ist nicht erkennbar. Sie ist nicht ganzheitlich. Sie ist nicht wissenschaftlich. Sie ist nicht evidenzbasiert. Sie alleine heilt keine Krankheit. Und trotzdem sage ich: wir sollten nicht mehr gegen sie ankämpfen. Wieso? Bin ich denn plötzlich von jeder Vernunft abgefallen. Ich behaupte, dass nicht.

Der Kern liegt für mich darin, dass wir, wissenschaftlich denkende Menschen, lange Zeit schlicht verpasst haben, unwissenschaftlich fühlende Menschen abzuholen, zu begeistern, statt zu überzeugen, zu erreichen, statt zu belehren. Homöopathie ist ein Glaubenssystem. Mit allem was dazu gehört: Dem Religionsstifter und Erleuchteten Samuel Hahnemann, religiösen Organisationen wie der Carstens-Stiftung, religiösen Orden, die bestimmte Interessen innerhalb der Religion vertreten, wie dem Deutschen Zentralverein homöopathischer Ärzte [ja, ist ein Widerspruch in sich – das kümmert Gläubige aber eben nicht], es gibt Hohepriester wie Professor Harald Walach, und es gibt Missionierungschapter wie Homöopathen ohne Grenzen. Was aber einer der wichtigsten Punkte ist, es gibt, wie bei jeder Religion, Gläubige, die mitunter glauben, einer Ratio zu folgen, aber in Wirklichkeit kritikimmunisiert sind – wie dies bspw. auch dem katholischen Dogmatiker oder dem muslimischen Islamgelehrten eigen ist.

Wir haben lange versucht, diese Menschen mit Argumenten zu erreichen. Das war falsch. Die so eben Beschriebenen sind ebenso wenig mit Fakten zu überzeugen wie der Evanglikale, der an eine 6000 Jahre alte Erde glaubt, durch den Hinweis auf Dino-Skelette. Religion ist ein Anker, eine Heilserwartung, eingebettet in ein Set von Verhaltensregeln, geeignet Unsicherheit durch Orientierung aufzuheben – so das Bild des Gläubigen. Was geben wir diesen Menschen? Wieso sollten sie uns zuhören? Weil wir sie als „Eso-Spinner“ beschimpfen? Weil wir ihnen Sicherheiten in ihrem Leben nehmen wollen? ‚Aber, aber, aber – WIR HABEN RECHT! UND WIR MÜSSEN DIE MENSCHEN SCHÜTZEN!‘ höre ich einige bis hierher lauthals denken. Wir schützen aber keinen Gläubigen. So einfach ist das. Weil dem Gläubigen egal ist, was wir sagen, weil wir sagen, was wir sagen und weil wir es sagen, wie wir es sagen.

Wir haben es bisher versäumt, den Menschen ein gutes Gefühl zu geben. Auch, weil viele, die von skeptischer Seite diesen Krieg fochten, kein gutes Gefühl mit Gefühlen haben. Sie rümpfen die Nase bei Emapthie, wollen nicht auf Menschen zugehen, sondern sie konfrontieren, sehen die reine Lehre durch eine vermeintliche „Boulevadisierung“ (gemeint ist ein menschengerechter Zugang zu Themen) verwässert, verfälscht, verunreinigt. Dabei übersehen sie, hoffentlich übersehen sie es, und machen es nicht bewußt, dass sie nur noch Zuspruch von einer Seite erhalten: der eigenen Peer-Group. Preaching the converted – Schulterklopfdebatten – man kann es nennen wie man will. Das einzige, was sicher ist: so bleibt der Status Quo nur erhalten. Und der ist eben die Homöopathisierung unserer Gesellschaft.

Nun kann man einwenden: Religionen verlieren an Zulauf. Wieso will ich also einen Kampf als verloren geben, der sich gegen eine Religion richtet? Weil die Homöopathie etwas hat, was sie zu einer besonderen Religion macht: sie rechnet sich ökonomisch.

Das Zauberwort in diesem Kontext ist „Binnenkonsens“. Diese gesetzliche Regelung entbindet die Homöopathie von der Notwendigkeit eines Wirknachweises – anders als Medikamente und Arzneimittel, die eben einen solchen im Rahmen klinischer Studien erbringen müssen. Damit wird die Homöopathie zur Goldgrube für Unternehmen, die ihren Zucker veredeln wollen. Forschungskosten: Null. Und parallel werden die Mitbewerber auf dem Markt durch gute Lobbyarbeit als „böse Pharmaindustrie“ gegeisselt. Apropos ‚gute Lobbyarbeit‘  – dieser ist zudem zu verdanken, dass Ärzte, die Zucker als Arznei verkaufen, einen geldwerten Vorteil davon haben. Und es gibt nur einen Ort, an dem der Homöopathie-Gläubige seine Droge kaufen kann: die Apotheke. Ein sehr paradoxer Ort, wenn man genau darüber nachdenkt. Denn während durchaus wirkende Drogen, wie Bier oder Zigaretten, nicht dort zu erhalten sind, wird eine wirkfreie Droge, im Sinne: Substanz, nur dort verkauft – versehen mit möglichst schwierig klingenden lateinischen Namen. Das Ganze ist Teil des Erfolgskonzepts: erst durch den Verkauf in der Apotheke wird der Zucker in den Augen der breiten Bevölkerung zum Arzneimittel geadelt, gleichsam transformiert, die lateinischen Namen tun ihr übriges. Arnika D12, im Supermarkt treffend in der Backmittelabteilung zwischen Zucker und Mehl eingeordnet, würde profan eingehen.

Den Apothekern wiederum kann man keinen Vorwurf machen. Natürlich gibt es auch unter ihnen Gläubige, aber wir dürfen nicht übersehen, dass dieser Glaube leicht anzunehmen ist, wenn ich dadurch meine Miete und die Gehälter meiner Mitarbeiter bezahlen kann. Ähnlich wie Tankstellen, die ihre Gewinne nicht beim völlig überbesteuerten Kraftstoff erwirtschaften, brauchen viele viele viele Apotheken das Geschäft aus dem Verkauf des überteuerten Zuckers – und wenn ich dann als Dealer auch noch an die Wirkung glaube: um so besser für die eigene Psychohygiene.

Belegte Wirkstoffe in Homöopathie

Belegte Wirkstoffe in der Homöopathie

Schauen wir auf einen weiteren großen Spieler auf dem Gesundheitsmarkt, ist das skeptische Geheul meist besonders laut: die Krankenkassen. Wie können Sie es wagen, Homöopathie zu finanzieren? Wieso wenden sie sich nicht der Evidenzbasierung zu? Weil sie nicht dumm sind. So einfach ist das. Zwar ist der Gesundheitsmarkt kein echter Markt, und den gesetzlichen Krankenkassen (GKV) verboten, miteinander in echte Konkurrenz zu treten, doch ist erkennbar, dass die GKV gerne Menschen haben, die wenig krank sind. So wie die jungen Menschen, die meist ziemlich gut verdienen, und bei denen es zum Milieu-Gefühl gehört, gegen die Pharmaindustrie ™ und für Ganzheitlichkeit (c) zu sein, und Zuckerkügelchen in sich und ihre Kinder hineinzustopfen. So befriedigen sie, neben der religiösen Kompente den Wunsch des Alternativen sich gegen das System ™ aufzulehnen. Und eben jene YOLO-Hipster-Hippies wollen die GKV an sich binden. Weil es sich rechnet.

Den Gesundheitsmarkt entweder zu einem echten Markt zu machen, oder ihn komplett zu verstaatlichen, könnte dieses Problem lösen – wo der Autor dieser Zeilen einer Verstaatlichung nur dann etwas abgewinnen kann, wenn sie sich auf Pleitebanken bezieht – aber davon ein anderes Mal. Aber auch hier: wer hat ein Interesse daran?

Sicherlich nicht die Politik, die längst verstanden hat, dass Homöopathie bei vielen Wählern ein positives Gefühl auslöst. Und in einer Politik, die es meist vermeidet, Inhalte anzugehen, ist das beste, was dir als Politiker passieren kann, gute Gefühle auszulösen. Und der Wähler gutiert es. Und die Fachexperten in den Ministerien schweigen.

Wir erleben das in NRW doch seit Jahren aus erster Hand. Unsere Gesundheitsministerin, der ich gerne und oft mit Spott begegne, da sie als Gäubige ja sowieso auf Kritik nicht reagiert, Eso-Babsi, erdreistet sich auf einem ‚Kongreß‘ auszuführen, dass wir eine neue Wissenschaft bräuchten, wenn die bisherige Wissenschaft nicht in der Lage sei, Belege für die Wirksamkeit von Homöopathie zu präsentieren. Applaus. Kein Widerspruch. Neue Wissenschaft FTW!

Die einzigen Menschen, die wir noch erreichen könnten, sind diejenigen, die verunsichert sind, die Schwangeren, die nach einer ungefährlichen Lösung von Schmerzen suchen, die Verzweifelten, die keine Heilung ihrer Krankheit finden, die Unsicheren, die nicht wissen, was für ihre Kinder gut ist. Hier könnten wir ansetzen. Mit Verständnis. Mit offenen Ohren. Mit Menschlichkeit. Mit warmen, nicht zeigefingerschwenkenden, Tipps. Wir tun es nicht.

Ich fasse zusammen: Homöopathie nutzt allen, die sich zum Homöopathie-Glauben bekennen. Die einen haben den Nutzen, den eine Religion, mit sich bringt, die anderen einen harten ökonomischen Nutzen, und dritte einen, der in Zuspruch besteht. Diese drei Nutzen vermengen sich. Wir wissenschaftlich-kritische Menschen haben zwar Recht, das war es aber auch schon. Wir haben zu lange verpasst, uns dort und auf eine Weise Menschen zu nähern, wo wir hätten punkten können. The war is over – homeopathy won.

Ich sage dies durchaus mit einem Anflug von Bitterkeit, aber nicht mit überbordender Resignation. Wenn etwas funktioniert, mach mehr davon – wenn etwas nicht funktioniert, mach etwas anderes.  Dies sollte unser Motto sein. Wir sollten uns den Schlachten widmen, die noch un-entschieden sind, dort nicht die Fehler wiederholen, die wir im Kampf gegen die Homöopathie gemacht haben. Denn wir Menschen ™ lieben Wissenschaft.
Wir lieben unsere Klimaanlagen, unser Internet, unsere Kopfschmerztabletten. Schlagen wir andere Schlachten, und gewinnen wir diese!

Was die Homöopathie angeht, sind wir in einer solch asymmetrischen Situation, dass uns nur der Guerilla-Kampf bleibt. Und zu diesem hat schon Guevara richtig ausgeführt, dass man in dieser Kampfform zwar dem Gegner Niederlagen beibringen kann, aber ihn nie besiegen können wird. Dafür brauchen wir zunächst Raumgewinne in anderen Bereichen.

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78 Kommentare zu “The war is over – homeopathy won.

  • #51
    Rolf Wagels

    #36 Ja, und dann wurden Möglichkeiten gefunden, Fakten zu zu überprüfen und siehe: Die Erde ist gar nicht rund. Und bei der Homöopathie ist die Faktenlage ja nun mal klar. Das ist ja untersucht, im Gegensatz zur flachen Erde und den Hexen, als diese noch als Fakten angesehen wurde. Und das Ergebnis dieser Untersuchungen ist klar: Keine Wirkung über den Placeboeffekt hinaus.
    Grüße
    Der Rolf

  • #52
    Rainer Möller

    Der Fehler war wohl der, dass man nicht glaubwürdig mit den "Opfern" der Homöopathie sympathisiert hat. Ich hatte nie den Eindruck, dass es in erster Linie darum geht, diesen Opfern zu helfen oder sie zu "retten". Und auch jetzt noch werden da ziemlich künstliche Konstruktionen aufgestellt: #5 die mit Zuckerkügelchen verwöhnten Kinder müssen gerettet werden, denn sie könnten ja dann später zu Drogen u.ä. greifen. Also wenn das das Problem sein soll … dann doch lieber die Nebenwirkungen des Impfens oder den verfrühten Einsatz von "harten" Antibiotika kritisieren.

    Ich sage das übrigens ohne Häme. Den gleichen Fehler hat nach dem Ersten Weltkrieg die Friedensbewegung gemacht, der ich ja nahestehe – sehr authentisch, wenn es darum ging, die bösen "Militaristen" zu bekämpfen; weniger authentisch, wenn es um Hilfe oder Rettung oder einfach Sympathie für Kriegsopfer ging. Und deshalb hat sie große Teile der Bevölkerung (der potentiellen Kriegsopfer) gar nicht erreicht.

  • #53
    Diaphanoskopie

    Auch wenn ich Dir über weite Teile folgen kann, teile ich Deinen Schluss nicht. Mit dem Hinweis, dass das, was ich jetzt sage meine Meinung ist und ich keine Evidenz dazu vorweisen kann außer meiner Erfahrung, versuche ich, Dir zu widersprechen.
    Ich denke unsere Arbeit trägt Früchte. Ein Zeichen sind kritische Artikel in bekannten Medien (wie hier schon erwähnt wurde). Ein anderes Zeichen ist das, was Du als Zeichen der Niederlage wertest. Homöopathie ist besser sichtbar weil wir sie ans Licht gezerrt haben. Wer heute Homöopathie nimmt steht eher unter Rechtfertigungsdruck. Kaum jemand kann der Kritik an der Homöopathie entgehen. Dieser Tatsache begegnen Lobbyvereine mit Kampagnen, die die "systematisierte Magie" in höchsten Tönen loben. Ihre Verbreitung wird hinausposaunt und eine Umfrage nach der anderen Veröffentlicht. Treibende Kraft ist die pure Angst vor dem Verschwinden in die Bedeutungslosgkeit. Um in Deinem Bild zu bleiben halte ich das für Rückzugsgefechte. Aufgrund des hohen Grades an kultureller Verankerung wirkt die Homöopathielobby stärker als sie ist. Es handelt sich um einen Scheinriesen. Ich denke, wir sollten weiter machen! Nicht jedoch ohne unsere Methoden zu hinterfragen und zu überlegen, wie wir noch mehr erreichen können.

    Wie wäre es mit einem Angriff auf den Binnenkonsens? In meiner juristischen Naivität stelle ich mir das so vor:
    Wir gründen einen Verein von Menschen die sich einer Therapieform verschrieben haben. Zum Beispiel Astrohydroradionik: Mithilfe eines Teleskops wird ein Stern fokussiert, der im Sternzeichen des jeweiligen Patienten steht. Je nach Symptom wird der richtige Stern vorher per Pendel bestimmt. Mit dem Licht des Sterns wie eine kleine Menge Wasser bestrahlt (oder beschienen, es gibt zwei Lager unter den Astrohydroradionikern) und die heilende Kraft auf das Wasser übertragen.
    Die Behandlungsergebnisse der Astrohydroradionik entsprechen denen der Homöopathie. Trotzdem wird das Verfahren nicht anerkannt, die Homöopathen ganz eindeutig bevorzugt. Somit werden Astrohydroradioniker und Astrohydroradionikerinnen in ihrer freien Berufswahl eingeschränkt. Daher fordert der Verband für Astrohydroradionik die Aufnahme der Methode in den Binnenkonsens oder dessen Abschaffung.

    Man wird ja noch mal träumen dürfen…

  • Pingback: Neue Heilmethode | diaphanoskopie

  • #55
    Thies C. Arntzen

    #51 Hallo Rolf. Ich anerkenne, dass die Wissenschaft auf deiner Seite ist. Nur macht das in der Diskussion einen Unterschied? Die Welt wäre so schön einfach, wenn wir für alles eine oberste Instanz hätten, die über richtig und falsch entscheidet. Viele Menschen (mich eingeschlossen) nehmen die Wissenschaft "über" den Glauben (ich bin nicht gläubig). Und viele andere Menschen tun das nicht.

    Ich sage, dass wie solange wir darauf beharren Menschen (oder eine Gruppe von Menschen) ins Unrecht zu setzen (ganz egal wie gut die Argumente dafür sind) wir niemals wirklich in Beziehung zu diesen Menschen sein können _und_ (nur mal so als Idee) wir auch die Uneinigkeit in der Welt halten (“What you resist, persists” ― C.G. Jung)

    Bei der Religion haben wir es in Deutschland ganz gut (und ohne Krieg – was für ein schreckliches Wort) geschafft, miteinander zu leben. Wie wäre es, wenn wir auch Menschen für die Globuli eine Hilfe ist akzeptieren? Und ich sage akzeptieren, nicht tolerieren.

  • #56
  • #57
    Somaro

    Jetzt ist nur die Frage, warum überhaupt? Habt ihr die Befürchtung, dass die Homöopathen eines Tags die Weltherrschaft übernehmen und die wirtschaftlichen Standards unterwandern werden? Ernsthaft?!

    Menschen, die sofort zurückgekrochen kommen, wenn ihre Kügelchen irgendwie nicht mehr helfen wollen? Menschen, die zu Homöopathen gehen, die im Zweifel lieber einen echten Arzt empfehlen, damit sie nicht wegen unterlassener Hilfeleistung verklagt werden?

    Ihr könnt nicht jeden retten, das nennt man natürliche Auslese. Der Bestangepasste überlebt.
    Lasst die Homöopathen doch einfach machen. Versucht lieber einen Impfzwang durchzusetzen, damit die Homöopathie-Fans nicht noch alle anderen einem unkontrollierbaren Risiko aussetzen.

    Und ansonsten: Leben und Sterben lassen.

  • #58
    excanwahn

    Bullshit, geschätzter Sebastian Bartoschek, es ist Bullshit!

    Wir haben den Krieg gegen die Homöopathie bisher nicht verloren und wir werden ihn nicht verlieren.

    Die Homöopathie – als pharmakologische Therapie – hat nichts zu bieten: Nach 3 Tagen mit infernalischen Schmerzen wegen eines bröckelnden Molars, feuert jeder noch so überzeugte Homöopath seine Globuli in die Tonne – und tritt beim verhassten Schulmediziner an.

    Und wenn der überzeugte Homöopathie-Anwender dereinst vor der Frage steht, ob er seinem Homöopathen glauben soll, der das Versagen der Zuckerkugel-Therapie mit „Erstverschlimmerung“ erklärt, oder dem Notarzt, der ihn vor die Wahl stellt, sofort eine wissenschaftsmedizinische Therapie in Anspruch zu nehmen, und wenn nicht, die notwendigen Dinge auf der Welt endgültig zu regeln und sich zu verabschieden, dann habe ich keine Zweifel, wie diese Entscheidung gefällt wird.

    Dass sich derzeit, mit Blick auf die Verbreitung der Homöopathie, einem skeptischen Geist der Eindruck vermittelt, nicht eine einzige kritische Anmerkung zur Homöopathie hätte auch nur irgendeine Wirkung auf den Kreis der Anwender, mag ja sein, aber das liegt möglicherweise nur an der Erwartungshaltung des Skeptikers, seine Darlegungen müssten sofort, stehenden Fußes, zu einem Verschwinden der Homöopathie im Orkus der Geschichte führen.

    Das ist zwar – angesichts der offensichtlichen Insuffizienz des Verfahrens – eine begründete Erwartungshaltung, nur vergisst man dabei, dass die Zuwendung zur Homöopathie eben nicht auf präzisem Wissen basiert, sondern ausschließlich aufgrund der persönlichen „Bedeutungszuschreibung“ des jeweiligen Nutzers erfolgt, und die wird natürlich davon beeinflusst, welches Bild durch Therapeuten, durch die Marketing-Abteilungen der „alternativen“ Pharma-Industrie, durch die Medien und natürlich auch über das soziale Umfeld vermittelt wird.

    Wir wissen mittlerweile doch recht genau, welche psychologischen und sozialen Mechanismen und Bedingungen, verbunden mit diversen kognitiven Fehlleistungen dazu führen, irrationale Denksysteme als der rationalen Erkenntnis gleichwertig anzusehen.

    Wir wissen auch, wie, also mit welchen Methoden der Manipulation, und durch wen diese irrationalen Denksysteme „befeuert“ werden, und wir wissen, wie wirkmächtig die Komponenten der Talmi-Therapie Homöopathie sind.

    Es müsste sich, seitens der Skeptiker, schon längst die Einsicht eingestellt haben, dass die Strategie der vergangenen Jahre, die Theorie der Homöopathie im Detail zu sezieren und dabei immer und immer wieder Unfug festzustellen, als „einzige“ Strategie nur wenig Erfolgsaussicht hat.

    Wenn beispielweise Martin Lambeck oder die Herren Bruhn, Wieland und Keck in bestechender Argumentation nachweisen, dass die Herstellung homöopathische Hochpotenzen im Grunde nicht möglich ist, weil ab einem bestimmten Maß an Verdünnung, durch die kaum zu ermessenden Mengen an Fremdbestandteilen im Lösungsmittel, bei jedem weiteren Potenzierungsschritt trotzdem wieder das identische Kuddelmuddel an Stoffen hergestellt wird, dann ist das möglicherweise überzeugend für den, der sich mit Chemie auskennt, vor dem Rechnen mit Potenzen nicht zurückschreckt, und, vor allem anderen, weiß, wie Herstellung von Homöopathika „technisch“ funktioniert.
    Das sind nicht viele, eher wenige, eher sehr wenige.

    Claudia Witt hat in ihrer Forschungskarriere nicht viele Erkenntnisse hinterlassen, die der Erinnerung wert währen. Eine Einsicht der gescheiterten Beglauberin der heilsamen Zuckerkugel sollten wir jedoch nicht vergessen: „Eigene Erfahrungen zeigen jedoch, dass sowohl Patienten als auch Medizinstudenten oft nicht zwischen Phytotherapie und Homöopathie differenzieren. Dies könnte die hohen Prozentzahlen (der Homöopathie) für Deutschland erklären (…)“

    Das bedeutet schlicht, dass die technische Diskussion des Unsinns an vielen Homöopathie-Gläubigen vorbeiläuft – vermutlich, weil diese sie nicht interessiert, möglicherweise auch, weil sie überfordert.

    Ähnlich verhält es sich mit der Diskussion über die Aussagekraft wissenschaftlicher Studien zur Homöopathie. Auch hier dürfte die technische Diskussion den Normalbürger, der üblicherweise von Statistik genauso wenig Ahnung hat, wie von den Besonderheiten wissenschaftsmedizinischer Studien, völlig überfordern.

    Nehmen wir als Beispiel die Meta-Analyse von Robert Mathie, die im letzten Winter von Skeptikern atomisiert wurde, nachdem sich homöopathischen Propheten/Profiteure wie Michael Teut (der bei Claudia Witt gelernt hat, wie man Studien homöopathiegerecht gestaltet und selbst Fragwürdiges als der Weisheit letzten Schluss verkündet) oder die ehemals designierte akademische Leiterin der Seifenblase „Homöo-Akademie Traunstein“, die Heilpraktikerin Anja Wilhelm, schon anschickten, „Mathie et al“ als das zukünftige Mantra der homöopathischen Sehnsüchte zu verbreiten.

    Teut kam auf seinem Blog „Informationen zur Homöopathie“ zu der Schlußfolgerung: „Es wird hier methodisch fundiert belegt, dass die bisherigen Studien zur individualisierenden Homöopathie einen Therapieeffekt aufweisen, der den sogenannten Placeboeffekt übersteigt. Die Arbeit legt somit nahe, dass es eine spezifische Wirkung homöopathischer Arzneimittel gibt. Zwar weist diese im Vergleich zu Placebos nur einen kleinen zusätzlichen Effekt auf, dieser ist jedoch statistisch signifikant.“

    Für den durchschnittliche Homöopathen reichen die Buzzwords: „Therapieeffekt, der den sogenannten Placeboeffekt übersteigt“, sowie „statistisch signifikant“. Der durchschnittliche Homöopathe hört an dieser Stelle auf zu lesen. Es geht ja nicht um Erkenntnis, es geht um die Bestätigung des Glaubens.

    Und genau an dieser Stelle müssen wir über die zuküntige Strategie, den Plan B in der Auseinandersetzung mit der Homöopathie nachdenken.

    Das Ziel der Aufklärung über die Homöopathie muss meines Erachtens zukünftig darin bestehen,

    – über die gegenseitige Bestätigung irrationaler Überzeugungen im Rahmen der Interaktion zwischen Klient und Heiler auzuklären, also die Mechanismen von Selbst- und Fremdtäuschung nachvollziehbar zu identifizieren;

    – die Manipulationen der alternativen Heiler aufzuzeigen, mit denen der durchweg gutgläubige, aber doch auch naive Klient konsequent für dumm verkauft wird;

    – zu beschreiben, wie mit den drei Säulen der Verdummungspraxis – „Uneinlösbare Heilsversprechen“, „Extraordinäre Ätiologie“, und „Suggestionen der Selbstbestimmheit“ – dem Klienten zum einen die Existenz einer Parallelwelt mit anderen Gesetzmässigkeit vorgegaukelt wird, zum anderen mit seinen psychischen Bedürfnissen mißbräuchlich umgegangen wird;

    – nachzuweisen, dass sich hinter der Magical-Mystery-Tour der Alternativheilerei eben nicht mehr verbirgt, als profane Geschäftemacherei, die zynisch und widerwärtig vor allem deshalb ist, weil sie von vorneherein nicht in der Lage ist, ihre Verpflichtungen zu erfüllen.

    Was m. E. weiterhin notwendig ist, ist eine Änderung der Tonlage und der Wortwahl in der Diskussion – besonders im Umgang mit den „professionellen“ Vertretern der Branche.

    Ein homöopathischer Arzt ist nicht jemand, der nur seinen therapeutischen Horizont erweitert hat, sondern jemand, der sich von den Grundlagen seiner Profession soweit entfernt hat, dass die Berufsbezeichnung „Arzt“ nicht mehr berechtigt ist.

    Der DZVHÄ ist keine honorige Standesvereinigung, sondern ein Verein von Ärzten, die samt und sonders ein Problem mit ihrer Weltwahrnehmung haben – und letztlich eine Gefahr für ihre Patienten darstellen, weil man davon ausgehen muss, dass sie nicht mehr in Lage sind, Sinn und Unsinn in der Medizin voneinander unterscheiden zu können.

    Genauso wenig seriös sind Lobby-Truppen wie die Carstens-Stiftung. Sie, die Stiftung, hat die Unredlichkeit zum Geschäftsprinzip erhoben, weil sie in ihren Publikationen nicht nur äußerst selektiv mit dem umgeht, was sie beispielweise zur Homöopathie weiß, und gegebenfalls auch gezielte Desinformation betreibt, vor allem aber keine Konsequenzen aus dem zieht, was sich durch den selbstgewählten Auftrag der Erforschung alternativer Heilverfahren an Einsichten ergibt.

    Davon, dass die pharmazeutischen Unternehmen, die den Markt der uneinlösbaren Versprechnungen mit Gaga beliefern, nichts anderes machen, als mittels unsinniger Rituale medizinisch unsinnige „Arzneien“ herzustellen, und diese mit aufdringlichem Marketing – oder besser mit dreisten Lügen – unters Volk zu bringen, davon müssen wir garnicht erst reden.

    D.h., doch, davon müssen wir reden. Ganz unbedingt.

    Wir müssen immer wieder erwähnen, dass, nur mal als Beispiel, der französische Homöopathie-Riese Boiron sich in den USA mit Millionenbeträgen mit Patienten verglichen hat, die Boirons Versprechnungen im Zusammenhang mit dem homöopathischen Grippemittel Oscillococcinum tatsächlich für bare Münze genommen haben.

    Was wir ebenfalls ab und zu erwähnen müssen, ist die Geschichte vom Fritzsche Claus, den eine exquisite Auswahl von Vertretern der deutschen Gaga-Pharmazie nicht zuletzt dafür bezahlt hat, Kritiker von Homöopathie & Co gezielt zu diskreditieren. Und das in einer Branche, die sich ihrer angeblich im Übermaß vorhandener Menschenliebe rühmt…

    Worauf ich hinaus will, dürfte klar sein: Wir haben gezeigt, dass die Homöopathie (und ihre diversen Ableger) nicht funktionieren kann.

    Als nächstes mussten wir zeigen, wie der Eindruck entsteht, dass Homöopathie & Co doch funktioniert. Ich denke, dass wir da mittlerweile ganz gute Aufklärungsarbeit leisten – nur braucht´s ein wenig, bis sich diese Argumentationen umfänglich verbreiten.

    Jetzt steht an, die vornehme Zurückhaltung aufzugeben, und sich auf die Propheten und Profiteure zu konzentrieren, sich mit Namen zu beschäftigen, das homöopathische Netzwerk zu identifizieren, die Propaganda zu entzaubern und zu zeigen, wie primitiv im Wonderland Homöopathie mit Ideen, Bildern und Assoziationen manipuliert wird.

    Das Ganze wird von uns Skeptikern mehr verlangen, als zum hundersten Male zu erklären, dass eine C30 eine Verdünnung bedeutet, bei der Lösungsmittel im Volumen von Milliarden Galaxien benötigt wird, aber die Arbeit wird sich lohnen.

    Ulrich Berger hat recht, wenn er schreibt: „Das Stimmungsbild dreht sich langsam. Man braucht Geduld. Der "Krieg" ist noch lange nicht vorbei. Und wir werden ihn gewinnen.“

  • #59
    Jörg W.

    ich habe mir erlaubt, meine Gedanken dazu gleich in einen eigenen Blogbeitrag zu gießen:
    http://www.diewahrheit.at/blog/the-war-will-go-on

    Zur Kritik am Vorgehen der Skeptiker: Ja, sicher nicht immer optimal, oft vielleicht sogar furchtbar. Aber ich sehe schon auch viele gute und unterschiedliche Ansätze. Schon allein meine Versucher reichen von polemischen Videos bis zu möglichst empathischen Gesprächen 😉

  • #60
    2xhinschauen

    Nein Somaro, man muss in der Tat keinen Volljährigen vor der Sebstschädigung beschützen, dieses paternalistische Nudging lehne ich ab, Aber Therapiebedürftige und Schutzbedürftige mit Kügelchen zu gefährden, muss unterbunden werden. Hier endet der Liberalismus. Nicht die Homöopathie ist gefährlich, sondern die Homöopathen und deren Lieferanten.

    Ich teile Excanwahns Meinung, dass wir die rationale Argumentation ausdehnen können und müssen, ganz im Sinne meines ersten Absatzes – lasst uns nicht die Opfer bekämpfen, sondern die Täter.

    Nur meine ich, dass das nicht reicht, Wir können nicht verhindern, dass Menschen sich verführen lassen, aber wir könnten die Anzahl der Verführbaren reduzieren. Wir können nicht die Motivationsstruktur der Verführer niederringen, aber deren Anzahl. Dahin zielen meine Vorschläge für schulischen Denkunterricht, ein MPI Für Aufklärung und Philosophiepflichtscheine.

    Und nein, wir haben noch nicht verloren, aber wir werden auch nicht "endgültig" gewinnen. Wir müssen aber die Linie halten und wir sollten versuchen, sie vorzuverlegen. Jedes IGS wurde und wird durch ein anderes ersetzt, schon deshalb ist Aufgeben keine Option.

    p.s. Sebastian, danke für die Provokation und an Bernd Harder, dass er das bei der GWUP verlinkt hat. Positionsbestimmung, Selbstprüfung, Selbstvergewisserung … wichig, gut! Wird es eine Strategiedebatte geben? WIrd sie Folgen haben? Das Heulen muss doch mal aufhören ….

  • #61
    Jens König

    #53
    Genial! Aber !!! einmal den falschen Stern angepeilt, und Du bist verstrahlt. Ich meine, "Radionik" sagt doch alles. Das ist kurz vo Radionukular. 😉
    Genau, das war es, was ich mit "Heilzauberei" meinte. Es gibt noch gar nicht genug anerkannte Scharlatenerie. Jede Krankenkasse sollte irgendeinen Betrag für beliebige unbeweisene Heilverfahren übernehmen, Rechnung vom Zauberer, Hexe, Homöopath und auch Astrohydroradioniker werden bezahlt. Wir gurgeln einfach mit isländischem Elfenwasser, hauptsache, es hilft (gefühlt).
    Erst wenn jeder Vollmurks bezahlt und die Kosten vergesellschaftet werden, wird der ganze Irrsinn vielleicht auch für den letzten erkennbar. Dann können wir vielleicht wieder wissenschaftlich vorgehen und Leute mit Krankheiten (ob echt oder eingebildet) ordentlich heilen.

    Bei erneutem Nachdenken komme ich zu der bösen Ahnung: Auch das wird nicht das Ende der Scharlatanerie sein. Danke auch an #58 für die deutlichen Worte, da ist wohl doch der bessere Weg aufgezeigt als mit Eulenspiegelei noch mehr Unsinn zu treiben.

  • #62
    Norbert Aust

    So, und was jetzt?
    Diskussion beendet. Schön wars, mal wieder was Schlaues zu sagen gehabt zu haben, aber jetzt ist wieder Business as usual?

    Sebastian schrieb in #8 ‚wir machen es nicht systematisch, richten unsere Strategien nicht danach aus‘. Ja, haben wir denn überhaupt eine Strategie? Ich denke eher nicht. Wir haben viele Aktivisten, aber jeder macht das, was er für richtig hält bzw. was er glaubt am besten zu können. Und das für sich alleine. Wir sind eine Gruppe Einzelkämpfer, locker organisiert und verbündet, und stehen – um im Bild zu bleiben – wohl organisierten und gut finanzierten Armeen gegenüber, die im Detail vielleicht unterschiedlich ticken, aber im Großen und Ganzen ein Ziel verfolgen.

    Ich habe die Beiträge dieser Diskussion einmal gesichtet und versucht ungefähr die Ansatzpunkte herauszufiltern, was man weiter tun könnte. Manches ist sicher eher etwas wolkig, anderes vielleicht schon etwas konkreter, aber immerhin stehen da über ein Dutzend nachdenkenswerte Ansatzpunkte:

    – unwissenschaftlich denkende Menschen abholen und begeistern
    – verunsicherte Menschen erreichen und informieren
    – Gefühle der Menschen nicht vernachlässigen
    – Information der Mehrheit über Anforderungen an Nachweise
    – Mehr Zeit und Empathie für den Patienten in der konventionellen Medizin
    – Abschaffung der Zusatzbezeichnung ‚Homöopathie‘ bei den Ärzten
    – Abschaffung der Apothekenpflicht bei den Homöopathika
    – Homöopathie raus aus den Universitäten
    – Phantasievolle Aktionen z.B. neue Pseudomedizin erfinden
    – leicht zugängliches Informationsportal zur Homöopathie schaffen
    – aggressiveres Vorgehen – negative Seiten der Homöopathie benennen
    – Abschaffung der Kostenübernahme durch die gesetzlichen Krankenkassen
    – Position einfacher und verständlicher rüberbringen
    – Diskreditierung von ‚inkompetenten Hobbyheilern‘
    – In Kindergärten, Schulen und Akademien / Universitäten aktiv werden
    – Finanzierung von Aktionen erschließen
    – Erkenntnistheorie als Pflicht für alle Studenten
    – Über Vorgehensweisen und Mauscheleien der Alternativmedizin informieren

    Wie macht man das jetzt konkret? Was hat die beste Aussicht auf einen Erfolg? Was wäre denn überhaupt als Erfolg zu sehen?

    Und wer macht jetzt was? Bis wann?

    Warum versuchen wir nicht auch, uns zu organisieren und unsere Aktivitäten zu bündeln? Diese Liste eventuell zu erweitern ? Die einzelnen Punkte zu konkretisieren? Einen Aktionsplan zu vereinbaren, auf den wir unsere Aktivitäten ausrichten?

    Warum setzen wir uns nicht zusammen und werden gemeinsam aktiv? Gründen ‚Homöopathiekritiker ohne Grenzen‘ oder so etwas?

    Wie wäre es, wenn man beispielsweise im nächsten Frühjahr in Freiburg zu einem solchen Workshop einladen würde? Wer hätte Interesse? Welche anderen Organisationen (Humanisten, Konsumentenbund etc.) könnte man dazu einbinden?

    Es reizt mich kolossal, diesen Anstoß von Sebastian jetzt nicht einfach versanden zu lassen!

  • #63
    Sebastian Bartoschek Beitragsautor

    Lieber Norbert Aust,
    ja, wir sollten daraus was konkretes tun. Allerdings: vor Ende August werde ich es schlicht nicht schaffen, Energie da rein zu stecken. Mein Vorschlag: vielleicht mögen ja andere vorarbeiten und ich stoße dann hinzu?

  • #64
    Norbert Aust

    @Sebastian: ich wollte mir gerade den Schuh dazu anziehen.

    @Alle: Was denkt Ihr, wie könnte man ein solches Projekt starten und welches Interesse besteht daran überhaupt?

  • #65
    Rolf Wagels

    Moin
    Sehr gute Idee. Ich fand das hier eine äußerst gute Diskussion und würde mich freuen, wenn wir daraus etwas ableiten könnten. Ich kann mir auf jeden Fall Mitarbeit vorstellen, wenn auch zeitlich sehr eingeschränkt (Der frischgeborene Sohn, der Hausbau, Tourneen und ein normaler Job schränken leider etwas ein 😉 ).
    Grüße
    Der Rolf

  • #66
  • #67
    2xhinschauen

    @Sebastian, das Zeitproblem haben sicher viele, mich eingeschlossen. Aber wir sind auch viele, sehr wahrscheinlich mit Kompetenzen in allen benötigten Feldern und überall in der Republik. Das hat Chancen, wenn man diese Leute organisiert kriegt, und das wiederum ist auch "nur" eine Kompetenz von vielen, die man benötigt.

    @Norbert
    >> Es reizt mich kolossal, diesen Anstoß von Sebastian jetzt nicht einfach versanden zu lassen!
    Gleichfalls, danke dafür, ich dachte immer, das wird nie was…. aber Freiburg: Die längstmögliche Durchschnittsanreise. Wobei, ist aber wirklich schön da!

    Ich würde deiner Liste das "Anwenden geltenden Rechts2 hinzufügen (Heilmittelwerbung, Wettbewerb, evtl StGB/Betrug) … dem "Skeptiker" nach verfolgt man das in Hamburg gerade mit Verbraucherschützern zusammen.

    – – – –

    Mal ins Eingemachte: Ich bin weder Kampagnen- noch Medienprofi (haben wir aber sicher irgendwo unter uns) noch Unternehmer, aber ich denke mal laut, wie man das konzeptionell angehen könnte.

    Erstmal das Design. Norberts Liste sind Maßnahmen = zweite Priorität. Zuerst legt man fest, was die Ziele sind (gegen was/wen geht man vor und woran messen wir den Erfolg) und was die Ressourcen sind: Zeit, Geld, Expertise, Aufmerksamkeit, Kanäle… man beachte, dass politisches und publizistisches Gehör keine Ziele sind (bzw. nur am Anfang), sondern Ressourcen!

    Danach (zweitens) kommt einerseits "wie erreiche ich das" (der Maßnahmenkatalog) und andererseits "wie krieg ich die Ressourcen zusammen".

    Die dritte Ebene ist die Nachhaltigkeit, d.h. wie ist die Governance, wenn mir ein Ziel abhanden kommt (z.B. durch Erreichung) oder eins dazukommt (plötzlich war MMS da) und wie halte ich das ganze auf der Ressourcenseite dauerhaft am Fliegen.

    Das alles zu organisieren ist die Führungsaufgabe. Und natürlich braucht man eine Verfassung/Satzung, und sei sie (erstmal) informell. Ich würde nicht auf Selbstorganisation vertrauen und auch nicht auf Basisdemokratie, und natürlich muss man sich vor "Unterwanderung" und vor unerwünschter Finanzierung schützen. Ihr wisst schon, der Standardverdacht gegen die Skeptiker und so.

    Diese Debatte sollten wir nicht in einem Forumskommentar fortsetzen, aber bitte auch nicht in den "sozialen" Medien – das schlösse mich aus. Kann evtl jemand eine Plattform bereitstellen und managen?

    – – – –

    Ziele: z.B. "Die Anzahl der Gefährder und ihren Radius reduzieren". Wer als gefährlich zu gelten hat, muss man natürlich einvernehmlich definieren (Täter und Multipliktoren). Harmlose Unvernunft bleibt außen vor (Astrologie, Kartenleger usw), soweit man nicht über Betrug was machen kann. "Sensibilisierung der Öffentlichkeit" wäre auch was (Vorbild Mülltrennung) … sowas in der Art halt.

    Man muss aufpassen, dass man nicht die falschen Gegner erledigt, denn jedes IGS wird immer(!) durch ein neues, möglicherweise gefährlicheres ersetzt, und man muss auch aufpassen, dass man nicht wie die Kirchen ( –> Sekten), die Parteien ( –> radikale Splitterparteien) oder die Presse ( –> dubiose Internetangebote) usw. endet.

    Ressourcen: Einige fähige Vollzeiter (Emeriti, Doktoranden!?) und Teilzeiter, einige Promis (bitte hier keine Namen reinposten), Verbindungen in Ministerien, Parlamenten und Medien (wir sind viele, wir können das!!). Geld (Kickstarter?). Und viele Ehrenamtliche, die Ideen und Arbeitskraft beisteuern, lokal was organisieren usw.

    Maßnahmen: Norberts Liste ist ein guter Anfang, daraus eine Kampa zu machen ist eine Höllenarbeit. Der Anfang ist aber halt mal der Anfang, deswegen heißt der so.

    Nachhaltigkeit: Nunja, Denkunterricht, Philosophiescheine, MPI … ich hänge an diesen Ideen :-)) Aber einer allein kann nicht alle Ideen haben, und nicht alle müssen alles gut finden.

    Erster Schritt in die Öffentlichkeit: Ich denke mir das nach einigen Vorbildern mit ganzseitigen Anzeigen oder invasiv (= Anzeigen und redaktionell) beworbenen Links auf die Webseite (á la "Schluss mit der fahrlässigen Kindstötung in Deutschland" – sowas muss einfach knallen). Das dauert, bis man soweit ist, aber dann geht’s los… Interviews, Talkshows, kleine Anfragen in den Parlamenten, Studien usw usw)

    – – – –

    Das waren nur ein paar ins Wasser geworfene Steine. Vielleicht denke ich mir das auch einzwei Größenordnungen zu groß. Vielleicht übt man das mal besser erst klein und lokal. Mann wär‘ das geil wenn Sebastians Post und Norberts Angebot hier was ins Gehen brächten. So ein persönliches Treffen wär aber wohl ein elementarer Bestandteil am Anfang.

  • #68
    Wirklich skeptisch

    "Schön wars, mal wieder was Schlaues zu sagen gehabt zu haben." – Ich hab noch nicht!

    Der Krieg gegen die Homöopathie wird an mehreren Fronten ausgetragen. An einer Front sind wir gut aufgestellt: beim Bereitstellen von Informationen über die Homöopathie für diejenigen, die sich tiefgründiger mit der Thematik auseinandersetzen wollen. Doch wir dürfen nicht dem Irrtum erliegen, dass alle Homöopathie-Anwender genügend Zeit und Vorkenntnisse mitbringen, um sich dieses Wissen anzueignen. Wir müssen lernen, die wenige Aufmerksamkeit, die uns Homöopathie-Fans etwa in TV-Diskussionen schenken, effizient zu nutzen. Abhandlungen über die Geschichte der Homöopathie und Berechnungen der Verdünnung bringen hier wohl nicht viel. Homöopathie-Fans wissen oft sehr wenig über die Homöopathie, haben aber die Erfahrung gemacht, dass Globuli irgendwie helfen. Für sie stellt sich die Diskussion als Konflikt zwischen verbohrten Theoretikern und begeisterten Anwendern dar. An dieser Front können wir mit Fakten nicht viel gewinnen, denn positive Erfahrung und Wohlgefühl schlagen jede Meta-Studie. Mit Aussagen wie „Man ist dumm, wenn man daran glaubt!“ werden wir niemanden auf unsere Seite bringen. Erklärungen, warum es den Anschein hat, dass die Homöopathie wirkt, würden sie bestimmt lieber hören. Wir müssen erläutern, warum sich Homöopathen und Patienten so täuschen können, ihnen zugestehen, dass das höchst menschlich ist, aber auch darlegen, warum dieser Glaube gefährlich ist, wenn Mediziner ihm erliegen. Wir Skeptiker sollten die Homöopathie nicht dem Kontext der praktischen Anwendung entreißen und mit dem Placebo-Effekt ein klein wenig Frieden schließen. Wir sollten anerkennen, dass die Homöopathie die Menschen beruhigt und ihnen das gute Gefühl gibt, selbst etwas tun zu können – auch wenn die Krankheit von alleine wieder gut geworden wäre. Wenn wir den Menschen die Homöopathie wegnehmen, hinterlassen wir eine Leere. (Meine Freundin ist mir bis heute böse, dass sie wegen mir nun nicht mehr daran glauben kann.) Wir sollten Placebos nicht von vornherein verteufeln, sondern zur Diskussion stellen, ob wir als Patienten belogen werden wollen, damit es uns besser geht. Ich sehe es als unsere Aufgabe, den Menschen zu erklären, warum wir Placebo-Therapien, auch wenn sie etwas Positives bewirken können, im Allgemeinen nicht gut finden: Viele Anbieter alternativer Therapien nutzen dieses Abhängigkeitsverhältnis schamlos aus, was dem Ideal des mündigen Patienten widerspricht.

  • #69
    Norbert Aust

    Tja, Freiburg liegt zwar am Rande der Republik, ist aber dennoch kostengünstig zu erreichen. Beispielsweise Reisebus (MeinFernbus.de Wien-Freiburg € 33,- eine Strecke). Hätte auch den Vorteil, dass ich hier günstig (=ohne Kosten) an einen Raum kommen könnte. Aber prinzipiell ist auch jeder andere Ort denkbar. Würzburg oder Nürnberg wäre da sicher zentraler, wenn man auch an die Kollegen in Österreich denkt.

    2xhinschauen: Bei aller Begeisterung – lass uns erst einmal sehen, wer tatsächlich ein Interesse daran hat und aktiv werden will. Klar, es ist schon verlockend, sich am Ende als Lobbyist in Berlin zu sehen, der mit den maßgeblichen Vertretern der Gesundheitspolitik diskutiert – aber bis dahin ist ein weiter Weg.

    Ich denke, wir sollten uns erst mal an einem passenden Ort treffen und eine Linie erarbeiten, was überhaupt erreicht werden soll. Ich bin kein Profi im Organisieren solcher Dinge, noch nicht einmal Amateur mit nennenswerter Erfahrung. Daher ist es nur ein Gefühl, wenn ich glaube, dass wenn wir es tatsächlich in absehbarer Zeit schaffen, eine Handvoll Leute zusammenzubringen und uns auf eine Zielrichtung zu einigen, dann wäre das schon ein riesen Schritt.

  • #70
    TeslaDriver

    Lieber Sebastian,

    es wäre alles in Ordnung, wenn die Homöopathie auch als Glaubenssystem auftreten würde – tut sie aber NICHT! Sie tritt mit dem Anspruch der Wissenschaftlichkeit auf.

    Diesen Umstand gilt es zu bekämpfen.

  • #71
    TeslaDriver

    @Sebastian, @Natalie Grams, @Rolf Wagels

    Habe eben mit Norbert gemailt – ich hätte gleich zwei Räume zu bieten, einmal direkt in Freiburg-Innenstadt und einmal etwas südlich außerhalb.

    Ich mache auch gerne selbst mit!

  • #72
    2xhinschauen

    Lobbyist in Berlin? Oh ne … ich wollte doch eigentlich den Lehrauftrag an der Ökotrophologischen Fakultät … 😉

    Ich bin IT’ler alter Schule und damit einer, der sowohl überoptimistisch ist, was die technischen und die eigenen Möglichkeiten angeht, als auch gleichzeitig der größte Problemeseher von allen. Mein "Kampagnen" Beitrag ist der ersten Eigenschaft geschuldet. Als Bedenkenträger müsste ich darauf hinweisen, dass man sich vor(!) einem Schritt in die Öffentlichkeit des Beistands nicht nur von PR-Profis, sondern auch von Anwälten sichern muss. Spätestens am zweiten Tag würden die ersten Abmahnungen und Unterlassungsklagen daliegen, von den persönlichen Angriffen ganz zu schweigen. Schaut Euch an, wie es David Bardens gegangen ist, das ist der junge Arzt, der sich mit dem Masernvirenleugner angelegt hat.

    In dem Kontext – mit einiger Selbstkritik: Die Kriegsrhetorik sollten wir dann auch mal lassen. Das wird von der Gegenseite publizistisch/populistisch ausgeschlachtet werden.

    Aber die Strategiedebatte ist doch so nötig! Ich war bis jetzt erst einmal auf einer Skepkon und war schon ein wenig von der, summa summarum, Harmlosigkeit der Skeptikerseite enttäuscht. Niemand hat Zeit, das ist das Problem Nr 1. Jede/r, der/die sich engagieren möchte und bisher nicht aktiv war, muss dafür ein anderes Hobby aufgeben und obendrein ein dickes Fell entwickeln… das ist ein nicht so großes Potential.

    Gleichwohl: Man muss doch was machen können, was nachwirkt. Mehr als die 10:23 Aktionen. Mehr als ein gelegentliches Radiointerview….

  • #73
    Mark Bothe

    Hallo Sebastian,

    das ist ein hohes Maß an Selbstreflexion, das sehr viel Mut verlangt. Respekt dafür. So etwas ist nie einfach.

    Nur ein ergänzender Gedanke dazu:
    Was du beschreibst, trifft wohl auch auf die gesamte Medizin der letzten 30 Jahre zu. Wer in den 90ern zu einem Arzt ging wurde selten mit viel Zeit diagnostiziert, sondern eher abgefertigt. Die Diagnose und verordnete Behandlung war ein festes Urteil, dem man nicht widersprechen durfte. Ärzte wurden, was im Zuge deines Religionsvergleiches spannend ist, ja nicht umsonst als "Halbgötter in Weiß" bezeichnet. Ich habe selbser erst sehr spät gelernt, dass auch Ärzte nicht alles wissen und sich irren können. Und ich das Recht habe, eine Zweitmeinung einzuholen.

    Ich denke, viele Menschen haben es einfach nur sehr genossen, dass ein Homöopath, weil privat bezahlt, sich sehr viel Zeit genommen hat. Die Behandlung war nicht-invasiv und die "Medikamente" hatten keine Nebenwirkungen.
    Wer schon einmal in der ambulanten Pflege gearbeitet hat, kennt vielleicht wie ich Menschen, die nicht sicher sagen können, ob die Krankheit oder die Nebenwirkungen ihrer Medikamente schlimmer sind. Da wirkt die Homöopathie wie der heilige Gral.

    Hier hat die Medzin, hier haben Ärzte, es ebenfalls versäumt, die Menschen da abzuholen, wo sie waren. Haben die psychische, die emotionale Seite vernachlässigt. Und damit die Menschen in die Arme der Homöopathie getrieben.

  • #74
    Norbert Aust

    Ich möchte, wie schon angedeutet, die Anregung aus diesem Artikel und den Kommentaren aufgreifen und den Versuch unternehmen, unsere Aktivitäten zu bündeln und eine bessere Zusammenarbeit der Homöopathiekritiker erreichen.

    Dazu möchte ich Euch gerne zu einem Workshop einladen

    Termin: Mitte November (*), Zeitraum Freitag Abend bis Sonntag Vormittag (*)
    Ort: Freiburg (*)
    Themenkreis (*)
    – Einigung auf ein Ziel: Was wollen wir eigentlich erreichen?
    – Ideensammlung zu Ansatzpunkten, ähnlich der obigen Liste (#62)
    – Was davon verspricht den größten Effekt und ist für uns realisierbar?
    – Vernetzung / Kommunikationsweg untereinander schaffen
    – Wie gewinnen wir weitere aktive Unterstützer?

    (*) … es sei denn, jemand hat starke Vorbehalte und / oder einen besseren Vorschlag

    Ich werde in den nächsten Tagen einen entsprechenden Beitrag auf meinen Blog stellen (erreichbar durch Anklicken meines Namens oben an diesem Kommentar), auf dem man dann auch ausführlicher diskutieren kann.

  • #75
    Joseph Kuhn

    @ Norbert: Gute Idee, viel Erfolg, wobei auch Freiburg im Frühjahr schöner ist als im November 😉

    @ Wirklich skeptisch, Kommentar # 68:

    <blockquote>"Wir müssen erläutern, warum sich Homöopathen und Patienten so täuschen können"</blockquote>

    Ein paar Gründe, die da wohl eine Rolle spielen, hatte ich vor einiger Zeit mal <a href="http://scienceblogs.de/gesundheits-check/2014/03/22/10-gruende-an-die-homoeopathie-zu-glauben-oder-es-sein-zu-lassen/">bei scienceblogs zusammengestellt</a>.

    Resignation ist eigentlich nicht angesagt. Unter dem Stichwort <a href="https://en.wikipedia.org/wiki/Health_literacy">"Health Literacy"</a> entwickelt sich seit ein paar Jahren auch in Deutschland eine Debatte, die vielleicht ein paar der von Sebastian Bartoschek erhofften "Raumgewinne in anderen Bereichen" liefert.

    Und um auch einen kleinen Beitrag anzubieten: Im Nachgang zu einem Workshop Ende des Jahres bereiten wir einen Sammelband zum Thema Gesundheit kommunizieren vor. Wenn sich jemand berufen fühlt, einen druckbaren Beitrag darüber zu schreiben, warum sich Evidenz so oft nicht gegen homöopathische Überzeugungen durchsetzt, ggf. auch in Form einer kommentierten Zusammenstellung aussagekräftiger Blogdiskussionen, könnte man das ggf. in den Band mitaufnehmen. Google kennt meine Mailadresse.

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  • #78
    Herr Einhorn

    Im fünften Satz ist wohl "Produkten" gemeint statt "Produktion".

    Viele Grüße!
    Herr Einhorn

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